Samstag, 31. Dezember 2011

„Aufreger“ des Jahres

In einem „Kulturgespräch“ des DLF (http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturgespraech/1641005/) sagt eine dieser Kulturtussies, die von den Nationalkonservativen als Gedankenstörsender in die mediale Öffentlichkeit installiert wurden, über das „Bedingungslose Grundeinkommen“:

„Was steckt da für ein Menschenbild, was steckt da dahinter. Und diese Idee, dass ich einen Anspruch - ich meine, wir kommen nackt zur Welt und müssen kucken, wie wir uns durch dieses Leben schlagen. Und die Idee, dass ich auf die Welt komme und einen Anspruch darauf habe, dass eine wie auch immer geartete Gemeinschaft - ...“ [Folgt rhetorisches Blablabla] - ...“Aber im Zentrum muss diese Idee stehen, dass man etwas leisten muss, um sich am Leben zu erhalten, das finde ich den richtigen Gedanken und von dem sollte man sich auch nicht verabschieden.   (Minute 14:06 bis 15:07 http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2011/12/30/dlf_20111230_1916_2c190967.mp3)

Bei dieser Frau fällt mir ein in meiner Gesellschaftsklasse beliebter Elternspruch – Vorsicht: defizitäre Sozialisation! – ein: „O, hätten wir Dich doch abgetrieben“ Oder: „Du warst unser größter Fehler“. Hier müsste er heißen: „Hätte Dich doch Deine Mutter damals nackt liegen lassen!“

Es ist der Wahn dieser „Leistungsträger“ – die ich gerne bei ihrer Arbeit schwitzen sehen würde – sich selbst erzeugt zu haben. Ein Wahn, der still glaubt, vor allem mehr und besser zu leisten als andere. Diesen primären Narzissmus des Neugeborenen, für den es nach Freud noch keine Spaltung von Subjekt und Objekt gibt und dem alles eins ist, erhalten sich manche Menschen bis in den Sarg, vor allem wenn sie sich zur herrschenden Klasse rechnen.

Montag, 19. Dezember 2011

"Europa trauert um Vaclav Havel"

Wie in Nordkorea wird auch hier geweint – zumindest wollen die Medien hier den Eindruck erwecken. Aber zu Havel muss doch noch was anderes gesagt werden: Freiheit ohne soziale Gerechtigkeit ist gut nur für das Bürgertum, aus dem Havel stammte. Nicht dass seine Jahre im Gefängnis zu rechtfertigen wären, aber sie qualifizieren ihn nicht zu einem demokratischen Politiker. Seine moralisierenden Werke sind bedeutungslos, weil sie gegenüber dem „Kommunismus“ die idiotischste Form des Kapitalismus glorifizieren. Konsequent interessieren ihn nicht die Opfer der kapitalistischen Wende in Tschechien, die extreme Schere zwischen Arm und Reich, tritt er ein für die Irakkriege, für den Krieg in Jugoslawien. Ein bürgerlicher Narziss, der das Glück hatte, nicht die Gelegenheit gehabt zu haben, seine asozialen Fantasien ausleben zu können.

Samstag, 10. Dezember 2011

Europa ohne Great Britain

Die neue europäische Fiskalunion, Merkels Prinzip der schwäbischen Hausfrau, wird die Blasenökonomie nicht retten, hat Europa aber immerhin sich Großbritannien entledigen lassen.
Meine Gefühle dabei sind widersprüchlich. Ich verfolge schon seit längerem politische Diskussionen im Guardian und bin erstaunt über die Niveaulosigkeit der englischen Chauvinisten: Europa unter der Führung der deutschen Nazis, Brüssel eine Bürokratie, der Euro nichts wert, Deutschland das besiegte Naziland, das wieder hochkommen will. Es scheint, dass die führende Rechte über Sun- oder Bildzeitungsniveau nicht hinauskommt. Die sich über das ganze Land ausbreitende Arroganz der englischen Elite schlägt sich auch in brutaler Gewalt im Ausland nieder, etwa in der SAS, die monatlich 130 bis 140 Talibanführer ermordet http://www.guardian.co.uk/world/defence-and-security-blog/2011/dec/06/sas-afghanistan.
Europa ist nicht frei von diesem Virus. Man findet ihn wieder in der Ablehnung von Eurobonds, in der verächtlichen Haltung gegenüber den Südländern, in der Teilnahme am Natoterrorismus, in dem Unwillen, die Ursachen der wirtschaftlichen Krise zu analysieren, in der faulen Trägheit, Alternativen anzudenken.
David Cameron, Abkömmling eines Bankers der „City“, zeigt die Schizophrenie des englischen Kapitalismus: einerseits typisch Finanzbanker fordert er die Ausweitung der Blasenökonomie, die das aus der Realwirtschaft erwirtschaftete Geld in das Finanzkapital scheffeln will, ohne jedes Bewusstsein, dass es aber erst erarbeitet werden muss. Ganz in der Tradition des englischen Imperialismus überlässt man diese Arbeit anderen Völkern, baut konsequent Industrie ab oder verlagert Arbeit ins Ausland. Übrig bleibt ein arbeitsloses und sinnlos gewordenes Proletariat, das sich in Kriege oder zum Binge-Drinking nach Spanien schicken lässt. Die Insel begreift sich als der Kopf einer auf Finanzwerte reduzierten Welt, die mit intelligentem Geschick ausgebeutet wird.  (In der deutschen Variante wird die Ausbeutung im eigenen Land mit Exportindustrie unter Mitbeteiligung der Arbeiterklasse zu perfektioniert).
Während in der Philosophie und Soziologie England das Land des Empirismus und Europa das Land des Rationalismus war – Kant und Descartes – hat sich das anscheinend ins Gegenteil verkehrt: Rationalität hier auf Finanzkalkulation reduziert in Absehung der empirischen Realisierung der Werte.

Zwei Lösungsmöglichkeiten für die Krise gibt es. Die eine besteht in einem psychologischen Umschwung der Finanzmärkte, auf den Merkozy setzen. Sie können dabei Recht behalten, denn die Finanzindustrie ist dumm und irrational, verhält sich herdenhaft. Langfristig graben sich die Finanzmärkte mit ihrem panischen Verhalten selber die Finanzquellen ab, auch wenn sich mit Panikzinsen sehr gut verdienen lässt.

Der andere Weg wäre, nach und nach die Finanzindustrie zu entmachten: die Schulden werden wie auch immer gestrichen, mit der Folge eines Bankencrashs – an die Stelle der zusammengebrochenen Banken müssten eine europäische Staatsbank die Finanzierung der Produktion übernehmen. Das Problem dabei ist die ökonomische Form der Produktion, die sie zu einem Teil der Finanzindustrie macht und die Verflochtenheit der Produktion in die internationale kapitalistische Ökonomie durch Rohstoffe, Exporte und Energiezufuhr. – Aber was soll ich hier weiterdenken, wenn es politisch ohnehin nicht angegangen wird.

Geht Merkozys Konzept nicht auf und crasht der Euro, zuerst indem die Südländer zahlungsunfähig werden, dann Europa wieder in Einzelökonomien zerfällt, Deutschlands Exportindustrie zusammenbricht, - dann treten die alten sozialen „Disparitäten“ wieder voll ins Bewusstsein und ….?

Und die Geschichte wiederholt sich.

Freitag, 18. November 2011

Die Krise schreitet voran

Wir gelangen in immer neue Räume und Dimensionen, ganz und gar kein Ende der Geschichte. Die alten Widersprüche nehmen immer neue Erscheinungsformen an. Interessant die gegensätzlichen Rezepte in der Linken. Da ist die inflationsfreundliche Variante, die für mehr Verschuldung plädiert, ein Einschreiten der EZB; die sozialliberale und keynesianische Fraktion – etwa bei den Nachdenkseiten konzentriert – da ist andererseits die inflationsängstliche Fraktion, die die Enteignung der sparenden Mittelschicht befürchtet.

Obwohl ich als Minirentner mit Ersparnissen eine inflationäre Entwicklung am meisten zu befürchten habe, interessiert mich weder die eine noch die andere Variante. Was soll ein Wachstum ohne demokratisch definierte Ziele? Es ist zwar populär, aber ökologisch und sozial desaströs, weil es - wie man sieht - nur noch auf der Grundlage der Verschärfung der sozialen Unterschiede möglich ist. Die Reichen brauchen, um noch reicher zu werden immer höherwertigere Anreize. Der von den linken Gewerkschaftlern immer wieder als Argument angeführte Massenkonsum ist nur eine von vielen Bereicherungsmöglichkeiten. Das Platzen der Finanzmärkte, die vorübergehend den Reichtum anschwellen ließen, bewirkte ein Umschlagen der Illusionen in hysterische und irrationale Angst. Aber gerade diese Angst verursacht weitere Krisen. Waren die Staatsanleihen bis jetzt verlässliche, wenn auch wenig profitable Investitionen – und bequem für die Staaten, weil sie so soziale Disparitäten in Griff halten konnten ohne die Reichen über die Steuern direkt zu besteuern – greift nun panische Angst vor Staatsbankrotte um sich, vielleicht auch politisch etwas gewollt.

Man erfährt ja nicht, wer genau die Akteure sind, die die Milliarden hin- und herschieben, kennt nicht ihre Interessen und Psychologie. Ich fantasiere da von amerikanischen Bankern mit dem üblichen amerikanischen Intelligenzniveau – aber das ist vielleicht meine Psychologie.

Wie geht es weiter? Entweder werden die Ängste wieder nachlassen oder der Geldumlauf gerät so ins Stocken, dass die „Realwirtschaft“ blockiert wird.

Diese „Realwirtschaft“ ist wiederum ein anderes Unikum, denn mehr und mehr hat sie mit Realität nichts mehr zu tun. Da ist Apple eines der größten Konzerne, eine Autoindustrie, die Fantasien verkauft usw. Der Anteil, der im produktiven Bereich arbeitet, also in den Bereichen, die für das Leben notwendig sind, wird immer kleiner.

Bis jetzt scheint es so zu sein, dass die große Mehrheit der Menschen hier in der Krise noch keine Notwendigkeit sieht, die Verhältnisse grundsätzlich in Frage zu stellen. Ich sehe auch keine Politiker mit Alternativen, sie fürchten wohl, sich damit lächerlich zu machen.

Was tun? Es wird keine vernünftige demokratische Lösung geben. Einzelne Menschen und Gruppen werden sich in Szene setzen, Gefühle der Menschen benutzen, Illusionen oder Traumbilder ansprechen. Die Occupy-Bewegung mit diesem falschen Titel aber richtiger Intention wird als philanthropischer Verein milde gelobt mit dem gleichzeitigen Bewusstsein, dass in der Realität ganz andere Fakten zählen; nämlich Macht, Geld und Einfluss und vor allem die Kunst, sich damit zu arrangieren – das, was die Mittelschicht ausmacht.

Also was tun? Seine Ohnmacht erkennen und sich doch nicht arrangieren.

