Montag, 25. April 2011

„Marx reloaded“ - Warenfetisch

Die Finanzkrise hat alles wackeln lassen und die Nostalgiker glauben Marx wieder hervorholen zu können. Natürlich nur, um darüber zu schwätzen. Das Wiederkäuen der alten Sprüche.
Es ist aber unmöglich über Marxens Sätze zu reden, ohne die Geschichte, die sie hervorgebracht oder verunmöglicht haben zu bedenken.
Da ist etwa dieser Warenfetisch. Weil es so richtig niemand verstanden hat, was Marx eigentlich Skandalöses damit meint, glaubt jeder, sich seinen eigenen Reim darauf machen zu können. Am ulkigsten hier Bolz, der mit seiner Interpretation den Vogel abschießt: „spiritueller Mehrwert“, „fast“.  Andere mühen sich mit Marxzitaten.
Marx steht hier eindeutig in der Hegelschen Tradition. Dort ist die Geschichte eine der Begriffsbildung hin zur Vernunft, Wirken des Geistes. Dieser Geschichtsprozess vollzieht sich in der Vergegenständlichung, Außer sich setzen der Dinge, auch durch Arbeit – bei Hegel ist Arbeit dem Fortschreiten des Begriffs nicht unähnlich – und der Aneignung vom An Sich zum Für Sich und An und Für Sich. Der junge Marx handelt das noch als Entfremdung ab. Den arbeitenden Menschen tritt in der kapitalistischen Lohnarbeit ihr Produkt als selbständige Macht, als eigenes Ding entgegen, ihre eigene Subjektivität nimmt objektive Züge an und erzeugt ein falsches Bewusstsein. Die produzierten Dinge führen ihr Eigenleben und lassen ihre Produzenten nicht mehr erkennen.
Wie auch immer, Frage ist, ob der dann daraus folgende Verdinglichungsprozess derart schrecklich ist, dass die Menschen in die Krise getrieben werden und sich aus ihr dann revolutionär herausbewegen. Sicher bedingt der Warenfetisch falsches Bewusstsein, falsche Beziehungen, wo Menschen sich frei vorkommen, während sie in Wirklichkeit Funktionen des Kapitalverwertungsprozesses sind.
Aber warum hat sich diese Verdinglichung historisch durchgesetzt, angefangen von der Tauschwirtschaft der Griechen über die christliche Pflege des Privatlebens bis zur hochkapitalistischen Marktwirtschaft heute? Warum haben sie die feudalen Produktionsverhältnisse überwunden und abgelöst? Meine einfache These: weil die Verdinglichung der Warenform, „Warenfetisch“, die Versachlichung der sozialen Beziehungen in der Warenform den Individuen die Emanzipation aus repressiven sozialen Gemeinschaften ermöglicht. Damit wird diese Verdinglichung zur Voraussetzung und zum Motor der Individualisierung. Soziale Verhältnisse nehmen daneben selber verdinglichte Formen an: Lohnarbeit. Die Menschen organisieren sich in Wertgrößen, messen ihr Glück in Wertgrößen, motivieren sich mit diesen „Werten“, schätzen ihren Selbstwert damit und strukturieren ihre Beziehungen entlang der Wertlinien.
Was dabei untergeht ist schwieriger zu definieren, eben weil dem die relative Eindeutigkeit von Preisgrößen fehlt. Es ist individuelles Gefühl, Lust und Unlust, Anerkennung oder Verachtung. Diesen Kategorien fehlt die Eindeutigkeit und die scheinbare Objektivität der Wertgrößen und schon deswegen orientieren sich viele Menschen in ihrer Bewertung an den Kategorien des Warenfetischs. Komplexitätsreduktion würden´s andere nennen.
Was ist die Alternative zum Warenfetisch?
Es ließen sich nennen: Planwirtschaft, Kommunitarismus, Gemeinschaft, Familie, Nichtauschbeziehungen. Das Problem, das viele Menschen mit solchen Institutionen haben, ist, dass sie die Angst oder das Gefühl haben, darin ihre Freiheit zu verlieren. Man denke etwa an Diskussionsprozesse innerhalb der Linken, wo versucht wurde, basisdemokratische Prinzipien radikal auszuleben – oft in schwer erträglicher und langwieriger Weise. Meistens ist für Menschen aufgewachsen in bürgerlich dominierten Institutionen der Gedanke an Öffentlichkeit und öffentlicher Willensbildung eine Horrorvorstellung. Man denke an mobbende Klassengemeinschaften, autoritäre Lehrer, destruktive Beziehungen mit dominanzsüchtigen Menschen. Im Verhältnis dazu ist die Vorstellung seine Sache unter sogenannten „verdinglichten“ Verhältnissen, sei es Lohnarbeit oder Kauf von Dienstleistungen,  durchzuziehen eine angenehmere Vorstellung.
Was ich derzeit mache; Bau eines Passivhauses, Aufbau einer kleinen Landwirtschaft, gehört in diese Struktur. Eine ökologische und sozial gerechte Entwicklung wird es nicht geben, die kapitalistischen Strukturen werden sich ausweiten. Selbst wenn es Krisen gäbe, etwa wie die Finanzkrise, die Energiekrise, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit kapitalistischen Methoden gelöst wird, größer. Zwar gibt es ein diffuses linkes Bewusstsein, aber keine Voraussetzungen für eine revolutionäre Praxis. Zu diesen Voraussetzungen würde vor allem: Rücknahme der Arbeitsteilung, Reduktion des Konsums, eigene Produktivität, gleiche Bedingungen für alle und demokratische Willensbildungsprozesse ohne die Dominanz der heutigen Mittelschichtsinstitutionen gehören. Das ist nicht absehbar und deswegen bleibt mir nur eine Bewegungsform innerhalb der kapitalistischen Strukturen. Ohne Aussicht auf Veränderung.


