Samstag, 14. August 2010

Stuttgart 21

Der Stuttgarter Hauptbahnhof ist eindeutig ein Teil vorfaschistischer Architektur: in seiner gewaltsam abstrakten Linienführung, einerseits antifeudal unpompös und ohne dekorativen Schwulst, aber doch monumental und duster. Die Fassade besteht aus rohen Naturelementen. die die Stahlbetonarchitektur kaschieren, dabei eine eigenartige und herbe „Natürlichkeit“ verbreiten sollen, sich gegen die „gemütliche“ Feudalarchitektur stellen, aber letztlich nur Teil einer menschenfressenden Profitmaschine ist, Ende der Königsstraße, diesem Kommerzzentrum. Kein Wunder, dass der Turm, der einem Turm aus dem 12. Jahrhundert gleicht, einen Mercedes-Stern trägt. Die geraden Linien, die den Bahnhof innen und außen beherrschen, wirken kalt und aggressiv, machen die Menschen klein und möchten durch eine gotische Höhe das Gefühl vermitteln, an einem bedeutenden Ort zu sein, vermischen so Ohnmacht- und Allmachtsgefühle. Der einzelne Mensch soll sich als Rädchen eines großen Getriebes erleben. Diese Entmenschlichung nennt sich „Sachlichkeit“, ist nicht kritisch, sondern affirmativ gemeint. Die Bauzeit fällt in den ersten Weltkrieg und die Zeit danach. Die Fertigstellung fällt mit dem Beginn des Faschismus zusammen.

Der rohe und graue Naturcharakter der Fassade erinnert an die unbearbeiteten Stoffe in einer Fabrikhalle: die rohen Eisen, die Keramik, die unbedruckte Pappe usw. Der schwarze Dreck, den eine metallverarbeitende Fabrik bedeckt, spiegelt sich wieder in den rohen und ungehobelten Charakteren der Arbeiter.

Für mich erinnern die Aufenthalte im Stuttgarter Bahnhof an eine harte Zeit, aggressive Mitmenschen. Da war die endlose Einfahrt, die kahle Halle, das sinnlose Warten.
 
Soll dieses schreckliche Gebäude als historisches Dokument der Unmenschlichkeit stehen gelassen oder doch besser niedergerissen werden? Werden die später Geborenen das auch nur annähernd fühlen können, was meine Generation und die davor damit verbinden?

Ich selber plädiere für Niederreißen – die Erinnerung reicht mir. Der neue Bahnhof wird zwar banal, ekelhaft hygienisch, stillos funktional sein, kein Ort zum Aufenthalt, nur eine Aufforderung, sich möglichst schnell zu entfernen – aber besser als dieser Schrecken, den der alte in mir auslöst.

Ich habe mich früher viel in Bahnhöfen aufgehalten. Meine ersten Kindheitserinnerungen fangen damit an, dass ich mit meiner Mutter in einer wenige Quadratmeter großen beheizten Wellblechhütte Unterschlupf gefunden habe, Bahnstation einer kleinen Nebenstrecke auf dem Weg zum Begräbnis meiner Großmutter, draußen alles in Schnee. Dann ab 10 in den Ferien die Fahrt allein von der Schule zu meinen Eltern, zweimal Umsteigen, Aufenthalt in Wartesälen mit Parkett, Holzbänken und Kanonenofen, draußen Gelände, Natur, abgelegene Toiletten.

Dann der Frankfurter Bahnhof, Treffpunkt am Sonntag der Gastarbeiter, die in Gruppen zusammenstanden – man konnte oft sehen, dass sie aus demselben Dorf stammten. Viel habe ich dort telefoniert und oft bin ich dort hingewandert. Für mich ausgestoßenen war der Bahnhof ein Gefühl von menschlichen Verbindungen. Einige Zeit habe ich daneben gewohnt. Als ich zum ersten Mal in Frankfurt ein Zimmer gesucht habe, übernachtete ich in einem billigen unterirdischen „Hotel“ unter dem Bahnhof. – Es war ein schreckliches Gefühl und ich habe mir dort eine scheußliche Krätze geholt. – Heute hat der Frankfurter Hauptbahnhof für mich diesen lebendigen und attraktiven Charakter verloren, er ist kein Ort zum Aufenthalt mehr. Für ein Begräbnis eines Bekannten musste Ich dort eine Nacht verbringen – - nie wieder…

Dann gibt es die schönen kleinen Bahnhöfe aus Tuffstein oder mit Ziegelfassade, wo man aus dem Zug in die freie Natur tritt. Heute hält dort meistens kein Zug mehr. In der Schweiz kann man sie noch erleben. Auch der Bremer Bahnhof hatte für mich noch einen konzentrierenden und aufnehmenden Charakter, den die modernen nicht mehr haben, weil sie nur noch Kanäle für eilig fließende Menschenmassen sind.

