Sonntag, 9. Januar 2011

KEINE DISKUSSION MIT AUTOFAHRERN

Meine Kinder, meine Schwester, und viele mehr sind Autofahrer. Ich diskutiere mit ihnen darüber nicht. Obwohl ich doch sonst eher zu denen gehöre, die die Diskussion, manchmal auch die zurechtweisende Kritik mögen. Ist es nur das verwandtschaftliche Verhältnis, das "Blutsband", das mich davon abhält, meine Kritik zu äußern? Es ist klar, dass ich ihren Standpunkt nicht teile, es bleibt unausgesprochen. Aber es bleibt eine Spannung, oft sogar gefährliche Hochspannung. Für mich ist Autofahren oder nicht die Wasserscheide, das Beurteilungskriterium der politischen Glaubwürdigkeit anderer Menschen.

Es gibt Ausnahmen: weite Entfernung zu öffentlichen Verkehrsmittel, schwierige Verkehrsverhältnisse im Winter, Altersschwäche. Aber das sind kleine Ausnahmen. Wege bis 6 km sind gehbar - mit Rad ohnehin kein Problem.

Für Menschen in einer globalen Welt gibt es in der Regel kein Recht, mehr von den Ressourcen der Erde zu verbrauchen als andere. Öl ist zu wertvoll, als dass es für sinnlosen Transport von schweren Fahrzeugen verwendet wird. Sinnvoll ist sein Einsatz für: Wärmedämmung, Materialien in Maschinen und ähnliches.

Die Motive der Autofahrer sind aber nicht der ökonomische Transport, sondern die Identifikation mit den herrschenden Normen, die Ausübung von Macht, das Erlebnis von Getragenwerden und Potenz. Jemand, der mit dem Auto fährt, zeigt, dass er nicht zu denen Unten gehören will, die nur ihren eigenen Körper haben, die körperlich arbeiten müssen, die niemand haben, den sie anleiten, anweisen und kontrollieren können, die nur ihr eigenes Objekt sind. – Von solchen Menschen ist keine Solidarität, kein Sozialismus zu erwarten. Sie werden immer ihren eigenen Vorteil suchen, eine herausgehobene Position. Sie werden immer mit der Herde rennen, sie haben keine Zivilcourage.

Autofahren zeigt auch die Unfähigkeit zu rationalem Denken. Rationalität würde ihr Ego, ihre Bedürfnisse nur einschränken und wird deshalb nur scheinhaft in der Ausweitung des eigenen Egos, der Bereicherung und der Kontrolle über andere Menschen praktiziert. Als soziale Rationalität, als Reflexion der Gerechtigkeit, verkümmert sie zum sozialen Schwachsinn.

Wie soll es also mit meinen Lieben weitergehen??
Soll es??

Samstag, 8. Januar 2011

GOTT IST TOT - - - DIE ARBEITERKLASSE AUCH?

Ist es nicht sektiererisch illusionär von „Arbeiterklasse“ zu sprechen. Wo macht sie sich schon bemerkbar, gar als revolutionäre? Lässt sich mit ihr noch ein sozialistisches Zukunftsprojekt verbinden?
Ist sie nicht zum verwalteten Objekt der Arbeiterparteien, Gewerkschaften, Sozialpolitik, also der Mittelschicht geworden? Kann nicht jeder Arbeiter froh sein, dass er überhaupt noch Arbeit hat und marxistisch gesprochen „ausgebeutet“ wird, dass er „Mehrwert“ produziert? Und sind das nicht nur arme Schweine, die weniger als das Durchschnittseinkommen eines Arbeiterhaushaltes von unter 3000 € verfügbarem Einkommen je Monat ausgeben können (siehe meinen Blogeintrag vom 29.9.10: http://abbruchstuecke.blogspot.com/2010/09/hartz-4.html).
Ich würde einwenden, dass sich das Konzept der Arbeiterklasse nur bedingt festmachen lässt an der empirischen Arbeiterklasse, also an den Arbeitern wie sie derzeit konkret sich verhalten. Komme dabei aber in die Bredouille, dass mir vorgeworfen kann, damit in die leninistische Falle von Arbeiterklasse „für sich“ und „an sich“ zu geraten; damit sie zur Klasse „an und für sich“ wird bedürfe sie der Agitation und „Vernunft“ der bürgerlichen Intelligenz. Im leninistischen Konzept ist die Arbeiterklasse nur Werkzeug und Steigbügel zur Macht für bürgerliche Intelligenz, kann dann, wie bei Stalin, als widerspenstig ausgerottet und durch eine andere ersetzt werden.
Lenin sah die westeuropäische Arbeiterklasse als korrumpiert und subaltern an und verließ sich deswegen auf seine eigene historische Orientierung – meist gegen die empirische Arbeiterklasse. (Die Orientierung des späten Lenins an Hegel hängt damit zusammen).

Ich gebe zu, die Idee der revolutionären Arbeiterklasse und des Sozialismus lassen sich nicht an den unmittelbaren empirischen Interessen der Arbeiterklasse festmachen. Aber der Verweis auf die „wahren Interessen“ macht sich als volkspädagogisch, religiös verdächtig. Er würde eine falsche Übereinstimmung vortäuschen. Stattdessen ist es notwendig, die Differenz zum richtigen Handeln und die Bedeutung des eigenen Verhaltens an der Systemaufrechterhaltung bewusst zu machen. Nicht als wohlmeinende Interpretation und vorgeblichem Verständnis, verführerisch cleverer Parole, sondern als Diskurs, Streit, Widerspruch.

Darüber hinaus impliziert das Konzept der „Arbeiterklasse“ die Priorität der Arbeit gegenüber der Verteilung. Der Kern einer demokratischen Gesellschaft muss die gerechte Verteilung und Organisation der Arbeit und der Ressourcen sein. Es ist eine technische wie eine soziale Frage. Dazu ist Dezentralisierung, Vereinfachung der Technik und eine neue technische Bildung, die Integration des historisch erworbenen Wissens notwendig.

