Sonntag, 8. Juli 2012
Betreuungsgeld
Linke Politik ist für Kinderkrippen und gegen Betreuungsgeld. Was aber soll an Kinderkrippen links sein? Frauen sollen arbeiten können, frei sein für Beruf und Karriere. Ist das die Sozialisierung der Frau, die Bebel einmal versprochen hat? Vielleicht gleichberechtigt - aber Sozialismus?
Ist es wirklich ein Schritt in Richtung Gleichheit und Gerechtigkeit, wenn die Kleinen von Fachleuten statt ihrer defizitären Eltern erzogen werden? Ist der Sozialismus erreicht, wenn alle Abitur und Studium absolviert haben? Ist Gleichheit dann erreicht, wenn alle für Lohn arbeiten?
Oder ist es so, dass der Kapitalismus flexible, allseits funktionierende Arbeitskräfte braucht?
Andre Gorz meinte, dass der heutige Kapitalismus alles verwerten muss, alles zu Geldgrößen macht. Also Arbeit ist nur dann wertvolle Arbeit, wenn sie für den Markt gemacht wird. Arbeiten, die einer zu Hause macht, Erziehung, Kochen usw. sind wertlos. Für den Verwertungsdrang des Kapitals ist es sinnvoller, wenn jemand arbeiten geht und dann sich ein Essen kauft, den Erzieher für die Kinder bezahlt usw. Alles soll Geldform annehmen.
Im Kapitalismus ist nur der ein vollwertiger, ein “freier” Mensch, der Geld hat. Die Sozialdemokratie und die Linke scheint alles dafür zu tun, um jeden zu einem vollwertigen Bürger im Kapitalismus, zu einem Lohnarbeiter zu machen.
Dazu muss er bereit sein, sich den Zielen eines Unternehmens zu unterwerfen, sei dies ein Autokonzern, ein Rüstungsbetrieb oder eine Sozialinstitution.
Türkinnen, die zu Hause bleiben und dem Wohl ihrer Familie dienen, funktionieren nicht nach diesem Leistungsprinzip und sie können es ihren Kindern schon gar nicht vermitteln. Vielmehr bemuttern und verwöhnen sie ihre Zöglinge, statt sie für die vielfältigen Aufgaben des “modernen” Lebens zu trainieren: zeichnen, reden, Schule spielen, usw. - so wie es jetzt schon die Franzosen in ihrer ecole maternell machen. Würden die Türkinnen einen Putzjob machen, würden sie nicht nur sich in die Gesellschaft integrieren, sondern auch ihren Kindern ein Leistungsprinzip vorleben, das diese motivieren könnte, es dann in ihrem Leben genauso gut zu machen.
Geht es nun darum, alle in den Kapitalismus zu integrieren oder soll es ein Schritt zu gesellschaftlicher Mitsprache werden? Eher wohl ein Schritt in Richtung einer weiteren Degradierung. Vielleicht können sie mitsprechen - sofern mit Putzfrauen überhaupt gesprochen wird - aber sie werden dabei nichts zu sagen haben.
Aber eine andere Sicht, die des Kindes. Was unterscheidet seine Situation in der Familie von der einer Kinderkrippe?
Das Ziel der Erzieher in der Krippe sind bestimmte Verhaltensweisen beim Kind zu erreichen, etwa Spracherwerb, soziale Einordnung, Kulturtechniken, Sauberkeit, usw.. Akteur ist nicht das Kind, es ist der Erzieher.
hes Interesse hat ein Erzieher an einem Kind? Auch er ist nur Lohnarbeiter. Die Kinder sind nicht seine Wahl, sind nur zufällig mit ihm verbunden. Er ist nicht dem Kind verantwortlich, sondern seinem Arbeitgeber. Das können im besten Fall - dem bürgerlichen - die Eltern sein - für die Unterschichteltern ist Kinderkrippe ein staatliche, fremde Institution wie die Schule, Arbeitgeber und andere und sie werden darauf keinen entschiedenden Einfluss nehmen.
st es in der Familie besser? Auch hier kann ein Klima der Kontrolle, der autoritären Führung herrschen wie in der Kinderkrippe. Es kann aber auch, sei es günstigenfalls oder normalerweise, eine Identifikation der Eltern mit dem Kind vorliegen, die ein grundlegend wohlwollendes Verhalten ermöglicht, die der Spontaneität des Kindes Platz lässt und positiv darauf antwortet.
Ich halte das für eine bessere Ausgangsposition. Diese Ausgangsposition kann freilich eingeschränkt, ja ins Gegenteil werkehrt werden, wenn keine Identifikationen vorliegen, sondern negative Projektionen; etwas das Kind als Verkörperung der eigenen Fehler, des eigenen Unvermögens, bis hin zur Ausstoßung eines Kindes als verhext, vom Teufel besessen, als Scheidungkind die Personifikation des verhassten Expartners usw.
Wie auch immer: das Kind in der Familie ist in einem emotionalen Raum, seien diese Emotionen positiv oder negativ. Sie sind bedeutsam und unabdingbar für die Ausbildung einer Identität, von Autonomie und Persönlichkeit. Das Kind wird angesprochen und es wird darauf mit seiner Persönlichkeitsentwicklung antworten.
In der Regel aber ist das Aufwachsen in der Familie in die Regel eingebunden, dass ein Kind mit Wohlwollen zu behandeln ist, anders als in der Kinderkrippe, wo das Wohlwollen nur ein taktisches Mittel zur Erreichung eines bestimmten Verhaltens ist.
“Bindung” ist, soweit sie mit Gewalt und Erpressung erreicht wird, ein pädagogisches Unwort. Mit einer positiven Deutung dieses Begriffs geht es mir auch nicht um die Herstellung von Hörigkeit und Abhängigkeit, sondern um eine Fähigkeit zur gegenseitigen Identifikation durch Empathie und Kommunikation.
Im kommunistischen Manifest schreiben Marx/Engels: “Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt.” Der aggressive Ton des Manifests scheint das zum historisch Fortschrittlichen zu machen. Aber aus der egoistischen Klassenkampfkultur von Konkurrenz wird keine solidarisch-revolutionäre Alternative.
Meine eigene Erfahrung in verschiedenen sozialen Institutionen außerhalb der Familie ist, dass sie eher einen Beitrag zur Verwahrlosung leisten als zu Aufnahme in eine Gemeinschaft als in gleichberechtigtem Mitglied hinführen. - Aber das ist nicht verallgemeinerbar.
Skeptisch bin ich gegenüber der Familie wie den sozialen Ersatzinstitutionen. Solange aber, wie es bei der politischen Linken der Fall ist, die Kinderkrippe als etwas gepredigt wird, was die einzige Lösung wäre, ist nicht zu erwarten, dass diese Institution die nötige Bereitschaft zur Selbstkritik aufbringt.
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