Die letzten Tage habe ich den neuesten Roman von Franzen „Freiheit“ gelesen, war von ihm wie bei den „Korrekturen“ wieder fasziniert, angezogen, eingesogen, um am Ende angesichts der Mittelschichtsfixierung seiner Charaktere zu fragen, was daran letztlich so schal und unbefriedigend ist und warum es keinen vergleichbaren Roman über Schicksale von Menschen aus der Arbeiterklasse gibt. Es geht mir beim Lesen seiner Romane wie vielen seiner Romanfiguren, die mit Hilfe oder auf Grund von Drogen, Psychopharmaka oder Sex die Grenzen ihres Alltags überschreiten, um nachher herauszufinden, wie sie getäuscht worden sind.
Da ist der Soapcharakter seiner Romane. Wir haben es mit Figuren zu tun, die herausragend sind, die beispielhafte Charakterzüge haben, oft körperlich oder charakterlich attraktiv, ohne die Hässlichkeit, Brüchigkeit zu zeigen, die der „normale“ Mensch hat, sobald er ein bestimmtes Alter überschritten hat oder wie man ihn im Supermarkt sehen kann oder bei der Arbeit näher kennenlernt. Nicht dass es bei Franzen auch diese Sichtweise gibt, aber seine Hauptdarsteller, die von innen wie von außen gezeigt werden, werden so dargestellt, dass sie uns verständlich und vertraut werden. Dadurch werden sie unabsichtlich idealisiert, rennen ins Jenseits, ohne sich durch Ironisierung wie etwa bei Thomas Mann in die Klugheit des Autors und seiner Leser zu verflüchtigen. Das ist auch der Grund, warum Franzen so leicht und gerne gelesen wird. Trotz des Umstands, dass seine Charaktere sich sehr am Rande der bürgerlichen Existenz bewegen.
Was meine ich mit Mittelschichtfixierung? Einmal sind da zu viele Geschehnisse jenseits des Normalalltags. Immer wieder sind Charaktere in überdimensionale Finanzgeschäfte involviert, manchmal in Glücksspiele – merkwürdigerweise entgegen den Wahrscheinlichkeitsgesetzen erfolgreiche. Da macht etwa der minderjährige Joey ein Irakgeschäft mit 180 000 Dollar Gewinn. Ein Gewinn, der dann - wie in den „Korrekturen“ - wieder so schnell zerbröselt, wie er gewonnen wurde. Die Menschen erleben immer wieder den Blasencharakter des Glücks. Da ist der finanzielle Erfolg, da sind Drogen, da ist Sex in allen Varianten, da ist eine explodierende Konsumwelt, die die Menschen überwältigt. Diesem schaumartigen Schein setzt Franzen zum Einen die Natur gegenüber, etwa die Vogelwelt. Zum Anderen in der modernen Welt antiquierte Charaktere. In den „Korrekturen“ ist es der Vater, Ingenieur und fleißiger Erfinder, ein von seiner Basis gründlicher und arbeitsorientierter Mensch, der sich gegen diese Blasen wehrt, auf Werten wie Verlässlichkeit, Treue, Solidität beharrt und den Versuchungen, mit einem Patent großes Geschäft zu machen, widersteht. Der aber eben dadurch reingelegt und gelinkt wird und anhand dessen Beispiel von Franzen gezeigt wird, dass, wer dieses Mittelschichttheater der Selbstaufblähung und Gewinnmaximierung nicht mitmacht, zum Idiot, benutzbaren Trottel, zum Dementen wird.
Wenn in der „Freiheit“ Walter (wie vielleicht auch der Autor) seinen Trost und (vorübergehenden) Ausweg in der Rettung der Vogelwelt sieht, dann bleibt es für den Leser am Ende doch eine willkürliche Marotte und es hat keine Verbindung zu den menschlichen Motiven, die den Roman Franzens ausmachen und eigentlich vorwärtstreiben. Eben das, was jedes Leben, jede Soap und jeden guten Roman vorantreibt: die Erfahrung von Unglück und die Erreichung des Glücks, von Streit und Versöhnung.
