Montag, 8. November 2010

SOZIALER AUFSTIEG - ODER WAS?

Ich verfolge einige Diskussionen im Internet, vor allem bei Dishwasher (http://dishwasher.blogsport.de/). Dort höre ich die ewige Klage, die Bildungsinstitutionen des Bürgertums und der Mittelschicht verhindern das Aufsteigen der Unterschicht.
Klar, sie verhindern Konkurrenz, tragen in sich außerdem ein Ressentiment gegen die Unterschicht, legen auf Verhaltensweisen Wert, die sie von der Unterschicht abgrenzen. Auf der einen Seite beherrschen sie die Gesellschaft, auf der anderen profitieren sie durch Einkommen und Vermögen vom kapitalistischen System. Ich erinnere daran, wie die Pensionäre in einer unverschämten Weise den Staat abzocken und gleichzeitig gegen HartzIVler polemisieren.
Ein Mittel der Durchsetzung der bürgerlichen Privilegien stellt ihr "Habitus" dar. Mit ihm geben sie sich gegenseitig als gleichwertige zu erkennen, können sich gegenseitig identifizieren, grenzen die Unterschicht aus, setzen ihre Interessen durch.
Es wäre nun wichtig, genauer zu definieren was diese Verhaltensweisen ausmachen. Mir ist die Rede vom „Habitus“ zu pauschal. Da scheinen Leute Angst zu haben, dies genauer zu definieren, weil sie sich dabei selbst erwischen könnten, weil sie Angst haben, „konkret“ zu werden. Diese Betulichkeit gehört schon mit zum Mittelschichthabitus: Bleib möglichst allgemein, es soll sich niemand betroffen fühlen, die Dinge sind kompliziert, es gibt immer Ausnahmen und was ist, wenn Du Dich getäuscht hast! - Trotzdem will ich es hier in grober Manier versuchen:
 
Der Habitus der Mittelschicht zeigt sich

im Umgang mit anderen Menschen und hat etwa folgende Regeln:

- sei unberechenbar, gegenüber Unteren regelrecht unzuverlässig, auf keinen Fall ihnen gegenüber pünktlich, Deine Überlegenheit zeigt sich darin, wie lange Du sie warten lassen kannst
- halte Distanz, sei interessiert aber nicht emotional beteiligt
- Du musst Dich durchsetzen, dazu gibt es verschiedene Mittel: Angriffe gegen andere, besonders herausragende eigene Leistungen, Einsatz von eigener Arbeit, Geld oder Beziehungen, die Verwendung von Lob und Tadel, Freundlichkeit als Mittel der Manipulation, wenn das nicht hilft: Ignorieren. Gegenüber Untergebenen musst Du das Arschloch sein, zeigen, dass Du Konflikte eingehen kannst, Dich durchsetzen kannst, ohne das wirst Du nie ein Cheftyp. Cheftypen sind nicht unpopulär (gerade bei denen da unten)
- Lass Dich bei Gleichen nicht gehen, zeige Selbstkontrolle und kontrolliere (damit) andere. Anders in geschützten Bereichen: Familie, Frau, Untergebene, da kannst Du ruhig die Sau rauslassen. Aber perfekt bist Du erst, wenn Du auch da alles unter Kontrolle hast.
 
Im gesellschaftlichen Auftreten muss sich der Mittelschichtler geschmeidig verhalten