Ist das nicht Wolkenkuckucksheim?
Aber was ist die Alternative? Fortschreiten der Spezialisierung, Zentralisierung der Kompetenz, des Wissens und der Macht bei wenigen, Unsicherheit bei der Mehrheit und sich daraus ergebendes irrationales Panik- und Konkurrenzverhalten? Was wird sein, wenn dieses hochkomplexe System plötzlich zusammenbricht – nicht mehr außer Möglichkeit? (Aktuell gesehen ist die Bedrohung einer schweren Finanzkrise nicht vorüber.)

Dieser Entwurf hat wohl nichts mehr zu tun mit der Marxschen Vorstellung, dass sich Zukunft naturwüchsig aus der Gegenwart entwickelt. Als derzeit nur intellektuelles Konzept, Traumstück, moralische Schlussfolgerung ist es die einzig möglich menschliche Zukunft.

Aber es geht bei dem Begriff der „Arbeiterklasse“ nicht nur um Moral, das Wahre Schöne Gute, sondern auch um eine Weise der Wahrnehmung und Erfahrung, die ein Arbeiterleben prägen: die Erfahrung der Öffentlichkeit als Verrat und Betrug, von Lüge und Theater, von Demütigung, Verletzung, Erniedrigung. Es ist eine spezifische Weise, die Welt zu sehen und darin Prioritäten zu setzen. Es gibt Weisen der Verarbeitung der Welt und der Reaktion darauf. „Arbeiterklasse“ hat auch etwas zu tun mit spezifischen Lebenserfahrungen, die nur der teilt, der diese Lebensumstände erfährt. Diese Erfahrungen prägen Gefühlseinstellungen, prägen den Leib und seine Wahrnehmung und Ausdrucksweisen.

Wenn die deutsche Arbeiterklasse keine Mehrheit in der deutschen Gesellschaft durch die Rekrutierung der internationalen Arbeiterklasse ausmacht, heißt das nicht, dass Arbeit nicht Basis des Lebens ist und dass fundamentale Demokratie dabei anfängt. Die „Dienstleistungsgesellschaft“, die gern als Geschütz gegen den Begriff der Arbeiterklasse aufgefahren wird, ist nicht der Gegensatz zu Arbeit. Es werden dort genauso gesellschaftlich notwendige und für den Profit notwendige Arbeiten verrichtet. Alles andere wäre Steinzeitmarxismus für Einfältige. (Ein großer Teil der Dienstleistungen haben aber nur die Funktion der Erhaltung und Pflege der Klassengesellschaft und sind objektiv nicht notwendig.)

Ich lasse mir vorwerfen, dass ich die Eigendynamik dieser modernen kapitalistischen Gesellschaft nicht richtig voraussehen kann, ihr Entwicklungspotential und inneren Widersprüche und die Anpassungsfähigkeit der Menschen daran, nicht näher beschreiben kann. Ich gehe von einem Postulat „So sollte es sein!“ aus und leite aus der Abweichung davon mögliche Probleme ab. Diese Problemzonen – wie etwa jetzt die Finanzkrise – sind prinzipiell technokratisch lösbar, ja, sieht man etwa auf die seelischen Probleme der Individuen, sie lassen sich sogar systemverstärkend lösen durch Pharmazie, psychotherapeutische Kreativkultur, wachsende Individualisierung. Zwar weiten die technokratischen Problemlösungen die vom Kapitalismus, seinem Profitprinzip beherrschten Zonen immer weiter aus – in der Bildung, im Gesundheitswesen, in der Natur usw. – aber wann dann endlich die Grenzen erreicht sind und ob nicht neue Wege der kapitalistischen Progression entwickelt werden, lässt sich nicht vorhersehen.





Sonntag, 2. Januar 2011

Neues Jahr

Regelmäßig an Sylvester sinkt meine Laune und meine Gefühle ziehen sich weiß Gott wohin zurück. Während andere es knallen lassen, habe ich Mühe gute Miene zum bösen Spiel zu machen.
Ich schaue mir den Blödsinn im Fernsehen an - gnadenloser Quatsch. Von ARD und ZDF braucht man nicht zu reden, das ist Idiotie pur. Ich schaue nach Spanien: Flamenco und viel sichtbares Fleisch, jamones und Brüste. Hier beim „Kulturkanal“ „Arte“ Sting mit seiner wohl miesesten Musik: die immergleich tranigen Melodien – bei Police immerhin rhythmisch aufgepeppt – in einer primitiven RoyalPhilharmonicSoße, nicht einmal der Busen der Backgroundsängerin gab was her. Dann eine Teenieband bei „1-Festival“, nettes Mädchen, aber melodisch Kinderlieder mit Schlagzeug punkartig zerschlagen. Texte – zum Glück? – unverständlich. Eine Band, die überall auf der Welt spielt, aber ohne Ahnung zu haben, wo.
Vorher üppiges Essen. Weil das zum sozialen Zusammenhalt gehört. Familienfest. Statt sich gegenseitig aufzufressen.
Draußen Knallerei. Denk an meinen Vater, der das nicht ausstehen konnte. Vor dem Krieg gesellig und lustig, nachher ernst und miesepetrig. Keine Spielzeugpistolen für mich, geschenkte verschwanden. Die Wiederaufrüstung der BRD war ihm ein Horror, anders als für die Mehrheit der (…) Deutschen. Also gab es auch keine Sylvesterböller. Ich konnte sie vom kalten Schlafzimmer aus leuchten sehen. Den Drang zu töten hat er damit aber weder in sich selber, noch in mir abtöten können. Vielleicht kam eine Bremse der Vernunft zwischen Drang und Wunsch. (- Vielleicht).
Warum geböllert wird? Angst vor dem Neuen im Neuen Jahr, der Wunsch, dass doch alles beim Alten bleibe? Wird etwas gefeiert oder geht es mehr um die Vertreibung der bösen Geister, des Gespensts der …?
Mit Neujahr kommt eine mythische Zeitwahrnehmung ins Spiel, die der Wiederholung, der Jahreszeiten mit samt dem Schrecken, dass die Nacht den Tag schluckt und der Freude, dass die Nacht die Sonne wieder freigibt. Gleichzeitig leben wir in einer linearen Zeit, wo die Rhythmen der Jahreszeiten gleichmäßig klimatisiert sind, zum bunten Background werden, aber nicht mehr essentiell für das exponentiell oder linear wachsende Kapital. In dieser Zeitsicht wird dann der Tod anders als in der mythischen sinnlos. Aus dem Vergehen wächst nichts Neues.
Die adäquate Musik wäre Bruckners Neunte. Nicht weil sie religiös ist, da die Musik sich in neuartigen Klangwelten abspielt, jenseits auch von religiösen Texten Projektionen menschlicher Seele entwirft, weil sie dynamische Kräfte offenlegt, die in uns sind, Utopien der Versöhnung leuchten lässt.

