Der Versuch, Sozialismus einzuführen, ist ein illusionärer. Nie gab und nie gibt es verlässliche soziale Strukturen.
Sieh mal, wenn jeder das Gleiche hätte, und er würde daraus, das was er braucht produzieren, meinetwegen noch mit Überschüssen und privaten Kunstfertigkeiten ein bisschen handeln, ohne dass sich dabei ein Reichtum heutiger Art ansammeln würde oder durch Rückführungen a là Jubeljahr könnte. Das wäre nett und schön, aber wir leben nicht allein auf der Welt. Wenn Du von monopolistischen und aggressiven Ländern und Völkern umstellt bist – ist der Internationalismus nicht ein Traum? - dann wird deine sozialistische Spielwiese einfach weggeputzt. Dazu braucht es nicht einmal Gewalt. Wie man in Afrika sieht, reichen Autos, Fernseher -natürlich: „coloured TV“ - oder ein paar dumme Sprüche und Hetzparolen: etwa „Steinzeit“, „Freiheit des Individuums“, „Fortschritt“, „Schicksal“.
Oder etwas Philosophisches: Das Leben des Menschen bewegt sich in einem Raum von schier unendlichen Möglichkeiten und Dimensionen. Zwar hat der Mensch eine Welt von festen und verlässlichen Strukturen geschaffen, sei es mit Naturwissenschaften, Sprache oder sozialen Institutionen. Aber genauer analysiert stecken hinter den Atomen dessen Teile, die Teile der Teile usw. Am Ende kommen wir darauf, dass, was und wie wir etwas sehen, abhängig ist von unserem Erkenntnisapparat, dass die Dinge nicht feste Dinge sind, sondern sich im Verhältnis zu anderen bewegende und beziehende „Kräfte“ …. usw..
Genauso die Institutionen, die wir gerne als feste verankern würden: Gerechtigkeit, Liebe. - Schöne und bedeutungsvolle Begriffe, aber genauer und genauer betrachtet und aus dem Blickwinkel anderer Menschen und in ihrem Entwicklungsverlauf – da verschwimmt alles, assoziiert sich mit dem Gegenteil, begräbt unter sich viel Schutt und Dreck.
Diesem Alles Relativieren könnte man dagegen halten, dass in der Tat der Mensch und seine Welt eine letztlich offene und nie endgültig zu fixierende ist, es nirgendwo feste Anker in diesem mal weniger mal mehr stürmischen Meer von Erfahrungen, Gefühlen, Wünschen und Beziehungen ist. Ja nicht einmal auf die Identität eines Individuums ist Verlass, wie verschiedene Krankheiten, wie der sichere Tod der Individuen zeigt, wie schon die Selbsteinsicht eines Menschen in die Begrenztheit seines Verstandes, seines Umgangs mit anderen Menschen zeigt. Da sind soviel Fehler, dass wer halbwegs intelligent und nicht nur anmaßend, zu dem Wunsch kommen muss, dass es gut ist, dass ein Ende kommt und etwas Neues beginnen möge, sei es ein Neuanfang in der Geschichte, sei es als Jüngstes Gericht und eine nachfolgende Neue Erde.
Also diesem Alles Relativieren lässt sich doch die menschliche Utopie entgegenhalten, dass wenn A schon nicht gleich A, wenigstens A noch nicht A ist und dieses Noch-Nicht-A dann eine ganz andere Dimension hat, kein Ding, sondern eine Bewegung und Beziehung aller Elemente des Universums ist, um es einmal so mystisch zu definieren und so den „Wissenden“ zu ermöglichen, hier aus dem Text auszusteigen.
Der Mensch lebt in einer Polarität: Einerseits der Verdinglichung, der Bildung fester Strukturen in Erkenntnis und Gesellschaft, andererseits gedrängt durch Erkenntnis und dem aus dem Unbewussten aufsteigenden Verlangen und durch die Wandelbarkeit seiner ihn umgebenden Welt, eben diese festen Strukturen wieder aufzulösen und - neue zu bilden.
