Montag, 18. April 2011

Zur Kritik von Adornos Körperanalyse

In einer multidimensionalen Welt gibt es auch für die Moral keine eindeutigen Maßstäbe mehr. Der war für Adorno das Leiden. Das ließ sich von ihm implizit leicht auf körperliches Leiden pointieren. Oder es wird mindestens vom Leser so verstanden. Merkwürdigerweise ist bei Adorno wenig die Rede von der Erfahrung der Beschämung, Herabsetzung und Entwürdigung, viel aber von den Gewalttaten des Sports, der faschistischen Folterer. Aber auch nicht von der sinnlichen Erfahrung des Menschen auf ein physisches Maschinenteil. Es war ihm fremd. Er stand auf der anderen Seite.
Die Reduktion der moralischen Motivation auf Vermeidung von Leiden führt naturgemäß zu einer impliziten Fehlbewertung der körperlichen Arbeit als zu vermeidender. Selbst im Sport, ansiedelbar im Freizeitbereich und der individuellen Beliebigkeit, sieht er nur die kapitalistische Maschinerie am Werk.
In der Abwertung des Sports ist eine alte altruistische Moral enthalten, die Selbstlust, die Lust an dem Wirken des eigenen Körpers verbieten will. Diese altruistische Moral wirkt im Gefolge heteronomer autoritärer Traditionen, deren religiöser Ausdruck etwa das Christentum war. Gut ist nur die körperliche Lusterfahrung im Dienste des Anderen.
Es geht mir nicht um die Denunziation der altruistischen Moral, sondern um ihre Relativierung, Denn auch im Erlebnis von Lust und Unlust, Leiden und Glück des Körpers stehen wir als Personen einem Anderen, einer „Natur“ gegenüber, wie wir es gegenüber anderen der Gesellschaft, oder „Gott“ tun würden, wenn auch in einer anderen zwingenden und unmittelbareren Erfahrung. Denn das, was wir als unsere Natur interpretieren ist schon durch die gesellschaftlichen Begriffe und Erkenntnisse vorinterpretiert, damit eingeschränkt, bewertet, herausgehoben und verdrängt. Es gibt keine unmittelbare Erfahrung. Ein physischer Prozess geht nie unmittelbar in dessen Wahrnehmung und Interpretation durch den Wahrnehmenden und das Bewusstsein auf. (Gehirnforschung ignoriert diese erkenntniskritische Voraussetzung).
Historisch gesehen hat Arbeit einen Prozess der Entwertung durchgemacht. Herrschaft und Unterwerfung lassen sich leicht als Arbeitsvorgang beschreiben: jemand bückt sich, kniet nieder, leidet, führt aus. Der Arbeitende hat es oft mit der Schwerkraft zu tun. Er muss hochheben, sich nach unten bewegen. Er hat es zu tun mit Dreck und Erde. Er bewegt sich unten, den Blick nicht gerichtet in den blauen Himmel nach oben. Da wo der Geist, wo Gott, die Gedanken angesiedelt sind. Der Geist „schwebt über dem Wasser“. Die Polarität von Unten und Oben macht die Arbeitsbewegung aus. Man spricht von Höherentwicklung und niemand will nach unten gehen. Das ist der Ort des Todes, die Unterwelt. Andererseits war eine der typischsten Ausbeutungsarbeiten die unter der Erde. Da wo auch die Hölle angesiedelt wurde. Die Himmelfahrt geht aber wieder nach oben.
Diese Polarität ist religiös überformt worden.
Wäre es aber nicht eine gegenüber der menschlichen Natur gewaltsame Beschönigung der Arbeit, diese Polarität von Unten und Oben, diese uralte kulturelle Dimension jetzt einfach anders zu interpretieren und umzuwerten?
Es geht mir aber nicht um das simple Lob der körperlichen Mühen und Leiden. Sicher ist, das in körperlicher Arbeit mehr lustvolle Erfahrung enthalten ist als gesellschaftlich wohlangesehen ist. Sicher gibt es auch eine Verquirlung körperlicher Aktivität mit Masochismus – wir können uns eben nicht so einfach aus unseren historisch gewachsenen Voraussetzungen lösen. – Mir geht es bei der Einbeziehung der körperlichen Arbeit in die Emanzipation der Arbeiterklasse um deren Rekonstruktion als autonome und sinnvolle Äußerung des Menschen.
Das bedeutet, dass der Herrschaftsanteil in Arbeit wahrgenommen und sie durch die Hereinnahme der Kopfarbeit wieder autonom wird. Historisch hat eine Enteignung der Kopfarbeit stattgefunden; sie wurde aus dem körperlich Arbeitenden herausgenommen und unabhängig von ihm fortentwickelt.
Es kann dabei nicht um ein Utopia gehen, sondern einen Prozess der größtmöglichsten Aneignung der Kopfarbeit durch den Handarbeiter. Wesentliche Elemente dabei die Vergesellschaftung und Nationalisierung der energetischen Prozesse, Begrenzung der Globalisierung, betriebliche Demokratisierung, technikadäquate Ausbildung.


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