Montag, 27. Dezember 2010

ARMUT

zu
http://www.fr-online.de/kultur/debatte/armut---und-wie-weiter-/-/1473340/5043196/-/index.html
 
Sicher ist es seltsam, wenn von der EU ein Projekt „Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung 2010“ generiert wird in der Absicht u.a.: „die kollektiven Wahrnehmungen von Armut hinterfragen“. Aber sofort wird – von der „linken“ Mittelschicht - losgeheult: „Verteilungsgerechtigkeit“ würde nicht im Zentrum stehen, sondern die kulturelle Affirmation der Armut. Diese Mittelschicht gibt sich „links“ als sie mit linken Klischees hantiert: „arm“, „reich“, „Verteilungsgerechtigkeit“. Das Projekt der „Verteilungsgerechtigkeit“ anstelle von demokratisch organisierter Arbeit ist das letzte Überbleibsel „linker“ Parteipolitik der Sozialdemokratie. Es ist vermeintlich Politik für die sogenannten Armen, aber ganz und gar nicht Politik der Armen.
Wer betreibt denn die ganzen Armutsprojekte, die HartzIV-Kampagnen, die Tafeln, die Caritasprojekte, die öffentliche Klage über Armut?

Anders: Warum soll „Armut“ – also die Begrenzung des materiellen Verbrauchs auf das Nötige, der ökonomische Umgang mit den vorhandenen Mitteln, so schlimm und furchtbar sein? Wie kann ein Linker, der für Verteilungsgerechtigkeit global und für die Erhaltung von Natur und Erde ist, gegen die sogenannte Armut sein. Jeder der – Kinder ausgenommen – über HartzIV-Satz verbraucht, nimmt seinen „Reichtum“ nicht nur anderen Erdenbürgern weg, er zerstört auch die Zukunft der Erde.

Einer/Eine, der/die glaubt, es könne so weitergehen, bei dem/der ist nicht nur die Gewohnheit stärker als die Intelligenz, er/sie zählt auch nur zu den sich intellektuell gebenden Schaumschlägern.

Samstag, 18. Dezember 2010

Franzens „Freiheit“ lesen - über einen Arbeiterroman nachdenken


Die letzten Tage habe ich den neuesten Roman von Franzen „Freiheit“ gelesen, war von ihm wie bei den „Korrekturen“ wieder fasziniert, angezogen, eingesogen, um am Ende angesichts der Mittelschichtsfixierung seiner Charaktere zu fragen, was daran letztlich so schal und unbefriedigend ist und warum es keinen vergleichbaren Roman über Schicksale von Menschen aus der Arbeiterklasse gibt. Es geht mir beim Lesen seiner Romane wie vielen seiner Romanfiguren, die mit Hilfe oder auf Grund von Drogen, Psychopharmaka oder Sex die Grenzen ihres Alltags überschreiten, um nachher herauszufinden, wie sie getäuscht worden sind.
Da ist der Soapcharakter seiner Romane. Wir haben es mit Figuren zu tun, die herausragend sind, die beispielhafte Charakterzüge haben, oft körperlich oder charakterlich attraktiv, ohne die Hässlichkeit, Brüchigkeit zu zeigen, die der „normale“ Mensch hat, sobald er ein bestimmtes Alter überschritten hat oder wie man ihn im Supermarkt sehen kann oder bei der Arbeit näher kennenlernt. Nicht dass es bei Franzen auch diese Sichtweise gibt, aber seine Hauptdarsteller, die von innen wie von außen gezeigt werden, werden so dargestellt, dass sie uns verständlich und vertraut werden. Dadurch werden sie unabsichtlich idealisiert, rennen ins Jenseits, ohne sich durch Ironisierung wie etwa bei Thomas Mann in die Klugheit des Autors und seiner Leser zu verflüchtigen. Das ist auch der Grund, warum Franzen so leicht und gerne gelesen wird. Trotz des Umstands, dass seine Charaktere sich sehr am Rande der bürgerlichen Existenz bewegen.
Was meine ich mit Mittelschichtfixierung? Einmal sind da zu viele Geschehnisse jenseits des Normalalltags. Immer wieder sind Charaktere in überdimensionale Finanzgeschäfte involviert, manchmal in Glücksspiele – merkwürdigerweise entgegen den Wahrscheinlichkeitsgesetzen erfolgreiche. Da macht etwa der minderjährige Joey ein Irakgeschäft mit 180 000 Dollar Gewinn. Ein Gewinn, der dann - wie in den „Korrekturen“ - wieder so schnell zerbröselt, wie er gewonnen wurde. Die Menschen erleben immer wieder den Blasencharakter des Glücks. Da ist der finanzielle Erfolg, da sind Drogen, da ist Sex in allen Varianten, da ist eine explodierende Konsumwelt, die die Menschen überwältigt. Diesem schaumartigen Schein setzt Franzen zum Einen die Natur gegenüber, etwa die Vogelwelt. Zum Anderen in der modernen Welt antiquierte Charaktere. In den „Korrekturen“ ist es der Vater, Ingenieur und fleißiger Erfinder, ein von seiner Basis gründlicher und arbeitsorientierter Mensch, der sich gegen diese Blasen wehrt, auf Werten wie Verlässlichkeit, Treue, Solidität beharrt und den Versuchungen, mit einem Patent großes Geschäft zu machen, widersteht. Der aber eben dadurch reingelegt und gelinkt wird und anhand dessen Beispiel von Franzen gezeigt wird, dass, wer dieses Mittelschichttheater der Selbstaufblähung und Gewinnmaximierung nicht mitmacht, zum Idiot, benutzbaren Trottel, zum Dementen wird.
Wenn in der „Freiheit“ Walter (wie vielleicht auch der Autor) seinen Trost und (vorübergehenden) Ausweg in der Rettung der Vogelwelt sieht, dann bleibt es für den Leser am Ende doch eine willkürliche Marotte und es hat keine Verbindung zu den menschlichen Motiven, die den Roman Franzens ausmachen und eigentlich vorwärtstreiben. Eben das, was jedes Leben, jede Soap und jeden guten Roman vorantreibt: die Erfahrung von Unglück und die Erreichung des Glücks, von Streit und Versöhnung.