- Entwickle ein Gefühl dafür, wer Dir nützt und wer nicht. Entsprechend kannst Du andere gebrauchen, missbrauchen oder vergessen. Verhalte Dich selektiv!
- wenn Du öffentlich Einfluss gewinnen willst, „Führung“ übernehmen willst, muss Du die aktuelle Sprache sprechen, die richtigen Themen richtig artikulieren, die richtigen Versprechen abgeben. Derzeit etwa ist Grün angesagt, also „Nachhaltigkeit“ und Blablabla. Als Politiker musst Du ein guter Schauspieler sein, fähig zu Dramatisierungen, zu Erregung und Polarisierung, Arbeiten mit Ressentiments und Scheinbarem (100Wattlampen verbieten). Bloß nicht mit Analysen langweilen oder wirkliche Veränderungen fordern (ein CO2-Konto für jeden).
- Du musst zwischen öffentlichem und privatem Verhalten unterscheiden können. Extraklasse hat, wer da in einer Gruppe agieren kann, die dieses Spiel genauso beherrscht und mitspielt.
- Auf keinen Fall darfst Du Dich in der Öffentlichkeit als Extremist zeigen, das könnte Nachteile bringen. Radikale Gerechtigkeitsforderungen, unmittelbare Demokratie bringen nur Probleme. Etwas mitsingen im Hintergrund, wenn die Wogen hochgehen, kann aber nützlich sein. Mach Dich nicht unbeliebt! Die Lehrer in ihrem Umgang mit den Mobbern zeigen, wie es geht.
- Politisch solltest Du informiert sein, gesellschaftlich engagiert. Mach Dir Gedanken um die Armen, die Wohlfahrt aller, das Allgemeinwohl. Es kann Dir von Vorteil sein! Mach Dir Gedanken um die Zukunft unseres Volkes, unseres Planeten, unserer (=Deiner) Kinder! Unterscheide Dich von den Trägen, Desinteressierten, Apathischen und Gleichgültigen!

All diese Verhaltensweisen müssen auf einem stabilen und positiven Selbstbild beruhen. Man könnte es so beschreiben:

- Du fasst in Dir eine lange Tradition zusammen, die Deiner immer hochstrebenden Familie, der Kultur von den Pharaonen bis zum Abendland – Geschichtskenntnisse und fällige Auffrischungen sind immer gut; die Staufer, die Kelten, die Preußen usw.. Da wo die Tradition nicht ausreicht: Blick auf Deine eigene Leistung, oder lass auf sie blicken.
- Du bist kulturell überlegen, immer hochmoralisch (früher durch den Segen der Kirche, heute des Philosemitismus - Auschwitz, das waren die anderen, von den Schweinen in Deiner Herkunft sollst Du Dich lossprechen). Da wo die Moral nicht mehr ausreicht, kannst Du auch zynisch werden (die Gutmenschen usw.) Die Benutzung von Musik und Literatur, Kunst kann von Vorteil sein. Auch ein gewisser Schuss von Antibürgerlichkeit, Bohème.
- Du bist intelligenter als die anderen, vielleicht nicht wirklich intelligent. Lass Dir das von Deinen Lehrern beweisen. In irgendeiner Kleinigkeit weißt Du immer mehr als andere. Für Dein Selbstbewusstsein reicht das. Da wo die Kompetenz fehlt, ersetze sie durch selbstbewusstes Auftreten.
- Du sollst keine Zweifel an Dir selbst haben, bzw. gegebenenfalls sie nicht zeigen. Ganz genial ist es aber, Selbstzweifel zu zeigen und dabei doch souverän zu sein. Damit machst Du Dich zum Liebling der Masse, von denen die meisten an sich selber zweifeln.
- Du kannst fehlendes Selbstbewusstsein aber auch kompensieren, wenn Du die Fehler bei anderen ausmachst, wenn Du Dir die Schuld anderer aufrechnest. Prüf nicht Dich, sondern andere. Du musst das Spiel der Projektion beherrschen lernen, sonst versackst Du in Depressionen.
- Ein wichtiges Mittel der Selbstinszenierung ist der richtige Konsum von Kleidung, Auto, Essen, Urlaub. Hochwertig, langwertig, „nachhaltig“ soll es sein, nicht aufdringlich, aber bei den Wissenden doch effektvoll. Es macht Dich innerlich zufrieden und gleichzeitig bei anderen geachtet - natürlich bei denen, die Dir wichtig sein könnten.