Montag, 18. April 2011

Zur Kritik von Adornos Körperanalyse

In einer multidimensionalen Welt gibt es auch für die Moral keine eindeutigen Maßstäbe mehr. Der war für Adorno das Leiden. Das ließ sich von ihm implizit leicht auf körperliches Leiden pointieren. Oder es wird mindestens vom Leser so verstanden. Merkwürdigerweise ist bei Adorno wenig die Rede von der Erfahrung der Beschämung, Herabsetzung und Entwürdigung, viel aber von den Gewalttaten des Sports, der faschistischen Folterer. Aber auch nicht von der sinnlichen Erfahrung des Menschen auf ein physisches Maschinenteil. Es war ihm fremd. Er stand auf der anderen Seite.
Die Reduktion der moralischen Motivation auf Vermeidung von Leiden führt naturgemäß zu einer impliziten Fehlbewertung der körperlichen Arbeit als zu vermeidender. Selbst im Sport, ansiedelbar im Freizeitbereich und der individuellen Beliebigkeit, sieht er nur die kapitalistische Maschinerie am Werk.
In der Abwertung des Sports ist eine alte altruistische Moral enthalten, die Selbstlust, die Lust an dem Wirken des eigenen Körpers verbieten will. Diese altruistische Moral wirkt im Gefolge heteronomer autoritärer Traditionen, deren religiöser Ausdruck etwa das Christentum war. Gut ist nur die körperliche Lusterfahrung im Dienste des Anderen.
Es geht mir nicht um die Denunziation der altruistischen Moral, sondern um ihre Relativierung, Denn auch im Erlebnis von Lust und Unlust, Leiden und Glück des Körpers stehen wir als Personen einem Anderen, einer „Natur“ gegenüber, wie wir es gegenüber anderen der Gesellschaft, oder „Gott“ tun würden, wenn auch in einer anderen zwingenden und unmittelbareren Erfahrung. Denn das, was wir als unsere Natur interpretieren ist schon durch die gesellschaftlichen Begriffe und Erkenntnisse vorinterpretiert, damit eingeschränkt, bewertet, herausgehoben und verdrängt. Es gibt keine unmittelbare Erfahrung. Ein physischer Prozess geht nie unmittelbar in dessen Wahrnehmung und Interpretation durch den Wahrnehmenden und das Bewusstsein auf. (Gehirnforschung ignoriert diese erkenntniskritische Voraussetzung).
Historisch gesehen hat Arbeit einen Prozess der Entwertung durchgemacht. Herrschaft und Unterwerfung lassen sich leicht als Arbeitsvorgang beschreiben: jemand bückt sich, kniet nieder, leidet, führt aus. Der Arbeitende hat es oft mit der Schwerkraft zu tun. Er muss hochheben, sich nach unten bewegen. Er hat es zu tun mit Dreck und Erde. Er bewegt sich unten, den Blick nicht gerichtet in den blauen Himmel nach oben. Da wo der Geist, wo Gott, die Gedanken angesiedelt sind. Der Geist „schwebt über dem Wasser“. Die Polarität von Unten und Oben macht die Arbeitsbewegung aus. Man spricht von Höherentwicklung und niemand will nach unten gehen. Das ist der Ort des Todes, die Unterwelt. Andererseits war eine der typischsten Ausbeutungsarbeiten die unter der Erde. Da wo auch die Hölle angesiedelt wurde. Die Himmelfahrt geht aber wieder nach oben.
Diese Polarität ist religiös überformt worden.
Wäre es aber nicht eine gegenüber der menschlichen Natur gewaltsame Beschönigung der Arbeit, diese Polarität von Unten und Oben, diese uralte kulturelle Dimension jetzt einfach anders zu interpretieren und umzuwerten?
Es geht mir aber nicht um das simple Lob der körperlichen Mühen und Leiden. Sicher ist, das in körperlicher Arbeit mehr lustvolle Erfahrung enthalten ist als gesellschaftlich wohlangesehen ist. Sicher gibt es auch eine Verquirlung körperlicher Aktivität mit Masochismus – wir können uns eben nicht so einfach aus unseren historisch gewachsenen Voraussetzungen lösen. – Mir geht es bei der Einbeziehung der körperlichen Arbeit in die Emanzipation der Arbeiterklasse um deren Rekonstruktion als autonome und sinnvolle Äußerung des Menschen.
Das bedeutet, dass der Herrschaftsanteil in Arbeit wahrgenommen und sie durch die Hereinnahme der Kopfarbeit wieder autonom wird. Historisch hat eine Enteignung der Kopfarbeit stattgefunden; sie wurde aus dem körperlich Arbeitenden herausgenommen und unabhängig von ihm fortentwickelt.
Es kann dabei nicht um ein Utopia gehen, sondern einen Prozess der größtmöglichsten Aneignung der Kopfarbeit durch den Handarbeiter. Wesentliche Elemente dabei die Vergesellschaftung und Nationalisierung der energetischen Prozesse, Begrenzung der Globalisierung, betriebliche Demokratisierung, technikadäquate Ausbildung.