Zwischendurch muss ich aber, bevor der Eindruck einer nur negativen Kritik entsteht, doch würdigen, dass Franzens Figuren nicht nur faszinierend sind, sondern dass sein Roman eine sehr reichhaltige und oft sehr realistische Welt darstellt. Da gibt es neben der Soap viele konkret beobachtete und erfahrene Details, gibt es immer wieder aufblitzende Erkenntnisse und Wahrheiten, gibt es Entwicklungen und dialektische Sichtweisen, die dem ambivalenten und oft zweideutigen Charakter des Lebens gerecht werden. Überhaupt gewinnen die Charaktere ihre Kraft nicht durch ihren Typencharakter, sondern durch ihre Bewegung zwischen Polaritäten, ihren gegensätzliche Beziehungen, ihre Entwicklungen von einem Standpunkt zu einem anderen, wie auch durch die Blickrichtung des Autors auf ihr inneres Leben, ebenso darauf, wie sie von anderen erfahren werden. Die humane Vorgehensweise von Franzen besteht darin, dass seine Personen Fixierungen, in die sie geraten, immer wieder auflösen, die Sicht des anderen nachvollziehen, sich oft relativieren, nicht fertig und abgeschlossen sind. (Oft zeigt es sich aber auch als eine Schwäche und Inkonsistenz des Autors: Personen werden als Charaktere eingeführt, die aber sobald sie zu reden anfangen, diesen Charakter verlieren und nur noch den diskursverliebten Autor zeigen: deutlichst bei Patty, die zuerst als „verträglich“ geschildert wird, sich dann aber in den Dialogen so streitlustig wie alle anderen Figuren darstellt. Ebenso Walter, der nur aus der Sorge für andere zu leben scheint, dann aber den misanthropischen Tyrannen spielen muss).

Gut - alles ist relativierbar: Walters idealisierte Vogelwelt wird von Lalitha etwa ganz anders gesehen; nämlich als Reich von Fressen und Gefressenwerden. Der Autor lässt sich alle Sichtweisen offen. Die Finanzwelt bricht zusammen, scheinbar überzeugende Erlebnisse von Sex werden in kurzer Zeit wertlos, Familien, die scheinbar intakt wirken, zerfallen plötzlich, die teuren unheimlich attraktiven Spielzeuge der Kinder werden nach 14 Tagen reizlos. Was bleibt? Da ist etwa die passive, „hündische“ Liebe von Connie, ist der Starrsinn des dementen Vaters in den „Korrekturen“, ist die selbstaufopfernde Beharrlichkeit von Patty am Ende der „Freiheit“. Es sind die durchgehaltenen familiären Beziehungen, die die Basis der Welt von Franzen ausmachen, die sich auch den `Korrekturen´ der Aussteiger widersetzen und sich am Ende durchsetzen.
Gerade die Tatsache, dass Gesellschaft und Politik hoffnungslos korrupt und moralisch verkommen ist, macht die Familie zu einem sicheren Hafen und die Ausbruchsversuche bestätigen die Bedeutung stabiler familiärer Beziehungen. Das ist merkwürdigerweise die linke Botschaft von Franzen in der bürgerlich korrupten Welt der amerikanischen Konservativen und Republikaner. So ist es auch mit der „Freiheit“, die einerseits als Parole der Profitmaximierung und gesellschaftlichen Skrupellosigkeit, der Verschwendung und Ausbeutung missbraucht wird, andererseits aber gerade wieder von den Konservativen mit ihren reaktionären Konzepten eingeschränkt wird bis zur Parodie. So, wenn mit der Terrorismusbedrohung die Menschen klein, nieder und dumm gehalten werden, wozu sie als Amerikaner wohl deutlich sichtbarer neigen als andere Nationen, von denen man Intelligenz noch weniger erwartet..

