Sonntag, 4. November 2012

Armutsforscher



Ich höre eine Sendung, in der verschiedene Armen über ihre Erfahrungen berichten, immer wieder “sachverständig” kommentiert von einem Professor, “Armutsforscher” genannt. Der Professor fordert mit Recht eine Bürgerversicherung, Mindestlohn. Aber wie Armut definiert wird, ist widerlich: “Gesellschaftliche Teilhabe”,  Oper- und Theaterbesuch, Mitreden in bürgerlichen Medien. Die bürgerliche Mittelschicht definiert mit ihren Mitteln, die sie mit den Medien in ihrer Macht hat, was Gesellschaft, was Teilhabe ist und was nicht, was der Mensch braucht und was nicht. Diese Klasse versucht den Armen ihre letzte Würde zu nehmen, nämlich ohne diese bürgerlichen Standards auszukommen: ihr Theater, ihre Oper, ihren Konsumstandard und ihre “Gesellschaft”. Statt den Standard des bürgerlichen Reichtums, seiner “Kultur” in Frage zu stellen, wird dessen Fehlen beim Armen ihm als Zeichen seiner Minderwertigkeit aufgeschwätzt, als bedürfte es dieser Kultur um geschichtlich vorwärtszukommen.  Die Armen sollen zum Klientel des fürsorglichen Sozialstaats herabgestuft und kulturell demoralisiert werden.
Dabei haben sie  die Fähigkeit, mit dem Vorhandenen zurechtzukommen, haben das Bewusstsein, dass alles, was konsumiert wird, auch produziert werden muss, dass es nichts umsonst gibt und dass das Problem die Reichen sind und nicht die Armen.

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