Samstag, 5. März 2011

KÖRPERLICHE ARBEIT


Nach einigen Wochen härtester körperlicher Arbeit frage ich mich, warum körperliche Arbeit so verpönt ist. Auf der einen Seite quälen sich Menschen in Fitnessstudios, joggen, fahren Rad usw., auf der anderen Seite sitzen andere stundenlang vor dem Fernseher und fressen sich voll. Die Welt ist voller Merkwürdigkeiten und Widersprüche. Der bürgerliche Marx, der an Verstopfung und Furunkeln am Gesäß litt - Spuren harten Sitzens in der Bibliothek – lieferte einen Traum einer von körperlichen Arbeit befreiten Welt von Automaten, in der die Menschen dann ihre Zeit mit Hobbys verbringen: Fischen, Viehzucht, Kritisieren, Jagen

Marx: "Wie mit der Entwicklung der großen Industrie die Basis, auf der sie ruht, Aneignung fremder Arbeitszeit, aufhört, den Reichtum auszumachen oder zu schaffen, so hört mit ihr die unmittelbare Arbeit auf, als solche Basis der Produktion zu sein, indem sie nach der einen Seite hin in mehr überwachende und regulierende Tätigkeit verwandelt wird; dann aber auch, weil das Produkt aufhört, Produkt der vereinzelten unmittelbaren Arbeit zu sein, und vielmehr die Kombination der gesellschaftlichen Tätigkeit als der Produzent erscheint."
In: [605] http://www.wildcat-www.de/dossiers/empire/maschinenfragment.pdf


Woher kommt die niedrige Bewertung körperlicher Arbeit gegenüber der Kopfarbeit?
---- Gleichzeitig aber immer eine Idealisierung des Körpers (bei den Griechen, den Kelten, den Sportlern, den Filmen, der Gesundheitskultur)?
Leiden wird als Gewalt gegen den eigenen Körper und als Unlust per se definiert, etwas, was Schmerzen verursacht, was (historisch) zu beseitigen ist. Der Siegeszug der Maschine und des Öls liefert einen Beweis. Dumm und ein Spinner, wer sich mit eigener Kraft bewegt, es sei denn es hätte sportlichen Wettkampfgewinn oder Gesundheitswert. „Ökonomische“ Begründungen werden vielleicht gerade noch zugelassen.


Als ich mich „abgeplagt“ habe – wie es andere nennen würden – wollte ich dabei auch meine Stärke und Kraft gegenüber dem Baggerfahrer beweisen. („Wir haben die Kraft“, lautet die CDU-Phrase auf den Wahlplakaten). Also das hatte Wettkampfwert. Im Wettkampf, in der Konkurrenz darf man sich wiederum „quälen“.


Der Unlustcharakter der Arbeit muss mit Belohnungen kompensiert werden: der Gedanke an den Lohn, an den Vorsprung gegenüber Kollegen etc., den Erfolg des abgeschlossen Werkes.

Jedes Niveau der Produktivkräfte sucht sich ihre eigene Kultur, ihren eigenen Überbau. Passt also die harte entbehrungsreiche Arbeit zur christlichen Religion, zum gekreuzigten Jesus, dessen Leiden - irdisch - nicht entlohnt wird?

Ist aber körperliche Arbeit nur Frustration? Kampf um Befreiung der Arbeit identisch mit der Befreiung von Arbeit? Das will uns die bürgerliche Interpretation der Arbeit durch Marx und Adorno nahelegen. Da ist Körper eingesperrt und gefesselt, ausgebeutet und beherrscht durch das Kapital, jede Tätigkeit wird zur Qual, zum Missvergnügen und Leiden. Der Propaganda gegen die körperliche Arbeit, folgt die Idealisierung der intellektuellen Tätigkeit, die Reduzierung des Körpers auf Kunstformen wie Musik, Singen, Ballett, eventuell noch auf Sex. Die Verwechslung von körperlicher Arbeit mit Unterdrückung und Barbarei, die Verteufelung der Erde, die Idealisierung der Gedanken.


Körper ist Mittel seelischen Ausdrucks. Freude führt zu Bewegung, Trauer zu ihrer Lähmung. Umgekehrt kann Bewegung Depressionen vermindern. Pervers, wenn einer mit dem Auto sinnlos durch die Gegend rast. Aber warum tut er das? Da er körperlich im gefesselten und maroden Körper behindert ist, braucht er eine Art Rollstuhl, um seinem Bewegungsdrang Ausdruck zu verleihen.
Will sagen, körperliche Bewegung – nicht nur Vorwärtsbewegung, sondern Kraftausübung aller Art – ist ein menschliches Bedürfnis und die Nichtausübung dieses Dranges führt zu einem Gefühl der Schwäche und Unzufriedenheit.


Die Fehlinterpretation körperlicher Arbeit durch die Linke (und moderne Gesellschaft) führt auch zur Verkennung der Kräfte, die an die herrschende Gesellschaft binden: das Gefühl von mit körperlichen Arbeit verbundenen Kraft, der Stolz und das Selbstbewusstsein darüber.
Mein Vater etwa hat in dieser Polarität von körperlicher Kraft und Schwäche gelebt: einerseits viel beschwerliche körperliche Arbeit, andererseits die schwächenden Krankheiten. Tage, an denen er nicht mehr aufstehen konnte, Parkinson und dann rapide körperliche Schwäche bis zum Tod. Die christliche Religion gab dem Bilder und sinnvolle Bedeutung.
Die positive Bedeutung der körperlichen Arbeit erschließt sich erst über eine gewisse Frustrationstoleranz und dem Willen, etwas zu schaffen. Bei Zola „Die Erde“ gibt es eine schöne Stelle darüber wie die Bauern durch die jedes Jahr neue Ungewissheit und Angst fühlen, ob es gelingen wird, die nötige Arbeit zu schaffen, und dadurch motiviert werden, ihrem Körper Unglaubliches abzuverlangen.