In Barcelona – einmal habe ich mit meiner Familie dort Weihnachten gefeiert, inklusive Geschenke, Sekt und Weihnachtskuchen – die Ecke ist heute von einem Kiosk zugemüllt – lassen sich Solidargemeinschaften alter Leute beobachten. Interessant war eine Gruppe: eine Frau verteilt an die ankommenden Freunde Bonbons, ein anderer Zeitungen, um die Stahldrahtgitter der Sitze sitzbar zu machen. Auf der einen Seite die Armut dieser oft nur vegetierenden alten Leute, auf der anderen Seite gleichgültige und arrogante Bahnbeamte, die sich idiotische Fahrpläne ausdenken. So ist etwa eine direkte Verbindung von Frankreich nach Südspanien ohne einen Tag Wartezeit unmöglich. Also ob der Bürgerkrieg weitergeführt würde, die einen mit dem Müll, den sie in öffentlichen Raum werfen, die anderen mit ihrer Arroganz und Gleichgültigkeit.

Freitag, 13. August 2010

SCHMUTZIGE KLEIDUNG

Diskussion im SWR; es geht um die Löhne für die Textilarbeiterinnen in Asien. Weil der SWR ein Kirchensender ist, darf einer aus einem christlichen Verein die moralische Position vertreten, ein Wirtschaftler die Proglobalisierungsfraktion, dann noch ein Fachmann. Die verschiedenen Argumente werden vorgetragen, die Problematik wird klar.

Zunächst wird auf die Discounter geschossen und ich befürchte schon die übliche Geiz-ist-geil-Kritik. Doch am Ende wird klar, dass höhere Preise nicht höhere Löhne für die Textilarbeiterinnen bedeuten. Die Moderatorin stellt aufklärende Fragen, die die Diskussion weiterbringen. Ihre Frage nach einem sozialverträglichen und staatlich regulierten Importstandard wird allerdings nur unbefriedigend beantwortet und bleibt als folgenlose Idee im Äther stehen.

DIE GEBÜHRENKASSIERER

308 000 plus plus verdient die WDR-Intendantin, die Direktoren darunter nicht viel weniger. Was ist von einer solchen geldgeilen und korrupten Institution zu erwarten? Aufrufe zu Wahrheit, Bescheidenheit, Wachstumskritik, Kritik an den Einkommens- und Vermögensverhältnissen?

Natürlich nicht, statt dessen Differenzierung durch „Kultur“, Verkehrsfunk, Infogeschwätz, Ökophrasen. Eine Lüge nach der anderen, Regierungspropaganda. - Demokratie? Ein Witz. Was man hier Demokratie nennt, ist nicht mehr als Verfahren der herrschenden Klasse sich durch sogenannte freie Wahlen die Legitimation für ihr System der Vorteilsbeschaffung zu holen.

Was dagegen machen? Antidepressive Pillen nehmen, zum Gewehr greifen oder abschalten? Hoffen auf ein 1789? Zynisch werden, verzweifeln?

Kein Wunder, dass die Herrschenden paranoid werden, alles überwachen wollen, nach Randgruppen zum Hetzen suchen, sich absondern, Netzwerke bilden, ihre Opiate und Bestechungsgelder verteilen

Dienstag, 3. August 2010

Talkshow Klimakatastrophe

Es ging um die Ölbohrungen. Dabei Röttgen, Sinn, Latif, Rest irrelevant, da argumentationsunfähig. Ab und zu gelingt es Röttgen, zu argumentieren. Sinn hat mit seinen Statements gegen die Gutmenschenmoral offensichtlich viele Anhänger im Publikum. Statt ihn nun aus seiner verschmollten Reserve rauszuholen, zeigt sich die Illner nicht in der Lage, mitzudenken. Ich wundere mich, wie sie so schnell reden kann, ohne dabei zu denken. Offensichtlich ist sie nicht in der Lage, Argumente der Anwesenden zu verstehen, überhaupt in logischen Zusammenhängen zu denken. Sie hat nur ihren Fahrplan mit Schlagworten vor sich, die sie dann immer in die Runde haut. Mehr als die vorgeschriebenen Schlagworte versteht sie nicht.
Immerhin wäre eine Diskussion mit Sinn, dem Mann mit dem Gesichtspullover, diesem Ritter des Neoliberalismus bei Christansen, interessant gewesen. Denn unrealistisch waren seine Argumente nicht. Dass nämlich ein Energiesparen nur die Preise senkt und anderswo in der Welt den Verbrauch steigert. Dass deswegen nur eine globale Vereinbarung die Lösung brächte. Das ist zwar eine billige Ausrede, sich unmoralisch gierig und verschwenderisch zu verhalten, aber gerne hätte man erfahren, wie Sinn das privat handhabt. Doch die flippige Illner erspart ihm das.


Noch wichtiger wäre gewesen, sich mit dieser Finte von Sinn argumentativ auseinanderzusetzen. Denn der Herdentrieb ist das schlagkräftigste Argument und die Linken und Ökologen müssen sich damit auseinandersetzen und können es nicht einfach als amoralisch abtun.