Freitag, 23. September 2011

Papst im Bundestag

Die Rede war ja nicht uninteressant. Ein alter Streit um die Begründung des Rechts. Rechtspositivismus oder „Naturrecht“? Beide Positionen gehen aber von nicht hinterfragbaren Grundsätzen aus, sieht man von den zynischen (aber realistischen) Rechtsauffassungen des katholischen Carl Schmitt ab, der Recht auf Gewalt und ihre Legitimierung zurückführt. Ratzinger pries das Naturrecht, freilich so wie er es versteht und interpretiert. Was Natur ist, kann freilich von jedem anders definiert werden. Schon gar nicht ist sie etwas Konstantes, wie schon Hegel festgestellt hat.
Wie auch immer.
Interessant war die Rezeption in der Öffentlichkeit. Kaum einer, der mit den Begriffen etwas anfangen konnte. Wild wurde assoziiert, Ratzinger sympathisiere mit den Grünen – was er ganz und gar nicht tut, auch wenn sich leicht in einer gemütlich interpretierten Natur etwas Katholisches herauslesen lassen könnte. Wird mit Begriffen wie „Bewahrung“, „Schöpfung“ jongliert, Traditionen verklärt, - schon schwebt der „Geist“ über allen Lagern.
Folgerichtig finden sich auch keine Entgegnungen auf die Arroganz eines Mannes, der seinen katholischen Traditionalismus als einzige Wahrheit gelten lässt. Dieser Größenwahn hat einen anziehenden Charakter, sind wir Menschen doch fasziniert von denen, die die Wahrheit zu besitzen glauben.
In seiner Rede wiederholt Ratzinger seine idealistische Erkenntnistheorie. Da ist die griechische Philosophie von Platon, der Trennung von materieller und ideeller Welt, die von dem Juden Paulus mit christlichen Inhalten gefüllt wird. So wären Rom, Jerusalem und Athen zusammengekommen im Knotenpunkt der europäischen Geschichte.
Paulus interpretiert aber Natur als Sünde, genauso wie er Leib und Körper als Sünde ansieht. Vernunft lässt er zu als Wirken der göttlichen Offenbarung, aber der Widerspruch der christlichen Lehre zur Vernunft ist ihm zu groß, als dass er ihr eine primäre Bedeutung geben will. Deswegen sind bei ihm primäre Werte Glaube, Hoffnung und Liebe – auch wenn sie bei ihm als bloße Propagandavokabeln dienen; denn konkret ausgeführt wird ihre Bedeutung nicht. In Wirklichkeit stellt deswegen das Christentum eine Abweichung vom Gang der Vernunft dar. Wie kann sich Ratzinger auf die von den Griechen in Gang gesetzte Aufklärung berufen? Die Kirche hat diese Aufklärung nur paraphrasiert, ihre Begriffe missbrauchend.
Denn wie auch immer verzerrt war die platonische Philosophie eine dialogische, dialektisch, in der Absicht zu überzeugen. Ratzinger dagegen in der moralisierenden Tradition eines Paulus stehend greift nicht nach Argumenten, sondern will durch Appell an Tugenden und den Verweis auf das Böse überzeugen. Gottes Megaphon braucht doch keine Argumente, muss nicht menschlich verständlich und Menschen verstehend werden.
Die im Zölibat und im Klerikalismus missachtete und vergewaltigte Natur des Menschen kehrt wieder als Pädophilie, Gewaltförmigkeit im Umgang mit anderen Menschen.

Religion hätte Bedeutung in der Kritik einer nur technischen Vernunft, die sich dem demokratischen Diskurs der Menschen entzieht, die ihre Zwecke nicht reflektiert. Sie müsste die Gottverlassenheit des Menschen begreifen.

Sind die USA totalitär?

Wir haben nach 68 „USA SA SS“ skandiert, was sicher allergröbste Vereinfachung war. Die USA hat sich zwar für die Verbrechen in Vietnam, die über 2 Mio Toten nie entschuldigt, sich aber immerhin aus Vietnam zurückgezogen, war also bis zu einem gewissen Grade lernfähig. Jimmy Carter hat Nixon abgelöst und eine andere Seite Amerikas gezeigt, gleichzeitig aber deren relative Bedeutungslosigkeit. Dagegen tauchen in den USA immer wieder die Politiken auf, die die USA als dominante Weltmacht sehen wollen, als Nation, die allen anderen überlegen ist und alle Rechte  an sich reißen kann. Da war Reagan mit seiner Katastrophendrohung, da waren seine Nachfolger mit ihren Kriegsspielen.
In Deutschland gibt es eine Amerikaphilie, teilweise geschuldet dem antifaschistischen Einsatz der USA im zweiten Weltkrieg, größtenteils wohl geschuldet dem Opportunismus der Besiegten gegenüber den Dominanten. Kommt einer von den USA zurück und prahlt mit Neuigkeiten und Trends von dort, glaubt er auf diesen Effekt setzen zu können.
Dagegen hat die Demokratie der USA, die uns in der Schule immer als ein System von „checks and balances“ angepriesen wurde, keinen überzeugenden Charakter. Nur eine Minderheit ist am politischen System beteiligt, wirtschaftlich besteht krasse Ungleichheit, antiliberale Strömungen gewinnen immer wieder die Oberhand und trotz des Anscheins eines imponierenden Rechtssystems setzen sich Rassismus und Gewalt durch. Da ist die exorbitant hohe Zahl der Gefangenen, deren Misshandlung, die Todesstrafe, die Zahl der von den Eltern getöteten Kinder – 27 pro Woche -, die Verschwendung von Ressourcen und Energie, das herablassende und ausbeuterische Verhältnis zum Rest der Welt.
Welchen Begriff soll man aber verwenden, um die bösartige und dumme Politik der USA nach dem 11.9.2001 zu beschreiben? Totalitär? Faschistisch? Irrational? Imperialistisch?
Da haben also ein paar Terroristen mit Teppichmessern und Intelligenz diese ganze Arroganz von der technisch und intellektuell überlegenen Nation – „God´s own country“ - ausgehebelt und das Trauma war grandios. - Trauma? Oder war es nichts als der willkommene Anlass, die Lust an Gewalt, der Demonstration von physischer Stärke, von Überlegenheit offen und legitimiert ans Licht bringen zu können? Denn gemessen an dem, was die USA anderen Völkern angetan haben, war das vom 11.9. zahlenmäßig marginal, militärisch bedeutungslos, wenn auch spektakulär. Dass die Türme einstürzten, ein nicht eingerechneter Zufall.
Interessant aber die Reaktion der USA und der Welt, die an sie glaubt, danach. Noch heute ist es DAS Ereignis, wohl vor allem durch seinen Kunst- und Happeningcharakter, wie ihn Stockhausen beschrieben hat.
Es hat aber die Gewaltförmigkeit der USA hochgespült – Afghanistan, Irak, Guantanamo. Offen die Primitivität des amerikanischen Verhaltens, die Rache, die Ausrottung, die Überlegenheit der eigenen Religion, die naive und infantile Egozentrik, der taktische Umgang mit Menschenrechten. Es zeigt eine Nation, die nicht erwachsen geworden ist, weil sie nicht in der Lage ist, jenseits von Gut und Böse, ihre Gegner und Kritiker zu verstehen und mit ihnen zu verhandeln. Die egoistischen Interessen der Einzelnen und der USA wollen sich als Recht definieren  ohne den Einbezug der Rechte anderer. Der staats- und gesellschaftsfeindliche Neoliberalismus ist die Ideologie dieses Imperialismus.
Totalitär? Gibt es nicht innerhalb der USA alternative Strömungen? Ich denke etwa an Franzen, der ein liberales und intelligentes Spektrum der gesellschaftlichen Diskussion zeigt. Doch so wie seine Figuren immer wieder ins Irreale und Phantastische entgleiten oder ins traditionell Private, scheint es keine Alternative zur politischen Apathie zu geben, keine Alternative zu den herrschenden Komplexen von Macht, Reichtum und Medien. Es ist auch bei den von den Herrschenden benutzten politisch Apathischen zu viel Gläubigkeit an die Dominanz statt Kommunikation, zu viel Gier statt Beschränkung, zu viel Konsum statt Produktion.
Der Totalitarismus in den USA geht nicht vom Staat aus, er hat eine privatisierte Form. Es ist eine in ihrer Erscheinungsform immer wieder wechselnde Verknüpfung von Größenwahn, Waffentechnik, Finanzmacht und politischer Macht.
Die Massenerlebnisse totalitärer Staaten werden ersetzt durch die Infantilität der medienorganisierten Massen, der Erfahrung ihrer Abhängigkeit und Schwäche vor dem Fernseher, den gefüllten Tellern, der Gier und Trägheit des eigenen Körpers.

Montag, 8. August 2011

Die Empörten in Spanien

Die letzten 3 Wochen war ich in Spanien – natürlich mit Bus und Zug – und habe die dortige politische Szene verfolgt. Was zuerst auffällt in Spanien ist die mediale Reduziertheit. Überall, in Presse wie im Fernsehen diesselben Nachrichten. Nachrichten, wie man es im Staatsfernsehen TVE1 täglich zweimal sehen kann, endlos wiederholt, breitgetreten, wenige Details, viel Gequatsche, kaum Analysen. Eine Stunde lang. Berichte überwiegend aus Spanien, eine Welt darüber hinaus gibt es kaum. Fast nichts über die Nato in Libyen, gar nichts über CO2, notwendige Begrenzung des Wachstums. Der Teletext sehr ärmlich, erst gegen Mittag aktualisiert. Wetterbericht eine Viertelstunde lang, jedes Wölkchen findet Erwähnung. Sport besteht in regulären Berichten über das Training bei Barca und Real. Das kranke Knie dieses oder jenes Fußballers.
Wirtschaftsberichte waren überwiegend positiv; weniger Arbeitslose (50 T bei über 4 Millionen …), der katastrophale Anstieg der Zinsen der Staatsanleihen wird immerhin erwähnt. Aber es gibt keine Diskussion darüber, wie Spanien aus seiner Misere herauskommen kann. Die besteht darin, dass Spaniens Wachstum einerseits auf einer hochmechanisierten Landwirtschaft, aber größtenteils auf einem überteuerten Massentourismus und überteuerten Immobilien beruht hat. Zapatero und die PSOE ist nicht in der Lage über die üblichen neoliberalen Konzepte hinauszudenken. Es gibt in Spanien wenig originäre Gedanken, in der Regel werden Konzepte aus anderen Ländern imitiert. Zwar gibt es einerseits einen minimalen Sozialstaat mit Minimumrenten, Gesundheitsversorgung, auf der anderen Seite aber extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit, Inflation, miserable Arbeitsverträge, ärmliche Lebensbedingungen, geistige Armut, die bei vielen zur Verfettung führt. Die Welt vieler lässt auf wenige Ideale reduzieren: Playa, Comer, Piscina, Ninos guapos, Flores bonitas, Pisos muy ricos, Lujo …. Höhepunkte sind Erstkommunion und Hochzeit in einem sonst vollkommen atheistischen und konsumistischen Leben.
In dieser eindimensionalen Welt erwarte ich von den Indignados, dass sie diesen bewusstlosen Konsens aufbrechen, dass sie Alternativen einbringen zu diesem trost- und geistlosen Einheitsbrei. Zunächst ist der Rekurs auf das „Empört Euch“ die übliche Imitation, verspricht nicht viel Autonomie, eigene Gedanken. Dieses EmpörtEuchSchriftchen spricht nicht von Klassen, will nur bürgerliche Widerständigkeit, hat schon gar kein anderes Gesellschafts- oder Wirtschaftskonzept. In Spanien wird diese Widerständigkeit zunächst einmal in Konsens umformuliert: „wir alle …“ Ganz Spanien soll angesprochen werden, wo es doch nur ein Teil ist, der keine Arbeit hat, keinen festen Arbeitsvertrag. Daneben gibt es eine Masse von Gutsituierten, Gutverdienenden, Gutberenteten. Der spanische Traum ist nicht der von Gerechtigkeit in Autonomie, sondern von Wohlleben, Dominieren und Bedientwerden. Der Traum der „Unterprivilegierten“ ist, die Seite zu wechseln, nicht das System. Vom „System“ ist bei den „Indignados“ auch die Rede, aber es wird nicht definiert. Es erinnert mich an 68, als auch vom „System“ die Rede war und jeder etwas anderes darunter verstehen konnte. Aber offensichtlich wollen die Indignados nicht konkret werden, denn es könnte ihr Defizit an Alternativen offenlegen oder Konflikte provozieren.
Vor ein paar Tagen gab es die Räumung der Puerta del Sol und viele Verletzte und es zeichnet sich die übliche Entwicklung ab: Da konkrete Forderungen fehlen, Unterstützung dafür von Seiten eines Teil des Volks, muss Recht und Legitimität über eine Schuld hergestellt werden, über die des Opfers. Das ist alte christliche Tradition. An die Stelle der Gerechtigkeit tritt die Rache. Des einen oder des anderen. –

