Samstag, 5. März 2011
KÖRPERLICHE ARBEIT
Nach einigen Wochen härtester körperlicher Arbeit frage ich mich, warum körperliche Arbeit so verpönt ist. Auf der einen Seite quälen sich Menschen in Fitnessstudios, joggen, fahren Rad usw., auf der anderen Seite sitzen andere stundenlang vor dem Fernseher und fressen sich voll. Die Welt ist voller Merkwürdigkeiten und Widersprüche. Der bürgerliche Marx, der an Verstopfung und Furunkeln am Gesäß litt - Spuren harten Sitzens in der Bibliothek – lieferte einen Traum einer von körperlichen Arbeit befreiten Welt von Automaten, in der die Menschen dann ihre Zeit mit Hobbys verbringen: Fischen, Viehzucht, Kritisieren, Jagen
Marx: "Wie mit der Entwicklung der großen Industrie die Basis, auf der sie ruht, Aneignung fremder Arbeitszeit, aufhört, den Reichtum auszumachen oder zu schaffen, so hört mit ihr die unmittelbare Arbeit auf, als solche Basis der Produktion zu sein, indem sie nach der einen Seite hin in mehr überwachende und regulierende Tätigkeit verwandelt wird; dann aber auch, weil das Produkt aufhört, Produkt der vereinzelten unmittelbaren Arbeit zu sein, und vielmehr die Kombination der gesellschaftlichen Tätigkeit als der Produzent erscheint."
In: [605] http://www.wildcat-www.de/dossiers/empire/maschinenfragment.pdf
Woher kommt die niedrige Bewertung körperlicher Arbeit gegenüber der Kopfarbeit?
---- Gleichzeitig aber immer eine Idealisierung des Körpers (bei den Griechen, den Kelten, den Sportlern, den Filmen, der Gesundheitskultur)?
Leiden wird als Gewalt gegen den eigenen Körper und als Unlust per se definiert, etwas, was Schmerzen verursacht, was (historisch) zu beseitigen ist. Der Siegeszug der Maschine und des Öls liefert einen Beweis. Dumm und ein Spinner, wer sich mit eigener Kraft bewegt, es sei denn es hätte sportlichen Wettkampfgewinn oder Gesundheitswert. „Ökonomische“ Begründungen werden vielleicht gerade noch zugelassen.
Als ich mich „abgeplagt“ habe – wie es andere nennen würden – wollte ich dabei auch meine Stärke und Kraft gegenüber dem Baggerfahrer beweisen. („Wir haben die Kraft“, lautet die CDU-Phrase auf den Wahlplakaten). Also das hatte Wettkampfwert. Im Wettkampf, in der Konkurrenz darf man sich wiederum „quälen“.
Der Unlustcharakter der Arbeit muss mit Belohnungen kompensiert werden: der Gedanke an den Lohn, an den Vorsprung gegenüber Kollegen etc., den Erfolg des abgeschlossen Werkes.
Jedes Niveau der Produktivkräfte sucht sich ihre eigene Kultur, ihren eigenen Überbau. Passt also die harte entbehrungsreiche Arbeit zur christlichen Religion, zum gekreuzigten Jesus, dessen Leiden - irdisch - nicht entlohnt wird?
Ist aber körperliche Arbeit nur Frustration? Kampf um Befreiung der Arbeit identisch mit der Befreiung von Arbeit? Das will uns die bürgerliche Interpretation der Arbeit durch Marx und Adorno nahelegen. Da ist Körper eingesperrt und gefesselt, ausgebeutet und beherrscht durch das Kapital, jede Tätigkeit wird zur Qual, zum Missvergnügen und Leiden. Der Propaganda gegen die körperliche Arbeit, folgt die Idealisierung der intellektuellen Tätigkeit, die Reduzierung des Körpers auf Kunstformen wie Musik, Singen, Ballett, eventuell noch auf Sex. Die Verwechslung von körperlicher Arbeit mit Unterdrückung und Barbarei, die Verteufelung der Erde, die Idealisierung der Gedanken.
Körper ist Mittel seelischen Ausdrucks. Freude führt zu Bewegung, Trauer zu ihrer Lähmung. Umgekehrt kann Bewegung Depressionen vermindern. Pervers, wenn einer mit dem Auto sinnlos durch die Gegend rast. Aber warum tut er das? Da er körperlich im gefesselten und maroden Körper behindert ist, braucht er eine Art Rollstuhl, um seinem Bewegungsdrang Ausdruck zu verleihen.
