Die Finanzkrise hat alles wackeln lassen und die Nostalgiker glauben Marx wieder hervorholen zu können. Natürlich nur, um darüber zu schwätzen. Das Wiederkäuen der alten Sprüche.
Es ist aber unmöglich über Marxens Sätze zu reden, ohne die Geschichte, die sie hervorgebracht oder verunmöglicht haben zu bedenken.
Da ist etwa dieser Warenfetisch. Weil es so richtig niemand verstanden hat, was Marx eigentlich Skandalöses damit meint, glaubt jeder, sich seinen eigenen Reim darauf machen zu können. Am ulkigsten hier Bolz, der mit seiner Interpretation den Vogel abschießt: „spiritueller Mehrwert“, „fast“. Andere mühen sich mit Marxzitaten.
Marx steht hier eindeutig in der Hegelschen Tradition. Dort ist die Geschichte eine der Begriffsbildung hin zur Vernunft, Wirken des Geistes. Dieser Geschichtsprozess vollzieht sich in der Vergegenständlichung, Außer sich setzen der Dinge, auch durch Arbeit – bei Hegel ist Arbeit dem Fortschreiten des Begriffs nicht unähnlich – und der Aneignung vom An Sich zum Für Sich und An und Für Sich. Der junge Marx handelt das noch als Entfremdung ab. Den arbeitenden Menschen tritt in der kapitalistischen Lohnarbeit ihr Produkt als selbständige Macht, als eigenes Ding entgegen, ihre eigene Subjektivität nimmt objektive Züge an und erzeugt ein falsches Bewusstsein. Die produzierten Dinge führen ihr Eigenleben und lassen ihre Produzenten nicht mehr erkennen.
Wie auch immer, Frage ist, ob der dann daraus folgende Verdinglichungsprozess derart schrecklich ist, dass die Menschen in die Krise getrieben werden und sich aus ihr dann revolutionär herausbewegen. Sicher bedingt der Warenfetisch falsches Bewusstsein, falsche Beziehungen, wo Menschen sich frei vorkommen, während sie in Wirklichkeit Funktionen des Kapitalverwertungsprozesses sind.
Aber warum hat sich diese Verdinglichung historisch durchgesetzt, angefangen von der Tauschwirtschaft der Griechen über die christliche Pflege des Privatlebens bis zur hochkapitalistischen Marktwirtschaft heute? Warum haben sie die feudalen Produktionsverhältnisse überwunden und abgelöst? Meine einfache These: weil die Verdinglichung der Warenform, „Warenfetisch“, die Versachlichung der sozialen Beziehungen in der Warenform den Individuen die Emanzipation aus repressiven sozialen Gemeinschaften ermöglicht. Damit wird diese Verdinglichung zur Voraussetzung und zum Motor der Individualisierung. Soziale Verhältnisse nehmen daneben selber verdinglichte Formen an: Lohnarbeit. Die Menschen organisieren sich in Wertgrößen, messen ihr Glück in Wertgrößen, motivieren sich mit diesen „Werten“, schätzen ihren Selbstwert damit und strukturieren ihre Beziehungen entlang der Wertlinien.
Was dabei untergeht ist schwieriger zu definieren, eben weil dem die relative Eindeutigkeit von Preisgrößen fehlt. Es ist individuelles Gefühl, Lust und Unlust, Anerkennung oder Verachtung. Diesen Kategorien fehlt die Eindeutigkeit und die scheinbare Objektivität der Wertgrößen und schon deswegen orientieren sich viele Menschen in ihrer Bewertung an den Kategorien des Warenfetischs. Komplexitätsreduktion würden´s andere nennen.
Was ist die Alternative zum Warenfetisch?
Es ließen sich nennen: Planwirtschaft, Kommunitarismus, Gemeinschaft, Familie, Nichtauschbeziehungen. Das Problem, das viele Menschen mit solchen Institutionen haben, ist, dass sie die Angst oder das Gefühl haben, darin ihre Freiheit zu verlieren. Man denke etwa an Diskussionsprozesse innerhalb der Linken, wo versucht wurde, basisdemokratische Prinzipien radikal auszuleben – oft in schwer erträglicher und langwieriger Weise. Meistens ist für Menschen aufgewachsen in bürgerlich dominierten Institutionen der Gedanke an Öffentlichkeit und öffentlicher Willensbildung eine Horrorvorstellung. Man denke an mobbende Klassengemeinschaften, autoritäre Lehrer, destruktive Beziehungen mit dominanzsüchtigen Menschen. Im Verhältnis dazu ist die Vorstellung seine Sache unter sogenannten „verdinglichten“ Verhältnissen, sei es Lohnarbeit oder Kauf von Dienstleistungen, durchzuziehen eine angenehmere Vorstellung.
Was ich derzeit mache; Bau eines Passivhauses, Aufbau einer kleinen Landwirtschaft, gehört in diese Struktur. Eine ökologische und sozial gerechte Entwicklung wird es nicht geben, die kapitalistischen Strukturen werden sich ausweiten. Selbst wenn es Krisen gäbe, etwa wie die Finanzkrise, die Energiekrise, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit kapitalistischen Methoden gelöst wird, größer. Zwar gibt es ein diffuses linkes Bewusstsein, aber keine Voraussetzungen für eine revolutionäre Praxis. Zu diesen Voraussetzungen würde vor allem: Rücknahme der Arbeitsteilung, Reduktion des Konsums, eigene Produktivität, gleiche Bedingungen für alle und demokratische Willensbildungsprozesse ohne die Dominanz der heutigen Mittelschichtsinstitutionen gehören. Das ist nicht absehbar und deswegen bleibt mir nur eine Bewegungsform innerhalb der kapitalistischen Strukturen. Ohne Aussicht auf Veränderung.
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