Seine Antwort ist: „Was meinst Du“. Ich bin aber mit ihm noch nicht auf Du. Doch irgendwie kommen wir ins Gespräch. Er hat Ahnung vom Bau – wie sich später rausstellt, hat er in einer Fertighausfirma gearbeitet.
Am nächsten Tag ist er wieder da, beobachtet von der Straße genau, was ich mache. Stellt Fragen zu allem, was ich mache. Generalfrage, warum ich denn nicht schrauben würde. Das mit Scherkräften leuchtet ihm nicht ein, auch von Wärmedämmung hat er nur sporadisch Ahnung. Bei ihm wird nur geschraubt. Er hat einige Ahnung von handwerklichen Praktiken, ist aber eingekesselt von deren Dogmatik, von der Perfektion technischer Lösungen, die mir nicht zur Verfügung stehen. Ich bin gezwungenen mit meinen bescheidenen Small-Technology-Mitteln neue Lösungen zu finden. Über seinen arbeitermäßigen Standpunkt von vorschriftsmäßig, üblich, gerade und genau sieht er nicht hinaus. Warum mit der Hand nageln, warum nicht mit dem Schussapparat, warum überhaupt nageln und nicht schrauben, warum nicht mit Hydraulik die Wand zusammenpressen, warum nicht ein Kran? Und so weiter und so fort. Er sieht alle meine Mängel und Schwächen.
Am nächsten Tag kommt er wieder mit Zipfelmütze, aber ich bin schon dabei Mittag zu machen. Am Nachmittag ist er wieder da. Wie beim Fernsehen hat er sich mit Chips und Bier vom Discounter eingedeckt. Vielleicht ist es auch seine Hauptmahlzeit.
Das Bier beflügelt ihn. Seine Einlassungen werden korrektiver, direkter und aggressiver. Das wäre schon gar nicht fachmännisch, was ich da machen würde, ob ich den Bock da selbst gemacht hätte, das wäre doch ein Scheiss, den anderen könnte ich unmöglich selber gemacht haben, ich solle mal seine anschauen. Überhaupt, das wäre schon gar nicht weltbewegend, was ich da machen würde, Ich bin jetzt genervt, verletzt und sauer, packe meine Sachen zusammen, lasse ihn stehen und fahre Einkaufen.
Ich fühle mich verletzt, nieder geworfen, ärgere mich, dass ich mich auf ihn eingelassen habe, denke an einen spanischen Mutterspruch: Wer ein Kind ins Bett nimmt, muss sich nicht wundern, wenn er morgens verkackt aufwacht.
Das Problem war, dass ich Gesprächsbedarf hatte und mich auf ihn eingelassen habe. Aber vielleicht hätte er mich solange provoziert, bis er mich an der Angel gehabt hätte.
Was macht ihn zum HartzIVler?
Vielleicht gerät er unter Alkohol immer in einen aggressiven Größenwahn, provoziert andere, mit dem scharfen Blick für angreifbare Schwächen, den Alkoholiker oft haben und wird „ausfällig“. Was macht ihn so aggressiv? Da ist die Unfähigkeit mitzudenken, die Distanzlosigkeit, die andere überwältigt und ihre Freiheit nimmt, sie sich seinem miesen Niveau gleichzumachen versucht, die andere abstößt, provoziert oder aggressiv macht. Mit seinem Verhalten reproduziert er immer wieder sein soziales Scheitern. Er drängt sich anderen auf und benutzt ihre Schwächen. Eine Solidarität ist so nicht möglich.
Da ist aber auch die Dogmatik der Lebenswelt, die Fixierung auf Lösungen statt dem Verständnis von Problemen. Das macht ihn nicht zu einem kreativen Element, auch wenn er die sozialen Dinge realistisch sehen kann.
Welches vernünftige Verhalten wäre für ihn möglich?
Wäre er kein abgewrackter Alkoholiker vom Lande, wäre er ein normaler Facharbeiter, mit einigen Kompetenzen – politisch wäre er ein normaler Sozialdemokrat. Zwar ist er unten, aber er will nichts verändern, nur mehr schlucken, sich aneignen und unterwerfen, Rache statt soziale Gerechtigkeit. – Aber das beantwortet die Frage nach „vernünftigen Verhaltensmöglichkeiten“ nicht. Soll er sich angesichts seiner Probleme sich um sich selbst kümmern, sei es Charakteranalyse oder Privatleben, oder soll er als vagabundierender Philosoph und Politiker agieren? Zu beidem fehlt ihm der intellektuelle Horizont. Um mit den Menschen zu reden und zu diskutieren, und sich auch selbst kritisch zu sehen, braucht es intellektuelle Distanz.
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