Will sagen, körperliche Bewegung – nicht nur Vorwärtsbewegung, sondern Kraftausübung aller Art – ist ein menschliches Bedürfnis und die Nichtausübung dieses Dranges führt zu einem Gefühl der Schwäche und Unzufriedenheit.
Die Fehlinterpretation körperlicher Arbeit durch die Linke (und moderne Gesellschaft) führt auch zur Verkennung der Kräfte, die an die herrschende Gesellschaft binden: das Gefühl von mit körperlichen Arbeit verbundenen Kraft, der Stolz und das Selbstbewusstsein darüber.
Mein Vater etwa hat in dieser Polarität von körperlicher Kraft und Schwäche gelebt: einerseits viel beschwerliche körperliche Arbeit, andererseits die schwächenden Krankheiten. Tage, an denen er nicht mehr aufstehen konnte, Parkinson und dann rapide körperliche Schwäche bis zum Tod. Die christliche Religion gab dem Bilder und sinnvolle Bedeutung.
Die positive Bedeutung der körperlichen Arbeit erschließt sich erst über eine gewisse Frustrationstoleranz und dem Willen, etwas zu schaffen. Bei Zola „Die Erde“ gibt es eine schöne Stelle darüber wie die Bauern durch die jedes Jahr neue Ungewissheit und Angst fühlen, ob es gelingen wird, die nötige Arbeit zu schaffen, und dadurch motiviert werden, ihrem Körper Unglaubliches abzuverlangen.
Ein Normalmensch wird obige Sätze für bizarr und out of aerea halten. Ich weiß, dass was ich da schreibe, gegen den Wind gesprochen ist. Sinnlos. Der Weg der Menschheit geht in eine andere Richtung: Zentralisierung, Mechanisierung, Versklavung der Arbeit, nicht ihre Befreiung, Unterwerfung unter das Kapital. Selbst die (Konsum-)Linken haben nur Mehr, Mehr, Mehr im Kopf.
Die Abneigung Adornos gegen Sport und Körperlichkeit:
Biografisch hatte er ein sehr gebrochenes Verhältnis zum Körper, einen Körper als bewegungsstarren Panzer wie viele seiner Generation, klassenübergreifend. Es heißt, nur seine Augen wären lebendig, beweglich gewesen. Er pflegte eine tiefe Abneigung gegen Sport und körperliche Bewegung. Sport, körperliche Arbeit war für ihn nur entfremdet, Unterdrückung, Unterwerfung. Der Körper ist nur missbrauchtes Instrument.
Geht Körper aber nicht dem Geiste voraus? Kann sich nicht nur das im Geist abbilden und dann verselbständigen, was nicht vorher körperliche Aktivität war? Ist diese Unterscheidung von Körper und Geist nicht ein historisches Resultat auch der Spaltung der Gesellschaft in Klassen oder dem, was dem vorausgeht?
Es gibt bei Adorno formal eine Dialektik von Körper und Geist (Negative Dialektik um Seite 200*), inhaltlich neigt er aber zum Idealismus. Körper ist Entfremdung, Leiden aber ist dazu nicht einmal das Negative. Die Überwindung des Fetischcharakters der Warenwelt, der Entfremdung soll durch eine Art Entzauberung der verzauberten Welt, durch das aufklärende Wort erfolgen, das Wort, das den Bann bricht. In diesem Sinne sah er sein Schreiben als einen Versuch, das Hintergründige ans Licht des Bewusstseins zu bringen – in einem eher magischen Akt, der den Bann bricht.
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„Alles Geistige ist modifiziert leibhafter Impuls“ - „Drang ist, nach Schellings Einsicht, die ‚Vorform von Geist“ (Negative Dialektik S. 200)
Körper ist mehr als Aktivität. Es ist zuerst sinnvolles Handeln, ohne dass es der Kopf für das allgemeine Bewusstsein schon sprachlich reproduzieren könnte. Erst danach reflektiert es sich im Bewusstsein, um von da aus wieder bewusstes soziales Handeln zu werden. Aber dies entwickelt sich aus den biologischen Aktivitäten des Körpers, die als Ausdrucksformen des Lebens in der sozialen Interaktion, ihrer Interpretation und Anerkennung durch die umgebende menschliche Gesellschaft Sinn enthalten und entwickeln.
