Sonntag, 9. Januar 2011

KEINE DISKUSSION MIT AUTOFAHRERN

Meine Kinder, meine Schwester, und viele mehr sind Autofahrer. Ich diskutiere mit ihnen darüber nicht. Obwohl ich doch sonst eher zu denen gehöre, die die Diskussion, manchmal auch die zurechtweisende Kritik mögen. Ist es nur das verwandtschaftliche Verhältnis, das "Blutsband", das mich davon abhält, meine Kritik zu äußern? Es ist klar, dass ich ihren Standpunkt nicht teile, es bleibt unausgesprochen. Aber es bleibt eine Spannung, oft sogar gefährliche Hochspannung. Für mich ist Autofahren oder nicht die Wasserscheide, das Beurteilungskriterium der politischen Glaubwürdigkeit anderer Menschen.

Es gibt Ausnahmen: weite Entfernung zu öffentlichen Verkehrsmittel, schwierige Verkehrsverhältnisse im Winter, Altersschwäche. Aber das sind kleine Ausnahmen. Wege bis 6 km sind gehbar - mit Rad ohnehin kein Problem.

Für Menschen in einer globalen Welt gibt es in der Regel kein Recht, mehr von den Ressourcen der Erde zu verbrauchen als andere. Öl ist zu wertvoll, als dass es für sinnlosen Transport von schweren Fahrzeugen verwendet wird. Sinnvoll ist sein Einsatz für: Wärmedämmung, Materialien in Maschinen und ähnliches.

Die Motive der Autofahrer sind aber nicht der ökonomische Transport, sondern die Identifikation mit den herrschenden Normen, die Ausübung von Macht, das Erlebnis von Getragenwerden und Potenz. Jemand, der mit dem Auto fährt, zeigt, dass er nicht zu denen Unten gehören will, die nur ihren eigenen Körper haben, die körperlich arbeiten müssen, die niemand haben, den sie anleiten, anweisen und kontrollieren können, die nur ihr eigenes Objekt sind. – Von solchen Menschen ist keine Solidarität, kein Sozialismus zu erwarten. Sie werden immer ihren eigenen Vorteil suchen, eine herausgehobene Position. Sie werden immer mit der Herde rennen, sie haben keine Zivilcourage.

Autofahren zeigt auch die Unfähigkeit zu rationalem Denken. Rationalität würde ihr Ego, ihre Bedürfnisse nur einschränken und wird deshalb nur scheinhaft in der Ausweitung des eigenen Egos, der Bereicherung und der Kontrolle über andere Menschen praktiziert. Als soziale Rationalität, als Reflexion der Gerechtigkeit, verkümmert sie zum sozialen Schwachsinn.

Wie soll es also mit meinen Lieben weitergehen??
Soll es??

Samstag, 8. Januar 2011

GOTT IST TOT - - - DIE ARBEITERKLASSE AUCH?

Ist es nicht sektiererisch illusionär von „Arbeiterklasse“ zu sprechen. Wo macht sie sich schon bemerkbar, gar als revolutionäre? Lässt sich mit ihr noch ein sozialistisches Zukunftsprojekt verbinden?
Ist sie nicht zum verwalteten Objekt der Arbeiterparteien, Gewerkschaften, Sozialpolitik, also der Mittelschicht geworden? Kann nicht jeder Arbeiter froh sein, dass er überhaupt noch Arbeit hat und marxistisch gesprochen „ausgebeutet“ wird, dass er „Mehrwert“ produziert? Und sind das nicht nur arme Schweine, die weniger als das Durchschnittseinkommen eines Arbeiterhaushaltes von unter 3000 € verfügbarem Einkommen je Monat ausgeben können (siehe meinen Blogeintrag vom 29.9.10: http://abbruchstuecke.blogspot.com/2010/09/hartz-4.html).
Ich würde einwenden, dass sich das Konzept der Arbeiterklasse nur bedingt festmachen lässt an der empirischen Arbeiterklasse, also an den Arbeitern wie sie derzeit konkret sich verhalten. Komme dabei aber in die Bredouille, dass mir vorgeworfen kann, damit in die leninistische Falle von Arbeiterklasse „für sich“ und „an sich“ zu geraten; damit sie zur Klasse „an und für sich“ wird bedürfe sie der Agitation und „Vernunft“ der bürgerlichen Intelligenz. Im leninistischen Konzept ist die Arbeiterklasse nur Werkzeug und Steigbügel zur Macht für bürgerliche Intelligenz, kann dann, wie bei Stalin, als widerspenstig ausgerottet und durch eine andere ersetzt werden.
Lenin sah die westeuropäische Arbeiterklasse als korrumpiert und subaltern an und verließ sich deswegen auf seine eigene historische Orientierung – meist gegen die empirische Arbeiterklasse. (Die Orientierung des späten Lenins an Hegel hängt damit zusammen).