Ein Normalmensch wird obige Sätze für bizarr und out of aerea halten. Ich weiß, dass was ich da schreibe, gegen den Wind gesprochen ist. Sinnlos. Der Weg der Menschheit geht in eine andere Richtung: Zentralisierung, Mechanisierung, Versklavung der Arbeit, nicht ihre Befreiung, Unterwerfung unter das Kapital. Selbst die (Konsum-)Linken haben nur Mehr, Mehr, Mehr im Kopf.

Die Abneigung Adornos gegen Sport und Körperlichkeit:

Biografisch hatte er ein sehr gebrochenes Verhältnis zum Körper, einen Körper als bewegungsstarren Panzer wie viele seiner Generation, klassenübergreifend. Es heißt, nur seine Augen wären lebendig, beweglich gewesen. Er pflegte eine tiefe Abneigung gegen Sport und körperliche Bewegung. Sport, körperliche Arbeit war für ihn nur entfremdet, Unterdrückung, Unterwerfung. Der Körper ist nur missbrauchtes Instrument.


Geht Körper aber nicht dem Geiste voraus? Kann sich nicht nur das im Geist abbilden und dann verselbständigen, was nicht vorher körperliche Aktivität war? Ist diese Unterscheidung von Körper und Geist nicht ein historisches Resultat auch der Spaltung der Gesellschaft in Klassen oder dem, was dem vorausgeht?


Es gibt bei Adorno formal eine Dialektik von Körper und Geist (Negative Dialektik um Seite 200*), inhaltlich neigt er aber zum Idealismus. Körper ist Entfremdung, Leiden aber ist dazu nicht einmal das Negative. Die Überwindung des Fetischcharakters der Warenwelt, der Entfremdung soll durch eine Art Entzauberung der verzauberten Welt, durch das aufklärende Wort erfolgen, das Wort, das den Bann bricht. In diesem Sinne sah er sein Schreiben als einen Versuch, das Hintergründige ans Licht des Bewusstseins zu bringen – in einem eher magischen Akt, der den Bann bricht.
*
„Alles Geistige ist modifiziert leibhafter Impuls“ - „Drang ist, nach Schellings Einsicht, die ‚Vorform von Geist“ (Negative Dialektik S. 200)


Körper ist mehr als Aktivität. Es ist zuerst sinnvolles Handeln, ohne dass es der Kopf für das allgemeine Bewusstsein schon sprachlich reproduzieren könnte. Erst danach reflektiert es sich im Bewusstsein, um von da aus wieder bewusstes soziales Handeln zu werden. Aber dies entwickelt sich aus den biologischen Aktivitäten des Körpers, die als Ausdrucksformen des Lebens in der sozialen Interaktion, ihrer Interpretation und Anerkennung durch die umgebende menschliche Gesellschaft Sinn enthalten und entwickeln.


Aber Adornos Körperfeindlichkeit hat neben Idealismus und Körperentfremdung noch einen drittes Moment: Körper ist Barbarei. Zwar ging er durch die Schule Freuds und anerkennt die Bedeutung körperlicher Bedürftigkeit, aber er will den Kulturprozess nicht mehr rückgängig machen, es wäre denn Barbarei. Wie er etwa in seinen musikalischen Schriften das „Schlag“zeug denunziert und das Klavier als Medium musikalischer Erkenntnis idealisiert - diesen geschlagenen, hässlich klingenden Klimperkasten, das Schlagzeug der Eliten. Darin ist viel Idealisierung der eigenen Herkunft und Klasse, Abgrenzung gegenüber der „barbarischen“ Unterschicht.


Rhythmus ist eine Urform der Begriffsbildung, der Strukturierung von Zeit und Bewegung. Zentrale biologische Prozesse des Lebens sind rhythmisch. Adorno idealisiert die subjektiv expressiv-dynamische Zeit, verabscheut den gleichmäßigen Rhythmus als mythisch. Dabei vergleicht er Rhythmus wohl dem abstrahierenden, das Konkrete vergewaltigende Begriff.


Wohl ist Rhythmus eine Vorform des Begriffs. Ohne die Verdinglichung der Welt durch Begriffe, die zunächst willkürliche Einteilung der Welt in begriffliche Klassen können wir nicht denken, nicht sprechen, nicht leben. Und nur auf der Basis von Begriffen können wir sie wieder negieren und neu organisieren. Dabei müssen wir uns immer ihrer Dialektik bewusst sein. Bewusst sein, auf welchem bodenlosen Grund wir unser Denken aufbauen.

