Montag, 18. März 2013

Der neue Papst



Warum von Interesse?

Mit 18 bin ich aus der Kirche ausgetreten. Es hat mich viel Arbeit gekostet, meine katholische Vergangenheit aufzuarbeiten und zu überwinden. Warum? Weil die katholische Religion die großen Themen des menschlichen Lebens behandelt: Tod, persönliche Bestimmung, Schuld, Sühne und Vergebung, das gute und moralisch verantwortbare Leben. Diese Probleme werden nicht dadurch gelöst, dass alles auf Materielles reduziert wird und der Rest zum „Scheinproblem“ erklärt wird wie im gängigen Positivismus.
Andererseits sind diese Themen in einem Zirkel der katholischen Lebenswelt selbst erzeugt und in ihrem Sinne gelöst. Da ist die Pflege und Kultur der Angst, der Drohung, der absolut zerstörerischen Macht, der Schläge, der physischen Gewalt, des sozialen Ausschluss und der Verdammung, die Idealisierung des Leidens, der Unterdrückung und als Lösung dafür die Unterwerfung unter die katholischen Rituale, die Beichte, die Buße, das Gebet und das Opfer, der Glaube wider die Vernunft.
Es ist der kirchliche Klerus und ihre Hierarchie, die diese in den kindlichen Seelen geweckten und geformten Ängste und Schuldgefühle benutzen. Sie können das auch deswegen, weil außerhalb der Kirche ein Umgang mit den Themen kaum rational stattfindet und wenn, dann in einer eher verdrängenden, individualisierenden und befriedenden Form.

Kirche und Macht
Die Vorwürfe, Bergoglio hätte die Militärdiktatur Argentiniens unterstützt, mögen nicht klar nachweisbar sein. Was aber klar ist, ist die Nähe der katholischen Kirche zu den Mördern. Ein Priester hat sogar gefoltert und gemordet – er ist von Bergoglio nicht seines Amtes enthoben worden. Bergoglio wusste zwar vielleicht nicht von allen 30 000 Ermordeten, aber er wusste von einigen und hat nicht klar Stellung genommen. Noch heute wird er von den Anhängern der Diktatur unterstützt. Unübersehbar ist auch seine Distanz zur Demokratie. Dass Menschen ohne Bezug auf irgendwelche religiöse Texte ihre eigenen Interessen formulieren, scheint ihm fremd zu sein.
Die beiden Priester, die er im Kampf gegen den Marxismus aus den Slums zurückgerufen und nach ihrer Weigerung aus dem Orden entlassen hat, hat er objektiv an die Militärdiktatur verraten. – Er wäre nicht der erst Verräter als Papst, aber im Gegensatz zu Petrus kennt man von ihm nicht: „und er weinte bitterlich“. Man hört nur vage Apologien. Sich Fragen dazu stellen zu lassen, hält er nicht für notwendig. Er hat sich ja nur Gott selber zu verantworten.
Die Macht bedarf zur Rechtfertigung, dass sie die Menschen zwingt und ihnen Gewalt antut, immer der Konstruktion des Bösen. Darin ist die Kirche führend mit ihrem Sündenregister, dem Glauben an den Teufel. Kein Wunder, dass der neue Papst sofort die Alternative (katholischer) Gott oder Teufel beschwört. Die homosexuelle Ehe ist auch nur ein Werk des Teufels. Der Rekurs auf die Vernunft ist ihm ungewohnt.
Seine Erscheinung, das eingezogene Kinn, das Ausweichen vor Begegnungen, die er nicht unter Kontrolle hat, spricht für einen unfreien Menschen. Darunter leide auch ich, aber ich will es nicht zum Dogma machen, es ist ein Leiden, vielleicht ein Charakterfehler, nicht mehr.

Kirche und Sexualität
Bergoglio ist der klassische Klerikale. Verliebtheit als große Verwirrung, der er mit der Hinwendung zu Zölibat entkommt, Sex als Sünde und das Zölibat als Erlösung und Opfer an den Herrn, die Angst vor Freiheit, Körper und Autonomie. Die klassische Spaltung der Frau in Hure und Mutter, Maria und Hexe, - der eigene Körper in seinem Verlangen als sündhafte Versuchung. Die sich nicht von Frauen angezogen fühlen, haben mit dem Zölibat ohnehin kein Problem. Die Minderwertigkeit der Frau ist für die Klerikalen eine von Gott gegebene Sache; der Gott der vielgepriesenen Bibel und der Gesetze zieht die Männer vor.
Der Glaube an das Opfer, an Leiden und Verzicht will statt es zu überwinden ihm einen Sinn, dann sogar einen Vorrang geben, will der Realität entkommen und – die Grenze ist fließend – bestätigt so das Leiden.
Die zölibatäre Männlichkeit wird zur göttlichen Berufung und Auslese erklärt, statt darin einfach ein mitmenschliches Defizit oder ein seelisches Leiden oder eine lächerliche Selbstüberschätzung zu sehen.
Solange die katholische Kirche davon nicht abkommt, kann man sie nur als verschroben, lächerlich oder bemitleidenswert ansehen.

Der billige Platonismus Ratzingers wurde als „hochintelligent“ eingestuft, seine Verwendung von Begriffen wie „Positivismus“ und „Naturrecht“ galt bei den Idioten schon als „intellektuell“. Dabei hat Ratzinger in keiner Weise das Problem des Verhältnisses von Körper und Seele zu lösen versucht, er hat es nicht einmal thematisiert, obwohl die Sexskandale aller Art in der Kirche danach schreien.

Auch Bergoglio liegt auf dieser Linie. Er macht sich gegen Abtreibung stark, in irgendeiner Berufung auf die Natur, die er gleichzeitig unterdrücken will. Es ist nicht bekannt, dass er sich damals mit der gleichen Verve für die Opfer der Diktatur eingesetzt hat.

Der Kardinal der Armen
Ist kein solcher. Er liest in den Armenvierteln die Messe, er macht populäre Gesten, tut so, als ob er einer von ihnen wäre. Es ist eine gute Show. Wie für ihn üblich, äußert er sich in inszenierten symbolischen Gesten, die auf den Text der Bibel verweisen. Selbst wenn er den Reichtum der Kirche heute verschenken würde, wäre das schnell verfrühstückt und auf die Dauer nichts gewonnen. Armut und Reichtum bilden sich ständig in der Reproduktion durch die Arbeit. Da liegt der Hase im Pfeffer. Eine Veränderung wäre nur möglich durch eine demokratische Umstrukturierung von Arbeit, Bildung und Kapital, nicht durch Almosen, Benevolencia oder Caritas.
Der heilige Franziskus war sicher ein sympathischer Heiliger, aber er hat nie wirklich zu den Armen gehört und kann für die heutige Zeit schon gar kein Vorbild abgeben. Die Umstrukturierung der heutigen Gesellschaft in eine demokratische ist eine Herausforderung an eine soziale und technische Intelligenz, kein allein moralisches Problem und des guten Willens.


Die Koppelung von Armutsappell mit den anderen Botschaften; Abwertung von Sexualität, die Glorifizierung von Leiden, macht die Kirche weiterhin zu einer zutiefst antidemokratischen Institution.


Links:
Zur Rolle Bergoglios während der Militärdiktatur ein Interview mit dem Bruder Orlondo Yorio:
http://www.publico.es/internacional/452334/mi-hermano-fue-un-canje-entre-la-iglesia-y-la-dictadura

Über die Haltung zur Theologie der Befreiung:
http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2013/mar/19/war-on-pope-francis-modern-inquisition

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