Ich gebe zu, die Idee der revolutionären Arbeiterklasse und des Sozialismus lassen sich nicht an den unmittelbaren empirischen Interessen der Arbeiterklasse festmachen. Aber der Verweis auf die „wahren Interessen“ macht sich als volkspädagogisch, religiös verdächtig. Er würde eine falsche Übereinstimmung vortäuschen. Stattdessen ist es notwendig, die Differenz zum richtigen Handeln und die Bedeutung des eigenen Verhaltens an der Systemaufrechterhaltung bewusst zu machen. Nicht als wohlmeinende Interpretation und vorgeblichem Verständnis, verführerisch cleverer Parole, sondern als Diskurs, Streit, Widerspruch.

Darüber hinaus impliziert das Konzept der „Arbeiterklasse“ die Priorität der Arbeit gegenüber der Verteilung. Der Kern einer demokratischen Gesellschaft muss die gerechte Verteilung und Organisation der Arbeit und der Ressourcen sein. Es ist eine technische wie eine soziale Frage. Dazu ist Dezentralisierung, Vereinfachung der Technik und eine neue technische Bildung, die Integration des historisch erworbenen Wissens notwendig.

Ist das nicht Wolkenkuckucksheim?
Aber was ist die Alternative? Fortschreiten der Spezialisierung, Zentralisierung der Kompetenz, des Wissens und der Macht bei wenigen, Unsicherheit bei der Mehrheit und sich daraus ergebendes irrationales Panik- und Konkurrenzverhalten? Was wird sein, wenn dieses hochkomplexe System plötzlich zusammenbricht – nicht mehr außer Möglichkeit? (Aktuell gesehen ist die Bedrohung einer schweren Finanzkrise nicht vorüber.)

Dieser Entwurf hat wohl nichts mehr zu tun mit der Marxschen Vorstellung, dass sich Zukunft naturwüchsig aus der Gegenwart entwickelt. Als derzeit nur intellektuelles Konzept, Traumstück, moralische Schlussfolgerung ist es die einzig möglich menschliche Zukunft.

Aber es geht bei dem Begriff der „Arbeiterklasse“ nicht nur um Moral, das Wahre Schöne Gute, sondern auch um eine Weise der Wahrnehmung und Erfahrung, die ein Arbeiterleben prägen: die Erfahrung der Öffentlichkeit als Verrat und Betrug, von Lüge und Theater, von Demütigung, Verletzung, Erniedrigung. Es ist eine spezifische Weise, die Welt zu sehen und darin Prioritäten zu setzen. Es gibt Weisen der Verarbeitung der Welt und der Reaktion darauf. „Arbeiterklasse“ hat auch etwas zu tun mit spezifischen Lebenserfahrungen, die nur der teilt, der diese Lebensumstände erfährt. Diese Erfahrungen prägen Gefühlseinstellungen, prägen den Leib und seine Wahrnehmung und Ausdrucksweisen.

Wenn die deutsche Arbeiterklasse keine Mehrheit in der deutschen Gesellschaft durch die Rekrutierung der internationalen Arbeiterklasse ausmacht, heißt das nicht, dass Arbeit nicht Basis des Lebens ist und dass fundamentale Demokratie dabei anfängt. Die „Dienstleistungsgesellschaft“, die gern als Geschütz gegen den Begriff der Arbeiterklasse aufgefahren wird, ist nicht der Gegensatz zu Arbeit. Es werden dort genauso gesellschaftlich notwendige und für den Profit notwendige Arbeiten verrichtet. Alles andere wäre Steinzeitmarxismus für Einfältige. (Ein großer Teil der Dienstleistungen haben aber nur die Funktion der Erhaltung und Pflege der Klassengesellschaft und sind objektiv nicht notwendig.)