Aber ist auch der Körper und sein Rhythmus, sein Begehren, kein wirklicher Grund? Es ist zwar immer ein sozial interpretierter Körper, uns eigentlich fremd, nur (gewaltsam) angeeignet, nicht eigen – obwohl wir in ihm sind und sich wohl kaum etwas anderes mehr als Eigentum verstehen lässt. (Nebenbei gefragt: das Bewusstsein, das sich dieses Verhältnisses bewusst ist, was ist das? Wie eigen oder individuell?)
Wir versuchen uns, da der Verstand nicht mehr weiterhilft, auf ein Inneres, die Launen, die Stimmungen und Gefühle, die Träume, die Wegweisungen des Körpers durch Krankheiten als einer Basis zu vergewissern. Wir orientieren uns etwa daran, ein gutes Gefühl zu haben, warten in Meditation, Wanderungen usw. auf spontane Äußerungen dieses Gefühls, befragen das Gewissen, was richtig und falsch ist, suchen nach dem Gefühl von Stimmigkeit und Adäquatheit.

Körperlichkeit ist also Vorform des Denkens, ist darüber hinaus Grundlage der Beurteilung darüber, was stimmig und unstimmig ist, aber ist immer auch eine soziale Beziehung zu anderen Menschen. Denn der Körper verweist immer auf ein Allgemeines: der Körper ist ein allgemein menschlicher. Mehr oder weniger – auch wenn wir gerade deswegen die Unterschiede so sehr betonen – haben alle Menschen einen identischen Körper. Dieser Körper ist für das Individuum genauso fremd oder nah wie jeder andere Mensch. Er gehört ihm und genauso nicht. Insofern ist er Gegenspieler, sogar Feind des Individuums. Zumindest stellt er die Selbstverherrlichung, die Hybris des Individuums in Frage. Dieses Verhältnis, in dem das Subjekt zum Körper steht, ist nicht fixierbar. Es wechselt von Identität zu Entfremdung, von Blockade zu Resonanz.

Das denkende Subjekt hat schließlich die Tendenz, sich zu verabsolutieren, in eine Fantasiewelt zu geraten, sich von der Wirklichkeit zu befreien. Dieser Prozess reflektiert die Unterdrückung der körperlichen Arbeit. Umgekehrt gilt aber, dass je mehr sich der Mensch der Wirklichkeit in körperlicher Arbeit aussetzt, desto geringer wird diese Abwehr der Arbeit und desto geringer wird der Trieb nach Herrschaft und das Verlangen, Arbeit auf andere abzuladen. Zur Demokratie gehört also auch die Bildung eines arbeitsfähigen Körpers. Heißt das, dass es eine physiologische Tendenz zur Herrschaft gibt, die sich aus der Trägheit ergibt? - ? - Aber es lässt sich auch vom anderen Ende her als ein Resultat der Entwöhnung von Arbeit beschreiben, als ein Verfall von Fähigkeiten, als eine Barriere zur Praxis.

Probleme, die zu analysieren sind:
- die Entwöhnung von körperlicher Arbeit
- die Rolle des Sports zwischen entfremdeter Arbeit und befreiter Arbeit
- die körperlichen Voraussetzungen für eine sozialistische Gesellschaft
- Ende der Erdölökonomie


Die falsche Interpretation des Körpers bei Adorno


MIMESIS UND TANZ



Adornos Idealisierung der Mimesis als Medizin gegen die irrational gewordene Rationalität ist missverständlich. Der Mimesis am naheliegendsten ist der Tanz. Es ist dies eine Bewegung, die sich nicht im Kopf, sondern in Zeit und Raum abspielt. Die Grundstruktur des Tanzes ist der Rhythmus. Dieser entfaltet sich in der Zeit, während der Begriff zeitlos sein will und deswegen verknöchert und falsch wird in dem Maße wie sich das Umfeld verändert. Denken und Leben gehören zusammen. Aber die Grundform ist der Tanz im Rhythmus. Der Rhythmus verweist wie der Begriff auf eine immer gleiche Grundstruktur, aber entfaltet sein Leben aus der Veränderung in der gleichen Struktur. Einheit des Mannigfaltigen.


Tanzen ist nicht nur ein körperlicher Akt, sondern erhält seine Impulse auch vom Körper. Und – er ist eine Weise, wie Menschen sich miteinander verbinden. Er begründet also ein Verhältnis zum Körper wie zu anderen Menschen. Die Beziehung des Tanzes zum Körper ist sichtbar auch in der Verbindung zu Sexualität, wie zur Äußerung körperlicher Gewalt. – Das Wiegenlied wiederum zeigt die entspannende und beruhigende Funktion des Rhythmus. Keinesfalls lässt sich Rhythmus auf ein Motiv, auf eine Bedeutung reduzieren.


In der Kritik Strawinskys beschreibt Adorno dessen Vorgehen als „regressiv“, parallel zum Kulturfaschismus. Rhythmus tendiert, so scheint es für Adorno, naturwüchsig zum Triebhaften, zur Entindividualisierung, zur Vermassung. Es sind die Massen von Le Bon, analysiert 1921 von Freud in „Massenpsychologie und Ich-Analyse“. Das individuelle Über-Ich wird vom kollektiven Ich-Ideal abgelöst. Entsprechend verändert sich die Bewusstseinsstruktur der primärprozesshaften, also triebhaft, Handelnden. Sie verlieren ihr Gewissen und es erfolgt der Einbruch der „Barbarei“. Das war das Thema der Zeit nach 1900, einerseits in der Kunst als belebendes Element, andererseits in Politik und Gesellschaft als Gefahr der Barbarei beschworen. Das reicht von dem Psychotechniker Münsterberger bis zur Sozialistin Luxemburg, im Blick die Kontrolle der sozialen Beziehungen. Auch die Psychoanalyse fordert einen anderen Umgang mit Trieb und Kulturdruck fordert (Freuds „Das Unbehagen in der Kultur“). „Wo Es war, soll Ich werden“.