Was würde ich vorschlagen? Wirtschaftliches Wachstum muss qualitativ gesellschaftlich geregelt werden. Arbeit muss gleich verteilt werden. Die Ausbildung muss sich an der Produktion von gesellschaftlich notwendigen Werten orientieren. Demokratisierung ja – aber was heißt das für Familie, Schule, Wirtschaft, Politik? Es ist richtig Camps einzurichten und so auf die Wohnprobleme junger arbeitsloser Menschen aufmerksam zu machen. Diese Camps könnten ein Medium der Diskussion, Erarbeitung von alternativen Konzepten der Gesellschaft sein. Sie könnten produktiv werden mit Gärten, Werkstätten, Ideenschmieden und polititschen Analysen, Aufklärungsaktionen.

Donnerstag, 21. Juli 2011

Die Religion der Religionskritik

Auf Telepolis ein demaskierendes Interview mit einem der naturalistischen Religionskritiker. An die Stelle der Religion tritt die positivistische Fortschrittsideologie des Comte, gewürzt mit der Falsifikationsphraseologie von Popper. Hintergrund ein einfältiger Szientismus und naiver Materialismus, sogar noch hinter den von Engels zurückfallend. Evolution mit ihrer „Software“ soll das göttliche Wirken ablösen, wie es von der Scholastik als Gottes Willen und Wirken in der Natur interpretirt wurde. Dabei ist das Kausalitätsprinzip der Evolutionstheorie, das das teleologische der Theologie ablösen soll, nur ein scheinbares, denn das Leben, wie es sich in der biologischen Evolution der Arten abspielt, gar nicht zu sprechen von der kulturellen Evolution der zweiten Natur – nämlich des Bewusstseins – selektiert die auftretenden genetischen Varianten – und nicht die blinde Kausalität mechanisch wirkender Materialität. Mit dem Leben tritt das teleologische Prinzip zwischen Physik und organischer Natur.
Das Leben mag für den naiven Betrachter zwar in sich kausal determiniert zu sein – das wollen uns zumindest die erkenntnistheoretisch Unbeschlagenen der Hirnphysiologie, der Biologisten aller Art nahelegen – aber es hat doch seine eigenen Prinzipien im Umgang mit den Reizen und Herausforderungen, die von außen auf es einwirken: Es verhält sich dazu. Es verhält sich mit Umformung, mit Selbstveränderung, mit sinnvollem Handeln. „Homöostase“ ist dafür ein konservativer Begriff, aber wenn er den Prozess der ständigen Veränderung in Übereinstimmung mit der Erhaltung eines Gleichgewichts beschreibt – ähnlich dem Radfahren – dann vereint dieser Begriff doch Strukturerhaltung und Veränderung.  Das überschreitet den Rahmen der Physik.
Nun hält die Evolutionstheorie eine Menge Begriffe parat, die den physikalischen Gedankenrahmen längst überschritten haben. Um es aber simpel wie Physik erscheinen zu lassen werden eine Reihe von Begriffen benutzt, die einfache allgemeinverständliche biologische Begriffe widerspiegeln wollen; etwa das Prinzip des Überlebens, der Selbst- und der Arterhaltung. Scheint doch klar zu sein, dass Leben und langes Leben oberstes Prinzip sein kann. Wer stirbt schon gerne?
Aber der Mensch ist nicht nur ein biologisches Wesen mit Überlebensdrang, sondern mit der Erkenntnis seiner Bedingtheit und Sterblichkeit begabt: Er verhält sich zu seinem biologischen Überlebensdrang, ist ein soziales Wesen, und schon mit dem ersten verdrängenden Nein zum Tod verhält er sich zu seinem Schicksal und emanzipiert sich zwar nicht materiell aber geistig von seinem Schicksal. Er sucht nach Sinn und die Entwicklung der Evolutionstheorie ist ein Produkt davon.
Aber Bewusstsein, Fühlen und Wollen des Menschen werden – obwohl viel von Humanismus die Rede ist – von den Biologisten totgeredet indem dies als „unwissenschaftlich“ und dergleichen Begriffen mehr ausselektiert wird. Der Mensch, wie er fühlt und spürt, verlangt und will, soll mit dem Verweis auf chemische Ingredienzien und Gehirnsoftware zum Schweigen gebracht werden. Übrig bleiben soll eine sinnlose und leere Welt der Dinge, der sogenannten Natur, die uns doch nur als kulturell vermittelte und praktisch gestaltete in Erscheinung tritt.
Eine der Paradigmen der Wissenschaftlichkeit stellt die Astronomie dar. Für die ersten Menschen war sie Astrologie: Wirkung von Göttlichem oder Überirdischem. Die Sterne bekamen ihre Bedeutung durch menschliche Projektion. Mit der Auflösung der Bewegung der Sterne in simple Physik löst sich der Glaube des Menschen an göttliche Wirksamkeit auf und der Physikalismus will die alte Religion überwinden. Aber unsere Welt ist eben nicht nur eine physikalische, sondern was wir physikalisch verbegrifflichen ist die Wirksamkeit unseres Verstandes, ist eine Konstruktion, die wir machen, um bestimmte Handlungen vollziehen zu können – ist letztlich - mehr als von Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ kritisiert - eine Technik, mit der das Leben nun mit seinem Verstand auf seine Umwelt wirkt und reagiert.
Marx hat damals in seiner Kritik am Naturalismus von Feuerbach gemeint, es reiche nicht aus, Religion als Projektion menschlicher Bedürfnisse zu entlarven, sondern die Bedingungen zu verändern, die Religion notwendig machen. (Abgesehen, dass Marx und Engels die Anthropologisierung auf die menschliche Art und das Verschweigen von Klassen ablehnen).
Ich glaube dagegen, dass Religion mehr ist als der Schrei der Leidenden und Gedemütigten, dass Religion zwar ihren mythischen und magiegläubigen Charakter ablegen muss, dass aber die Frage des Menschen nach dem Sinn seiner Existenz, nach seiner Seele bleibt. Diese existenzielle Frage kann nicht mit traditionellen religiösen Formeln beantwortet werden. Sie wird aber auch nicht dadurch gelöst, dass religiöse Formeln ausselektiert und verdrängt werden, sondern dass religiöse Bedürfnisse im Lichte des Selbstgefühls und der Selbsterfahrung des modernen Menschen neu interpretiert, gefühlt und ausgesprochen werden.
Interpretieren wir die die heutige Situation des Menschen als Verlust von Orientierung, Verhaltensregeln und klaren Normen, hilft es nicht, sich an einer sogenannten Natur festzuhalten. Die Biologie ist nur ein Teil des Menschen. Schon die Hormone werden sozial stimuliert und reguliert. Und die Epigenetik, nach der der Körper die für seine  Umwelt passenden Gene aktiviert, löst den Dogmatismus der Genetik gänzlich auf.  Da ist kein fester und eindeutiger Ort, an dem wir uns für immer wohlfühlen und orientieren können. Unsere Variabilität und Anpassungsfähigkeit orientiert uns auf Bewegung, nicht auf fixe Begriffe. Wir können des Bewegungsdrangs in uns nur habhaft werden, indem wir ihn in uns reflektieren, spüren, fühlen, darüber reden. Stets mit dem Bewusstsein, dass die Kategorien dieser Wahrnehmung immer schon durch Sprache eingeschränkt sind. Freud hat in seiner Traumdeutung dargelegt, wie schwer rekonstruierbar der Weg ins Bewusstsein ist und jeder bewusste Eindruck einen Kompromiss zwischen Trieb und Gesellschaft darstellt.
(Ist Freud aber nicht auch Evolutionist? Ich denke nicht. Freud – das wird ihm von den französischen Antiödipalen vorgeworfen – besteht auf dem Primat des Bewusstseins und der Kultur. Er reflektiert aber deren Grenzen. Seine szientivischen Anwandlungen werden von Habermas in „Erkenntnis und Interesse“ analysiert.)

Ideologisch gesehen ist der neue Naturalismus ein Versuch, die bestehenden Klassenverhältnisse, die sich heute als internationale Ungleichheit und schreiende Ungerechtigkeit darstellen, als „natürlich“ erscheinen zu lassen. Jedem der ersten Welt ist mindestens halbwegs bewusst, dass er in seinem Wohlleben – physikalistisch auf Biologie reduziert - auf Kosten der anderen Welt und der Zukunft lebt. Dieses Bewusstsein soll mit dem Verweis auf die Biologie, die Evolution und den Kampf der Arten ausgeschaltet werden. „Natürlich“ ist das Verhalten der Affen und Raubtiere, nicht gestört durch das Bewusstsein, und daran soll sich die Moral orientieren. Haben wir uns so einmal gemütlich eingerichtet, brauchen wir über religiöse Fragen, dem Verhältnis zu Leben und Tod, zu uns selbst und anderen nicht mehr nachzudenken. - Wie absurd!
Gut, man kann sich zum Tod stumpf und dumpf verhalten, entweder indem man ihn ignoriert oder ihn eben als „Fakt“ akzeptiert. Sinnlos ist aber, an die Religion des Über- und Längerlebens zu glauben, von allheilenden Lebensprinzipien zu sprechen, wenn unser Bewusstsein schon die Grenzen dieser Evolution und dieses Lebens – man denke etwa an den Gebärstreik der Gnosis – erkannt hat.
Die Analyse der Tierdokumentationen im Nachmittagsfernsehen zeigt wie die evolutionistische Ideologie in das Gehirn der Kinder geträufelt wird, wie die alten faschistischen Sozialdarwinisten sich hier eine Überlebensbasis eingerichtet haben. Von den damit Großgewordenen wird es nun im Naturalismus reproduziert. Die Anwendung der Ethologie auf die menschliche Gesellschaft ist nicht mehr kritisch, sondern affirmativ.
Doch haben wir zwar Raubtiernatur in uns, aber auch menschlichen Verstand. Der Verstand verweist auf Recht und Gerechtigkeit, verweist darauf, dass wir Teil eines Allgemeinen sind, unsere Unmittelbarkeit und Individualität immer eine vermittelte ist.

