Sonntag, 2. Januar 2011

Neues Jahr

Regelmäßig an Sylvester sinkt meine Laune und meine Gefühle ziehen sich weiß Gott wohin zurück. Während andere es knallen lassen, habe ich Mühe gute Miene zum bösen Spiel zu machen.
Ich schaue mir den Blödsinn im Fernsehen an - gnadenloser Quatsch. Von ARD und ZDF braucht man nicht zu reden, das ist Idiotie pur. Ich schaue nach Spanien: Flamenco und viel sichtbares Fleisch, jamones und Brüste. Hier beim „Kulturkanal“ „Arte“ Sting mit seiner wohl miesesten Musik: die immergleich tranigen Melodien – bei Police immerhin rhythmisch aufgepeppt – in einer primitiven RoyalPhilharmonicSoße, nicht einmal der Busen der Backgroundsängerin gab was her. Dann eine Teenieband bei „1-Festival“, nettes Mädchen, aber melodisch Kinderlieder mit Schlagzeug punkartig zerschlagen. Texte – zum Glück? – unverständlich. Eine Band, die überall auf der Welt spielt, aber ohne Ahnung zu haben, wo.
Vorher üppiges Essen. Weil das zum sozialen Zusammenhalt gehört. Familienfest. Statt sich gegenseitig aufzufressen.
Draußen Knallerei. Denk an meinen Vater, der das nicht ausstehen konnte. Vor dem Krieg gesellig und lustig, nachher ernst und miesepetrig. Keine Spielzeugpistolen für mich, geschenkte verschwanden. Die Wiederaufrüstung der BRD war ihm ein Horror, anders als für die Mehrheit der (…) Deutschen. Also gab es auch keine Sylvesterböller. Ich konnte sie vom kalten Schlafzimmer aus leuchten sehen. Den Drang zu töten hat er damit aber weder in sich selber, noch in mir abtöten können. Vielleicht kam eine Bremse der Vernunft zwischen Drang und Wunsch. (- Vielleicht).
Warum geböllert wird? Angst vor dem Neuen im Neuen Jahr, der Wunsch, dass doch alles beim Alten bleibe? Wird etwas gefeiert oder geht es mehr um die Vertreibung der bösen Geister, des Gespensts der …?
Mit Neujahr kommt eine mythische Zeitwahrnehmung ins Spiel, die der Wiederholung, der Jahreszeiten mit samt dem Schrecken, dass die Nacht den Tag schluckt und der Freude, dass die Nacht die Sonne wieder freigibt. Gleichzeitig leben wir in einer linearen Zeit, wo die Rhythmen der Jahreszeiten gleichmäßig klimatisiert sind, zum bunten Background werden, aber nicht mehr essentiell für das exponentiell oder linear wachsende Kapital. In dieser Zeitsicht wird dann der Tod anders als in der mythischen sinnlos. Aus dem Vergehen wächst nichts Neues.
Die adäquate Musik wäre Bruckners Neunte. Nicht weil sie religiös ist, da die Musik sich in neuartigen Klangwelten abspielt, jenseits auch von religiösen Texten Projektionen menschlicher Seele entwirft, weil sie dynamische Kräfte offenlegt, die in uns sind, Utopien der Versöhnung leuchten lässt.

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