So kann man den Wunsch nach Sozialismus und Gerechtigkeit, nach Autonomie und verlässlichen gesellschaftlichen Strukturen in Würde und Frieden in Harmonie mit der Natur und den andern Menschen als regressiv und illusionär in einer feindlichen und nie harmonischen Welt denunzieren. Andererseits gab es in der Geschichte, sei es nach Kriegen, durch Machtstrukturen immer wieder Zeiten der Stabilität, wo es möglich war, dass sich der Mensch nicht nur als aggressives und feindliches Wesen, sondern auch als fühlendes, erkennendes, reflektierendes, kreatives Wesen entfaltet hat.
Ich selber fühle mich auf des Messers Schneide von Menschenfeindlichkeit und Hoffnung auf Menschenfreundlichkeit. Manchmal sehe ich nur den Ausbruch der Barbarei kommen, dann wieder sagt mir die „Vernunft“, dass diese Erwartung und die daraus geborene politische Radikalität des Beharrens auf vollkommener Gleichheit und Gerechtigkeit eine nicht realisierbare, deswegen religiöse, Forderung ist, die selber schon Ausdruck der Barbarei ist.
Letztlich zeige der Tod unsere Beschränktheit. Es sei gleichgültig, ob wir als Bettler oder König sterben. Am Ende sei von beiden nichts mehr. Aber betrachten wir das Leben als einen Kampf, in den wir geworfen sind, die Chance haben, dem Tod etwas abzuringen oder ihm zu resignieren oder das Ende über eine nachfolgende Generation, einen Gedanken, der weiterlebt, wenigstens aufzuschieben. Und um dann am Ende sagen zu können: „Ja, ich habe die Chance genutzt „Ich“ sein zu können.“ („Ich danke dem Leben“ etc.) Aber was soll das für ein Sinn sein? Ins Diesseits geworfen zu sein, das ist nicht wirkliche Autonomie. Das Ich ist nur denkbar mit der Dimension der Ewigkeit, unbegrenzt und unbedingt. Das Leben ist nur möglich in der Annahme einer unendlichen Entwicklungsdimension.
Wirklich? - War es nicht ein Zufall, dass sich die erste Zelle reproduziert hat, dass es weiterging? Nein, das Verlangen nach Unendlichkeit wurde erzeugt mit der Wandlung, schon dem Urknall und davor. Dass wir Dinge in der Zeit fixieren, sei es durch Erkenntnis oder Technik, ist das Gegenwirken gegen die kontinuierliche Veränderung und wird gerade durch es erzwungen. Wir Menschen sind nur Teil eines kosmologischen Prozesses der Bildung von Gesetzmäßigkeiten, Strukturen, Berechenbarkeiten. Unser Ich ist eine Maschine, die das Veränderliche durch Abstraktion „identifiziert“, zu Gleichem und Unveränderlichem macht. Unser Ich ist eine Zeitmaschine, die verschiedene Erfahrungen mit unserer Person zusammenbringt und als Ich-Erfahrungen „identifiziert“. Immer mit einer Prämisse der Zeitlosigkeit oder Überzeitlichkeit und unveränderlichen festen „Strukturen“ oder „Dingen“. Ausgehend von dieser Prämisse bewegen wir uns in der Welt und machen Geschichte. Warum sollte diese Prämisse nicht auf für den Bereich jenseits des Lebens, also metaphysisch, gelten? Die Frage zu stellen, ist der letzte Schritt, der wahrhaftig ist. Eine Antwort ist rational nicht möglich, auch wenn das Herz, die Hoffnung anders will und glauben wollen.
Also wir wogen in diesem Meer an Gedanken, die uns mal in die, mal in die andere Richtung stoßen, hin und her, werden uns der Gedanken, die uns bewegen eher bewusst, als dass wir sie erzeugen und selber denken oder machen. Und doch sind wir es, die wir es denken. Gäbe es uns nicht, würden wir sie nicht fühlen. Wir sind das Meer, der Sturm, das Boot und der Ruderer.