Andererseits wozu sich bemühen? Warum nicht einfach den Laden an die Wand fahren lassen, die Klimakatastrophe kommen lassen? Gewarnt waren sie alle, auch die Jungen, die es ausbaden müssen und sich trotzdem wie die Säue verhalten. Und die ungeborenen Enkel, von denen ein Großteil auch nicht mehr geboren wird, werden eine Welt vorfinden, die in ihren Schwierigkeiten denen der Generationen vor uns nicht unähnlich sein wird. Wir dagegen sind billig davongekommen - freilich mit dem schalen Gefühl am Ende, dass es zu billig und leicht war, unser Leben, - wir eine historische Chance verpasst haben.


Die Illner demonstrierte mit ihrer Talkshow die allgemeine Misere dieser Talkshows. Menschen, Argumente werden vorgeführt, nicht durchdiskutiert. Oft sind es nur unbegründbare Einstellungen, Vorurteile. Gegner werden niedergemacht, persönlich angegriffen. Argumentationen werden durch Interventionen abgebrochen und verunmöglicht. Paradebeispiel dafür war Friedmann, ist Plasberg. In der Regel kann ich diese Sendungen nicht anschauen, mein Erregungsgrad überschreitet die Grenze des mir Erträglichen.

Montag, 19. Juli 2010

HAMBURG WILL „LERNEN“

- Die Mehrheit kam durch Demagogie zustande: "Wir wollen lernen", also die Gegner wollen nicht lernen. Das sind also Faulenzer, Dummköpfe usw.

- Die Abstimmung erfolgte in der großen Mehrzahl über die Briefwahl, also vom Bildungsbürgertum, das sich langfristig orientiert, in Ferien nicht anwesend ist.

- Die Mehrheiten spiegeln die Bildungsnähe wieder. Je mehr Sozialleistungsempfänger, desto geringer die Wahlbeteiligung.
Die ausgebliebene Unterschicht geriet in einen doublebind. Aif der einen Seite vergötzen gerade sie Leistung – man studiere Körperkult, Sportmentalität – auf der anderen Seite müssten sie sich nach eigenen Kriterien als unter ihrem Anspruchsniveau empfinden. Der Konflikt lässt durch Ignorieren lösen.

- Dass sich durch Bildung die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern lassen, wird als Illusion empfunden – und ist es auch.

- Die Ausweitung der Bildung stärkt gerade die Schicht, die die Unterschicht permanent bevormundet. Politiker, schon gar nicht Grüne, sind nicht glaubwürdig.

- Die Unterschicht sieht keine Möglichkeit von gesellschaftlicher Autonomie. Es lebt sich besser im gesellschaftlichen Abseits als in permanenten sozialen Konflikten - und im Klassenkampf.

Freitag, 9. Juli 2010

Vuvuzelas

Seltsames am Rande: In einem Freien-Radio-Interview meint ein Antideutscher, Vuvuzelas wäre schon deswegen ein zivilisatorischer Fortschritt, weil man dann die deutsche Nationalhymne nicht verstehen könnt. Überhaupt gehörten Vuvuzelas zur afrikanischen Kultur... – Ich war mehrere Jahre im südlichen Afrika und habe nie und nirgends eine Vuvuzela gehört, wohl aber viel christliches Gospelsingen, die polyrhythmisch begleiteten Gesänge bei Fußballspielen, Trommeln und natürlich Highlife-Pop, etwa von Thomas Mapfumo in Harare mit seinen Blacks Unlimited, aber auch die vom zentralen Afrika beeinflussten „Rumbas“ . Ein Beispiel von Musikalität mit einfachen Mitteln : http://www.youtube.com/watch?v=-5OFPEhkn2c&feature=related .
Vuvuzelas zeigen die Barbarisierung des afrikanischen Kontinents. Auf der einen Seite die neokoloniale Oberschicht, brutale und skrupellose Ausbeuter, auf der anderen Seite die verelendeten Massen, deren kulturelle Autonomie auf das Primitivste und Gewaltsamste reduziert ist.

Ach ja Deutschlands Gewerkschaften und ihre Trillerpfeifendemonstrationen

Donnerstag, 8. Juli 2010

Danke, Herr Löw

Sie haben mir mit der Niederlage Ihrer Mannschaft den Anblick dieser Merkel erspart, wahrscheinlich wieder neben Ihrem Korrumpel und Polygamisten Zuma. Jetzt muss sie sich eben woanders duschen.
Peinlich auch, dass die Multikultiphrase mit dem CDU-Schleim drüber nicht hingehauen hat. „Wir sind alle Merkel-Fans“ hat Löw vorher noch getrötet. Schön, dass Ihr eine draufbekommen habt.
Noch schöner und das wahre Sommermärchen wäre es, wenn nun die Menschen hier aufstehen würden gegen die schleichende Einführung der Kopfpauschale. Diesmal offensiv, kreativ, mit flacher Hierarchie und ohne 6 Millionen-Vertrag, wie ihn dieser Zinnsoldat von Trainer verlangt.