Freitag, 8. April 2011

Eine neue Einschätzung der körperlichen Arbeit?

Meine These vom letzten Eintrag lässt sich so zusammenfassen:

Die Linke hat Befreiung der Arbeit als Thema nicht ernstgenommen. Statt dessen war ihr implizites Ziel die Befreiung von Arbeit. Dem sollte Technik und Wissenschaft dienen. Da die Arbeiterbewegung repräsentiert wurde von der in die Mittelschicht aufstrebenden Intelligenz förderte diese einen negativen Begriff körperlicher Arbeit und selbst da, wo sie wie im Stalinismus anscheinend verherrlicht wurde, diente dies der Kontrolle der Arbeit durch die Intelligenz aus bürgerlichem Milieu.
Im Kapitalismus und den mit ihm konkurrierenden Systemen gilt eine Priorität der Kopfarbeit. Es führt in der Verflechtung mit dem Profitprinzip auch zu einer Differenzierung, einer immer weiter gehenden Arbeitsteilung in der Gesellschaft - und verhindert in gleichem Maße eine Autonomie der Arbeit und Arbeiterklasse.
Ist es möglich, diesen schon lange vor sich gehende Prozess rückgängig zu machen, oder so umzugestalten, dass diese wachsende Trennung von Kopf- und Handarbeit aufgehoben und Arbeit wieder demokratisch und autonom strukturiert werden kann?
Bei mir ist das eine politische Forderung, Grundbedingung für jede gesellschaftlich zu fördernde Veränderung. Aber gibt es in der gesellschaftlichen Entwicklung Tendenzen, Krisen, Konflikte, die in diese Richtung drängen?


Gesellschaft befasst sich permanent mit dem Körper. Es ist ein alles durchziehendes Thema - angefangen von Themen der Gesundheit, von Sex, von Sport, von Physikalismus bis hinein in die Philosophie und Interpretation von Geschichte und Existenz - aber in gleichem Maße wie der Körper als Thema auftaucht, verschwindet die körperliche Arbeit, wird zum Unthema, zu etwas, was zu vermeiden ist, was der Dritten Welt übertragen wird, dem Öl, der Atomkraft, früher den Tieren.
Es gibt in der Geschichte des Abendlands eine Flucht aus der verfluchten Arbeit in eine virtuellen Welt, in der sich alles im Kopf abspielen will. Wissenschaft und Technik haben da die Religion nur fortgesetzt.

Es wäre falsch, dieser historischen Tendenz deswegen zu widerstehen, weil sie Traditionen oder einer angeblichen Natur des Menschen widerspricht, weil es diese Natur vielleicht nicht gibt, weil es immer nur vorübergehende Balancen oder Gleichgewichte zwischen unterschiedlichen Bedürfnissen usw. gibt. Durch sich verändernde historische Bedingungen, wie jetzt bei der Erschöpfung der Erdölreserven, verändert sich diese Balance.

Eine nicht nur esoterische Analyse muss also einmal die sich abzeichnenden Krisentendenzen der Intelligenzentwicklung analysieren und hinterfragen, ob sie gesellschaftliche Veränderungen grundsätzlich notwendig machen, zum anderen muss gefragt werden, wie die körperliche Natur des Menschen unter diesem Primat der Intelligenz sich verhält.