Adorno sieht wohl die Beziehung zwischen Rhythmus und Leben, aber verengt sie auf musikalische Thematik und Motivdurchführung. Er verengt Musik auf Melodie, eigentlich auf das Sprechen. Rhythmus ist ihm ungeheuer, ist präsubjektiv, weil er - wie Musik von ihm generell verdächtigt wird – affirmativ ist. Die Erfahrung von Rhythmus ist schon Partizipation, Teilnahme. Es ist eine wie immer gewaltsame Identifikation, eine Aufforderung zur Teilnahme. Tanzen ist eigentliche Mimesis, indem alle Tänzer an einem kollektiven Dritten teilnehmen. Die Reflexion, die zuschauende Distanz, der urteilende und sprechende Verstand werden unterminiert. Es spielt sich auf einer Ebene ab, die zwar intersubjektiv, aber präverbal ist. Es muss für Adorno der Einbruch der Barbarei sein, und mag so auch beim „Sacre“ von Strawinskys durchgespielt worden sein; als Opferfeier vor dem großen barbarischen Opferfest des Ersten Weltkriegs.


Adorno reagiert darauf „idiosynkratisch“, statt aufklärend und analytisch. Es ist eine Reaktion im Sinne des Über-Ichs, des zwanghaften Charakters, der mit Körperpanzer alles Mitschwingen, jede „Regression“ verhindern muss, der die Kontrolle des Verstandes, die Distanz und Abgegrenztheit der Individuen aufrechterhalten will; die Dominanz des Geistes über Leib und Seele.


Er ist sich dabei nicht zu schade in gefährlicher Weise den Faschisten nahezukommen. Russische Kunst ist „präsubjektiv“ – wo liegt der Unterschied zum Begriff des Untermenschen? Er zieht alle psychiatrisierenden Schubladen, um Strawinsky zu denunzieren: Zwangsneurose, Katatonie, Hebephrenie, Schizophrenie, Wahnsinn usw. usf. Welchen Sinn soll solche Psychiatrisierung haben? Verstehendes Teilnehmen oder Grafeneck? Es ist ein definitorisches Aussperren dessen, was nicht dem bürgerlichen Ich entspricht. Adorno stellt nicht die Frage, was es dem „infantilen“, „schizoiden“ usw. Subjekt unmöglich macht, den spätromantischen Prozess weiterzuführen, warum die Neue Musik etwa neue Positionen einnimmt. Stattdessen wird es von Adorno psychiatrisierend denunziert.


Adornos angewiderte Rezeption von Pop und Jazz – er war sogar bereit dafür mit den Faschisten zu kooperieren – sieht darin nur Regression in die Barbarei. Sein Weg war der des empfindenden und formulierenden Bewusstseins. Obwohl Musik bekanntlich aus dem Zusammenwirken von Rhythmus, Melodie und Harmonik beruht, ist sie für ihn im Ideal wesentlich ein melodischer Verlauf, von der Stimme, letztlich vom Text und Sprechen dominiert. Merkwürdigerweise kapriziert sich für ihn musikalische Kultur auf Klavierspielen. Warum? Weil sich der Fortschritt der europäischen Musik in der Entwicklung der Harmonie abspielt – endend am Fluchtpunkt der Zwölftonmusik Schönbergs. Hat die Melodie noch Rhythmus gehabt, verklingt sie mit dem idealisierten Rubato in Harmonie/Disharmonie.


Adornos Gegenüberstellung des „expressiv-dynamischen“ gegen das „rhythmisch-räumliche“ Hören und seine Versöhnung in der klassischen Moderne ist künstlich. Das „rhythmisch-räumliche“ – der Begriff des Raums ohnehin ein Fehlgriff – assoziiert Adorno mit Mechanik, Äußerlichkeit, Objektivität, Gewaltsamkeit, technischer Demagogie, Gleichschaltung und weiteren Invektiven. Als Ideal immer ein „Subjektives“ im Auge, das die Klassenverhältnisse, die es feiert, nicht mehr reflektieren und in Frage stellen will. Natürlich ist der Rhythmus eine präverbale Aggression gegen die verlogene und vergewaltigende Ausdruckskunst des 19. Jahrhunderts - wenn auch Ehrlichkeit, Destruktion und Identifikation mit dem Aggressor zugleich. Asozial, aber gegen den Kitsch der sogenannten Gefühle und Subjektivität. Das Ideal der Klassik war mehr und mehr die Gefühlswelt des vereinsamten und ausgestoßenen Individuums – typisch Schuberts „Winterreise“. Eine gesellschaftliche Intervention lässt sich nur noch als gewaltsames Zerbrechen durch den Rhythmus durchspielen. Parallel zum Auftrumpfen der Maschinen, des Autos, der aggressiven Konkurrenz der Menschen untereinander – Adornos Auftreten gibt ein Beispiel dafür. Die Alternative wäre Trauer, Gedenken an das Verlorene.


Adornos Musikideal ist nur noch für Künstler und Zuhörer, totale Arbeitsteilung, Auseinanderfallen von Praxis und Theorie. Theorie als Ideal, reine Anschauung. Bleibt das rezeptive, nur noch im Geist und Bewusstsein tätige bürgerliche Individuum, rechnend, nicht mehr arbeitend, empfindend, nicht mehr handelnd. Schon Kant reduziert Urteil auf Zusammenfügen von Subjekt und Prädikat. Obwohl die Sprechen ein Benutzen vor allem von Tätigkeitswörtern ist – und die Welt ein Resultat des tätigen Menschen.


