Das Leben mag für den naiven Betrachter zwar in sich kausal determiniert zu sein – das wollen uns zumindest die erkenntnistheoretisch Unbeschlagenen der Hirnphysiologie, der Biologisten aller Art nahelegen – aber es hat doch seine eigenen Prinzipien im Umgang mit den Reizen und Herausforderungen, die von außen auf es einwirken: Es verhält sich dazu. Es verhält sich mit Umformung, mit Selbstveränderung, mit sinnvollem Handeln. „Homöostase“ ist dafür ein konservativer Begriff, aber wenn er den Prozess der ständigen Veränderung in Übereinstimmung mit der Erhaltung eines Gleichgewichts beschreibt – ähnlich dem Radfahren – dann vereint dieser Begriff doch Strukturerhaltung und Veränderung. Das überschreitet den Rahmen der Physik.
Nun hält die Evolutionstheorie eine Menge Begriffe parat, die den physikalischen Gedankenrahmen längst überschritten haben. Um es aber simpel wie Physik erscheinen zu lassen werden eine Reihe von Begriffen benutzt, die einfache allgemeinverständliche biologische Begriffe widerspiegeln wollen; etwa das Prinzip des Überlebens, der Selbst- und der Arterhaltung. Scheint doch klar zu sein, dass Leben und langes Leben oberstes Prinzip sein kann. Wer stirbt schon gerne?
Aber der Mensch ist nicht nur ein biologisches Wesen mit Überlebensdrang, sondern mit der Erkenntnis seiner Bedingtheit und Sterblichkeit begabt: Er verhält sich zu seinem biologischen Überlebensdrang, ist ein soziales Wesen, und schon mit dem ersten verdrängenden Nein zum Tod verhält er sich zu seinem Schicksal und emanzipiert sich zwar nicht materiell aber geistig von seinem Schicksal. Er sucht nach Sinn und die Entwicklung der Evolutionstheorie ist ein Produkt davon.
Aber Bewusstsein, Fühlen und Wollen des Menschen werden – obwohl viel von Humanismus die Rede ist – von den Biologisten totgeredet indem dies als „unwissenschaftlich“ und dergleichen Begriffen mehr ausselektiert wird. Der Mensch, wie er fühlt und spürt, verlangt und will, soll mit dem Verweis auf chemische Ingredienzien und Gehirnsoftware zum Schweigen gebracht werden. Übrig bleiben soll eine sinnlose und leere Welt der Dinge, der sogenannten Natur, die uns doch nur als kulturell vermittelte und praktisch gestaltete in Erscheinung tritt.
Eine der Paradigmen der Wissenschaftlichkeit stellt die Astronomie dar. Für die ersten Menschen war sie Astrologie: Wirkung von Göttlichem oder Überirdischem. Die Sterne bekamen ihre Bedeutung durch menschliche Projektion. Mit der Auflösung der Bewegung der Sterne in simple Physik löst sich der Glaube des Menschen an göttliche Wirksamkeit auf und der Physikalismus will die alte Religion überwinden. Aber unsere Welt ist eben nicht nur eine physikalische, sondern was wir physikalisch verbegrifflichen ist die Wirksamkeit unseres Verstandes, ist eine Konstruktion, die wir machen, um bestimmte Handlungen vollziehen zu können – ist letztlich - mehr als von Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ kritisiert - eine Technik, mit der das Leben nun mit seinem Verstand auf seine Umwelt wirkt und reagiert.
Marx hat damals in seiner Kritik am Naturalismus von Feuerbach gemeint, es reiche nicht aus, Religion als Projektion menschlicher Bedürfnisse zu entlarven, sondern die Bedingungen zu verändern, die Religion notwendig machen. (Abgesehen, dass Marx und Engels die Anthropologisierung auf die menschliche Art und das Verschweigen von Klassen ablehnen).