Mittwoch, 1. Juni 2011

HIMMELFAHRT

Ich höre im Radio – heute am Himmelfahrtstag natürlich christlich pointiert - von Olivier Messiaen das "Gebet des zu seinem Vater auffahrenden Christus" aus "L'Ascension" . Ein ruhiges Stück, zuerst mit aufsteigenden Tönen, dann aber gelangt es in einen immer wiederkehrenden Rhythmus, als würde es ein Gefühl dessen beschreiben, der bei seinem Ziel angelangt ist.
Zuerst wundere ich mich, wie Christus beten kann, wo er doch selber Gott ist. Ein Gebet hätte nur dann Sinn, wenn er nicht Gott ist. Wahrscheinlich war die Göttlichkeit von Jesus ursprünglich nie so veerstanden, wie dann in der Lehre von der Dreifaltigkeit festgelegt. Eher war eine universelle Gotteskindschaft gemeint. Die Ausbreitung der römischen Gesellschaftsstruktur führte zur Auflösung der stammesorientierten israelischen Gesellschaft. An die Stelle der israelischen Stämme tritt der „freie“ römische Bürger, an die Stelle der Herkunftsfamilie tritt die unmittelbare Gotteskindschaft.
Die andere Frage, die sich mir bei einer solchen Musik stellt, mit welchem Gefühl wohl dieser gute Mann in den Himmel aufgefahren ist. Kann er irgendwie zufrieden sein? Er wollte doch wohl die Welt und Menschheit retten und erlösen – dabei geht es doch weiter wie vorher. Gerettet werden bestenfalls die Gläubigen. Gläubige, die gläubig geworden sind durch irgendwelche Zufälle: Herkunft, Erziehung, Umwelt, Verständnis, Interpretation usw. usf. Selbst wenn der Gläubigkeit eine moralische Entscheidung zu Grunde liegen würde, hätte sich durch Jesus Auftreten im Namen Gottes bestenfalls dessen Image verändert: an die Stelle des autoritären Stammesgotts tritt der barmherzige, wohlwollende Vater. Verändert hat sich aber nicht die irrsinnige Konstruktion menschlicher Freiheit, wie sie in der Paradiesvertreibung konstruiert wurde: Du bist frei, aber nutze diese Freiheit nicht. Du bist frei, mir Ja zu sagen. Andernfalls versündigst Du Dich. – So wird der Menschheit eine Urschuld, eine Schuld a priori unterstellt. Die Schuld lässt sich nur durch das Opfer der Freiheit einlösen. Die Lehre von Christus hat diesen Double-bind nicht aufgelöst, spielt  weiter mit dem Paradox von Versprechen und Drohung, setzt nicht auf Vernunft und Verständigung, nicht auf Einsicht, Führt nicht zum Seufzer und den Tränen dessen, der sich endlich von jemand verstanden fühlt. Es ist die Fortsetzung der unendlichen Barbarei.
Die Himmelfahrt ist, weil sie die Probleme der Erde nicht löst, gleichzeitig eine Flucht in eine Erhöhung, die die Mitmenschlichkeit verhindert. So wie jedes Gebet eine abgebrochene Kommunikation mit anderen Menschen ist. So wie die Raumfahrttechnik Kontrolle – durch das Militär - und Selbstkontrolle – bei GPS - erhöht, aber das Gespräch der Menschen untereinander weniger notwendig macht.
Fluchtpunkt Himmel ist eine alte menschliche Idee, nicht originär christlich, aber vom Christentum systematisch in unser Denken eingebracht. Da sind die himmelsweisenden Türme und Architekturen, da ist am Ende die Raketentechnik, die einen christlichen Gott parodiert. Da ist die Identifikation des Guten mit dem Verstand, dem Licht, der Sonne, der Aufklärung – samt deren Dialektik.

Montag, 30. Mai 2011

NATURLIEBHABER

Gegenüber der Stelle, wo ich arbeite, ist eine schöne Wiese. Nicht nur Hahnenfüße, Wiesenkerbel, Gänseblümchen, auch Vergissmeinnicht, Kuckuckslichtnelke, Baldrian, Iris, ganze Platten von Margeriten, Wiesenknopf, Bocksbart, Bachwurz, Storchenschnabel und sicher noch viele mehr.
Kommt eine junge Frau, will von mir wissen, wem die Wiese gehört. Ich bin so dumm die Gemeinde als Eigentümer zu nennen, will aber doch wissen, warum sie das wissen wolle. Ja, meint sie, sie käme vom Kindergarten der Nachbargemeinde – 2,5 km entfernt - und sie wollten mit Kinder und Eltern eine kleine Wanderung machen, bräuchten aber einen Parkplatz. Ich meine, da gäbe es doch genug Platz 300 Meter oberhalb. Aber das Schicksal nimmt schnell seinen Lauf.
Ein Bauer mäht die Wiese ruckzuck ab, das leicht getrocknete Gras wird in Ballen gepresst, eingewickelt in Plastik zur Fermentation. Und eine Woche später ist der Platz für 90 Minuten mit etwa 20 Autos belegt. In Formation marschieren die Kinder durch die Natur, Eltern hinterher.
Sicher werden die Kinder dann über Umweltschutz belehrt – keine Bonbonpapiere auf den Boden! Müll trennen! Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter dekoriert, Bilderbücher von idyllischen Bauernhöfen gelesen, all dies mit dem ganzen Naturkitsch, den Lügen, mit denen sich weiter die Welt versauen lässt.

Sonntag, 8. Mai 2011

BEGEGNUNG MIT EINEM HARTZ-IV-LER

Ich bin dabei, eine Wand zusammenzunageln als ein dickbäuchiger Typ mit 50erJahrerad sich hinstellt und glotzt. Als ich an ihm vorbeigehe, fixiert er mich, ich warte auf eine Anrede, kommt aber keine und ich sage dann: „So“, so wie ich es bei einem Bauer gelernt habe, der damit 10 Minuten Schweigen überbrückt hatte.
Seine Antwort ist: „Was meinst Du“. Ich bin aber mit ihm noch nicht auf Du. Doch irgendwie kommen wir ins Gespräch. Er hat Ahnung vom Bau – wie sich später rausstellt, hat er in einer Fertighausfirma gearbeitet.
Am nächsten Tag ist er wieder da, beobachtet von der Straße genau, was ich mache. Stellt Fragen zu allem, was ich mache. Generalfrage, warum ich denn nicht schrauben würde. Das mit Scherkräften leuchtet ihm nicht ein, auch von Wärmedämmung hat er nur sporadisch Ahnung. Bei ihm wird nur geschraubt. Er hat einige Ahnung von handwerklichen Praktiken, ist aber eingekesselt von deren Dogmatik, von der Perfektion technischer Lösungen, die mir nicht zur Verfügung stehen. Ich bin gezwungenen mit meinen bescheidenen Small-Technology-Mitteln neue Lösungen zu finden. Über seinen arbeitermäßigen Standpunkt von vorschriftsmäßig, üblich, gerade und genau sieht er nicht hinaus. Warum mit der Hand nageln, warum nicht mit dem Schussapparat, warum überhaupt nageln und nicht schrauben, warum nicht mit Hydraulik die Wand zusammenpressen, warum nicht ein Kran? Und so weiter und so fort. Er sieht alle meine Mängel und Schwächen.
Am nächsten Tag kommt er wieder mit Zipfelmütze, aber ich bin schon dabei Mittag zu machen. Am Nachmittag ist er wieder da. Wie beim Fernsehen hat er sich mit Chips und Bier vom Discounter eingedeckt. Vielleicht ist es auch seine Hauptmahlzeit.
Das Bier beflügelt ihn. Seine Einlassungen werden korrektiver, direkter und aggressiver. Das wäre schon gar nicht fachmännisch, was ich da machen würde, ob ich den Bock da selbst gemacht hätte, das wäre doch ein Scheiss, den anderen könnte ich unmöglich selber gemacht haben, ich solle mal seine anschauen. Überhaupt, das wäre schon gar nicht weltbewegend, was ich da machen würde, Ich bin jetzt genervt, verletzt und sauer, packe meine Sachen zusammen, lasse ihn stehen und fahre Einkaufen.
Ich fühle mich verletzt, nieder geworfen, ärgere mich, dass ich mich auf ihn eingelassen habe, denke an einen spanischen Mutterspruch: Wer ein Kind ins Bett nimmt, muss sich nicht wundern, wenn er morgens verkackt aufwacht.
Das Problem war, dass ich Gesprächsbedarf hatte und mich auf ihn eingelassen habe. Aber vielleicht hätte er mich solange provoziert, bis er mich an der Angel gehabt hätte.
Was macht ihn zum HartzIVler?
Vielleicht gerät er unter Alkohol immer in einen aggressiven Größenwahn, provoziert andere, mit dem scharfen Blick für angreifbare Schwächen, den Alkoholiker oft haben und wird „ausfällig“. Was macht ihn so aggressiv? Da ist die Unfähigkeit mitzudenken, die Distanzlosigkeit, die andere überwältigt und ihre Freiheit nimmt, sie sich seinem miesen Niveau gleichzumachen versucht, die andere abstößt, provoziert oder aggressiv macht. Mit seinem Verhalten reproduziert er immer wieder sein soziales Scheitern. Er drängt sich anderen auf und benutzt ihre Schwächen. Eine Solidarität ist so nicht möglich.
Da ist aber auch die Dogmatik der Lebenswelt, die Fixierung auf Lösungen statt dem Verständnis von Problemen. Das macht ihn nicht zu einem kreativen Element, auch wenn er die sozialen Dinge realistisch sehen kann.
Welches vernünftige Verhalten wäre für ihn möglich?
Wäre er kein abgewrackter Alkoholiker vom Lande, wäre er ein normaler Facharbeiter, mit einigen Kompetenzen – politisch wäre er ein normaler Sozialdemokrat. Zwar ist er unten, aber er will nichts verändern, nur mehr schlucken, sich aneignen und unterwerfen, Rache statt soziale Gerechtigkeit. – Aber das beantwortet die Frage nach „vernünftigen Verhaltensmöglichkeiten“ nicht. Soll er sich angesichts seiner Probleme sich um sich selbst kümmern, sei es Charakteranalyse oder Privatleben, oder soll er als vagabundierender Philosoph und Politiker agieren? Zu beidem fehlt ihm der intellektuelle Horizont. Um mit den Menschen zu reden und zu diskutieren, und sich auch selbst kritisch zu sehen, braucht es intellektuelle Distanz.

Samstag, 7. Mai 2011

DER MANDELACLAN

Jeder, der sich für ANC und andere afrikanische Befreiungsbewegungen eingesetzt hat, kann sich daran nur mit Scham erinnern und sich fragen, wie es möglich war, solche Menschen unterstützt zu haben.
Ich lese, dass die Familie von Mandela und Zuma eine Goldmine aufgekauft haben – fragt sich mit welchem Geld. Seit dem werden die Arbeiter nicht mehr bezahlt, bekommen Carepakete zum Überleben. Die Gewerkschaft wird mit Geldern bestochen und bleibt inaktiv.
Link: http://www.bbc.co.uk/news/world-africa-13275704
Verwunderlich war damals bei den Brutalitäten Mugabes anlässlich der Wahlen in Zimbabwe, dass Mandela sich abringen ließ von „failed leadership“ zu sprechen. War das doch nicht „failed“ sondern erfolgreiche „leadership“. Anscheinend ist von einem Stammeshäuptlingabkömmling nur die Verherrlichung von Autorität und Leadership, aber keinesfalls Demokratie, Gerechtigkeit und Gleichheit zu erwarten.
Aber wenn einer schon wie Mandela an die Verantwortlichkeit von Leadern glaubt, dann er ist er auch für die Asozialität seiner Enkel verantwortlich.