Zwischendurch muss ich aber, bevor der Eindruck einer nur negativen Kritik entsteht, doch würdigen, dass Franzens Figuren nicht nur faszinierend sind, sondern dass sein Roman eine sehr reichhaltige und oft sehr realistische Welt darstellt. Da gibt es neben der Soap viele konkret beobachtete und erfahrene Details, gibt es immer wieder aufblitzende Erkenntnisse und Wahrheiten, gibt es Entwicklungen und dialektische Sichtweisen, die dem ambivalenten und oft zweideutigen Charakter des Lebens gerecht werden. Überhaupt gewinnen die Charaktere ihre Kraft nicht durch ihren Typencharakter, sondern durch ihre Bewegung zwischen Polaritäten, ihren gegensätzliche Beziehungen, ihre Entwicklungen von einem Standpunkt zu einem anderen, wie auch durch die Blickrichtung des Autors auf ihr inneres Leben, ebenso darauf, wie sie von anderen erfahren werden. Die humane Vorgehensweise von Franzen besteht darin, dass seine Personen Fixierungen, in die sie geraten, immer wieder auflösen, die Sicht des anderen nachvollziehen, sich oft relativieren, nicht fertig und abgeschlossen sind. (Oft zeigt es sich aber auch als eine Schwäche und Inkonsistenz des Autors: Personen werden als Charaktere eingeführt, die aber sobald sie zu reden anfangen, diesen Charakter verlieren und nur noch den diskursverliebten Autor zeigen: deutlichst bei Patty, die zuerst als „verträglich“ geschildert wird, sich dann aber in den Dialogen so streitlustig wie alle anderen Figuren darstellt. Ebenso Walter, der nur aus der Sorge für andere zu leben scheint, dann aber den misanthropischen Tyrannen spielen muss).
Gut - alles ist relativierbar: Walters idealisierte Vogelwelt wird von Lalitha etwa ganz anders gesehen; nämlich als Reich von Fressen und Gefressenwerden. Der Autor lässt sich alle Sichtweisen offen. Die Finanzwelt bricht zusammen, scheinbar überzeugende Erlebnisse von Sex werden in kurzer Zeit wertlos, Familien, die scheinbar intakt wirken, zerfallen plötzlich, die teuren unheimlich attraktiven Spielzeuge der Kinder werden nach 14 Tagen reizlos. Was bleibt? Da ist etwa die passive, „hündische“ Liebe von Connie, ist der Starrsinn des dementen Vaters in den „Korrekturen“, ist die selbstaufopfernde Beharrlichkeit von Patty am Ende der „Freiheit“. Es sind die durchgehaltenen familiären Beziehungen, die die Basis der Welt von Franzen ausmachen, die sich auch den `Korrekturen´ der Aussteiger widersetzen und sich am Ende durchsetzen.
Gerade die Tatsache, dass Gesellschaft und Politik hoffnungslos korrupt und moralisch verkommen ist, macht die Familie zu einem sicheren Hafen und die Ausbruchsversuche bestätigen die Bedeutung stabiler familiärer Beziehungen. Das ist merkwürdigerweise die linke Botschaft von Franzen in der bürgerlich korrupten Welt der amerikanischen Konservativen und Republikaner. So ist es auch mit der „Freiheit“, die einerseits als Parole der Profitmaximierung und gesellschaftlichen Skrupellosigkeit, der Verschwendung und Ausbeutung missbraucht wird, andererseits aber gerade wieder von den Konservativen mit ihren reaktionären Konzepten eingeschränkt wird bis zur Parodie. So, wenn mit der Terrorismusbedrohung die Menschen klein, nieder und dumm gehalten werden, wozu sie als Amerikaner wohl deutlich sichtbarer neigen als andere Nationen, von denen man Intelligenz noch weniger erwartet..
Zurück zum Arbeiterroman, der von Franzen nicht geschrieben wurde. Die Arbeiter sind bei ihm nur Schlamper, Pfuscher, Faulenzer wie in den „Korrekturen“ oder korrumpierbare, emotional manipulierbare Größen, die ihr Ziel nur darin sehen, gut verdienende und gesicherte Mittelschicht zu werden. Sie riskieren nichts, steigen nicht aus ihrem Alltagsleben aus, entwickeln keine Perspektiven, sind nur benutzbar. Sie haben kein erkennbares Bewusstsein, sehen sich nicht vor wirkliche Entscheidungen gestellt und lassen sich nur von Gewohnheiten, Umwelt, Zwängen, der inneren Faulheit und Gier leiten.
Ich führe hier den Begriff des „Schrottmenschen“ ein. Im christlich-jüdischen Weltbild, genauso wie der seiner daraus gewachsenen Kritiker, ist der Blick auf das Leben ein historischer. Da gibt es einen Ursprung, eine Genesis, dann kommt es zu Entfremdung, der Vertreibung aus dem Paradies, der Erfahrung des Lebens als Unglück und Unheil, führt zur Unterscheidung von falschem und richtigem Leben, zu Vorstellungen von Endzeit oder historischer Tendenz hin zum Paradies - oder Kommunismus. Bei Nietzsche fängt mit dem Tode Gottes die Freiheit des Menschen an, auch der Freiheit von Sinn. Geschichte soll beendet werden, der Mensch das werden, was er ist.
