Samstag, 10. Dezember 2011

Europa ohne Great Britain

Die neue europäische Fiskalunion, Merkels Prinzip der schwäbischen Hausfrau, wird die Blasenökonomie nicht retten, hat Europa aber immerhin sich Großbritannien entledigen lassen.
Meine Gefühle dabei sind widersprüchlich. Ich verfolge schon seit längerem politische Diskussionen im Guardian und bin erstaunt über die Niveaulosigkeit der englischen Chauvinisten: Europa unter der Führung der deutschen Nazis, Brüssel eine Bürokratie, der Euro nichts wert, Deutschland das besiegte Naziland, das wieder hochkommen will. Es scheint, dass die führende Rechte über Sun- oder Bildzeitungsniveau nicht hinauskommt. Die sich über das ganze Land ausbreitende Arroganz der englischen Elite schlägt sich auch in brutaler Gewalt im Ausland nieder, etwa in der SAS, die monatlich 130 bis 140 Talibanführer ermordet http://www.guardian.co.uk/world/defence-and-security-blog/2011/dec/06/sas-afghanistan.
Europa ist nicht frei von diesem Virus. Man findet ihn wieder in der Ablehnung von Eurobonds, in der verächtlichen Haltung gegenüber den Südländern, in der Teilnahme am Natoterrorismus, in dem Unwillen, die Ursachen der wirtschaftlichen Krise zu analysieren, in der faulen Trägheit, Alternativen anzudenken.
David Cameron, Abkömmling eines Bankers der „City“, zeigt die Schizophrenie des englischen Kapitalismus: einerseits typisch Finanzbanker fordert er die Ausweitung der Blasenökonomie, die das aus der Realwirtschaft erwirtschaftete Geld in das Finanzkapital scheffeln will, ohne jedes Bewusstsein, dass es aber erst erarbeitet werden muss. Ganz in der Tradition des englischen Imperialismus überlässt man diese Arbeit anderen Völkern, baut konsequent Industrie ab oder verlagert Arbeit ins Ausland. Übrig bleibt ein arbeitsloses und sinnlos gewordenes Proletariat, das sich in Kriege oder zum Binge-Drinking nach Spanien schicken lässt. Die Insel begreift sich als der Kopf einer auf Finanzwerte reduzierten Welt, die mit intelligentem Geschick ausgebeutet wird.  (In der deutschen Variante wird die Ausbeutung im eigenen Land mit Exportindustrie unter Mitbeteiligung der Arbeiterklasse zu perfektioniert).
Während in der Philosophie und Soziologie England das Land des Empirismus und Europa das Land des Rationalismus war – Kant und Descartes – hat sich das anscheinend ins Gegenteil verkehrt: Rationalität hier auf Finanzkalkulation reduziert in Absehung der empirischen Realisierung der Werte.

Zwei Lösungsmöglichkeiten für die Krise gibt es. Die eine besteht in einem psychologischen Umschwung der Finanzmärkte, auf den Merkozy setzen. Sie können dabei Recht behalten, denn die Finanzindustrie ist dumm und irrational, verhält sich herdenhaft. Langfristig graben sich die Finanzmärkte mit ihrem panischen Verhalten selber die Finanzquellen ab, auch wenn sich mit Panikzinsen sehr gut verdienen lässt.

Der andere Weg wäre, nach und nach die Finanzindustrie zu entmachten: die Schulden werden wie auch immer gestrichen, mit der Folge eines Bankencrashs – an die Stelle der zusammengebrochenen Banken müssten eine europäische Staatsbank die Finanzierung der Produktion übernehmen. Das Problem dabei ist die ökonomische Form der Produktion, die sie zu einem Teil der Finanzindustrie macht und die Verflochtenheit der Produktion in die internationale kapitalistische Ökonomie durch Rohstoffe, Exporte und Energiezufuhr. – Aber was soll ich hier weiterdenken, wenn es politisch ohnehin nicht angegangen wird.

Geht Merkozys Konzept nicht auf und crasht der Euro, zuerst indem die Südländer zahlungsunfähig werden, dann Europa wieder in Einzelökonomien zerfällt, Deutschlands Exportindustrie zusammenbricht, - dann treten die alten sozialen „Disparitäten“ wieder voll ins Bewusstsein und ….?

Und die Geschichte wiederholt sich.

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