Zurück zum Arbeiterroman, der von Franzen nicht geschrieben wurde. Die Arbeiter sind bei ihm nur Schlamper, Pfuscher, Faulenzer wie in den „Korrekturen“ oder korrumpierbare, emotional manipulierbare Größen, die ihr Ziel nur darin sehen, gut verdienende und gesicherte Mittelschicht zu werden. Sie riskieren nichts, steigen nicht aus ihrem Alltagsleben aus, entwickeln keine Perspektiven, sind nur benutzbar. Sie haben kein erkennbares Bewusstsein, sehen sich nicht vor wirkliche Entscheidungen gestellt und lassen sich nur von Gewohnheiten, Umwelt, Zwängen, der inneren Faulheit und Gier leiten.

Ich führe hier den Begriff des „Schrottmenschen“ ein. Im christlich-jüdischen Weltbild, genauso wie der seiner daraus gewachsenen Kritiker, ist der Blick auf das Leben ein historischer. Da gibt es einen Ursprung, eine Genesis, dann kommt es zu Entfremdung, der Vertreibung aus dem Paradies, der Erfahrung des Lebens als Unglück und Unheil, führt zur Unterscheidung von falschem und richtigem Leben, zu Vorstellungen von Endzeit oder historischer Tendenz hin zum Paradies - oder Kommunismus. Bei Nietzsche fängt mit dem Tode Gottes die Freiheit des Menschen an, auch der Freiheit von Sinn. Geschichte soll beendet werden, der Mensch das werden, was er ist.
Daran gemessen erscheinen viele Menschen nur als destruktive Tiere, die sich auf der Erde wie die Pest ausbreiten, sich nur reproduzieren, die Erde zerfressen ohne zur Lösung der großen Menschheitsfragen beizutragen, nicht mehr die elementaren menschlichen Fragen angehen - nach dem Sinn menschlicher Existenz, nach Glück. Weil sie nicht fragen, nicht nachdenken, bewusstlos sind, vermaterialsieren sie alles, setzen alles aufs Überleben und sich Verbreitern, können sich nicht einschränken, werden maßlos und destruktiv, reproduzieren nur, ohne etwas Neues zu schaffen. Schrottmenschentum.
In diesem Sinne kämpft Walter gegen die Überbevölkerung – ohne dabei zu differenzieren zwischen einem Inder und einem Amerikaner, der zwanzigmal destruktiver ist. Zwar ist die Masse der Armen destruktiv, aber noch viel mehr die Minorität der Reichen, der entwickelten und sich viel zu langsam „selber abschaffenden“ Erste Welt.
Der Idealisierung der Natur und der Tiere liegt ein falscher menschenfeindlicher Zug zugrunde. Da ist etwa die bewunderte Mobilität der Vögel. Aber parallel dazu wird in Franzens Welt viel gereist, umgezogen, ist viel Bewegung durch die Welt., nach Europa, in die baltische Staaten, nach Lateinamerika – und verschwendet mit dem darin enthaltenen Bewegungsdrang Öl, erzeugt Treibhausgase. Die Entwicklung der Individuen bei Franzen ist verknüpft mit Reisen, Autos, Fliegen und damit der Zerstörung der Welt und der Mitmenschlichkeit.
Aus der Fatalität der Verknüpfung von technischer Welt und menschlicher Dynamik findet Franzen keinen Ausweg. Nur eine widersprüchliche und relativierbare Ausflucht in die Idealisierung der Vogelwelt. Nicht, dass die nicht erhaltenswert wäre, aber ohne eine neue Technik mit menschlichem Maß wird es nicht möglich sein, die Natur zu erhalten.


Weiter zum Schrottmenschentum: Etwa die Geschwister von Patty: Veronica, Edgar, Abigail, sie gehören dazu, weil sie weder produktiv sind, „arbeiten“, noch sich selber relativieren können. Es geht ihnen nur darum von den Zuwendungen und der Arbeit anderer Menschen zu leben. Selbst wenn sie arbeiten, tun sie es ungern und gegen ihren Willen, ihr Ziel ist die Nichtarbeit, sie finden keinen Ausweg in eine freie produktive Welt.
Hier stellt uns Franzen Arbeit als Wert vor. Da sind immer wieder die handwerklich Tätigen, so Richard und Walter in „Freiheit“ oder der Vater, die kochende Schwester in den „Korrekturen“. Ihr Handwerkertum ist Teil ihres stabilen, verlässlichen und vertrauenswürdigen Charakters, Gegenpol zu einer hysterische Konsum- und Scheinwelt. Aber das hat keine gesellschaftlich politische Implikation, ist nur ein sympathischer Charakterzug und nicht mit der Utopie und Leidenschaft der Menschen versöhnt. Weil es auch ein technisch-politisches Konzept ist; der Frage, wie sich fair zusammenleben lässt, mit welcher Technik, mit welchem Verhältnis zur Natur.
Weil das Problem nicht angegangen wird, haben die Lösungen in Franzens Romanen den Charakter der individuellen Beliebigkeit – Vögel oder „FreiRaum“ oder Katzen oder dies oder jenes. Auch das Ende von „Freiheit“ wirkt klischeeartig, nicht wirklich versöhnt, falsche Positivität in einer vielleicht unheilbar kranken und zum Tode verurteilten Welt.
Vielleicht hat Adorno mit dem „Endspiel“ recht, recht auch gegen Goethes Faust, wo am Schluss in vermeintlich produktiver Aktivität die Sümpfe trockengelegt werden (und die Natur zerstört).

Oder es muss die Frage nach Technik und Arbeit und Zusammenleben konkret gestellt und Neues versucht werden. Was in einen Roman nicht mehr passen und den Bereich des Entertainments verlassen würde.

Auf diesen Weg begibt sich Franzen nicht.

