Sonntag, 10. März 2013

Zwei Ohrfeigen

Eine mit 14 von einer Lehrerin. Ich und noch ein anderer mussten nacheinander vortreten, um für eine schlechte Englischvokabelabhörarbeit jeweils eine Ohrfeige zu bekommen. Es war das einzige Mal, dass sie geschlagen hat.
Wie habe ich mich gefühlt, als ich zu meiner Bank zurück ging? War ich beschämt, blamiert? Oder war ich etwas stolz für eine Art von Widerstand? Ich weiß es nicht mehr. Ich kann mich auch nicht an die Schläge erinnern, die ich von meiner ersten Lehrerin in der ersten Grundschulklasse bekommen habe. Ich war der Erste, erzählte meine Mutter. Vielleicht war sie stolz darauf, hat es der Lehrerin vielleicht sogar angeraten. Die beiden kannten sich.
Ich selber habe auch geschlagen. Etwa unseren Klassenboss – das verschaffte mir Abstand. Auch andere Ältere. Ich machte es wohl so überraschend und knallhart, wie es mein Vater bei mir machte. Sie schlugen nicht zurück. Vielleicht waren sie geschockt, vielleicht war es nicht ihr Stil. Mit 14 wollte mir mein Vater wieder einmal eine setzen. Diesmal hob auch ich meine Hand. Die Ohrfeige fiel aus. Er hat es danach nie wieder versucht.
Aber ich schlug noch einmal zu, diesmal bei meiner jungen Schwester. Sie hat es mir wohl bis heute nicht verziehen. Ich habe mich dafür auch nie entschuldigt. Anlass? Sie hatte sich auf die Seite meiner Eltern gestellt. Ich war ausgezogen, lebte von in Ferien Erarbeitetem, ein bisschen Honnef-Geld. Für meinen Vater war es in den folgenden Briefen gefundenes Fressen, mit denen er jetzt auf mich einschlug.

Warum schreibe ich davon? Sadomasochismus? Versuch, sich zu verstehen, sich verständlich zu machen? Rechtfertigung?
Es ist schwierig für mich die soziale und politische Haltung der Mehrheit der Menschen hier zu verstehen. Ob das die Ursache der Differenz ist?

Der Geschlagene fühlt sich als der Marginalisierte, Vereinzelte, Ausgestoßene. Was macht der Schlagende? Reproduziert er diesen Graben zwischen sich und anderen oder rächt er sich?
Ist Schlagen nur eine andere Art der Kommunikation, der „Mitteilung“? Ich gebe den „Eindruck“, die Erfahrung weiter, die ich selbst erhalten habe?
Schlagen ist jedenfalls eher eine individualisierende und ausgrenzende Form des Umgangs – im Gegensatz zu einer Kommunikation, die zu verstehen oder sich verständlich zu machen versucht. Aber wie kann sich der Geschlagene mitteilen, ohne dass der Andere eine Erfahrung davon hat?

Das hier ist nur angedacht. Es reicht nicht aus, das Schlagen nur moralisch einzuordnen. Ich denke, es ist eine Art von spezifischer gesellschaftlicher Beziehung, so wie es die Individualisierung durch die kapitalistische Warenbeziehung ist.

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