Freitag, 23. September 2011

Sind die USA totalitär?

Wir haben nach 68 „USA SA SS“ skandiert, was sicher allergröbste Vereinfachung war. Die USA hat sich zwar für die Verbrechen in Vietnam, die über 2 Mio Toten nie entschuldigt, sich aber immerhin aus Vietnam zurückgezogen, war also bis zu einem gewissen Grade lernfähig. Jimmy Carter hat Nixon abgelöst und eine andere Seite Amerikas gezeigt, gleichzeitig aber deren relative Bedeutungslosigkeit. Dagegen tauchen in den USA immer wieder die Politiken auf, die die USA als dominante Weltmacht sehen wollen, als Nation, die allen anderen überlegen ist und alle Rechte  an sich reißen kann. Da war Reagan mit seiner Katastrophendrohung, da waren seine Nachfolger mit ihren Kriegsspielen.
In Deutschland gibt es eine Amerikaphilie, teilweise geschuldet dem antifaschistischen Einsatz der USA im zweiten Weltkrieg, größtenteils wohl geschuldet dem Opportunismus der Besiegten gegenüber den Dominanten. Kommt einer von den USA zurück und prahlt mit Neuigkeiten und Trends von dort, glaubt er auf diesen Effekt setzen zu können.
Dagegen hat die Demokratie der USA, die uns in der Schule immer als ein System von „checks and balances“ angepriesen wurde, keinen überzeugenden Charakter. Nur eine Minderheit ist am politischen System beteiligt, wirtschaftlich besteht krasse Ungleichheit, antiliberale Strömungen gewinnen immer wieder die Oberhand und trotz des Anscheins eines imponierenden Rechtssystems setzen sich Rassismus und Gewalt durch. Da ist die exorbitant hohe Zahl der Gefangenen, deren Misshandlung, die Todesstrafe, die Zahl der von den Eltern getöteten Kinder – 27 pro Woche -, die Verschwendung von Ressourcen und Energie, das herablassende und ausbeuterische Verhältnis zum Rest der Welt.
Welchen Begriff soll man aber verwenden, um die bösartige und dumme Politik der USA nach dem 11.9.2001 zu beschreiben? Totalitär? Faschistisch? Irrational? Imperialistisch?
Da haben also ein paar Terroristen mit Teppichmessern und Intelligenz diese ganze Arroganz von der technisch und intellektuell überlegenen Nation – „God´s own country“ - ausgehebelt und das Trauma war grandios. - Trauma? Oder war es nichts als der willkommene Anlass, die Lust an Gewalt, der Demonstration von physischer Stärke, von Überlegenheit offen und legitimiert ans Licht bringen zu können? Denn gemessen an dem, was die USA anderen Völkern angetan haben, war das vom 11.9. zahlenmäßig marginal, militärisch bedeutungslos, wenn auch spektakulär. Dass die Türme einstürzten, ein nicht eingerechneter Zufall.
Interessant aber die Reaktion der USA und der Welt, die an sie glaubt, danach. Noch heute ist es DAS Ereignis, wohl vor allem durch seinen Kunst- und Happeningcharakter, wie ihn Stockhausen beschrieben hat.
Es hat aber die Gewaltförmigkeit der USA hochgespült – Afghanistan, Irak, Guantanamo. Offen die Primitivität des amerikanischen Verhaltens, die Rache, die Ausrottung, die Überlegenheit der eigenen Religion, die naive und infantile Egozentrik, der taktische Umgang mit Menschenrechten. Es zeigt eine Nation, die nicht erwachsen geworden ist, weil sie nicht in der Lage ist, jenseits von Gut und Böse, ihre Gegner und Kritiker zu verstehen und mit ihnen zu verhandeln. Die egoistischen Interessen der Einzelnen und der USA wollen sich als Recht definieren  ohne den Einbezug der Rechte anderer. Der staats- und gesellschaftsfeindliche Neoliberalismus ist die Ideologie dieses Imperialismus.
Totalitär? Gibt es nicht innerhalb der USA alternative Strömungen? Ich denke etwa an Franzen, der ein liberales und intelligentes Spektrum der gesellschaftlichen Diskussion zeigt. Doch so wie seine Figuren immer wieder ins Irreale und Phantastische entgleiten oder ins traditionell Private, scheint es keine Alternative zur politischen Apathie zu geben, keine Alternative zu den herrschenden Komplexen von Macht, Reichtum und Medien. Es ist auch bei den von den Herrschenden benutzten politisch Apathischen zu viel Gläubigkeit an die Dominanz statt Kommunikation, zu viel Gier statt Beschränkung, zu viel Konsum statt Produktion.
Der Totalitarismus in den USA geht nicht vom Staat aus, er hat eine privatisierte Form. Es ist eine in ihrer Erscheinungsform immer wieder wechselnde Verknüpfung von Größenwahn, Waffentechnik, Finanzmacht und politischer Macht.
Die Massenerlebnisse totalitärer Staaten werden ersetzt durch die Infantilität der medienorganisierten Massen, der Erfahrung ihrer Abhängigkeit und Schwäche vor dem Fernseher, den gefüllten Tellern, der Gier und Trägheit des eigenen Körpers.

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