Was zeichnet demgegenüber die Unterschicht aus? Ich skizziere das hier nur grob so: Ängstlichkeit und Apathie, es genau nehmen, mangelndes Selbstbewusstsein, Selbstzweifel, Ausweichen vor öffentlichen Jobs, Bequemlichkeit, sich füttern lassen, träumen, Ersatzwelten, Abhängigkeiten von bestimmten Personen, Lehrern, Ärzten, Ehepartner, Kollegen - einen Hang ins Vertraute, Abtauchen, Untertauchen



Es gibt nun zwei Modelle des Aufsteigers, sich als aufsteigender Unterschichtler demgegenüber zu verhalten:

- Versuch sich zu integrieren, mitmachen, sich die Symbole der Elite erwerben, sich es gut gehen lassen und konsumieren, Geld verdienen, Status pflegen, sich abgrenzen nach unten – gibt es da doch viele Rechnungen Anfeindungen zu kompensieren. Ein Großteil der heutigen Mittelschicht ist ja erst frisch aufgestiegen und hat ein spezielles Bewusstsein von seiner eigene Kraft, Überlegenheit, hat die Verwundungen, Beschämungen vergessen, fügt sie jetzt anderen zu. Konsequenz davon ist ein dümmliches, egoistisches Sozialverhalten oder (unbewusste) Schuldgefühlen, Selbstunzufriedenheit, von Ängsten bestimmtes Verhalten

- Aufstiegsverweigerung, Pflegen der Werte unten, Solidarität mit denen da unten, Unfähigkeit oder Unwille, sich private Vorteile herauszuholen, sich für das Wohl seiner Herkunftsklasse einzusetzen, sich gegen ungerechte Verhältnisse zu engagieren.

Aber es nicht möglich, im Milieu zu bleiben. Man kann mitmachen, wird aber nicht mehr wirklich dazugehören. Es wäre auch nicht sinnvoll. Die Begrenztheit des Milieus ist zu offensichtlich. Die Mittelschicht- und Oberschichtkultur hat ihre überzeugenden Seiten, - die freilich auf ihren klassenbildenden Charakter hinterfragt werden müssen. So ist etwa die historische Arbeiterbewegung mit ihrem Sozialismus auch ein bürgerliches Produkt, man schaue sich Marx, Engels, Lasalle, Liebknecht, Luxemburg an. Allgemein und politisch zu denken, ist eine bürgerliche Stärke, aber versagt und wird gewaltsam im Konkreten.

Andererseits hat das Unterschichtenmilieu seine Schwächen: die Apathie, der Konkretizismus des Konsums, der eingeengte Horizont des privaten Überlebens, die Neigung zum Ressentiment anstelle von Handeln usw.

Ich halte einen individuellen Aufstieg im Glücksfalle für möglich. Dann, wenn jemand in seine gehobene Position ein Bewusstsein von der Ungerechtigkeit der Verhältnisse einbringt, wenn er das Demokratiedefizit sieht und dergleichen guten Dinge mehr. Ich bezweifle allerdings, dass derselbe dann, wenn er dies vernehmbar äußert, dann nicht scheitert.
 
Was tun?
Für jemand, der in die bürgerliche Bildungsmühle geraten ist, ist es m. E. unmöglich wieder zu seinem Herkunftsmilieu zurückzukehren. Die Familie hat sich schon von ihm/ihr verabschiedet, Er partizipiert nicht mehr an ihrem Leben, teilt nicht ihre Erfahrungen, die sie in Lehre, in ihrer Schule machen, teilt nicht ihre Freunde, ihre Welt.
Auf der anderen Seite ist der Aufgestiegene oben nicht wirklich angekommen.
Ich etwa habe im Laufe meiner Pubertät moderne und klassische Musik entdeckt, die Literatur des Expressionismus, die Kritik an Gesellschaft, Politik und Religion – Bereiche, die für mich wichtig, für meine Eltern und ehemaligen Freunde aus dem „Milieu“ aber unverständlich und nicht kommunizierbar waren. Ich bewegte mich in einem einsamen Zwischenbereich.