Sonntag, 1. Mai 2011

BEDINGUNGSLOSES GRUNDEINKOMMEN

Die Forderung nach BGE hat zwei Seiten: auf der einen fordert sie Lebensrecht für Jeden unabhängig von seiner Stellung im kapitalistischen Konkurrenzkampf, auf der anderen verlangt sie den Ausbau des sozialen und fürsorglichen Kapitalismus, des „Sozialstaats“.
Es wird infolge der Deindustrialisierung Deutschlands und steigender Rationalisierung und Ökonomisierung der industriellen Produktion immer weniger Arbeit geben. Das macht auch die anwachsende Planung- und Verwaltungsarbeit nicht wett. Die Dienstleistungen sind abhängig vom produktiven Einkommen und sind daher nur abhängig davon ausbaubar. Der Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze führt zu einer Spirale nach unten: prekäre Beschäftigungen, Teilzeit usw.
Das BGE würde zwar die Konkurrenz abmildern, aber nicht den Zwang der kapitalistischen Ökonomie immer effektiver, lohnkostensparender zu produzieren. An der Entwicklung des Kapitalismus zur Ausbeutung aller Ressourcen und Zerstörung von nicht kapitalistisch durchorganisierten Bereichen, sei es Natur oder individuelle Spontaneität  - würde nichts geändert werden. Wer auf Politik hofft, wird sich täuschen, denn die steckt unter dem Primat von Arbeitsplätzen egal wie. Keynesianer wie die „Nachdenkseiten“ machen sich Illusionen, sie verstehen die Richtung des Kapitalismus nicht. Innerhalb dieses Systems gibt es keinen Primat der Politik.
Ein sozialfürsorglicher Kapitalismus ist die Illusion verwöhnter Mittelschichtkinder. Sie glauben an die Allmacht der Gedanken, der Worte und wissen nichts von der Anstrengung der Arbeit. Das wird doch von den ölangetriebenen Maschinen, den Gastarbeitern, den Arbeitern im Ausland gemacht.
BGE ist eine Forderung aus politischer Not. Der Konsumkapitalismus wird durch eine konsumistische Forderung getoppt. Aber jeder weiß, von Nichts kommt nichts.

Montag, 25. April 2011

„Marx reloaded“ - Warenfetisch

Die Finanzkrise hat alles wackeln lassen und die Nostalgiker glauben Marx wieder hervorholen zu können. Natürlich nur, um darüber zu schwätzen. Das Wiederkäuen der alten Sprüche.
Es ist aber unmöglich über Marxens Sätze zu reden, ohne die Geschichte, die sie hervorgebracht oder verunmöglicht haben zu bedenken.
Da ist etwa dieser Warenfetisch. Weil es so richtig niemand verstanden hat, was Marx eigentlich Skandalöses damit meint, glaubt jeder, sich seinen eigenen Reim darauf machen zu können. Am ulkigsten hier Bolz, der mit seiner Interpretation den Vogel abschießt: „spiritueller Mehrwert“, „fast“.  Andere mühen sich mit Marxzitaten.
Marx steht hier eindeutig in der Hegelschen Tradition. Dort ist die Geschichte eine der Begriffsbildung hin zur Vernunft, Wirken des Geistes. Dieser Geschichtsprozess vollzieht sich in der Vergegenständlichung, Außer sich setzen der Dinge, auch durch Arbeit – bei Hegel ist Arbeit dem Fortschreiten des Begriffs nicht unähnlich – und der Aneignung vom An Sich zum Für Sich und An und Für Sich. Der junge Marx handelt das noch als Entfremdung ab. Den arbeitenden Menschen tritt in der kapitalistischen Lohnarbeit ihr Produkt als selbständige Macht, als eigenes Ding entgegen, ihre eigene Subjektivität nimmt objektive Züge an und erzeugt ein falsches Bewusstsein. Die produzierten Dinge führen ihr Eigenleben und lassen ihre Produzenten nicht mehr erkennen.
Wie auch immer, Frage ist, ob der dann daraus folgende Verdinglichungsprozess derart schrecklich ist, dass die Menschen in die Krise getrieben werden und sich aus ihr dann revolutionär herausbewegen. Sicher bedingt der Warenfetisch falsches Bewusstsein, falsche Beziehungen, wo Menschen sich frei vorkommen, während sie in Wirklichkeit Funktionen des Kapitalverwertungsprozesses sind.
Aber warum hat sich diese Verdinglichung historisch durchgesetzt, angefangen von der Tauschwirtschaft der Griechen über die christliche Pflege des Privatlebens bis zur hochkapitalistischen Marktwirtschaft heute? Warum haben sie die feudalen Produktionsverhältnisse überwunden und abgelöst? Meine einfache These: weil die Verdinglichung der Warenform, „Warenfetisch“, die Versachlichung der sozialen Beziehungen in der Warenform den Individuen die Emanzipation aus repressiven sozialen Gemeinschaften ermöglicht. Damit wird diese Verdinglichung zur Voraussetzung und zum Motor der Individualisierung. Soziale Verhältnisse nehmen daneben selber verdinglichte Formen an: Lohnarbeit. Die Menschen organisieren sich in Wertgrößen, messen ihr Glück in Wertgrößen, motivieren sich mit diesen „Werten“, schätzen ihren Selbstwert damit und strukturieren ihre Beziehungen entlang der Wertlinien.
Was dabei untergeht ist schwieriger zu definieren, eben weil dem die relative Eindeutigkeit von Preisgrößen fehlt. Es ist individuelles Gefühl, Lust und Unlust, Anerkennung oder Verachtung. Diesen Kategorien fehlt die Eindeutigkeit und die scheinbare Objektivität der Wertgrößen und schon deswegen orientieren sich viele Menschen in ihrer Bewertung an den Kategorien des Warenfetischs. Komplexitätsreduktion würden´s andere nennen.
Was ist die Alternative zum Warenfetisch?
Es ließen sich nennen: Planwirtschaft, Kommunitarismus, Gemeinschaft, Familie, Nichtauschbeziehungen. Das Problem, das viele Menschen mit solchen Institutionen haben, ist, dass sie die Angst oder das Gefühl haben, darin ihre Freiheit zu verlieren. Man denke etwa an Diskussionsprozesse innerhalb der Linken, wo versucht wurde, basisdemokratische Prinzipien radikal auszuleben – oft in schwer erträglicher und langwieriger Weise. Meistens ist für Menschen aufgewachsen in bürgerlich dominierten Institutionen der Gedanke an Öffentlichkeit und öffentlicher Willensbildung eine Horrorvorstellung. Man denke an mobbende Klassengemeinschaften, autoritäre Lehrer, destruktive Beziehungen mit dominanzsüchtigen Menschen. Im Verhältnis dazu ist die Vorstellung seine Sache unter sogenannten „verdinglichten“ Verhältnissen, sei es Lohnarbeit oder Kauf von Dienstleistungen,  durchzuziehen eine angenehmere Vorstellung.
Was ich derzeit mache; Bau eines Passivhauses, Aufbau einer kleinen Landwirtschaft, gehört in diese Struktur. Eine ökologische und sozial gerechte Entwicklung wird es nicht geben, die kapitalistischen Strukturen werden sich ausweiten. Selbst wenn es Krisen gäbe, etwa wie die Finanzkrise, die Energiekrise, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit kapitalistischen Methoden gelöst wird, größer. Zwar gibt es ein diffuses linkes Bewusstsein, aber keine Voraussetzungen für eine revolutionäre Praxis. Zu diesen Voraussetzungen würde vor allem: Rücknahme der Arbeitsteilung, Reduktion des Konsums, eigene Produktivität, gleiche Bedingungen für alle und demokratische Willensbildungsprozesse ohne die Dominanz der heutigen Mittelschichtsinstitutionen gehören. Das ist nicht absehbar und deswegen bleibt mir nur eine Bewegungsform innerhalb der kapitalistischen Strukturen. Ohne Aussicht auf Veränderung.


Montag, 18. April 2011

Zur Kritik von Adornos Körperanalyse

In einer multidimensionalen Welt gibt es auch für die Moral keine eindeutigen Maßstäbe mehr. Der war für Adorno das Leiden. Das ließ sich von ihm implizit leicht auf körperliches Leiden pointieren. Oder es wird mindestens vom Leser so verstanden. Merkwürdigerweise ist bei Adorno wenig die Rede von der Erfahrung der Beschämung, Herabsetzung und Entwürdigung, viel aber von den Gewalttaten des Sports, der faschistischen Folterer. Aber auch nicht von der sinnlichen Erfahrung des Menschen auf ein physisches Maschinenteil. Es war ihm fremd. Er stand auf der anderen Seite.
Die Reduktion der moralischen Motivation auf Vermeidung von Leiden führt naturgemäß zu einer impliziten Fehlbewertung der körperlichen Arbeit als zu vermeidender. Selbst im Sport, ansiedelbar im Freizeitbereich und der individuellen Beliebigkeit, sieht er nur die kapitalistische Maschinerie am Werk.
In der Abwertung des Sports ist eine alte altruistische Moral enthalten, die Selbstlust, die Lust an dem Wirken des eigenen Körpers verbieten will. Diese altruistische Moral wirkt im Gefolge heteronomer autoritärer Traditionen, deren religiöser Ausdruck etwa das Christentum war. Gut ist nur die körperliche Lusterfahrung im Dienste des Anderen.
Es geht mir nicht um die Denunziation der altruistischen Moral, sondern um ihre Relativierung, Denn auch im Erlebnis von Lust und Unlust, Leiden und Glück des Körpers stehen wir als Personen einem Anderen, einer „Natur“ gegenüber, wie wir es gegenüber anderen der Gesellschaft, oder „Gott“ tun würden, wenn auch in einer anderen zwingenden und unmittelbareren Erfahrung. Denn das, was wir als unsere Natur interpretieren ist schon durch die gesellschaftlichen Begriffe und Erkenntnisse vorinterpretiert, damit eingeschränkt, bewertet, herausgehoben und verdrängt. Es gibt keine unmittelbare Erfahrung. Ein physischer Prozess geht nie unmittelbar in dessen Wahrnehmung und Interpretation durch den Wahrnehmenden und das Bewusstsein auf. (Gehirnforschung ignoriert diese erkenntniskritische Voraussetzung).
Historisch gesehen hat Arbeit einen Prozess der Entwertung durchgemacht. Herrschaft und Unterwerfung lassen sich leicht als Arbeitsvorgang beschreiben: jemand bückt sich, kniet nieder, leidet, führt aus. Der Arbeitende hat es oft mit der Schwerkraft zu tun. Er muss hochheben, sich nach unten bewegen. Er hat es zu tun mit Dreck und Erde. Er bewegt sich unten, den Blick nicht gerichtet in den blauen Himmel nach oben. Da wo der Geist, wo Gott, die Gedanken angesiedelt sind. Der Geist „schwebt über dem Wasser“. Die Polarität von Unten und Oben macht die Arbeitsbewegung aus. Man spricht von Höherentwicklung und niemand will nach unten gehen. Das ist der Ort des Todes, die Unterwelt. Andererseits war eine der typischsten Ausbeutungsarbeiten die unter der Erde. Da wo auch die Hölle angesiedelt wurde. Die Himmelfahrt geht aber wieder nach oben.
Diese Polarität ist religiös überformt worden.
Wäre es aber nicht eine gegenüber der menschlichen Natur gewaltsame Beschönigung der Arbeit, diese Polarität von Unten und Oben, diese uralte kulturelle Dimension jetzt einfach anders zu interpretieren und umzuwerten?
Es geht mir aber nicht um das simple Lob der körperlichen Mühen und Leiden. Sicher ist, das in körperlicher Arbeit mehr lustvolle Erfahrung enthalten ist als gesellschaftlich wohlangesehen ist. Sicher gibt es auch eine Verquirlung körperlicher Aktivität mit Masochismus – wir können uns eben nicht so einfach aus unseren historisch gewachsenen Voraussetzungen lösen. – Mir geht es bei der Einbeziehung der körperlichen Arbeit in die Emanzipation der Arbeiterklasse um deren Rekonstruktion als autonome und sinnvolle Äußerung des Menschen.
Das bedeutet, dass der Herrschaftsanteil in Arbeit wahrgenommen und sie durch die Hereinnahme der Kopfarbeit wieder autonom wird. Historisch hat eine Enteignung der Kopfarbeit stattgefunden; sie wurde aus dem körperlich Arbeitenden herausgenommen und unabhängig von ihm fortentwickelt.
Es kann dabei nicht um ein Utopia gehen, sondern einen Prozess der größtmöglichsten Aneignung der Kopfarbeit durch den Handarbeiter. Wesentliche Elemente dabei die Vergesellschaftung und Nationalisierung der energetischen Prozesse, Begrenzung der Globalisierung, betriebliche Demokratisierung, technikadäquate Ausbildung.


