Wirtschaftsberichte waren überwiegend positiv; weniger Arbeitslose (50 T bei über 4 Millionen …), der katastrophale Anstieg der Zinsen der Staatsanleihen wird immerhin erwähnt. Aber es gibt keine Diskussion darüber, wie Spanien aus seiner Misere herauskommen kann. Die besteht darin, dass Spaniens Wachstum einerseits auf einer hochmechanisierten Landwirtschaft, aber größtenteils auf einem überteuerten Massentourismus und überteuerten Immobilien beruht hat. Zapatero und die PSOE ist nicht in der Lage über die üblichen neoliberalen Konzepte hinauszudenken. Es gibt in Spanien wenig originäre Gedanken, in der Regel werden Konzepte aus anderen Ländern imitiert. Zwar gibt es einerseits einen minimalen Sozialstaat mit Minimumrenten, Gesundheitsversorgung, auf der anderen Seite aber extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit, Inflation, miserable Arbeitsverträge, ärmliche Lebensbedingungen, geistige Armut, die bei vielen zur Verfettung führt. Die Welt vieler lässt auf wenige Ideale reduzieren: Playa, Comer, Piscina, Ninos guapos, Flores bonitas, Pisos muy ricos, Lujo …. Höhepunkte sind Erstkommunion und Hochzeit in einem sonst vollkommen atheistischen und konsumistischen Leben.
In dieser eindimensionalen Welt erwarte ich von den Indignados, dass sie diesen bewusstlosen Konsens aufbrechen, dass sie Alternativen einbringen zu diesem trost- und geistlosen Einheitsbrei. Zunächst ist der Rekurs auf das „Empört Euch“ die übliche Imitation, verspricht nicht viel Autonomie, eigene Gedanken. Dieses EmpörtEuchSchriftchen spricht nicht von Klassen, will nur bürgerliche Widerständigkeit, hat schon gar kein anderes Gesellschafts- oder Wirtschaftskonzept. In Spanien wird diese Widerständigkeit zunächst einmal in Konsens umformuliert: „wir alle …“ Ganz Spanien soll angesprochen werden, wo es doch nur ein Teil ist, der keine Arbeit hat, keinen festen Arbeitsvertrag. Daneben gibt es eine Masse von Gutsituierten, Gutverdienenden, Gutberenteten. Der spanische Traum ist nicht der von Gerechtigkeit in Autonomie, sondern von Wohlleben, Dominieren und Bedientwerden. Der Traum der „Unterprivilegierten“ ist, die Seite zu wechseln, nicht das System. Vom „System“ ist bei den „Indignados“ auch die Rede, aber es wird nicht definiert. Es erinnert mich an 68, als auch vom „System“ die Rede war und jeder etwas anderes darunter verstehen konnte. Aber offensichtlich wollen die Indignados nicht konkret werden, denn es könnte ihr Defizit an Alternativen offenlegen oder Konflikte provozieren.
Vor ein paar Tagen gab es die Räumung der Puerta del Sol und viele Verletzte und es zeichnet sich die übliche Entwicklung ab: Da konkrete Forderungen fehlen, Unterstützung dafür von Seiten eines Teil des Volks, muss Recht und Legitimität über eine Schuld hergestellt werden, über die des Opfers. Das ist alte christliche Tradition. An die Stelle der Gerechtigkeit tritt die Rache. Des einen oder des anderen. –
Was würde ich vorschlagen? Wirtschaftliches Wachstum muss qualitativ gesellschaftlich geregelt werden. Arbeit muss gleich verteilt werden. Die Ausbildung muss sich an der Produktion von gesellschaftlich notwendigen Werten orientieren. Demokratisierung ja – aber was heißt das für Familie, Schule, Wirtschaft, Politik? Es ist richtig Camps einzurichten und so auf die Wohnprobleme junger arbeitsloser Menschen aufmerksam zu machen. Diese Camps könnten ein Medium der Diskussion, Erarbeitung von alternativen Konzepten der Gesellschaft sein. Sie könnten produktiv werden mit Gärten, Werkstätten, Ideenschmieden und polititschen Analysen, Aufklärungsaktionen.
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