Nicht weil ich zu Allem meinen Senf abgeben muss, sondern weil ich in der forensischen Psychiatrie einige Zeit in einer subalternen Position gearbeitet habe. Dort waren Delinquenten, die vom Gericht wegen verminderter Zurechnungsfähigkeit in die Forensik eingewiesen wurden. Das Pfleger-Patientenverhältnis war ca. 1 zu 1. Die „Therapie“ bestand aus ca. 6 Stunden Arbeit mit sehr beschränkten Auswahlmöglichkeiten in Küche, Montage, Wäscherei, Gärtnerei, Abfall. Daneben Sport, „Kunst“ und ähnliches. Schwerpunkt der Therapie war die Medikation, teilweise stark sedierend, dann im Forum, wo das Ziel war, dass die Patienten die Verantwortung für ihre Delikte übernehmen sollten. Delikte dort reichten von Tötung, Brandstiftung, pädophilen Übergriffen zu bedrohlichem Verhalten unter Einfluss von Psychosen.
Über die Konzeption der Therapie wurde von den Ärzten entschieden. Obwohl ihr Konzept eher liberal war, war der Schwerpunkt doch die Medikation und disziplinarische Erziehung. Interventionen vollzogen sich in der Regel um die Verabreichung von Medikamenten und Verhaltensdisziplin, die Konflikte um die Anstaltsordnung. Es gab Psychologen, in der Regel verhaltenstherapeutisch orientiert, es gab den Versuch zu einer Enthierachisierung durch eine relativ kollegiale Führungsstruktur, es gab – sehr locker – eine Supervision.
Die Pfleger dominierten den Alltag. Sie hatten übliche Krankenpflegerausbildung mit einer zweijährigen Zusatzausbildung. Fortbildungen wurden großzügig gewährt. In der Regel waren die Pfleger auf die Einhaltung der Regeln orientiert, Themen waren die Schuldzuweisung und Verhängung von Disziplinarmaßnahmen. Ursachen, Motive biografische Hintergründe standen nicht zur Diskussion. Ich konnte bei ihnen auch kein psychotherapeutisches Konzept erkennen. Typisch ihr Fernsehkonsum bei Nacht: Actionfilme, Privatfernsehen etc., dazu Egoshooterspiele auf der Playstation. Ich habe keine/n sich mit Fachliteratur beschäftigen gesehen. Wäre ich selber Patient gewesen, hätte ich vielleicht ein oder zwei von ihnen ertragen können. Ich konnte froh sein, dass nach einiger Zeit meine Stelle aufgelöst wurde. Ich hatte von dieser Schicht mehr erhofft. Ihr im groben Ganzen gesehenes menschenfeindliches Verhalten hat mich deprimiert und desillusioniert, zeigte mir wie unsere Gesellschaft hoffnungslos eingeschlossen ist. Im Gegensatz zu dem Bild der angeblich armen und überforderten Krankenschwester haben diese Kollegen recht gut verdient, viermal so viel wie ich. Ihr Privatleben war oft geprägt von Scheidung, Beziehungsproblemen, Single-Leben. Am erträglichsten oft die, die ihrer Arbeit indifferent gegenüberstanden und ihren Schwerpunkt anderswo hatten und die Arbeit nur als unliebsame Unterbrechung ihrer Freizeit ansahen.
Die nachträgliche Sicherverwahrung soll in solchen Institutionen erfolgen. Das kann nicht sinnvoll sein.
Da hat ein Täter seine Strafe abgesessen, manchmal viele Jahre. In der Zeit hat er seine Taten nicht im Sinne einer Bewältigung aufarbeiten können, sondern in der Regel sich nur mit sich identifizieren müssen oder können, hat seinen Charakter als nur verfestigt. Dann soll nach diesem Prozess plötzlich eine Therapie möglich sein? Die müsste doch zuerst eine Therapie der vorausgegangenen Bestrafung sein.
Der Begriff der individuellen Schuld und Verantwortung ist zwar notwendig zur Aufrechterhaltung einer gewissen gesellschaftlichen Ordnung, ist aber nie ein Konzept Fehlverhalten zu korrigieren, pathologische Charaktere zu therapieren.
Was wäre nötig?
Ich bin überfordert, ein Konzept für alle Fälle zu entwerfen. Einerseits sind Zwangsmaßnahmen notwendig, andererseits läuft eine Verhaltensänderung nur über Einsicht und Freiwilligkeit, Das begleitende Personal muss die Dialektik von Zwang, Strafe und Kommunikationsproblemen bei sich selber fühlen, wahrnehmen und damit umgehen können, bevor sie andere zu ihrem Opfer machen.