Freitag, 8. April 2011

Eine neue Einschätzung der körperlichen Arbeit?

Meine These vom letzten Eintrag lässt sich so zusammenfassen:

Die Linke hat Befreiung der Arbeit als Thema nicht ernstgenommen. Statt dessen war ihr implizites Ziel die Befreiung von Arbeit. Dem sollte Technik und Wissenschaft dienen. Da die Arbeiterbewegung repräsentiert wurde von der in die Mittelschicht aufstrebenden Intelligenz förderte diese einen negativen Begriff körperlicher Arbeit und selbst da, wo sie wie im Stalinismus anscheinend verherrlicht wurde, diente dies der Kontrolle der Arbeit durch die Intelligenz aus bürgerlichem Milieu.
Im Kapitalismus und den mit ihm konkurrierenden Systemen gilt eine Priorität der Kopfarbeit. Es führt in der Verflechtung mit dem Profitprinzip auch zu einer Differenzierung, einer immer weiter gehenden Arbeitsteilung in der Gesellschaft - und verhindert in gleichem Maße eine Autonomie der Arbeit und Arbeiterklasse.
Ist es möglich, diesen schon lange vor sich gehende Prozess rückgängig zu machen, oder so umzugestalten, dass diese wachsende Trennung von Kopf- und Handarbeit aufgehoben und Arbeit wieder demokratisch und autonom strukturiert werden kann?
Bei mir ist das eine politische Forderung, Grundbedingung für jede gesellschaftlich zu fördernde Veränderung. Aber gibt es in der gesellschaftlichen Entwicklung Tendenzen, Krisen, Konflikte, die in diese Richtung drängen?


Gesellschaft befasst sich permanent mit dem Körper. Es ist ein alles durchziehendes Thema - angefangen von Themen der Gesundheit, von Sex, von Sport, von Physikalismus bis hinein in die Philosophie und Interpretation von Geschichte und Existenz - aber in gleichem Maße wie der Körper als Thema auftaucht, verschwindet die körperliche Arbeit, wird zum Unthema, zu etwas, was zu vermeiden ist, was der Dritten Welt übertragen wird, dem Öl, der Atomkraft, früher den Tieren.
Es gibt in der Geschichte des Abendlands eine Flucht aus der verfluchten Arbeit in eine virtuellen Welt, in der sich alles im Kopf abspielen will. Wissenschaft und Technik haben da die Religion nur fortgesetzt.

Es wäre falsch, dieser historischen Tendenz deswegen zu widerstehen, weil sie Traditionen oder einer angeblichen Natur des Menschen widerspricht, weil es diese Natur vielleicht nicht gibt, weil es immer nur vorübergehende Balancen oder Gleichgewichte zwischen unterschiedlichen Bedürfnissen usw. gibt. Durch sich verändernde historische Bedingungen, wie jetzt bei der Erschöpfung der Erdölreserven, verändert sich diese Balance.

Eine nicht nur esoterische Analyse muss also einmal die sich abzeichnenden Krisentendenzen der Intelligenzentwicklung analysieren und hinterfragen, ob sie gesellschaftliche Veränderungen grundsätzlich notwendig machen, zum anderen muss gefragt werden, wie die körperliche Natur des Menschen unter diesem Primat der Intelligenz sich verhält.

Samstag, 5. März 2011

KÖRPERLICHE ARBEIT


Nach einigen Wochen härtester körperlicher Arbeit frage ich mich, warum körperliche Arbeit so verpönt ist. Auf der einen Seite quälen sich Menschen in Fitnessstudios, joggen, fahren Rad usw., auf der anderen Seite sitzen andere stundenlang vor dem Fernseher und fressen sich voll. Die Welt ist voller Merkwürdigkeiten und Widersprüche. Der bürgerliche Marx, der an Verstopfung und Furunkeln am Gesäß litt - Spuren harten Sitzens in der Bibliothek – lieferte einen Traum einer von körperlichen Arbeit befreiten Welt von Automaten, in der die Menschen dann ihre Zeit mit Hobbys verbringen: Fischen, Viehzucht, Kritisieren, Jagen

Marx: "Wie mit der Entwicklung der großen Industrie die Basis, auf der sie ruht, Aneignung fremder Arbeitszeit, aufhört, den Reichtum auszumachen oder zu schaffen, so hört mit ihr die unmittelbare Arbeit auf, als solche Basis der Produktion zu sein, indem sie nach der einen Seite hin in mehr überwachende und regulierende Tätigkeit verwandelt wird; dann aber auch, weil das Produkt aufhört, Produkt der vereinzelten unmittelbaren Arbeit zu sein, und vielmehr die Kombination der gesellschaftlichen Tätigkeit als der Produzent erscheint."
In: [605] http://www.wildcat-www.de/dossiers/empire/maschinenfragment.pdf


Woher kommt die niedrige Bewertung körperlicher Arbeit gegenüber der Kopfarbeit?
---- Gleichzeitig aber immer eine Idealisierung des Körpers (bei den Griechen, den Kelten, den Sportlern, den Filmen, der Gesundheitskultur)?
Leiden wird als Gewalt gegen den eigenen Körper und als Unlust per se definiert, etwas, was Schmerzen verursacht, was (historisch) zu beseitigen ist. Der Siegeszug der Maschine und des Öls liefert einen Beweis. Dumm und ein Spinner, wer sich mit eigener Kraft bewegt, es sei denn es hätte sportlichen Wettkampfgewinn oder Gesundheitswert. „Ökonomische“ Begründungen werden vielleicht gerade noch zugelassen.


Als ich mich „abgeplagt“ habe – wie es andere nennen würden – wollte ich dabei auch meine Stärke und Kraft gegenüber dem Baggerfahrer beweisen. („Wir haben die Kraft“, lautet die CDU-Phrase auf den Wahlplakaten). Also das hatte Wettkampfwert. Im Wettkampf, in der Konkurrenz darf man sich wiederum „quälen“.


Der Unlustcharakter der Arbeit muss mit Belohnungen kompensiert werden: der Gedanke an den Lohn, an den Vorsprung gegenüber Kollegen etc., den Erfolg des abgeschlossen Werkes.

Jedes Niveau der Produktivkräfte sucht sich ihre eigene Kultur, ihren eigenen Überbau. Passt also die harte entbehrungsreiche Arbeit zur christlichen Religion, zum gekreuzigten Jesus, dessen Leiden - irdisch - nicht entlohnt wird?

Ist aber körperliche Arbeit nur Frustration? Kampf um Befreiung der Arbeit identisch mit der Befreiung von Arbeit? Das will uns die bürgerliche Interpretation der Arbeit durch Marx und Adorno nahelegen. Da ist Körper eingesperrt und gefesselt, ausgebeutet und beherrscht durch das Kapital, jede Tätigkeit wird zur Qual, zum Missvergnügen und Leiden. Der Propaganda gegen die körperliche Arbeit, folgt die Idealisierung der intellektuellen Tätigkeit, die Reduzierung des Körpers auf Kunstformen wie Musik, Singen, Ballett, eventuell noch auf Sex. Die Verwechslung von körperlicher Arbeit mit Unterdrückung und Barbarei, die Verteufelung der Erde, die Idealisierung der Gedanken.


Körper ist Mittel seelischen Ausdrucks. Freude führt zu Bewegung, Trauer zu ihrer Lähmung. Umgekehrt kann Bewegung Depressionen vermindern. Pervers, wenn einer mit dem Auto sinnlos durch die Gegend rast. Aber warum tut er das? Da er körperlich im gefesselten und maroden Körper behindert ist, braucht er eine Art Rollstuhl, um seinem Bewegungsdrang Ausdruck zu verleihen.
Will sagen, körperliche Bewegung – nicht nur Vorwärtsbewegung, sondern Kraftausübung aller Art – ist ein menschliches Bedürfnis und die Nichtausübung dieses Dranges führt zu einem Gefühl der Schwäche und Unzufriedenheit.


Die Fehlinterpretation körperlicher Arbeit durch die Linke (und moderne Gesellschaft) führt auch zur Verkennung der Kräfte, die an die herrschende Gesellschaft binden: das Gefühl von mit körperlichen Arbeit verbundenen Kraft, der Stolz und das Selbstbewusstsein darüber.
Mein Vater etwa hat in dieser Polarität von körperlicher Kraft und Schwäche gelebt: einerseits viel beschwerliche körperliche Arbeit, andererseits die schwächenden Krankheiten. Tage, an denen er nicht mehr aufstehen konnte, Parkinson und dann rapide körperliche Schwäche bis zum Tod. Die christliche Religion gab dem Bilder und sinnvolle Bedeutung.
Die positive Bedeutung der körperlichen Arbeit erschließt sich erst über eine gewisse Frustrationstoleranz und dem Willen, etwas zu schaffen. Bei Zola „Die Erde“ gibt es eine schöne Stelle darüber wie die Bauern durch die jedes Jahr neue Ungewissheit und Angst fühlen, ob es gelingen wird, die nötige Arbeit zu schaffen, und dadurch motiviert werden, ihrem Körper Unglaubliches abzuverlangen.

