Montag, 30. Mai 2011

NATURLIEBHABER

Gegenüber der Stelle, wo ich arbeite, ist eine schöne Wiese. Nicht nur Hahnenfüße, Wiesenkerbel, Gänseblümchen, auch Vergissmeinnicht, Kuckuckslichtnelke, Baldrian, Iris, ganze Platten von Margeriten, Wiesenknopf, Bocksbart, Bachwurz, Storchenschnabel und sicher noch viele mehr.
Kommt eine junge Frau, will von mir wissen, wem die Wiese gehört. Ich bin so dumm die Gemeinde als Eigentümer zu nennen, will aber doch wissen, warum sie das wissen wolle. Ja, meint sie, sie käme vom Kindergarten der Nachbargemeinde – 2,5 km entfernt - und sie wollten mit Kinder und Eltern eine kleine Wanderung machen, bräuchten aber einen Parkplatz. Ich meine, da gäbe es doch genug Platz 300 Meter oberhalb. Aber das Schicksal nimmt schnell seinen Lauf.
Ein Bauer mäht die Wiese ruckzuck ab, das leicht getrocknete Gras wird in Ballen gepresst, eingewickelt in Plastik zur Fermentation. Und eine Woche später ist der Platz für 90 Minuten mit etwa 20 Autos belegt. In Formation marschieren die Kinder durch die Natur, Eltern hinterher.
Sicher werden die Kinder dann über Umweltschutz belehrt – keine Bonbonpapiere auf den Boden! Müll trennen! Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter dekoriert, Bilderbücher von idyllischen Bauernhöfen gelesen, all dies mit dem ganzen Naturkitsch, den Lügen, mit denen sich weiter die Welt versauen lässt.

Sonntag, 8. Mai 2011

BEGEGNUNG MIT EINEM HARTZ-IV-LER

Ich bin dabei, eine Wand zusammenzunageln als ein dickbäuchiger Typ mit 50erJahrerad sich hinstellt und glotzt. Als ich an ihm vorbeigehe, fixiert er mich, ich warte auf eine Anrede, kommt aber keine und ich sage dann: „So“, so wie ich es bei einem Bauer gelernt habe, der damit 10 Minuten Schweigen überbrückt hatte.
Seine Antwort ist: „Was meinst Du“. Ich bin aber mit ihm noch nicht auf Du. Doch irgendwie kommen wir ins Gespräch. Er hat Ahnung vom Bau – wie sich später rausstellt, hat er in einer Fertighausfirma gearbeitet.
Am nächsten Tag ist er wieder da, beobachtet von der Straße genau, was ich mache. Stellt Fragen zu allem, was ich mache. Generalfrage, warum ich denn nicht schrauben würde. Das mit Scherkräften leuchtet ihm nicht ein, auch von Wärmedämmung hat er nur sporadisch Ahnung. Bei ihm wird nur geschraubt. Er hat einige Ahnung von handwerklichen Praktiken, ist aber eingekesselt von deren Dogmatik, von der Perfektion technischer Lösungen, die mir nicht zur Verfügung stehen. Ich bin gezwungenen mit meinen bescheidenen Small-Technology-Mitteln neue Lösungen zu finden. Über seinen arbeitermäßigen Standpunkt von vorschriftsmäßig, üblich, gerade und genau sieht er nicht hinaus. Warum mit der Hand nageln, warum nicht mit dem Schussapparat, warum überhaupt nageln und nicht schrauben, warum nicht mit Hydraulik die Wand zusammenpressen, warum nicht ein Kran? Und so weiter und so fort. Er sieht alle meine Mängel und Schwächen.
Am nächsten Tag kommt er wieder mit Zipfelmütze, aber ich bin schon dabei Mittag zu machen. Am Nachmittag ist er wieder da. Wie beim Fernsehen hat er sich mit Chips und Bier vom Discounter eingedeckt. Vielleicht ist es auch seine Hauptmahlzeit.
Das Bier beflügelt ihn. Seine Einlassungen werden korrektiver, direkter und aggressiver. Das wäre schon gar nicht fachmännisch, was ich da machen würde, ob ich den Bock da selbst gemacht hätte, das wäre doch ein Scheiss, den anderen könnte ich unmöglich selber gemacht haben, ich solle mal seine anschauen. Überhaupt, das wäre schon gar nicht weltbewegend, was ich da machen würde, Ich bin jetzt genervt, verletzt und sauer, packe meine Sachen zusammen, lasse ihn stehen und fahre Einkaufen.
Ich fühle mich verletzt, nieder geworfen, ärgere mich, dass ich mich auf ihn eingelassen habe, denke an einen spanischen Mutterspruch: Wer ein Kind ins Bett nimmt, muss sich nicht wundern, wenn er morgens verkackt aufwacht.
Das Problem war, dass ich Gesprächsbedarf hatte und mich auf ihn eingelassen habe. Aber vielleicht hätte er mich solange provoziert, bis er mich an der Angel gehabt hätte.
Was macht ihn zum HartzIVler?
Vielleicht gerät er unter Alkohol immer in einen aggressiven Größenwahn, provoziert andere, mit dem scharfen Blick für angreifbare Schwächen, den Alkoholiker oft haben und wird „ausfällig“. Was macht ihn so aggressiv? Da ist die Unfähigkeit mitzudenken, die Distanzlosigkeit, die andere überwältigt und ihre Freiheit nimmt, sie sich seinem miesen Niveau gleichzumachen versucht, die andere abstößt, provoziert oder aggressiv macht. Mit seinem Verhalten reproduziert er immer wieder sein soziales Scheitern. Er drängt sich anderen auf und benutzt ihre Schwächen. Eine Solidarität ist so nicht möglich.
Da ist aber auch die Dogmatik der Lebenswelt, die Fixierung auf Lösungen statt dem Verständnis von Problemen. Das macht ihn nicht zu einem kreativen Element, auch wenn er die sozialen Dinge realistisch sehen kann.
Welches vernünftige Verhalten wäre für ihn möglich?
Wäre er kein abgewrackter Alkoholiker vom Lande, wäre er ein normaler Facharbeiter, mit einigen Kompetenzen – politisch wäre er ein normaler Sozialdemokrat. Zwar ist er unten, aber er will nichts verändern, nur mehr schlucken, sich aneignen und unterwerfen, Rache statt soziale Gerechtigkeit. – Aber das beantwortet die Frage nach „vernünftigen Verhaltensmöglichkeiten“ nicht. Soll er sich angesichts seiner Probleme sich um sich selbst kümmern, sei es Charakteranalyse oder Privatleben, oder soll er als vagabundierender Philosoph und Politiker agieren? Zu beidem fehlt ihm der intellektuelle Horizont. Um mit den Menschen zu reden und zu diskutieren, und sich auch selbst kritisch zu sehen, braucht es intellektuelle Distanz.