Daran gemessen erscheinen viele Menschen nur als destruktive Tiere, die sich auf der Erde wie die Pest ausbreiten, sich nur reproduzieren, die Erde zerfressen ohne zur Lösung der großen Menschheitsfragen beizutragen, nicht mehr die elementaren menschlichen Fragen angehen - nach dem Sinn menschlicher Existenz, nach Glück. Weil sie nicht fragen, nicht nachdenken, bewusstlos sind, vermaterialsieren sie alles, setzen alles aufs Überleben und sich Verbreitern, können sich nicht einschränken, werden maßlos und destruktiv, reproduzieren nur, ohne etwas Neues zu schaffen. Schrottmenschentum.
In diesem Sinne kämpft Walter gegen die Überbevölkerung – ohne dabei zu differenzieren zwischen einem Inder und einem Amerikaner, der zwanzigmal destruktiver ist. Zwar ist die Masse der Armen destruktiv, aber noch viel mehr die Minorität der Reichen, der entwickelten und sich viel zu langsam „selber abschaffenden“ Erste Welt.
Der Idealisierung der Natur und der Tiere liegt ein falscher menschenfeindlicher Zug zugrunde. Da ist etwa die bewunderte Mobilität der Vögel. Aber parallel dazu wird in Franzens Welt viel gereist, umgezogen, ist viel Bewegung durch die Welt., nach Europa, in die baltische Staaten, nach Lateinamerika – und verschwendet mit dem darin enthaltenen Bewegungsdrang Öl, erzeugt Treibhausgase. Die Entwicklung der Individuen bei Franzen ist verknüpft mit Reisen, Autos, Fliegen und damit der Zerstörung der Welt und der Mitmenschlichkeit.
Aus der Fatalität der Verknüpfung von technischer Welt und menschlicher Dynamik findet Franzen keinen Ausweg. Nur eine widersprüchliche und relativierbare Ausflucht in die Idealisierung der Vogelwelt. Nicht, dass die nicht erhaltenswert wäre, aber ohne eine neue Technik mit menschlichem Maß wird es nicht möglich sein, die Natur zu erhalten.
Weiter zum Schrottmenschentum: Etwa die Geschwister von Patty: Veronica, Edgar, Abigail, sie gehören dazu, weil sie weder produktiv sind, „arbeiten“, noch sich selber relativieren können. Es geht ihnen nur darum von den Zuwendungen und der Arbeit anderer Menschen zu leben. Selbst wenn sie arbeiten, tun sie es ungern und gegen ihren Willen, ihr Ziel ist die Nichtarbeit, sie finden keinen Ausweg in eine freie produktive Welt.
Hier stellt uns Franzen Arbeit als Wert vor. Da sind immer wieder die handwerklich Tätigen, so Richard und Walter in „Freiheit“ oder der Vater, die kochende Schwester in den „Korrekturen“. Ihr Handwerkertum ist Teil ihres stabilen, verlässlichen und vertrauenswürdigen Charakters, Gegenpol zu einer hysterische Konsum- und Scheinwelt. Aber das hat keine gesellschaftlich politische Implikation, ist nur ein sympathischer Charakterzug und nicht mit der Utopie und Leidenschaft der Menschen versöhnt. Weil es auch ein technisch-politisches Konzept ist; der Frage, wie sich fair zusammenleben lässt, mit welcher Technik, mit welchem Verhältnis zur Natur.
Weil das Problem nicht angegangen wird, haben die Lösungen in Franzens Romanen den Charakter der individuellen Beliebigkeit – Vögel oder „FreiRaum“ oder Katzen oder dies oder jenes. Auch das Ende von „Freiheit“ wirkt klischeeartig, nicht wirklich versöhnt, falsche Positivität in einer vielleicht unheilbar kranken und zum Tode verurteilten Welt.
Vielleicht hat Adorno mit dem „Endspiel“ recht, recht auch gegen Goethes Faust, wo am Schluss in vermeintlich produktiver Aktivität die Sümpfe trockengelegt werden (und die Natur zerstört).
Oder es muss die Frage nach Technik und Arbeit und Zusammenleben konkret gestellt und Neues versucht werden. Was in einen Roman nicht mehr passen und den Bereich des Entertainments verlassen würde.
Auf diesen Weg begibt sich Franzen nicht.