Ich glaube dagegen, dass Religion mehr ist als der Schrei der Leidenden und Gedemütigten, dass Religion zwar ihren mythischen und magiegläubigen Charakter ablegen muss, dass aber die Frage des Menschen nach dem Sinn seiner Existenz, nach seiner Seele bleibt. Diese existenzielle Frage kann nicht mit traditionellen religiösen Formeln beantwortet werden. Sie wird aber auch nicht dadurch gelöst, dass religiöse Formeln ausselektiert und verdrängt werden, sondern dass religiöse Bedürfnisse im Lichte des Selbstgefühls und der Selbsterfahrung des modernen Menschen neu interpretiert, gefühlt und ausgesprochen werden.
Interpretieren wir die die heutige Situation des Menschen als Verlust von Orientierung, Verhaltensregeln und klaren Normen, hilft es nicht, sich an einer sogenannten Natur festzuhalten. Die Biologie ist nur ein Teil des Menschen. Schon die Hormone werden sozial stimuliert und reguliert. Und die Epigenetik, nach der der Körper die für seine Umwelt passenden Gene aktiviert, löst den Dogmatismus der Genetik gänzlich auf. Da ist kein fester und eindeutiger Ort, an dem wir uns für immer wohlfühlen und orientieren können. Unsere Variabilität und Anpassungsfähigkeit orientiert uns auf Bewegung, nicht auf fixe Begriffe. Wir können des Bewegungsdrangs in uns nur habhaft werden, indem wir ihn in uns reflektieren, spüren, fühlen, darüber reden. Stets mit dem Bewusstsein, dass die Kategorien dieser Wahrnehmung immer schon durch Sprache eingeschränkt sind. Freud hat in seiner Traumdeutung dargelegt, wie schwer rekonstruierbar der Weg ins Bewusstsein ist und jeder bewusste Eindruck einen Kompromiss zwischen Trieb und Gesellschaft darstellt.
(Ist Freud aber nicht auch Evolutionist? Ich denke nicht. Freud – das wird ihm von den französischen Antiödipalen vorgeworfen – besteht auf dem Primat des Bewusstseins und der Kultur. Er reflektiert aber deren Grenzen. Seine szientivischen Anwandlungen werden von Habermas in „Erkenntnis und Interesse“ analysiert.)
Ideologisch gesehen ist der neue Naturalismus ein Versuch, die bestehenden Klassenverhältnisse, die sich heute als internationale Ungleichheit und schreiende Ungerechtigkeit darstellen, als „natürlich“ erscheinen zu lassen. Jedem der ersten Welt ist mindestens halbwegs bewusst, dass er in seinem Wohlleben – physikalistisch auf Biologie reduziert - auf Kosten der anderen Welt und der Zukunft lebt. Dieses Bewusstsein soll mit dem Verweis auf die Biologie, die Evolution und den Kampf der Arten ausgeschaltet werden. „Natürlich“ ist das Verhalten der Affen und Raubtiere, nicht gestört durch das Bewusstsein, und daran soll sich die Moral orientieren. Haben wir uns so einmal gemütlich eingerichtet, brauchen wir über religiöse Fragen, dem Verhältnis zu Leben und Tod, zu uns selbst und anderen nicht mehr nachzudenken. - Wie absurd!
Gut, man kann sich zum Tod stumpf und dumpf verhalten, entweder indem man ihn ignoriert oder ihn eben als „Fakt“ akzeptiert. Sinnlos ist aber, an die Religion des Über- und Längerlebens zu glauben, von allheilenden Lebensprinzipien zu sprechen, wenn unser Bewusstsein schon die Grenzen dieser Evolution und dieses Lebens – man denke etwa an den Gebärstreik der Gnosis – erkannt hat. Die Analyse der Tierdokumentationen im Nachmittagsfernsehen zeigt wie die evolutionistische Ideologie in das Gehirn der Kinder geträufelt wird, wie die alten faschistischen Sozialdarwinisten sich hier eine Überlebensbasis eingerichtet haben. Von den damit Großgewordenen wird es nun im Naturalismus reproduziert. Die Anwendung der Ethologie auf die menschliche Gesellschaft ist nicht mehr kritisch, sondern affirmativ.
Doch haben wir zwar Raubtiernatur in uns, aber auch menschlichen Verstand. Der Verstand verweist auf Recht und Gerechtigkeit, verweist darauf, dass wir Teil eines Allgemeinen sind, unsere Unmittelbarkeit und Individualität immer eine vermittelte ist.