Aber Adornos Körperfeindlichkeit hat neben Idealismus und Körperentfremdung noch einen drittes Moment: Körper ist Barbarei. Zwar ging er durch die Schule Freuds und anerkennt die Bedeutung körperlicher Bedürftigkeit, aber er will den Kulturprozess nicht mehr rückgängig machen, es wäre denn Barbarei. Wie er etwa in seinen musikalischen Schriften das „Schlag“zeug denunziert und das Klavier als Medium musikalischer Erkenntnis idealisiert - diesen geschlagenen, hässlich klingenden Klimperkasten, das Schlagzeug der Eliten. Darin ist viel Idealisierung der eigenen Herkunft und Klasse, Abgrenzung gegenüber der „barbarischen“ Unterschicht.
Rhythmus ist eine Urform der Begriffsbildung, der Strukturierung von Zeit und Bewegung. Zentrale biologische Prozesse des Lebens sind rhythmisch. Adorno idealisiert die subjektiv expressiv-dynamische Zeit, verabscheut den gleichmäßigen Rhythmus als mythisch. Dabei vergleicht er Rhythmus wohl dem abstrahierenden, das Konkrete vergewaltigende Begriff.
Wohl ist Rhythmus eine Vorform des Begriffs. Ohne die Verdinglichung der Welt durch Begriffe, die zunächst willkürliche Einteilung der Welt in begriffliche Klassen können wir nicht denken, nicht sprechen, nicht leben. Und nur auf der Basis von Begriffen können wir sie wieder negieren und neu organisieren. Dabei müssen wir uns immer ihrer Dialektik bewusst sein. Bewusst sein, auf welchem bodenlosen Grund wir unser Denken aufbauen.
Aber ist auch der Körper und sein Rhythmus, sein Begehren, kein wirklicher Grund? Es ist zwar immer ein sozial interpretierter Körper, uns eigentlich fremd, nur (gewaltsam) angeeignet, nicht eigen – obwohl wir in ihm sind und sich wohl kaum etwas anderes mehr als Eigentum verstehen lässt. (Nebenbei gefragt: das Bewusstsein, das sich dieses Verhältnisses bewusst ist, was ist das? Wie eigen oder individuell?)
Wir versuchen uns, da der Verstand nicht mehr weiterhilft, auf ein Inneres, die Launen, die Stimmungen und Gefühle, die Träume, die Wegweisungen des Körpers durch Krankheiten als einer Basis zu vergewissern. Wir orientieren uns etwa daran, ein gutes Gefühl zu haben, warten in Meditation, Wanderungen usw. auf spontane Äußerungen dieses Gefühls, befragen das Gewissen, was richtig und falsch ist, suchen nach dem Gefühl von Stimmigkeit und Adäquatheit.
Körperlichkeit ist also Vorform des Denkens, ist darüber hinaus Grundlage der Beurteilung darüber, was stimmig und unstimmig ist, aber ist immer auch eine soziale Beziehung zu anderen Menschen. Denn der Körper verweist immer auf ein Allgemeines: der Körper ist ein allgemein menschlicher. Mehr oder weniger – auch wenn wir gerade deswegen die Unterschiede so sehr betonen – haben alle Menschen einen identischen Körper. Dieser Körper ist für das Individuum genauso fremd oder nah wie jeder andere Mensch. Er gehört ihm und genauso nicht. Insofern ist er Gegenspieler, sogar Feind des Individuums. Zumindest stellt er die Selbstverherrlichung, die Hybris des Individuums in Frage. Dieses Verhältnis, in dem das Subjekt zum Körper steht, ist nicht fixierbar. Es wechselt von Identität zu Entfremdung, von Blockade zu Resonanz.
Das denkende Subjekt hat schließlich die Tendenz, sich zu verabsolutieren, in eine Fantasiewelt zu geraten, sich von der Wirklichkeit zu befreien. Dieser Prozess reflektiert die Unterdrückung der körperlichen Arbeit. Umgekehrt gilt aber, dass je mehr sich der Mensch der Wirklichkeit in körperlicher Arbeit aussetzt, desto geringer wird diese Abwehr der Arbeit und desto geringer wird der Trieb nach Herrschaft und das Verlangen, Arbeit auf andere abzuladen. Zur Demokratie gehört also auch die Bildung eines arbeitsfähigen Körpers. Heißt das, dass es eine physiologische Tendenz zur Herrschaft gibt, die sich aus der Trägheit ergibt? - ? - Aber es lässt sich auch vom anderen Ende her als ein Resultat der Entwöhnung von Arbeit beschreiben, als ein Verfall von Fähigkeiten, als eine Barriere zur Praxis.
