Im SWR-Forum gab es eine interessante Diskussion:
"Warum ist die Mitte der Gesellschaft so begehrt?"
Das bürgerliche Idyll, Gesprächsleitung: Dietrich Brants, SWR2 Forum vom 15.10.2010 Es diskutieren: Jens Bisky - Redakteur der "Süddeutschen Zeitung", Prof. Dr. Herfried Münkler - Politikwissenschaftler, HU Berlin, Dr. Gustav Seibt - Journalist und Historiker
Es kommt dabei zu interessanten Definitionen der Mittelschicht:
- gesellschaftlich engagiert, von Politik, Sozialarbeit bis Rockveranstaltungen,
- dynamisch: konkurrenzorientiert, aufstiegs- und individuumsorientiert,
- nicht statisch, will vorwärtskommen, zukunftsorientiert Neuerungen aufgeschlossen, wichtig Wohl ihrer Kinder
- daher: Sparen, Vermögen, finanzielle Sicherheit –
- aber zugleich damit zusammenhängend zu Ängsten neigend
- Ängste vor etwa: Inflation, Ausländer, Unterschicht, sozialer Abstieg, globale Konkurrenz
Es fehlen bei diesen mehr deskriptiven Definitionen:
- die gesellschaftliche Vermittlungsfunktion zwischen Unten und Oben, Reich und Arm, Macht/Ohnmacht, Befehlenden-Ausführenden, Planung - Handlung, Kohäsion und Lokomotion. (Zu Lokomotion und Kohäsion etwa: http://newsletter.resource-people.de/0502/management.php) Die Herrschenden (ursprünglich brutale, dann „legitimierte“ Gewalt) schaffen Notlagen: Terror, Angst, Hunger, das Fehlen der Produktionsmittel, Ausschluss und Ächtung) – die Mittelschichten pazifizieren.
- das Ziel der Systemerhaltung: in den Führungsfunktionen von Kohäsion und Lokomotion. Diese Funktionen entstehen spontan in Gruppen und sind unterschiedlich verteilt. Kommen sie nicht zum Ausdruck, fehlt eine der beiden, bricht die Gruppe zusammen, ein System, eine Gesellschaft auseinander.
Es wäre falsch, das für die Mittelschicht typische Konkurrenzverhalten nur als asozial, egoistisch oder autistisch zu denunzieren, denn Konkurrenz kann nur in Bezug auf die Anerkennung durch eine dritte Instanz erfolgen: die Liebe der Eltern, der Preis auf dem Markt, gesellschaftliche Beachtung und Anerkennung.
In diesem Sine setzt sich die Mittelschicht nicht gegen die Gesellschaft durch, sondern mit ihrer Hilfe. So wie Hitler seine Demagogie gebraucht hat, um an die Macht zu kommen, physische Gewalt zuerst eine zweitrangige Rolle gespielt hat.
(Wie Lokomotion und Kohäsion zusammengehen: http://www.youtube.com/watch?v=C5OoQadZTPk&feature=related )
Andere Frage: wie verhalten sich Mittelschicht und Arbeiterklasse? Ist die statisch, hat sie sie sich auf ihre exekutive, nicht kommunikative, asoziale Funktion eingeigelt? Oder ist sie nicht auch an den Werten der Mittelschicht orientiert? Sicherheit, Wohlstand, Machtpartizipation? Hat sie eigene Gedanken, Bewusstsein, einen Brain, eigene Intelligenz? Eigene Ziele, Themen, Parolen, Szenen, Symbole? (Gibt es sie überhaupt noch?) (Abgesehen von der Frage: Hat sie noch eine Zukunft? Ist Intelligenz nicht per se Mittelschicht? Trägt in sich Herrschaft?)
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