Es ist schwierig zu erkennen, was die Bewegung gegen Stuttgart 21 zusammenhält.
Geht es gegen das Geldausgeben? Das wäre eine schwäbische (Un)Tugend, nicht mehr. Oder soll das Geld irgendwo anders investiert werden, - etwa in Bildung? Aber Bildung hat nur sekundär etwas mit Geld zu tun. Und Bildung hat nichts zu tun mit einer Menge hochbezahlter Beamten, sondern ist ein Abrücken von Konsum und Produktion, Selbstreflexion statt Aktivismus, der Profit bringt.
Oder geht es um eine Entschleunigung? Das Argument habe ich öffentlich nie gehört. 26 Minuten mehr oder weniger – das ist kein Argument dafür oder dagegen.
Ohnehin, nehme ich an, gehört die Mehrheit der protestierenden Klientel zu denen, die Auto etc. benutzen.
Gegen die CDU und ihren Modernisierungskurs? Den tobt sie aus in: Industrialisierung, Landwirtschaft und Flurbereinigung, Rationalisierung im Bildungswesen, Verkehrsinfrastruktur. Manche mögen das Christliche daran nicht erkennen, aber das ist doch genau Christentum; das individuelle Heil vor das von Gesellschaft und Natur zu setzen. Andere vermissen das Konservative – aber das „survivial of the fittest“, der individuelle Egoismus, „Subsidiarität“ genannt, das ist doch echter Konservatismus.
Was ich als Motiv erkennen kann, ist ein gewisser Romantizismus: alte Bäume, Käfer, eine Bahnhofsfassade mit einem naturtümelnden Charakter – so wie sich die Kleinbürger manchmal ihren Besitz mit Natursteinen einfrieden, um ihrem Privateigentum einen ewigen Naturcharakter zu geben. Dieser Romantizismus hat aber nichts zu tun mit Energiesparen, Abkehr vom Auto, Gebrauch neuer Energiequellen, Konsumeinschränkung. Es sind die Wohlverdienenden und Gesicherten, die hier aktiv sind, nicht die, die sich der konkurrierenden Industrie verkaufen/müssen.
Schon gar nicht ist es eine Kritik am Parlamentarismus, der hier seinen demokratiefeindlichen technokratischen Charakter zeigt. Die Parteien erweisen sich hier einerseits als Organisationsformen von Demagogie in Verbindung mit Kapitalwachstum, andererseits bedienen sie sich opportunistisch des Protests. Was die Bürgerbewegung ganz und gar nicht im Auge hat, ist eine Demokratie gleichberechtigter und autonomer Produzenten.
Nicht dass es die Schuld dieser liberalen Bürger wäre. Was können sie dafür, dass die „Arbeiterklasse“ mit dem Kapital und seinem Modernisierungswahn verkuppelt ist und von deren Seite keine Alternative mehr zu erwarten ist? Der „Politik“ nur die Möglichkeit geblieben ist, dem immer mehr aufgeblähten Kapitalismus Schattierungen von Wohlfahrt abzuzwingen?
Immerhin ein Unbehagen an der kapitalistischen Technokratie, ein bisschen Naturerhalt, ein bisschen Zoo in der Stadt.
Ist es wirklich richtig, dass ich mich hier so abfällig über diese Schicht äußere? Sind das nicht die einzigen und letzten, die gegen die Verblödung durch CDU, Kirche und Kapital ankämpfen, mit Freiheitssensibilität und Widerwillen gegen die herrschenden Technokraten, die ihre „Demokratie“ seit Mappus wieder mit der überlebten Klientel der Spießbürger verbinden wollen?
Weil aber hinter dem individuellen Freiheitsdrang nicht das Prinzip der Autonomie aller sondern der private Vorteil, das alte Konkurrenzprinzip steht, ist von dieser Bewegung keine Veränderung zu erwarten. Leider.
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