Eine Möglichkeit darauf zu reagieren - sieht man von leidvolleren Varianten ab - ist, sich seiner Lage bewusst zu werden, sein Problem zu definieren und zu beschreiben, nach den Ursachen des Problems zu suchen. Etwa die Situation soziologisch zu begreifen, historisch, politisch und so weiter.
Ich selber habe es als ein Gerechtigkeitsproblem gesehen. Als ein Fehlen gemeinsamer demokratischer Strukturen, mangelnder Bildungsgerechtigkeit, nicht gerechtfertigter Vorteile der Ober- und Mittelschicht, Verdummung und Verblödung der Menschen, ihr Ausschluss von Kultur und Bildung, Degradierung durch die Arbeit. Damit habe ich in gewisser Weise meinen Blickwinkel auf die Menschen meiner Herkunft projiziert. Meine Ausgeschlossenheit auf sie, meine Erfahrung ihrer Begrenztheit und Schwierigkeiten zu kommunizieren als ihre Erfahrung interpretiert, vielleicht fehlinterpretiert.

Vielleicht war es ganz anders. Was ich etwa mit den Menschen meiner Herkunft redete, kam ihnen wohl fremd vor. Aber ich war ihnen fremd, sie empfanden es nicht als ihr Defizit, sondern als meines; anders sein zu wollen als sie. (Was ja nicht mein Wille war, sondern anders gar nicht mehr möglich war).
Zwar sahen sie ihre eigene Lage wohl in der Regel in gewissen Beziehungen als benachteiligt an, aber es war nur ein Aspekt. Daneben gibt es noch wichtigere und interessantere Dinge, erreichbarere Ziele und Werte in ihrem Leben.
 
Wie auch immer. Ich habe aus meinen Erfahrungen die Schlussfolgerung gezogen, mich für eine gerechte Bildung einzusetzen. Also eine Bildung, die der „Unterschicht“ die nötigen Qualifikationen und den Gebrauch ihrer Rechte vermittelt und die klassenbildende Funktion der Schule auflöst. Kurz: Selbstbestimmung und Polytechnik. Das schien eine Zeitlang eine mögliche Reform zu sein, ist aber dann bald durch den Einfluss der konservativen, elitären Elternschaft und die Integrationsbereitschaft der korrupten „bildungswilligen“ Mittelschicht gestorben.
Ich habe unter den Lehrern kaum welche gefunden, die ein gleiches Anliegen wie ich hatten. Vielmehr ließen sie sich In der Regel auf das Spiel ein, ein „guter Lehrer“ zu sein – was an den Verhältnissen nichts ändert. Deswegen habe ich diese Perspektive dann nicht weiterverfolgt und aufgegeben.
Was mir blieb, war der Frage nachzugehen, wie diese Gesellschaft weiter funktioniert, wo sie ihre Grenzen hat, nach attraktivere Alternativen zu suchen, die Perspektive anderer Menschen und Positionen auszuprobieren, etwa durch Arbeit in der Industrie, im handwerklichen Bereich, im von der Mittelschicht bestimmten Pflegebereich. Erfolgreich war ich nicht, zu Veränderungen konnte ich nicht beitragen, bestenfalls mit Kritik auf das Defizite gegenüber dem aufmerksam machen, was eigentlich zu tun wäre.

Bin ich weiter als meine Eltern, die damals immer nach unseren Diskussionen gesagt haben: „Du magst zwar Recht haben, aber man kann daran nichts ändern“?
Nicht ganz. Ich musste zwar gezwungenermaßen mitmachen, um nötiges Geld zu verdienen, aber habe es auf ein Minimum beschränkt. Mit ökonomischen Verhalten habe ich mich über Wasser gehalten. Ich habe mich dabei auf keine Funktion (Beruf, Job, Partei usw.) reduzieren lassen und habe mich dazu autonom verhalten. Ich habe Ansprüche für ein anderes Leben entwickelt und bin deswegen nicht gezwungen bei jedem politischen Blödsinn mitzumachen, den aufgeregten Aktionen der Bürgerlichen, den chancenlosen Bewegungen. Ich brauche mich nicht zu engagieren, wenn nicht die Mindeststandards von Demokratie und Gerechtigkeit erfüllt sind.
Letztlich kann oder müsste ich zwar die Bedingungen einer besseren Gesellschaft definieren, aber kann eine mögliche künftige Barbarei nicht verhindern.

Mein Elend, außerhalb der Gesellschaft zu sein, ist weder mein Verdienst, noch meine Schuld, es ist einfach objektive Notwendigkeit.

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