Donnerstag, 11. November 2010

G20 oder die Idiotie eines „öffentlichen“ Senders

Der stumpfsinnige Nationalismus der Konservativen sucht sich immer wieder  neue Schlupflöcher im pseudoliberalen Geschwätz. G20 bietet wieder Anlass, die autistische Exportpolitik der herrschenden deutschen Klassen durchzujubeln, die ja bekanntlich auf dem Herunterdrücken der Löhne, Ausbeuten ausländischer Rohstoffreserven basiert. Während der DLF immerhin ab und zu kritische Fragen stellt, herrscht im SWR die alte schwarzrechte und neoliberale Idiotie. Das hat dort eine lange Tradition. Eine Dynastie von sogenannten Wirtschaftsfachleuten führt dort Regie, diese um die Goldzahn-Pools von Baden-Baden herumschwirrenden Hofschranzen. Wie sagte Oettinger: „Mein Anstalten“ (http://www.youtube.com/watch?v=BBZRMnbbhpw)
Gut, die Amerikaner sind mit schuld an ihrer Misere: Enorme Energieimporte, Aussaugen der Weltvorräte, Abbau der produzierenden Industrie, Aufblähung und fehlende Kontrolle des Finanzsektors – nicht zu sprechen von ihren Rechts- und Demokratiedefiziten, der Ideologie der asozialen Konkurrenz. – Aber warum sollen sie sich nicht gegen Billigimporte wehren? Würde die Arbeiterbewegung hier oder in China taugen, gäbe es das Problem nicht.

Montag, 8. November 2010

SOZIALER AUFSTIEG - ODER WAS?

Ich verfolge einige Diskussionen im Internet, vor allem bei Dishwasher (http://dishwasher.blogsport.de/). Dort höre ich die ewige Klage, die Bildungsinstitutionen des Bürgertums und der Mittelschicht verhindern das Aufsteigen der Unterschicht.
Klar, sie verhindern Konkurrenz, tragen in sich außerdem ein Ressentiment gegen die Unterschicht, legen auf Verhaltensweisen Wert, die sie von der Unterschicht abgrenzen. Auf der einen Seite beherrschen sie die Gesellschaft, auf der anderen profitieren sie durch Einkommen und Vermögen vom kapitalistischen System. Ich erinnere daran, wie die Pensionäre in einer unverschämten Weise den Staat abzocken und gleichzeitig gegen HartzIVler polemisieren.
Ein Mittel der Durchsetzung der bürgerlichen Privilegien stellt ihr "Habitus" dar. Mit ihm geben sie sich gegenseitig als gleichwertige zu erkennen, können sich gegenseitig identifizieren, grenzen die Unterschicht aus, setzen ihre Interessen durch.
Es wäre nun wichtig, genauer zu definieren was diese Verhaltensweisen ausmachen. Mir ist die Rede vom „Habitus“ zu pauschal. Da scheinen Leute Angst zu haben, dies genauer zu definieren, weil sie sich dabei selbst erwischen könnten, weil sie Angst haben, „konkret“ zu werden. Diese Betulichkeit gehört schon mit zum Mittelschichthabitus: Bleib möglichst allgemein, es soll sich niemand betroffen fühlen, die Dinge sind kompliziert, es gibt immer Ausnahmen und was ist, wenn Du Dich getäuscht hast! - Trotzdem will ich es hier in grober Manier versuchen:
 
Der Habitus der Mittelschicht zeigt sich

im Umgang mit anderen Menschen und hat etwa folgende Regeln:

- sei unberechenbar, gegenüber Unteren regelrecht unzuverlässig, auf keinen Fall ihnen gegenüber pünktlich, Deine Überlegenheit zeigt sich darin, wie lange Du sie warten lassen kannst
- halte Distanz, sei interessiert aber nicht emotional beteiligt
- Du musst Dich durchsetzen, dazu gibt es verschiedene Mittel: Angriffe gegen andere, besonders herausragende eigene Leistungen, Einsatz von eigener Arbeit, Geld oder Beziehungen, die Verwendung von Lob und Tadel, Freundlichkeit als Mittel der Manipulation, wenn das nicht hilft: Ignorieren. Gegenüber Untergebenen musst Du das Arschloch sein, zeigen, dass Du Konflikte eingehen kannst, Dich durchsetzen kannst, ohne das wirst Du nie ein Cheftyp. Cheftypen sind nicht unpopulär (gerade bei denen da unten)
- Lass Dich bei Gleichen nicht gehen, zeige Selbstkontrolle und kontrolliere (damit) andere. Anders in geschützten Bereichen: Familie, Frau, Untergebene, da kannst Du ruhig die Sau rauslassen. Aber perfekt bist Du erst, wenn Du auch da alles unter Kontrolle hast.
 
Im gesellschaftlichen Auftreten muss sich der Mittelschichtler geschmeidig verhalten

- Entwickle ein Gefühl dafür, wer Dir nützt und wer nicht. Entsprechend kannst Du andere gebrauchen, missbrauchen oder vergessen. Verhalte Dich selektiv!
- wenn Du öffentlich Einfluss gewinnen willst, „Führung“ übernehmen willst, muss Du die aktuelle Sprache sprechen, die richtigen Themen richtig artikulieren, die richtigen Versprechen abgeben. Derzeit etwa ist Grün angesagt, also „Nachhaltigkeit“ und Blablabla. Als Politiker musst Du ein guter Schauspieler sein, fähig zu Dramatisierungen, zu Erregung und Polarisierung, Arbeiten mit Ressentiments und Scheinbarem (100Wattlampen verbieten). Bloß nicht mit Analysen langweilen oder wirkliche Veränderungen fordern (ein CO2-Konto für jeden).
- Du musst zwischen öffentlichem und privatem Verhalten unterscheiden können. Extraklasse hat, wer da in einer Gruppe agieren kann, die dieses Spiel genauso beherrscht und mitspielt.
- Auf keinen Fall darfst Du Dich in der Öffentlichkeit als Extremist zeigen, das könnte Nachteile bringen. Radikale Gerechtigkeitsforderungen, unmittelbare Demokratie bringen nur Probleme. Etwas mitsingen im Hintergrund, wenn die Wogen hochgehen, kann aber nützlich sein. Mach Dich nicht unbeliebt! Die Lehrer in ihrem Umgang mit den Mobbern zeigen, wie es geht.
- Politisch solltest Du informiert sein, gesellschaftlich engagiert. Mach Dir Gedanken um die Armen, die Wohlfahrt aller, das Allgemeinwohl. Es kann Dir von Vorteil sein! Mach Dir Gedanken um die Zukunft unseres Volkes, unseres Planeten, unserer (=Deiner) Kinder! Unterscheide Dich von den Trägen, Desinteressierten, Apathischen und Gleichgültigen!