Ein Normalmensch wird obige Sätze für bizarr und out of aerea halten. Ich weiß, dass was ich da schreibe, gegen den Wind gesprochen ist. Sinnlos. Der Weg der Menschheit geht in eine andere Richtung: Zentralisierung, Mechanisierung, Versklavung der Arbeit, nicht ihre Befreiung, Unterwerfung unter das Kapital. Selbst die (Konsum-)Linken haben nur Mehr, Mehr, Mehr im Kopf.

Die Abneigung Adornos gegen Sport und Körperlichkeit:

Biografisch hatte er ein sehr gebrochenes Verhältnis zum Körper, einen Körper als bewegungsstarren Panzer wie viele seiner Generation, klassenübergreifend. Es heißt, nur seine Augen wären lebendig, beweglich gewesen. Er pflegte eine tiefe Abneigung gegen Sport und körperliche Bewegung. Sport, körperliche Arbeit war für ihn nur entfremdet, Unterdrückung, Unterwerfung. Der Körper ist nur missbrauchtes Instrument.


Geht Körper aber nicht dem Geiste voraus? Kann sich nicht nur das im Geist abbilden und dann verselbständigen, was nicht vorher körperliche Aktivität war? Ist diese Unterscheidung von Körper und Geist nicht ein historisches Resultat auch der Spaltung der Gesellschaft in Klassen oder dem, was dem vorausgeht?


Es gibt bei Adorno formal eine Dialektik von Körper und Geist (Negative Dialektik um Seite 200*), inhaltlich neigt er aber zum Idealismus. Körper ist Entfremdung, Leiden aber ist dazu nicht einmal das Negative. Die Überwindung des Fetischcharakters der Warenwelt, der Entfremdung soll durch eine Art Entzauberung der verzauberten Welt, durch das aufklärende Wort erfolgen, das Wort, das den Bann bricht. In diesem Sinne sah er sein Schreiben als einen Versuch, das Hintergründige ans Licht des Bewusstseins zu bringen – in einem eher magischen Akt, der den Bann bricht.
*
„Alles Geistige ist modifiziert leibhafter Impuls“ - „Drang ist, nach Schellings Einsicht, die ‚Vorform von Geist“ (Negative Dialektik S. 200)


Körper ist mehr als Aktivität. Es ist zuerst sinnvolles Handeln, ohne dass es der Kopf für das allgemeine Bewusstsein schon sprachlich reproduzieren könnte. Erst danach reflektiert es sich im Bewusstsein, um von da aus wieder bewusstes soziales Handeln zu werden. Aber dies entwickelt sich aus den biologischen Aktivitäten des Körpers, die als Ausdrucksformen des Lebens in der sozialen Interaktion, ihrer Interpretation und Anerkennung durch die umgebende menschliche Gesellschaft Sinn enthalten und entwickeln.


Aber Adornos Körperfeindlichkeit hat neben Idealismus und Körperentfremdung noch einen drittes Moment: Körper ist Barbarei. Zwar ging er durch die Schule Freuds und anerkennt die Bedeutung körperlicher Bedürftigkeit, aber er will den Kulturprozess nicht mehr rückgängig machen, es wäre denn Barbarei. Wie er etwa in seinen musikalischen Schriften das „Schlag“zeug denunziert und das Klavier als Medium musikalischer Erkenntnis idealisiert - diesen geschlagenen, hässlich klingenden Klimperkasten, das Schlagzeug der Eliten. Darin ist viel Idealisierung der eigenen Herkunft und Klasse, Abgrenzung gegenüber der „barbarischen“ Unterschicht.


Rhythmus ist eine Urform der Begriffsbildung, der Strukturierung von Zeit und Bewegung. Zentrale biologische Prozesse des Lebens sind rhythmisch. Adorno idealisiert die subjektiv expressiv-dynamische Zeit, verabscheut den gleichmäßigen Rhythmus als mythisch. Dabei vergleicht er Rhythmus wohl dem abstrahierenden, das Konkrete vergewaltigende Begriff.


Wohl ist Rhythmus eine Vorform des Begriffs. Ohne die Verdinglichung der Welt durch Begriffe, die zunächst willkürliche Einteilung der Welt in begriffliche Klassen können wir nicht denken, nicht sprechen, nicht leben. Und nur auf der Basis von Begriffen können wir sie wieder negieren und neu organisieren. Dabei müssen wir uns immer ihrer Dialektik bewusst sein. Bewusst sein, auf welchem bodenlosen Grund wir unser Denken aufbauen.

Aber ist auch der Körper und sein Rhythmus, sein Begehren, kein wirklicher Grund? Es ist zwar immer ein sozial interpretierter Körper, uns eigentlich fremd, nur (gewaltsam) angeeignet, nicht eigen – obwohl wir in ihm sind und sich wohl kaum etwas anderes mehr als Eigentum verstehen lässt. (Nebenbei gefragt: das Bewusstsein, das sich dieses Verhältnisses bewusst ist, was ist das? Wie eigen oder individuell?)
Wir versuchen uns, da der Verstand nicht mehr weiterhilft, auf ein Inneres, die Launen, die Stimmungen und Gefühle, die Träume, die Wegweisungen des Körpers durch Krankheiten als einer Basis zu vergewissern. Wir orientieren uns etwa daran, ein gutes Gefühl zu haben, warten in Meditation, Wanderungen usw. auf spontane Äußerungen dieses Gefühls, befragen das Gewissen, was richtig und falsch ist, suchen nach dem Gefühl von Stimmigkeit und Adäquatheit.

Körperlichkeit ist also Vorform des Denkens, ist darüber hinaus Grundlage der Beurteilung darüber, was stimmig und unstimmig ist, aber ist immer auch eine soziale Beziehung zu anderen Menschen. Denn der Körper verweist immer auf ein Allgemeines: der Körper ist ein allgemein menschlicher. Mehr oder weniger – auch wenn wir gerade deswegen die Unterschiede so sehr betonen – haben alle Menschen einen identischen Körper. Dieser Körper ist für das Individuum genauso fremd oder nah wie jeder andere Mensch. Er gehört ihm und genauso nicht. Insofern ist er Gegenspieler, sogar Feind des Individuums. Zumindest stellt er die Selbstverherrlichung, die Hybris des Individuums in Frage. Dieses Verhältnis, in dem das Subjekt zum Körper steht, ist nicht fixierbar. Es wechselt von Identität zu Entfremdung, von Blockade zu Resonanz.

Das denkende Subjekt hat schließlich die Tendenz, sich zu verabsolutieren, in eine Fantasiewelt zu geraten, sich von der Wirklichkeit zu befreien. Dieser Prozess reflektiert die Unterdrückung der körperlichen Arbeit. Umgekehrt gilt aber, dass je mehr sich der Mensch der Wirklichkeit in körperlicher Arbeit aussetzt, desto geringer wird diese Abwehr der Arbeit und desto geringer wird der Trieb nach Herrschaft und das Verlangen, Arbeit auf andere abzuladen. Zur Demokratie gehört also auch die Bildung eines arbeitsfähigen Körpers. Heißt das, dass es eine physiologische Tendenz zur Herrschaft gibt, die sich aus der Trägheit ergibt? - ? - Aber es lässt sich auch vom anderen Ende her als ein Resultat der Entwöhnung von Arbeit beschreiben, als ein Verfall von Fähigkeiten, als eine Barriere zur Praxis.

Probleme, die zu analysieren sind:
- die Entwöhnung von körperlicher Arbeit
- die Rolle des Sports zwischen entfremdeter Arbeit und befreiter Arbeit
- die körperlichen Voraussetzungen für eine sozialistische Gesellschaft
- Ende der Erdölökonomie


Die falsche Interpretation des Körpers bei Adorno


MIMESIS UND TANZ



Adornos Idealisierung der Mimesis als Medizin gegen die irrational gewordene Rationalität ist missverständlich. Der Mimesis am naheliegendsten ist der Tanz. Es ist dies eine Bewegung, die sich nicht im Kopf, sondern in Zeit und Raum abspielt. Die Grundstruktur des Tanzes ist der Rhythmus. Dieser entfaltet sich in der Zeit, während der Begriff zeitlos sein will und deswegen verknöchert und falsch wird in dem Maße wie sich das Umfeld verändert. Denken und Leben gehören zusammen. Aber die Grundform ist der Tanz im Rhythmus. Der Rhythmus verweist wie der Begriff auf eine immer gleiche Grundstruktur, aber entfaltet sein Leben aus der Veränderung in der gleichen Struktur. Einheit des Mannigfaltigen.


Tanzen ist nicht nur ein körperlicher Akt, sondern erhält seine Impulse auch vom Körper. Und – er ist eine Weise, wie Menschen sich miteinander verbinden. Er begründet also ein Verhältnis zum Körper wie zu anderen Menschen. Die Beziehung des Tanzes zum Körper ist sichtbar auch in der Verbindung zu Sexualität, wie zur Äußerung körperlicher Gewalt. – Das Wiegenlied wiederum zeigt die entspannende und beruhigende Funktion des Rhythmus. Keinesfalls lässt sich Rhythmus auf ein Motiv, auf eine Bedeutung reduzieren.


In der Kritik Strawinskys beschreibt Adorno dessen Vorgehen als „regressiv“, parallel zum Kulturfaschismus. Rhythmus tendiert, so scheint es für Adorno, naturwüchsig zum Triebhaften, zur Entindividualisierung, zur Vermassung. Es sind die Massen von Le Bon, analysiert 1921 von Freud in „Massenpsychologie und Ich-Analyse“. Das individuelle Über-Ich wird vom kollektiven Ich-Ideal abgelöst. Entsprechend verändert sich die Bewusstseinsstruktur der primärprozesshaften, also triebhaft, Handelnden. Sie verlieren ihr Gewissen und es erfolgt der Einbruch der „Barbarei“. Das war das Thema der Zeit nach 1900, einerseits in der Kunst als belebendes Element, andererseits in Politik und Gesellschaft als Gefahr der Barbarei beschworen. Das reicht von dem Psychotechniker Münsterberger bis zur Sozialistin Luxemburg, im Blick die Kontrolle der sozialen Beziehungen. Auch die Psychoanalyse fordert einen anderen Umgang mit Trieb und Kulturdruck fordert (Freuds „Das Unbehagen in der Kultur“). „Wo Es war, soll Ich werden“.


Adorno sieht wohl die Beziehung zwischen Rhythmus und Leben, aber verengt sie auf musikalische Thematik und Motivdurchführung. Er verengt Musik auf Melodie, eigentlich auf das Sprechen. Rhythmus ist ihm ungeheuer, ist präsubjektiv, weil er - wie Musik von ihm generell verdächtigt wird – affirmativ ist. Die Erfahrung von Rhythmus ist schon Partizipation, Teilnahme. Es ist eine wie immer gewaltsame Identifikation, eine Aufforderung zur Teilnahme. Tanzen ist eigentliche Mimesis, indem alle Tänzer an einem kollektiven Dritten teilnehmen. Die Reflexion, die zuschauende Distanz, der urteilende und sprechende Verstand werden unterminiert. Es spielt sich auf einer Ebene ab, die zwar intersubjektiv, aber präverbal ist. Es muss für Adorno der Einbruch der Barbarei sein, und mag so auch beim „Sacre“ von Strawinskys durchgespielt worden sein; als Opferfeier vor dem großen barbarischen Opferfest des Ersten Weltkriegs.