Ich lasse mir vorwerfen, dass ich die Eigendynamik dieser modernen kapitalistischen Gesellschaft nicht richtig voraussehen kann, ihr Entwicklungspotential und inneren Widersprüche und die Anpassungsfähigkeit der Menschen daran, nicht näher beschreiben kann. Ich gehe von einem Postulat „So sollte es sein!“ aus und leite aus der Abweichung davon mögliche Probleme ab. Diese Problemzonen – wie etwa jetzt die Finanzkrise – sind prinzipiell technokratisch lösbar, ja, sieht man etwa auf die seelischen Probleme der Individuen, sie lassen sich sogar systemverstärkend lösen durch Pharmazie, psychotherapeutische Kreativkultur, wachsende Individualisierung. Zwar weiten die technokratischen Problemlösungen die vom Kapitalismus, seinem Profitprinzip beherrschten Zonen immer weiter aus – in der Bildung, im Gesundheitswesen, in der Natur usw. – aber wann dann endlich die Grenzen erreicht sind und ob nicht neue Wege der kapitalistischen Progression entwickelt werden, lässt sich nicht vorhersehen.





Sonntag, 2. Januar 2011

Neues Jahr

Regelmäßig an Sylvester sinkt meine Laune und meine Gefühle ziehen sich weiß Gott wohin zurück. Während andere es knallen lassen, habe ich Mühe gute Miene zum bösen Spiel zu machen.
Ich schaue mir den Blödsinn im Fernsehen an - gnadenloser Quatsch. Von ARD und ZDF braucht man nicht zu reden, das ist Idiotie pur. Ich schaue nach Spanien: Flamenco und viel sichtbares Fleisch, jamones und Brüste. Hier beim „Kulturkanal“ „Arte“ Sting mit seiner wohl miesesten Musik: die immergleich tranigen Melodien – bei Police immerhin rhythmisch aufgepeppt – in einer primitiven RoyalPhilharmonicSoße, nicht einmal der Busen der Backgroundsängerin gab was her. Dann eine Teenieband bei „1-Festival“, nettes Mädchen, aber melodisch Kinderlieder mit Schlagzeug punkartig zerschlagen. Texte – zum Glück? – unverständlich. Eine Band, die überall auf der Welt spielt, aber ohne Ahnung zu haben, wo.
Vorher üppiges Essen. Weil das zum sozialen Zusammenhalt gehört. Familienfest. Statt sich gegenseitig aufzufressen.
Draußen Knallerei. Denk an meinen Vater, der das nicht ausstehen konnte. Vor dem Krieg gesellig und lustig, nachher ernst und miesepetrig. Keine Spielzeugpistolen für mich, geschenkte verschwanden. Die Wiederaufrüstung der BRD war ihm ein Horror, anders als für die Mehrheit der (…) Deutschen. Also gab es auch keine Sylvesterböller. Ich konnte sie vom kalten Schlafzimmer aus leuchten sehen. Den Drang zu töten hat er damit aber weder in sich selber, noch in mir abtöten können. Vielleicht kam eine Bremse der Vernunft zwischen Drang und Wunsch. (- Vielleicht).
Warum geböllert wird? Angst vor dem Neuen im Neuen Jahr, der Wunsch, dass doch alles beim Alten bleibe? Wird etwas gefeiert oder geht es mehr um die Vertreibung der bösen Geister, des Gespensts der …?
Mit Neujahr kommt eine mythische Zeitwahrnehmung ins Spiel, die der Wiederholung, der Jahreszeiten mit samt dem Schrecken, dass die Nacht den Tag schluckt und der Freude, dass die Nacht die Sonne wieder freigibt. Gleichzeitig leben wir in einer linearen Zeit, wo die Rhythmen der Jahreszeiten gleichmäßig klimatisiert sind, zum bunten Background werden, aber nicht mehr essentiell für das exponentiell oder linear wachsende Kapital. In dieser Zeitsicht wird dann der Tod anders als in der mythischen sinnlos. Aus dem Vergehen wächst nichts Neues.
Die adäquate Musik wäre Bruckners Neunte. Nicht weil sie religiös ist, da die Musik sich in neuartigen Klangwelten abspielt, jenseits auch von religiösen Texten Projektionen menschlicher Seele entwirft, weil sie dynamische Kräfte offenlegt, die in uns sind, Utopien der Versöhnung leuchten lässt.