Im Genie des Künstlers feiert der Bürger sich selber. Unten im Podium darf er von Großem träumen. Fühlt er mit der dargebotenen Musik, wird er mit dem Ideal identisch. Biografisches würzt die Kost. (Ich kenn das von meinem Mahler).


Aber Reflexion lebt von dem Reflektierten und das ist der bewegte Mensch. Ihn kann die Reflexion nicht aus sich selbst erzeugen, auch wenn sie das immer wieder versucht. Die Überkontrolle führt zu einem lügenhaften Selbstbild, zu der fürs bürgerliche Existieren notwendigen Selbstüberschätzung.


Der im Publikum sitzende Zuhörer scheint keinen eigenen Körper mehr zu haben. Aber ohne eigenen Körper könnte er nichts empfinden. – (Ich ignoriere hier einfach, dass die Mehrheit ohnehin nichts empfindet. Sitzt nur stumpf da, wartet auf das Ende, ist mit Blähungen, Hustenreiz und den Nachbarn beschäftigt.) Es ist der Körper, der mitschwingt. Um die Wirkung von Musik zu entfalten, um sie zu hören und wahrzunehmen, muss der Körper ihren Resonanzkörper bilden. Die in der Musik dargestellte Bewegung muss er als innere Bewegung nachvollziehen können.


Mahler schreibt seine Sinfonien in seinen Sommercamps, in denen er neben dem Komponieren schwimmt, Rad fährt, bergsteigt. Und der Zuhörer kann es nur in Erinnerung daran miterleben.


Adorno lehnt den Rekurs der Musik auf den Körper, seinen Rhythmus wie etwa des Herzens, als mechanistisch ab. Er verpasst damit eine Chance, seinen – philosophisch gesehen – „Idealismus“ zu kritisieren. Er will in einer körperlosen Gesellschaft leben. Nur tief unten sind da die stupiden, geisteskranken Körperwesen, Monaden bedingter Reflexe, „Bastler und Mechaniker“, die „heutzutage“ „aus der Erde“ wachsen (S.182 Ph der N Musik 175), sie gehorchen dem Schlag der Trommel. - Seinen gesammelten Klassenhass wendet er gegen sie.


„Es wendet sich einzig noch an den rhythmisch-räumlichen, spielerisch-geschickten, der heutzutage mit den Bastlern und Mechanikern aus der Erde wächst, als stammte er aus Natur und nicht aus der Gesellschaft.“ Schreibt Adorno. Als ob „aus der Erde wachsen“ allein schon der Makel wäre. Ist das nicht genau die Nekrophilie, die er anderen zuschreibt?


Es gilt Abschied zu nehmen von der Verherrlichung und Verabsolutierung der Besonderheit des Individuums. Nicht weil die Verhältnisse ihm Ohnmacht und Bescheidenheit beigebracht hätten oder beizubringen haben. Sondern aus Selbsterkenntnis, Erkenntnis seiner Bedingungen und Grenzen. Dazu gehört auch die Bedeutung von Arbeit und Körper, deren Anerkennung und Würdigung. Körper ist nicht nur Widerstand, Materie, äußere Bedingung, sondern in seinen Lebensäußerungen und als Leben selbst nicht nur conditio sine qua non, sondern das, was allem Geist vorausgeht und ihn strukturiert und bildet. Ihm gilt es zuzuhören, auf ihn zu horchen, ihn sprechen zu lassen, ihn in den Geist wirken zu lassen und ihn sich entfalten zu lassen, seine Bedeutung zu akzeptieren und ihn pfleglich zu behandeln und zu entwickeln.


Körper ist immer ein sozial verfasster. Er artikuliert sich für unser Bewusstsein in den Klischees und Worten, die die jeweils aktuelle Sprache für ihn findet, erfindet und benutzt. Der Umgang mit ihm ist besetzt mit den Methoden, die uns die Umwelt aufgeprägt hat. Wir können sie reflektieren, in Frage stellen, möglicherweise korrigieren, sind aber in den Vorgaben gefangen. Der Körper zeigt sich jedoch autonom gegen seine gesellschaftliche Zurechtmachung. Er rebelliert dagegen durch Krankheit, durch Versagen und Verweigerung, Müdigkeit und Tod. Er bringt sich zum Ausdruck durch seine Äußerungen von Schmerz und Wohlgefühl, Träume und sein Verlangen.

Was auch noch fehlt: Körperfeindlichkeit und Klassenhass.

Sonntag, 9. Januar 2011

KEINE DISKUSSION MIT AUTOFAHRERN

Meine Kinder, meine Schwester, und viele mehr sind Autofahrer. Ich diskutiere mit ihnen darüber nicht. Obwohl ich doch sonst eher zu denen gehöre, die die Diskussion, manchmal auch die zurechtweisende Kritik mögen. Ist es nur das verwandtschaftliche Verhältnis, das "Blutsband", das mich davon abhält, meine Kritik zu äußern? Es ist klar, dass ich ihren Standpunkt nicht teile, es bleibt unausgesprochen. Aber es bleibt eine Spannung, oft sogar gefährliche Hochspannung. Für mich ist Autofahren oder nicht die Wasserscheide, das Beurteilungskriterium der politischen Glaubwürdigkeit anderer Menschen.