Probleme, die zu analysieren sind:
- die Entwöhnung von körperlicher Arbeit
- die Rolle des Sports zwischen entfremdeter Arbeit und befreiter Arbeit
- die körperlichen Voraussetzungen für eine sozialistische Gesellschaft
- Ende der Erdölökonomie
Die falsche Interpretation des Körpers bei Adorno
MIMESIS UND TANZ
Adornos Idealisierung der Mimesis als Medizin gegen die irrational gewordene Rationalität ist missverständlich. Der Mimesis am naheliegendsten ist der Tanz. Es ist dies eine Bewegung, die sich nicht im Kopf, sondern in Zeit und Raum abspielt. Die Grundstruktur des Tanzes ist der Rhythmus. Dieser entfaltet sich in der Zeit, während der Begriff zeitlos sein will und deswegen verknöchert und falsch wird in dem Maße wie sich das Umfeld verändert. Denken und Leben gehören zusammen. Aber die Grundform ist der Tanz im Rhythmus. Der Rhythmus verweist wie der Begriff auf eine immer gleiche Grundstruktur, aber entfaltet sein Leben aus der Veränderung in der gleichen Struktur. Einheit des Mannigfaltigen.
Tanzen ist nicht nur ein körperlicher Akt, sondern erhält seine Impulse auch vom Körper. Und – er ist eine Weise, wie Menschen sich miteinander verbinden. Er begründet also ein Verhältnis zum Körper wie zu anderen Menschen. Die Beziehung des Tanzes zum Körper ist sichtbar auch in der Verbindung zu Sexualität, wie zur Äußerung körperlicher Gewalt. – Das Wiegenlied wiederum zeigt die entspannende und beruhigende Funktion des Rhythmus. Keinesfalls lässt sich Rhythmus auf ein Motiv, auf eine Bedeutung reduzieren.
In der Kritik Strawinskys beschreibt Adorno dessen Vorgehen als „regressiv“, parallel zum Kulturfaschismus. Rhythmus tendiert, so scheint es für Adorno, naturwüchsig zum Triebhaften, zur Entindividualisierung, zur Vermassung. Es sind die Massen von Le Bon, analysiert 1921 von Freud in „Massenpsychologie und Ich-Analyse“. Das individuelle Über-Ich wird vom kollektiven Ich-Ideal abgelöst. Entsprechend verändert sich die Bewusstseinsstruktur der primärprozesshaften, also triebhaft, Handelnden. Sie verlieren ihr Gewissen und es erfolgt der Einbruch der „Barbarei“. Das war das Thema der Zeit nach 1900, einerseits in der Kunst als belebendes Element, andererseits in Politik und Gesellschaft als Gefahr der Barbarei beschworen. Das reicht von dem Psychotechniker Münsterberger bis zur Sozialistin Luxemburg, im Blick die Kontrolle der sozialen Beziehungen. Auch die Psychoanalyse fordert einen anderen Umgang mit Trieb und Kulturdruck fordert (Freuds „Das Unbehagen in der Kultur“). „Wo Es war, soll Ich werden“.
Adorno sieht wohl die Beziehung zwischen Rhythmus und Leben, aber verengt sie auf musikalische Thematik und Motivdurchführung. Er verengt Musik auf Melodie, eigentlich auf das Sprechen. Rhythmus ist ihm ungeheuer, ist präsubjektiv, weil er - wie Musik von ihm generell verdächtigt wird – affirmativ ist. Die Erfahrung von Rhythmus ist schon Partizipation, Teilnahme. Es ist eine wie immer gewaltsame Identifikation, eine Aufforderung zur Teilnahme. Tanzen ist eigentliche Mimesis, indem alle Tänzer an einem kollektiven Dritten teilnehmen. Die Reflexion, die zuschauende Distanz, der urteilende und sprechende Verstand werden unterminiert. Es spielt sich auf einer Ebene ab, die zwar intersubjektiv, aber präverbal ist. Es muss für Adorno der Einbruch der Barbarei sein, und mag so auch beim „Sacre“ von Strawinskys durchgespielt worden sein; als Opferfeier vor dem großen barbarischen Opferfest des Ersten Weltkriegs.