Adorno reagiert darauf „idiosynkratisch“, statt aufklärend und analytisch. Es ist eine Reaktion im Sinne des Über-Ichs, des zwanghaften Charakters, der mit Körperpanzer alles Mitschwingen, jede „Regression“ verhindern muss, der die Kontrolle des Verstandes, die Distanz und Abgegrenztheit der Individuen aufrechterhalten will; die Dominanz des Geistes über Leib und Seele.


Er ist sich dabei nicht zu schade in gefährlicher Weise den Faschisten nahezukommen. Russische Kunst ist „präsubjektiv“ – wo liegt der Unterschied zum Begriff des Untermenschen? Er zieht alle psychiatrisierenden Schubladen, um Strawinsky zu denunzieren: Zwangsneurose, Katatonie, Hebephrenie, Schizophrenie, Wahnsinn usw. usf. Welchen Sinn soll solche Psychiatrisierung haben? Verstehendes Teilnehmen oder Grafeneck? Es ist ein definitorisches Aussperren dessen, was nicht dem bürgerlichen Ich entspricht. Adorno stellt nicht die Frage, was es dem „infantilen“, „schizoiden“ usw. Subjekt unmöglich macht, den spätromantischen Prozess weiterzuführen, warum die Neue Musik etwa neue Positionen einnimmt. Stattdessen wird es von Adorno psychiatrisierend denunziert.


Adornos angewiderte Rezeption von Pop und Jazz – er war sogar bereit dafür mit den Faschisten zu kooperieren – sieht darin nur Regression in die Barbarei. Sein Weg war der des empfindenden und formulierenden Bewusstseins. Obwohl Musik bekanntlich aus dem Zusammenwirken von Rhythmus, Melodie und Harmonik beruht, ist sie für ihn im Ideal wesentlich ein melodischer Verlauf, von der Stimme, letztlich vom Text und Sprechen dominiert. Merkwürdigerweise kapriziert sich für ihn musikalische Kultur auf Klavierspielen. Warum? Weil sich der Fortschritt der europäischen Musik in der Entwicklung der Harmonie abspielt – endend am Fluchtpunkt der Zwölftonmusik Schönbergs. Hat die Melodie noch Rhythmus gehabt, verklingt sie mit dem idealisierten Rubato in Harmonie/Disharmonie.


Adornos Gegenüberstellung des „expressiv-dynamischen“ gegen das „rhythmisch-räumliche“ Hören und seine Versöhnung in der klassischen Moderne ist künstlich. Das „rhythmisch-räumliche“ – der Begriff des Raums ohnehin ein Fehlgriff – assoziiert Adorno mit Mechanik, Äußerlichkeit, Objektivität, Gewaltsamkeit, technischer Demagogie, Gleichschaltung und weiteren Invektiven. Als Ideal immer ein „Subjektives“ im Auge, das die Klassenverhältnisse, die es feiert, nicht mehr reflektieren und in Frage stellen will. Natürlich ist der Rhythmus eine präverbale Aggression gegen die verlogene und vergewaltigende Ausdruckskunst des 19. Jahrhunderts - wenn auch Ehrlichkeit, Destruktion und Identifikation mit dem Aggressor zugleich. Asozial, aber gegen den Kitsch der sogenannten Gefühle und Subjektivität. Das Ideal der Klassik war mehr und mehr die Gefühlswelt des vereinsamten und ausgestoßenen Individuums – typisch Schuberts „Winterreise“. Eine gesellschaftliche Intervention lässt sich nur noch als gewaltsames Zerbrechen durch den Rhythmus durchspielen. Parallel zum Auftrumpfen der Maschinen, des Autos, der aggressiven Konkurrenz der Menschen untereinander – Adornos Auftreten gibt ein Beispiel dafür. Die Alternative wäre Trauer, Gedenken an das Verlorene.


Adornos Musikideal ist nur noch für Künstler und Zuhörer, totale Arbeitsteilung, Auseinanderfallen von Praxis und Theorie. Theorie als Ideal, reine Anschauung. Bleibt das rezeptive, nur noch im Geist und Bewusstsein tätige bürgerliche Individuum, rechnend, nicht mehr arbeitend, empfindend, nicht mehr handelnd. Schon Kant reduziert Urteil auf Zusammenfügen von Subjekt und Prädikat. Obwohl die Sprechen ein Benutzen vor allem von Tätigkeitswörtern ist – und die Welt ein Resultat des tätigen Menschen.


Im Genie des Künstlers feiert der Bürger sich selber. Unten im Podium darf er von Großem träumen. Fühlt er mit der dargebotenen Musik, wird er mit dem Ideal identisch. Biografisches würzt die Kost. (Ich kenn das von meinem Mahler).


Aber Reflexion lebt von dem Reflektierten und das ist der bewegte Mensch. Ihn kann die Reflexion nicht aus sich selbst erzeugen, auch wenn sie das immer wieder versucht. Die Überkontrolle führt zu einem lügenhaften Selbstbild, zu der fürs bürgerliche Existieren notwendigen Selbstüberschätzung.


Der im Publikum sitzende Zuhörer scheint keinen eigenen Körper mehr zu haben. Aber ohne eigenen Körper könnte er nichts empfinden. – (Ich ignoriere hier einfach, dass die Mehrheit ohnehin nichts empfindet. Sitzt nur stumpf da, wartet auf das Ende, ist mit Blähungen, Hustenreiz und den Nachbarn beschäftigt.) Es ist der Körper, der mitschwingt. Um die Wirkung von Musik zu entfalten, um sie zu hören und wahrzunehmen, muss der Körper ihren Resonanzkörper bilden. Die in der Musik dargestellte Bewegung muss er als innere Bewegung nachvollziehen können.


Mahler schreibt seine Sinfonien in seinen Sommercamps, in denen er neben dem Komponieren schwimmt, Rad fährt, bergsteigt. Und der Zuhörer kann es nur in Erinnerung daran miterleben.


Adorno lehnt den Rekurs der Musik auf den Körper, seinen Rhythmus wie etwa des Herzens, als mechanistisch ab. Er verpasst damit eine Chance, seinen – philosophisch gesehen – „Idealismus“ zu kritisieren. Er will in einer körperlosen Gesellschaft leben. Nur tief unten sind da die stupiden, geisteskranken Körperwesen, Monaden bedingter Reflexe, „Bastler und Mechaniker“, die „heutzutage“ „aus der Erde“ wachsen (S.182 Ph der N Musik 175), sie gehorchen dem Schlag der Trommel. - Seinen gesammelten Klassenhass wendet er gegen sie.


„Es wendet sich einzig noch an den rhythmisch-räumlichen, spielerisch-geschickten, der heutzutage mit den Bastlern und Mechanikern aus der Erde wächst, als stammte er aus Natur und nicht aus der Gesellschaft.“ Schreibt Adorno. Als ob „aus der Erde wachsen“ allein schon der Makel wäre. Ist das nicht genau die Nekrophilie, die er anderen zuschreibt?


Es gilt Abschied zu nehmen von der Verherrlichung und Verabsolutierung der Besonderheit des Individuums. Nicht weil die Verhältnisse ihm Ohnmacht und Bescheidenheit beigebracht hätten oder beizubringen haben. Sondern aus Selbsterkenntnis, Erkenntnis seiner Bedingungen und Grenzen. Dazu gehört auch die Bedeutung von Arbeit und Körper, deren Anerkennung und Würdigung. Körper ist nicht nur Widerstand, Materie, äußere Bedingung, sondern in seinen Lebensäußerungen und als Leben selbst nicht nur conditio sine qua non, sondern das, was allem Geist vorausgeht und ihn strukturiert und bildet. Ihm gilt es zuzuhören, auf ihn zu horchen, ihn sprechen zu lassen, ihn in den Geist wirken zu lassen und ihn sich entfalten zu lassen, seine Bedeutung zu akzeptieren und ihn pfleglich zu behandeln und zu entwickeln.


Körper ist immer ein sozial verfasster. Er artikuliert sich für unser Bewusstsein in den Klischees und Worten, die die jeweils aktuelle Sprache für ihn findet, erfindet und benutzt. Der Umgang mit ihm ist besetzt mit den Methoden, die uns die Umwelt aufgeprägt hat. Wir können sie reflektieren, in Frage stellen, möglicherweise korrigieren, sind aber in den Vorgaben gefangen. Der Körper zeigt sich jedoch autonom gegen seine gesellschaftliche Zurechtmachung. Er rebelliert dagegen durch Krankheit, durch Versagen und Verweigerung, Müdigkeit und Tod. Er bringt sich zum Ausdruck durch seine Äußerungen von Schmerz und Wohlgefühl, Träume und sein Verlangen.

Was auch noch fehlt: Körperfeindlichkeit und Klassenhass.

Sonntag, 9. Januar 2011

KEINE DISKUSSION MIT AUTOFAHRERN

Meine Kinder, meine Schwester, und viele mehr sind Autofahrer. Ich diskutiere mit ihnen darüber nicht. Obwohl ich doch sonst eher zu denen gehöre, die die Diskussion, manchmal auch die zurechtweisende Kritik mögen. Ist es nur das verwandtschaftliche Verhältnis, das "Blutsband", das mich davon abhält, meine Kritik zu äußern? Es ist klar, dass ich ihren Standpunkt nicht teile, es bleibt unausgesprochen. Aber es bleibt eine Spannung, oft sogar gefährliche Hochspannung. Für mich ist Autofahren oder nicht die Wasserscheide, das Beurteilungskriterium der politischen Glaubwürdigkeit anderer Menschen.

Es gibt Ausnahmen: weite Entfernung zu öffentlichen Verkehrsmittel, schwierige Verkehrsverhältnisse im Winter, Altersschwäche. Aber das sind kleine Ausnahmen. Wege bis 6 km sind gehbar - mit Rad ohnehin kein Problem.

Für Menschen in einer globalen Welt gibt es in der Regel kein Recht, mehr von den Ressourcen der Erde zu verbrauchen als andere. Öl ist zu wertvoll, als dass es für sinnlosen Transport von schweren Fahrzeugen verwendet wird. Sinnvoll ist sein Einsatz für: Wärmedämmung, Materialien in Maschinen und ähnliches.

Die Motive der Autofahrer sind aber nicht der ökonomische Transport, sondern die Identifikation mit den herrschenden Normen, die Ausübung von Macht, das Erlebnis von Getragenwerden und Potenz. Jemand, der mit dem Auto fährt, zeigt, dass er nicht zu denen Unten gehören will, die nur ihren eigenen Körper haben, die körperlich arbeiten müssen, die niemand haben, den sie anleiten, anweisen und kontrollieren können, die nur ihr eigenes Objekt sind. – Von solchen Menschen ist keine Solidarität, kein Sozialismus zu erwarten. Sie werden immer ihren eigenen Vorteil suchen, eine herausgehobene Position. Sie werden immer mit der Herde rennen, sie haben keine Zivilcourage.

Autofahren zeigt auch die Unfähigkeit zu rationalem Denken. Rationalität würde ihr Ego, ihre Bedürfnisse nur einschränken und wird deshalb nur scheinhaft in der Ausweitung des eigenen Egos, der Bereicherung und der Kontrolle über andere Menschen praktiziert. Als soziale Rationalität, als Reflexion der Gerechtigkeit, verkümmert sie zum sozialen Schwachsinn.

Wie soll es also mit meinen Lieben weitergehen??
Soll es??