Es gibt Ausnahmen: weite Entfernung zu öffentlichen Verkehrsmittel, schwierige Verkehrsverhältnisse im Winter, Altersschwäche. Aber das sind kleine Ausnahmen. Wege bis 6 km sind gehbar - mit Rad ohnehin kein Problem.

Für Menschen in einer globalen Welt gibt es in der Regel kein Recht, mehr von den Ressourcen der Erde zu verbrauchen als andere. Öl ist zu wertvoll, als dass es für sinnlosen Transport von schweren Fahrzeugen verwendet wird. Sinnvoll ist sein Einsatz für: Wärmedämmung, Materialien in Maschinen und ähnliches.

Die Motive der Autofahrer sind aber nicht der ökonomische Transport, sondern die Identifikation mit den herrschenden Normen, die Ausübung von Macht, das Erlebnis von Getragenwerden und Potenz. Jemand, der mit dem Auto fährt, zeigt, dass er nicht zu denen Unten gehören will, die nur ihren eigenen Körper haben, die körperlich arbeiten müssen, die niemand haben, den sie anleiten, anweisen und kontrollieren können, die nur ihr eigenes Objekt sind. – Von solchen Menschen ist keine Solidarität, kein Sozialismus zu erwarten. Sie werden immer ihren eigenen Vorteil suchen, eine herausgehobene Position. Sie werden immer mit der Herde rennen, sie haben keine Zivilcourage.

Autofahren zeigt auch die Unfähigkeit zu rationalem Denken. Rationalität würde ihr Ego, ihre Bedürfnisse nur einschränken und wird deshalb nur scheinhaft in der Ausweitung des eigenen Egos, der Bereicherung und der Kontrolle über andere Menschen praktiziert. Als soziale Rationalität, als Reflexion der Gerechtigkeit, verkümmert sie zum sozialen Schwachsinn.

Wie soll es also mit meinen Lieben weitergehen??
Soll es??

Samstag, 8. Januar 2011

GOTT IST TOT - - - DIE ARBEITERKLASSE AUCH?

Ist es nicht sektiererisch illusionär von „Arbeiterklasse“ zu sprechen. Wo macht sie sich schon bemerkbar, gar als revolutionäre? Lässt sich mit ihr noch ein sozialistisches Zukunftsprojekt verbinden?
Ist sie nicht zum verwalteten Objekt der Arbeiterparteien, Gewerkschaften, Sozialpolitik, also der Mittelschicht geworden? Kann nicht jeder Arbeiter froh sein, dass er überhaupt noch Arbeit hat und marxistisch gesprochen „ausgebeutet“ wird, dass er „Mehrwert“ produziert? Und sind das nicht nur arme Schweine, die weniger als das Durchschnittseinkommen eines Arbeiterhaushaltes von unter 3000 € verfügbarem Einkommen je Monat ausgeben können (siehe meinen Blogeintrag vom 29.9.10: http://abbruchstuecke.blogspot.com/2010/09/hartz-4.html).
Ich würde einwenden, dass sich das Konzept der Arbeiterklasse nur bedingt festmachen lässt an der empirischen Arbeiterklasse, also an den Arbeitern wie sie derzeit konkret sich verhalten. Komme dabei aber in die Bredouille, dass mir vorgeworfen kann, damit in die leninistische Falle von Arbeiterklasse „für sich“ und „an sich“ zu geraten; damit sie zur Klasse „an und für sich“ wird bedürfe sie der Agitation und „Vernunft“ der bürgerlichen Intelligenz. Im leninistischen Konzept ist die Arbeiterklasse nur Werkzeug und Steigbügel zur Macht für bürgerliche Intelligenz, kann dann, wie bei Stalin, als widerspenstig ausgerottet und durch eine andere ersetzt werden.
Lenin sah die westeuropäische Arbeiterklasse als korrumpiert und subaltern an und verließ sich deswegen auf seine eigene historische Orientierung – meist gegen die empirische Arbeiterklasse. (Die Orientierung des späten Lenins an Hegel hängt damit zusammen).

Ich gebe zu, die Idee der revolutionären Arbeiterklasse und des Sozialismus lassen sich nicht an den unmittelbaren empirischen Interessen der Arbeiterklasse festmachen. Aber der Verweis auf die „wahren Interessen“ macht sich als volkspädagogisch, religiös verdächtig. Er würde eine falsche Übereinstimmung vortäuschen. Stattdessen ist es notwendig, die Differenz zum richtigen Handeln und die Bedeutung des eigenen Verhaltens an der Systemaufrechterhaltung bewusst zu machen. Nicht als wohlmeinende Interpretation und vorgeblichem Verständnis, verführerisch cleverer Parole, sondern als Diskurs, Streit, Widerspruch.

Darüber hinaus impliziert das Konzept der „Arbeiterklasse“ die Priorität der Arbeit gegenüber der Verteilung. Der Kern einer demokratischen Gesellschaft muss die gerechte Verteilung und Organisation der Arbeit und der Ressourcen sein. Es ist eine technische wie eine soziale Frage. Dazu ist Dezentralisierung, Vereinfachung der Technik und eine neue technische Bildung, die Integration des historisch erworbenen Wissens notwendig.