Adorno reagiert darauf „idiosynkratisch“, statt aufklärend und analytisch. Es ist eine Reaktion im Sinne des Über-Ichs, des zwanghaften Charakters, der mit Körperpanzer alles Mitschwingen, jede „Regression“ verhindern muss, der die Kontrolle des Verstandes, die Distanz und Abgegrenztheit der Individuen aufrechterhalten will; die Dominanz des Geistes über Leib und Seele.
Er ist sich dabei nicht zu schade in gefährlicher Weise den Faschisten nahezukommen. Russische Kunst ist „präsubjektiv“ – wo liegt der Unterschied zum Begriff des Untermenschen? Er zieht alle psychiatrisierenden Schubladen, um Strawinsky zu denunzieren: Zwangsneurose, Katatonie, Hebephrenie, Schizophrenie, Wahnsinn usw. usf. Welchen Sinn soll solche Psychiatrisierung haben? Verstehendes Teilnehmen oder Grafeneck? Es ist ein definitorisches Aussperren dessen, was nicht dem bürgerlichen Ich entspricht. Adorno stellt nicht die Frage, was es dem „infantilen“, „schizoiden“ usw. Subjekt unmöglich macht, den spätromantischen Prozess weiterzuführen, warum die Neue Musik etwa neue Positionen einnimmt. Stattdessen wird es von Adorno psychiatrisierend denunziert.
Adornos angewiderte Rezeption von Pop und Jazz – er war sogar bereit dafür mit den Faschisten zu kooperieren – sieht darin nur Regression in die Barbarei. Sein Weg war der des empfindenden und formulierenden Bewusstseins. Obwohl Musik bekanntlich aus dem Zusammenwirken von Rhythmus, Melodie und Harmonik beruht, ist sie für ihn im Ideal wesentlich ein melodischer Verlauf, von der Stimme, letztlich vom Text und Sprechen dominiert. Merkwürdigerweise kapriziert sich für ihn musikalische Kultur auf Klavierspielen. Warum? Weil sich der Fortschritt der europäischen Musik in der Entwicklung der Harmonie abspielt – endend am Fluchtpunkt der Zwölftonmusik Schönbergs. Hat die Melodie noch Rhythmus gehabt, verklingt sie mit dem idealisierten Rubato in Harmonie/Disharmonie.
Adornos Gegenüberstellung des „expressiv-dynamischen“ gegen das „rhythmisch-räumliche“ Hören und seine Versöhnung in der klassischen Moderne ist künstlich. Das „rhythmisch-räumliche“ – der Begriff des Raums ohnehin ein Fehlgriff – assoziiert Adorno mit Mechanik, Äußerlichkeit, Objektivität, Gewaltsamkeit, technischer Demagogie, Gleichschaltung und weiteren Invektiven. Als Ideal immer ein „Subjektives“ im Auge, das die Klassenverhältnisse, die es feiert, nicht mehr reflektieren und in Frage stellen will. Natürlich ist der Rhythmus eine präverbale Aggression gegen die verlogene und vergewaltigende Ausdruckskunst des 19. Jahrhunderts - wenn auch Ehrlichkeit, Destruktion und Identifikation mit dem Aggressor zugleich. Asozial, aber gegen den Kitsch der sogenannten Gefühle und Subjektivität. Das Ideal der Klassik war mehr und mehr die Gefühlswelt des vereinsamten und ausgestoßenen Individuums – typisch Schuberts „Winterreise“. Eine gesellschaftliche Intervention lässt sich nur noch als gewaltsames Zerbrechen durch den Rhythmus durchspielen. Parallel zum Auftrumpfen der Maschinen, des Autos, der aggressiven Konkurrenz der Menschen untereinander – Adornos Auftreten gibt ein Beispiel dafür. Die Alternative wäre Trauer, Gedenken an das Verlorene.
Adornos Musikideal ist nur noch für Künstler und Zuhörer, totale Arbeitsteilung, Auseinanderfallen von Praxis und Theorie. Theorie als Ideal, reine Anschauung. Bleibt das rezeptive, nur noch im Geist und Bewusstsein tätige bürgerliche Individuum, rechnend, nicht mehr arbeitend, empfindend, nicht mehr handelnd. Schon Kant reduziert Urteil auf Zusammenfügen von Subjekt und Prädikat. Obwohl die Sprechen ein Benutzen vor allem von Tätigkeitswörtern ist – und die Welt ein Resultat des tätigen Menschen.