All diese Verhaltensweisen müssen auf einem stabilen und positiven Selbstbild beruhen. Man könnte es so beschreiben:

- Du fasst in Dir eine lange Tradition zusammen, die Deiner immer hochstrebenden Familie, der Kultur von den Pharaonen bis zum Abendland – Geschichtskenntnisse und fällige Auffrischungen sind immer gut; die Staufer, die Kelten, die Preußen usw.. Da wo die Tradition nicht ausreicht: Blick auf Deine eigene Leistung, oder lass auf sie blicken.
- Du bist kulturell überlegen, immer hochmoralisch (früher durch den Segen der Kirche, heute des Philosemitismus - Auschwitz, das waren die anderen, von den Schweinen in Deiner Herkunft sollst Du Dich lossprechen). Da wo die Moral nicht mehr ausreicht, kannst Du auch zynisch werden (die Gutmenschen usw.) Die Benutzung von Musik und Literatur, Kunst kann von Vorteil sein. Auch ein gewisser Schuss von Antibürgerlichkeit, Bohème.
- Du bist intelligenter als die anderen, vielleicht nicht wirklich intelligent. Lass Dir das von Deinen Lehrern beweisen. In irgendeiner Kleinigkeit weißt Du immer mehr als andere. Für Dein Selbstbewusstsein reicht das. Da wo die Kompetenz fehlt, ersetze sie durch selbstbewusstes Auftreten.
- Du sollst keine Zweifel an Dir selbst haben, bzw. gegebenenfalls sie nicht zeigen. Ganz genial ist es aber, Selbstzweifel zu zeigen und dabei doch souverän zu sein. Damit machst Du Dich zum Liebling der Masse, von denen die meisten an sich selber zweifeln.
- Du kannst fehlendes Selbstbewusstsein aber auch kompensieren, wenn Du die Fehler bei anderen ausmachst, wenn Du Dir die Schuld anderer aufrechnest. Prüf nicht Dich, sondern andere. Du musst das Spiel der Projektion beherrschen lernen, sonst versackst Du in Depressionen.
- Ein wichtiges Mittel der Selbstinszenierung ist der richtige Konsum von Kleidung, Auto, Essen, Urlaub. Hochwertig, langwertig, „nachhaltig“ soll es sein, nicht aufdringlich, aber bei den Wissenden doch effektvoll. Es macht Dich innerlich zufrieden und gleichzeitig bei anderen geachtet - natürlich bei denen, die Dir wichtig sein könnten.

Was zeichnet demgegenüber die Unterschicht aus? Ich skizziere das hier nur grob so: Ängstlichkeit und Apathie, es genau nehmen, mangelndes Selbstbewusstsein, Selbstzweifel, Ausweichen vor öffentlichen Jobs, Bequemlichkeit, sich füttern lassen, träumen, Ersatzwelten, Abhängigkeiten von bestimmten Personen, Lehrern, Ärzten, Ehepartner, Kollegen - einen Hang ins Vertraute, Abtauchen, Untertauchen



Es gibt nun zwei Modelle des Aufsteigers, sich als aufsteigender Unterschichtler demgegenüber zu verhalten:

- Versuch sich zu integrieren, mitmachen, sich die Symbole der Elite erwerben, sich es gut gehen lassen und konsumieren, Geld verdienen, Status pflegen, sich abgrenzen nach unten – gibt es da doch viele Rechnungen Anfeindungen zu kompensieren. Ein Großteil der heutigen Mittelschicht ist ja erst frisch aufgestiegen und hat ein spezielles Bewusstsein von seiner eigene Kraft, Überlegenheit, hat die Verwundungen, Beschämungen vergessen, fügt sie jetzt anderen zu. Konsequenz davon ist ein dümmliches, egoistisches Sozialverhalten oder (unbewusste) Schuldgefühlen, Selbstunzufriedenheit, von Ängsten bestimmtes Verhalten

- Aufstiegsverweigerung, Pflegen der Werte unten, Solidarität mit denen da unten, Unfähigkeit oder Unwille, sich private Vorteile herauszuholen, sich für das Wohl seiner Herkunftsklasse einzusetzen, sich gegen ungerechte Verhältnisse zu engagieren.

Aber es nicht möglich, im Milieu zu bleiben. Man kann mitmachen, wird aber nicht mehr wirklich dazugehören. Es wäre auch nicht sinnvoll. Die Begrenztheit des Milieus ist zu offensichtlich. Die Mittelschicht- und Oberschichtkultur hat ihre überzeugenden Seiten, - die freilich auf ihren klassenbildenden Charakter hinterfragt werden müssen. So ist etwa die historische Arbeiterbewegung mit ihrem Sozialismus auch ein bürgerliches Produkt, man schaue sich Marx, Engels, Lasalle, Liebknecht, Luxemburg an. Allgemein und politisch zu denken, ist eine bürgerliche Stärke, aber versagt und wird gewaltsam im Konkreten.

Andererseits hat das Unterschichtenmilieu seine Schwächen: die Apathie, der Konkretizismus des Konsums, der eingeengte Horizont des privaten Überlebens, die Neigung zum Ressentiment anstelle von Handeln usw.