Ist das nicht Wolkenkuckucksheim?
Aber was ist die Alternative? Fortschreiten der Spezialisierung, Zentralisierung der Kompetenz, des Wissens und der Macht bei wenigen, Unsicherheit bei der Mehrheit und sich daraus ergebendes irrationales Panik- und Konkurrenzverhalten? Was wird sein, wenn dieses hochkomplexe System plötzlich zusammenbricht – nicht mehr außer Möglichkeit? (Aktuell gesehen ist die Bedrohung einer schweren Finanzkrise nicht vorüber.)

Dieser Entwurf hat wohl nichts mehr zu tun mit der Marxschen Vorstellung, dass sich Zukunft naturwüchsig aus der Gegenwart entwickelt. Als derzeit nur intellektuelles Konzept, Traumstück, moralische Schlussfolgerung ist es die einzig möglich menschliche Zukunft.

Aber es geht bei dem Begriff der „Arbeiterklasse“ nicht nur um Moral, das Wahre Schöne Gute, sondern auch um eine Weise der Wahrnehmung und Erfahrung, die ein Arbeiterleben prägen: die Erfahrung der Öffentlichkeit als Verrat und Betrug, von Lüge und Theater, von Demütigung, Verletzung, Erniedrigung. Es ist eine spezifische Weise, die Welt zu sehen und darin Prioritäten zu setzen. Es gibt Weisen der Verarbeitung der Welt und der Reaktion darauf. „Arbeiterklasse“ hat auch etwas zu tun mit spezifischen Lebenserfahrungen, die nur der teilt, der diese Lebensumstände erfährt. Diese Erfahrungen prägen Gefühlseinstellungen, prägen den Leib und seine Wahrnehmung und Ausdrucksweisen.

Wenn die deutsche Arbeiterklasse keine Mehrheit in der deutschen Gesellschaft durch die Rekrutierung der internationalen Arbeiterklasse ausmacht, heißt das nicht, dass Arbeit nicht Basis des Lebens ist und dass fundamentale Demokratie dabei anfängt. Die „Dienstleistungsgesellschaft“, die gern als Geschütz gegen den Begriff der Arbeiterklasse aufgefahren wird, ist nicht der Gegensatz zu Arbeit. Es werden dort genauso gesellschaftlich notwendige und für den Profit notwendige Arbeiten verrichtet. Alles andere wäre Steinzeitmarxismus für Einfältige. (Ein großer Teil der Dienstleistungen haben aber nur die Funktion der Erhaltung und Pflege der Klassengesellschaft und sind objektiv nicht notwendig.)

Ich lasse mir vorwerfen, dass ich die Eigendynamik dieser modernen kapitalistischen Gesellschaft nicht richtig voraussehen kann, ihr Entwicklungspotential und inneren Widersprüche und die Anpassungsfähigkeit der Menschen daran, nicht näher beschreiben kann. Ich gehe von einem Postulat „So sollte es sein!“ aus und leite aus der Abweichung davon mögliche Probleme ab. Diese Problemzonen – wie etwa jetzt die Finanzkrise – sind prinzipiell technokratisch lösbar, ja, sieht man etwa auf die seelischen Probleme der Individuen, sie lassen sich sogar systemverstärkend lösen durch Pharmazie, psychotherapeutische Kreativkultur, wachsende Individualisierung. Zwar weiten die technokratischen Problemlösungen die vom Kapitalismus, seinem Profitprinzip beherrschten Zonen immer weiter aus – in der Bildung, im Gesundheitswesen, in der Natur usw. – aber wann dann endlich die Grenzen erreicht sind und ob nicht neue Wege der kapitalistischen Progression entwickelt werden, lässt sich nicht vorhersehen.





Sonntag, 2. Januar 2011

Neues Jahr

Regelmäßig an Sylvester sinkt meine Laune und meine Gefühle ziehen sich weiß Gott wohin zurück. Während andere es knallen lassen, habe ich Mühe gute Miene zum bösen Spiel zu machen.
Ich schaue mir den Blödsinn im Fernsehen an - gnadenloser Quatsch. Von ARD und ZDF braucht man nicht zu reden, das ist Idiotie pur. Ich schaue nach Spanien: Flamenco und viel sichtbares Fleisch, jamones und Brüste. Hier beim „Kulturkanal“ „Arte“ Sting mit seiner wohl miesesten Musik: die immergleich tranigen Melodien – bei Police immerhin rhythmisch aufgepeppt – in einer primitiven RoyalPhilharmonicSoße, nicht einmal der Busen der Backgroundsängerin gab was her. Dann eine Teenieband bei „1-Festival“, nettes Mädchen, aber melodisch Kinderlieder mit Schlagzeug punkartig zerschlagen. Texte – zum Glück? – unverständlich. Eine Band, die überall auf der Welt spielt, aber ohne Ahnung zu haben, wo.
Vorher üppiges Essen. Weil das zum sozialen Zusammenhalt gehört. Familienfest. Statt sich gegenseitig aufzufressen.
Draußen Knallerei. Denk an meinen Vater, der das nicht ausstehen konnte. Vor dem Krieg gesellig und lustig, nachher ernst und miesepetrig. Keine Spielzeugpistolen für mich, geschenkte verschwanden. Die Wiederaufrüstung der BRD war ihm ein Horror, anders als für die Mehrheit der (…) Deutschen. Also gab es auch keine Sylvesterböller. Ich konnte sie vom kalten Schlafzimmer aus leuchten sehen. Den Drang zu töten hat er damit aber weder in sich selber, noch in mir abtöten können. Vielleicht kam eine Bremse der Vernunft zwischen Drang und Wunsch. (- Vielleicht).
Warum geböllert wird? Angst vor dem Neuen im Neuen Jahr, der Wunsch, dass doch alles beim Alten bleibe? Wird etwas gefeiert oder geht es mehr um die Vertreibung der bösen Geister, des Gespensts der …?
Mit Neujahr kommt eine mythische Zeitwahrnehmung ins Spiel, die der Wiederholung, der Jahreszeiten mit samt dem Schrecken, dass die Nacht den Tag schluckt und der Freude, dass die Nacht die Sonne wieder freigibt. Gleichzeitig leben wir in einer linearen Zeit, wo die Rhythmen der Jahreszeiten gleichmäßig klimatisiert sind, zum bunten Background werden, aber nicht mehr essentiell für das exponentiell oder linear wachsende Kapital. In dieser Zeitsicht wird dann der Tod anders als in der mythischen sinnlos. Aus dem Vergehen wächst nichts Neues.
Die adäquate Musik wäre Bruckners Neunte. Nicht weil sie religiös ist, da die Musik sich in neuartigen Klangwelten abspielt, jenseits auch von religiösen Texten Projektionen menschlicher Seele entwirft, weil sie dynamische Kräfte offenlegt, die in uns sind, Utopien der Versöhnung leuchten lässt.