Im Genie des Künstlers feiert der Bürger sich selber. Unten im Podium darf er von Großem träumen. Fühlt er mit der dargebotenen Musik, wird er mit dem Ideal identisch. Biografisches würzt die Kost. (Ich kenn das von meinem Mahler).
Aber Reflexion lebt von dem Reflektierten und das ist der bewegte Mensch. Ihn kann die Reflexion nicht aus sich selbst erzeugen, auch wenn sie das immer wieder versucht. Die Überkontrolle führt zu einem lügenhaften Selbstbild, zu der fürs bürgerliche Existieren notwendigen Selbstüberschätzung.
Der im Publikum sitzende Zuhörer scheint keinen eigenen Körper mehr zu haben. Aber ohne eigenen Körper könnte er nichts empfinden. – (Ich ignoriere hier einfach, dass die Mehrheit ohnehin nichts empfindet. Sitzt nur stumpf da, wartet auf das Ende, ist mit Blähungen, Hustenreiz und den Nachbarn beschäftigt.) Es ist der Körper, der mitschwingt. Um die Wirkung von Musik zu entfalten, um sie zu hören und wahrzunehmen, muss der Körper ihren Resonanzkörper bilden. Die in der Musik dargestellte Bewegung muss er als innere Bewegung nachvollziehen können.
Mahler schreibt seine Sinfonien in seinen Sommercamps, in denen er neben dem Komponieren schwimmt, Rad fährt, bergsteigt. Und der Zuhörer kann es nur in Erinnerung daran miterleben.
Adorno lehnt den Rekurs der Musik auf den Körper, seinen Rhythmus wie etwa des Herzens, als mechanistisch ab. Er verpasst damit eine Chance, seinen – philosophisch gesehen – „Idealismus“ zu kritisieren. Er will in einer körperlosen Gesellschaft leben. Nur tief unten sind da die stupiden, geisteskranken Körperwesen, Monaden bedingter Reflexe, „Bastler und Mechaniker“, die „heutzutage“ „aus der Erde“ wachsen (S.182 Ph der N Musik 175), sie gehorchen dem Schlag der Trommel. - Seinen gesammelten Klassenhass wendet er gegen sie.
„Es wendet sich einzig noch an den rhythmisch-räumlichen, spielerisch-geschickten, der heutzutage mit den Bastlern und Mechanikern aus der Erde wächst, als stammte er aus Natur und nicht aus der Gesellschaft.“ Schreibt Adorno. Als ob „aus der Erde wachsen“ allein schon der Makel wäre. Ist das nicht genau die Nekrophilie, die er anderen zuschreibt?
Es gilt Abschied zu nehmen von der Verherrlichung und Verabsolutierung der Besonderheit des Individuums. Nicht weil die Verhältnisse ihm Ohnmacht und Bescheidenheit beigebracht hätten oder beizubringen haben. Sondern aus Selbsterkenntnis, Erkenntnis seiner Bedingungen und Grenzen. Dazu gehört auch die Bedeutung von Arbeit und Körper, deren Anerkennung und Würdigung. Körper ist nicht nur Widerstand, Materie, äußere Bedingung, sondern in seinen Lebensäußerungen und als Leben selbst nicht nur conditio sine qua non, sondern das, was allem Geist vorausgeht und ihn strukturiert und bildet. Ihm gilt es zuzuhören, auf ihn zu horchen, ihn sprechen zu lassen, ihn in den Geist wirken zu lassen und ihn sich entfalten zu lassen, seine Bedeutung zu akzeptieren und ihn pfleglich zu behandeln und zu entwickeln.
Körper ist immer ein sozial verfasster. Er artikuliert sich für unser Bewusstsein in den Klischees und Worten, die die jeweils aktuelle Sprache für ihn findet, erfindet und benutzt. Der Umgang mit ihm ist besetzt mit den Methoden, die uns die Umwelt aufgeprägt hat. Wir können sie reflektieren, in Frage stellen, möglicherweise korrigieren, sind aber in den Vorgaben gefangen. Der Körper zeigt sich jedoch autonom gegen seine gesellschaftliche Zurechtmachung. Er rebelliert dagegen durch Krankheit, durch Versagen und Verweigerung, Müdigkeit und Tod. Er bringt sich zum Ausdruck durch seine Äußerungen von Schmerz und Wohlgefühl, Träume und sein Verlangen.
Was auch noch fehlt: Körperfeindlichkeit und Klassenhass.
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