Ich halte einen individuellen Aufstieg im Glücksfalle für möglich. Dann, wenn jemand in seine gehobene Position ein Bewusstsein von der Ungerechtigkeit der Verhältnisse einbringt, wenn er das Demokratiedefizit sieht und dergleichen guten Dinge mehr. Ich bezweifle allerdings, dass derselbe dann, wenn er dies vernehmbar äußert, dann nicht scheitert.
 
Was tun?
Für jemand, der in die bürgerliche Bildungsmühle geraten ist, ist es m. E. unmöglich wieder zu seinem Herkunftsmilieu zurückzukehren. Die Familie hat sich schon von ihm/ihr verabschiedet, Er partizipiert nicht mehr an ihrem Leben, teilt nicht ihre Erfahrungen, die sie in Lehre, in ihrer Schule machen, teilt nicht ihre Freunde, ihre Welt.
Auf der anderen Seite ist der Aufgestiegene oben nicht wirklich angekommen.
Ich etwa habe im Laufe meiner Pubertät moderne und klassische Musik entdeckt, die Literatur des Expressionismus, die Kritik an Gesellschaft, Politik und Religion – Bereiche, die für mich wichtig, für meine Eltern und ehemaligen Freunde aus dem „Milieu“ aber unverständlich und nicht kommunizierbar waren. Ich bewegte mich in einem einsamen Zwischenbereich.

Eine Möglichkeit darauf zu reagieren - sieht man von leidvolleren Varianten ab - ist, sich seiner Lage bewusst zu werden, sein Problem zu definieren und zu beschreiben, nach den Ursachen des Problems zu suchen. Etwa die Situation soziologisch zu begreifen, historisch, politisch und so weiter.
Ich selber habe es als ein Gerechtigkeitsproblem gesehen. Als ein Fehlen gemeinsamer demokratischer Strukturen, mangelnder Bildungsgerechtigkeit, nicht gerechtfertigter Vorteile der Ober- und Mittelschicht, Verdummung und Verblödung der Menschen, ihr Ausschluss von Kultur und Bildung, Degradierung durch die Arbeit. Damit habe ich in gewisser Weise meinen Blickwinkel auf die Menschen meiner Herkunft projiziert. Meine Ausgeschlossenheit auf sie, meine Erfahrung ihrer Begrenztheit und Schwierigkeiten zu kommunizieren als ihre Erfahrung interpretiert, vielleicht fehlinterpretiert.

Vielleicht war es ganz anders. Was ich etwa mit den Menschen meiner Herkunft redete, kam ihnen wohl fremd vor. Aber ich war ihnen fremd, sie empfanden es nicht als ihr Defizit, sondern als meines; anders sein zu wollen als sie. (Was ja nicht mein Wille war, sondern anders gar nicht mehr möglich war).
Zwar sahen sie ihre eigene Lage wohl in der Regel in gewissen Beziehungen als benachteiligt an, aber es war nur ein Aspekt. Daneben gibt es noch wichtigere und interessantere Dinge, erreichbarere Ziele und Werte in ihrem Leben.
 
Wie auch immer. Ich habe aus meinen Erfahrungen die Schlussfolgerung gezogen, mich für eine gerechte Bildung einzusetzen. Also eine Bildung, die der „Unterschicht“ die nötigen Qualifikationen und den Gebrauch ihrer Rechte vermittelt und die klassenbildende Funktion der Schule auflöst. Kurz: Selbstbestimmung und Polytechnik. Das schien eine Zeitlang eine mögliche Reform zu sein, ist aber dann bald durch den Einfluss der konservativen, elitären Elternschaft und die Integrationsbereitschaft der korrupten „bildungswilligen“ Mittelschicht gestorben.
Ich habe unter den Lehrern kaum welche gefunden, die ein gleiches Anliegen wie ich hatten. Vielmehr ließen sie sich In der Regel auf das Spiel ein, ein „guter Lehrer“ zu sein – was an den Verhältnissen nichts ändert. Deswegen habe ich diese Perspektive dann nicht weiterverfolgt und aufgegeben.
Was mir blieb, war der Frage nachzugehen, wie diese Gesellschaft weiter funktioniert, wo sie ihre Grenzen hat, nach attraktivere Alternativen zu suchen, die Perspektive anderer Menschen und Positionen auszuprobieren, etwa durch Arbeit in der Industrie, im handwerklichen Bereich, im von der Mittelschicht bestimmten Pflegebereich. Erfolgreich war ich nicht, zu Veränderungen konnte ich nicht beitragen, bestenfalls mit Kritik auf das Defizite gegenüber dem aufmerksam machen, was eigentlich zu tun wäre.

Bin ich weiter als meine Eltern, die damals immer nach unseren Diskussionen gesagt haben: „Du magst zwar Recht haben, aber man kann daran nichts ändern“?
Nicht ganz. Ich musste zwar gezwungenermaßen mitmachen, um nötiges Geld zu verdienen, aber habe es auf ein Minimum beschränkt. Mit ökonomischen Verhalten habe ich mich über Wasser gehalten. Ich habe mich dabei auf keine Funktion (Beruf, Job, Partei usw.) reduzieren lassen und habe mich dazu autonom verhalten. Ich habe Ansprüche für ein anderes Leben entwickelt und bin deswegen nicht gezwungen bei jedem politischen Blödsinn mitzumachen, den aufgeregten Aktionen der Bürgerlichen, den chancenlosen Bewegungen. Ich brauche mich nicht zu engagieren, wenn nicht die Mindeststandards von Demokratie und Gerechtigkeit erfüllt sind.
Letztlich kann oder müsste ich zwar die Bedingungen einer besseren Gesellschaft definieren, aber kann eine mögliche künftige Barbarei nicht verhindern.

Mein Elend, außerhalb der Gesellschaft zu sein, ist weder mein Verdienst, noch meine Schuld, es ist einfach objektive Notwendigkeit.