Dienstag, 6. Juli 2010

Lust zu arbeiten

ist bei mir eher selten. Was ich derzeit am liebsten mache, ist rumhängen, mich von Gedanken leiten zu lassen, nicht organisiert voranschreiten, sondern surfen, nachdenken, formulieren, dann wieder einem anderen Gedanken nachhängen, unsystematisch, nicht zielvoll effektiv.

Arbeit, wie sie andere Leute machen, war mir immer zuwider. In der Schule habe ich zwar die Hausaufgaben gemacht – unter Überwachung – aber nicht mit Lust, eben gelangweilt. Die Schule hat mir Angst gemacht, wenig Spaß.

Bei Ferienarbeit bin ich zwar pflichtgemäß immer pünktlich erschienen, aber ich war froh, wenn sie vorüber war. Selten habe ich Arbeiten gehabt, wo ich nicht jeden Tag bis zum Ende, wenn nicht sogar jede Stunde gezählt habe.

Mein Studium habe ich so organisiert, dass ich einerseits die Pflichtanteile mit Anstrengung erledigt habe, aber nebenbei oder hauptsächlich mich Sachen gewidmet habe, die mich interessiert haben. Und es hat mich eine Menge interessiert. Erst in einem fortgeschrittenen Stadium fielen mir die Pflichtanteile des Studiums, Seminare, Referate usw. leicht und ich habe sie mit Lust gemacht.

Wenn ich die Nachbarn jeden Morgen bienenfleißig zur Arbeit fahren höre, frage ich mich, wie sie es schaffen mit dieser Selbstverständlichkeit zur Arbeit zu gehen. Die meisten Jobs, die ich gemacht habe, waren für nur möglich mit der Aussicht, sie irgendwann, sei es nach 2 oder 5 Jahren zu beenden. Die meisten Menschen werden zu ihren Jobs gezwungen. Haben sie sich dann daran gewöhnt, machen sie es dann seltsamerweise zu ihrem Selbst, identifizieren sich damit und können ohne diese Arbeit nicht mehr leben.

Das zu tun, was ich für richtig halte, das habe ich nie für möglich gehalten. Liegt es etwa daran, dass ich eine eigentliche Bestimmung meines Lebens verfehlt habe? -

Schreiben? Ja – aber ich bin zu weit außerhalb des Mainstreams, als dass mir da einer folgen würde. Gerade das Anschreiben gegen Konsum und für Arbeit begeistert niemanden.
 
Warum betreibe ich aber in meiner Gesellschaftskritik einen solchen Arbeitskult, betone immer, dass Arbeit den Sozialismus ausmacht? Mache ich es nicht so wie die meisten der zu Arbeit Gezwungenen. Wenn sie jemand nicht so schuften sehen, wie sie selber müssen, kommt in ihnen der Neid hoch, die Wut, die sie selber im Arbeitszwang unterdrücken müssen und sie könnten aus dieser Wut heraus die ganze Gesellschaft zum Konzentrationslager machen. Ich kenne dieses Gefühl.
Aber je länger die Flucht vor der Arbeit, etwa durch schulische Bildung, durch Technologie und Wissenschaft, möglich ist, umso länger wird der Zwangscharakter der Arbeit aufrechterhalten, wird es notwendig sein, den Konsum auszuweiten, die Rohstoffe auszubeuten, die Erde zu zerstören.
 
Man kann Arbeitsunlust auf eine Persönlichkeitsstörung zurückführen oder auf eine misslungene „Integration“ in eine Gemeinschaft „arbeitender“ Menschen. Wie würde eine solche „Integration“ aussehen? Auf keinen Fall wäre es die Einübung privater Cleverness im Kampf um individuelle Vorteile, wie sich hier „Bildung“ nennt, sondern die einem verantwortungsvollen Verhalten gegenüber den kollektiven Lebensgrundlagen. Das sind Natur, Arbeit und Gemeinschaft.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen