Ich höre im Radio – heute am Himmelfahrtstag natürlich christlich pointiert - von Olivier Messiaen das "Gebet des zu seinem Vater auffahrenden Christus" aus "L'Ascension" . Ein ruhiges Stück, zuerst mit aufsteigenden Tönen, dann aber gelangt es in einen immer wiederkehrenden Rhythmus, als würde es ein Gefühl dessen beschreiben, der bei seinem Ziel angelangt ist.
Zuerst wundere ich mich, wie Christus beten kann, wo er doch selber Gott ist. Ein Gebet hätte nur dann Sinn, wenn er nicht Gott ist. Wahrscheinlich war die Göttlichkeit von Jesus ursprünglich nie so veerstanden, wie dann in der Lehre von der Dreifaltigkeit festgelegt. Eher war eine universelle Gotteskindschaft gemeint. Die Ausbreitung der römischen Gesellschaftsstruktur führte zur Auflösung der stammesorientierten israelischen Gesellschaft. An die Stelle der israelischen Stämme tritt der „freie“ römische Bürger, an die Stelle der Herkunftsfamilie tritt die unmittelbare Gotteskindschaft.
Die andere Frage, die sich mir bei einer solchen Musik stellt, mit welchem Gefühl wohl dieser gute Mann in den Himmel aufgefahren ist. Kann er irgendwie zufrieden sein? Er wollte doch wohl die Welt und Menschheit retten und erlösen – dabei geht es doch weiter wie vorher. Gerettet werden bestenfalls die Gläubigen. Gläubige, die gläubig geworden sind durch irgendwelche Zufälle: Herkunft, Erziehung, Umwelt, Verständnis, Interpretation usw. usf. Selbst wenn der Gläubigkeit eine moralische Entscheidung zu Grunde liegen würde, hätte sich durch Jesus Auftreten im Namen Gottes bestenfalls dessen Image verändert: an die Stelle des autoritären Stammesgotts tritt der barmherzige, wohlwollende Vater. Verändert hat sich aber nicht die irrsinnige Konstruktion menschlicher Freiheit, wie sie in der Paradiesvertreibung konstruiert wurde: Du bist frei, aber nutze diese Freiheit nicht. Du bist frei, mir Ja zu sagen. Andernfalls versündigst Du Dich. – So wird der Menschheit eine Urschuld, eine Schuld a priori unterstellt. Die Schuld lässt sich nur durch das Opfer der Freiheit einlösen. Die Lehre von Christus hat diesen Double-bind nicht aufgelöst, spielt weiter mit dem Paradox von Versprechen und Drohung, setzt nicht auf Vernunft und Verständigung, nicht auf Einsicht, Führt nicht zum Seufzer und den Tränen dessen, der sich endlich von jemand verstanden fühlt. Es ist die Fortsetzung der unendlichen Barbarei.
Die Himmelfahrt ist, weil sie die Probleme der Erde nicht löst, gleichzeitig eine Flucht in eine Erhöhung, die die Mitmenschlichkeit verhindert. So wie jedes Gebet eine abgebrochene Kommunikation mit anderen Menschen ist. So wie die Raumfahrttechnik Kontrolle – durch das Militär - und Selbstkontrolle – bei GPS - erhöht, aber das Gespräch der Menschen untereinander weniger notwendig macht.
Fluchtpunkt Himmel ist eine alte menschliche Idee, nicht originär christlich, aber vom Christentum systematisch in unser Denken eingebracht. Da sind die himmelsweisenden Türme und Architekturen, da ist am Ende die Raketentechnik, die einen christlichen Gott parodiert. Da ist die Identifikation des Guten mit dem Verstand, dem Licht, der Sonne, der Aufklärung – samt deren Dialektik.