Samstag, 7. Mai 2011

DER MANDELACLAN

Jeder, der sich für ANC und andere afrikanische Befreiungsbewegungen eingesetzt hat, kann sich daran nur mit Scham erinnern und sich fragen, wie es möglich war, solche Menschen unterstützt zu haben.
Ich lese, dass die Familie von Mandela und Zuma eine Goldmine aufgekauft haben – fragt sich mit welchem Geld. Seit dem werden die Arbeiter nicht mehr bezahlt, bekommen Carepakete zum Überleben. Die Gewerkschaft wird mit Geldern bestochen und bleibt inaktiv.
Link: http://www.bbc.co.uk/news/world-africa-13275704
Verwunderlich war damals bei den Brutalitäten Mugabes anlässlich der Wahlen in Zimbabwe, dass Mandela sich abringen ließ von „failed leadership“ zu sprechen. War das doch nicht „failed“ sondern erfolgreiche „leadership“. Anscheinend ist von einem Stammeshäuptlingabkömmling nur die Verherrlichung von Autorität und Leadership, aber keinesfalls Demokratie, Gerechtigkeit und Gleichheit zu erwarten.
Aber wenn einer schon wie Mandela an die Verantwortlichkeit von Leadern glaubt, dann er ist er auch für die Asozialität seiner Enkel verantwortlich.

Sonntag, 1. Mai 2011

BEDINGUNGSLOSES GRUNDEINKOMMEN

Die Forderung nach BGE hat zwei Seiten: auf der einen fordert sie Lebensrecht für Jeden unabhängig von seiner Stellung im kapitalistischen Konkurrenzkampf, auf der anderen verlangt sie den Ausbau des sozialen und fürsorglichen Kapitalismus, des „Sozialstaats“.
Es wird infolge der Deindustrialisierung Deutschlands und steigender Rationalisierung und Ökonomisierung der industriellen Produktion immer weniger Arbeit geben. Das macht auch die anwachsende Planung- und Verwaltungsarbeit nicht wett. Die Dienstleistungen sind abhängig vom produktiven Einkommen und sind daher nur abhängig davon ausbaubar. Der Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze führt zu einer Spirale nach unten: prekäre Beschäftigungen, Teilzeit usw.
Das BGE würde zwar die Konkurrenz abmildern, aber nicht den Zwang der kapitalistischen Ökonomie immer effektiver, lohnkostensparender zu produzieren. An der Entwicklung des Kapitalismus zur Ausbeutung aller Ressourcen und Zerstörung von nicht kapitalistisch durchorganisierten Bereichen, sei es Natur oder individuelle Spontaneität  - würde nichts geändert werden. Wer auf Politik hofft, wird sich täuschen, denn die steckt unter dem Primat von Arbeitsplätzen egal wie. Keynesianer wie die „Nachdenkseiten“ machen sich Illusionen, sie verstehen die Richtung des Kapitalismus nicht. Innerhalb dieses Systems gibt es keinen Primat der Politik.
Ein sozialfürsorglicher Kapitalismus ist die Illusion verwöhnter Mittelschichtkinder. Sie glauben an die Allmacht der Gedanken, der Worte und wissen nichts von der Anstrengung der Arbeit. Das wird doch von den ölangetriebenen Maschinen, den Gastarbeitern, den Arbeitern im Ausland gemacht.
BGE ist eine Forderung aus politischer Not. Der Konsumkapitalismus wird durch eine konsumistische Forderung getoppt. Aber jeder weiß, von Nichts kommt nichts.