Montag, 27. Dezember 2010

ARMUT

zu
http://www.fr-online.de/kultur/debatte/armut---und-wie-weiter-/-/1473340/5043196/-/index.html
 
Sicher ist es seltsam, wenn von der EU ein Projekt „Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung 2010“ generiert wird in der Absicht u.a.: „die kollektiven Wahrnehmungen von Armut hinterfragen“. Aber sofort wird – von der „linken“ Mittelschicht - losgeheult: „Verteilungsgerechtigkeit“ würde nicht im Zentrum stehen, sondern die kulturelle Affirmation der Armut. Diese Mittelschicht gibt sich „links“ als sie mit linken Klischees hantiert: „arm“, „reich“, „Verteilungsgerechtigkeit“. Das Projekt der „Verteilungsgerechtigkeit“ anstelle von demokratisch organisierter Arbeit ist das letzte Überbleibsel „linker“ Parteipolitik der Sozialdemokratie. Es ist vermeintlich Politik für die sogenannten Armen, aber ganz und gar nicht Politik der Armen.
Wer betreibt denn die ganzen Armutsprojekte, die HartzIV-Kampagnen, die Tafeln, die Caritasprojekte, die öffentliche Klage über Armut?

Anders: Warum soll „Armut“ – also die Begrenzung des materiellen Verbrauchs auf das Nötige, der ökonomische Umgang mit den vorhandenen Mitteln, so schlimm und furchtbar sein? Wie kann ein Linker, der für Verteilungsgerechtigkeit global und für die Erhaltung von Natur und Erde ist, gegen die sogenannte Armut sein. Jeder der – Kinder ausgenommen – über HartzIV-Satz verbraucht, nimmt seinen „Reichtum“ nicht nur anderen Erdenbürgern weg, er zerstört auch die Zukunft der Erde.

Einer/Eine, der/die glaubt, es könne so weitergehen, bei dem/der ist nicht nur die Gewohnheit stärker als die Intelligenz, er/sie zählt auch nur zu den sich intellektuell gebenden Schaumschlägern.

Samstag, 18. Dezember 2010

Franzens „Freiheit“ lesen - über einen Arbeiterroman nachdenken


Die letzten Tage habe ich den neuesten Roman von Franzen „Freiheit“ gelesen, war von ihm wie bei den „Korrekturen“ wieder fasziniert, angezogen, eingesogen, um am Ende angesichts der Mittelschichtsfixierung seiner Charaktere zu fragen, was daran letztlich so schal und unbefriedigend ist und warum es keinen vergleichbaren Roman über Schicksale von Menschen aus der Arbeiterklasse gibt. Es geht mir beim Lesen seiner Romane wie vielen seiner Romanfiguren, die mit Hilfe oder auf Grund von Drogen, Psychopharmaka oder Sex die Grenzen ihres Alltags überschreiten, um nachher herauszufinden, wie sie getäuscht worden sind.
Da ist der Soapcharakter seiner Romane. Wir haben es mit Figuren zu tun, die herausragend sind, die beispielhafte Charakterzüge haben, oft körperlich oder charakterlich attraktiv, ohne die Hässlichkeit, Brüchigkeit zu zeigen, die der „normale“ Mensch hat, sobald er ein bestimmtes Alter überschritten hat oder wie man ihn im Supermarkt sehen kann oder bei der Arbeit näher kennenlernt. Nicht dass es bei Franzen auch diese Sichtweise gibt, aber seine Hauptdarsteller, die von innen wie von außen gezeigt werden, werden so dargestellt, dass sie uns verständlich und vertraut werden. Dadurch werden sie unabsichtlich idealisiert, rennen ins Jenseits, ohne sich durch Ironisierung wie etwa bei Thomas Mann in die Klugheit des Autors und seiner Leser zu verflüchtigen. Das ist auch der Grund, warum Franzen so leicht und gerne gelesen wird. Trotz des Umstands, dass seine Charaktere sich sehr am Rande der bürgerlichen Existenz bewegen.
Was meine ich mit Mittelschichtfixierung? Einmal sind da zu viele Geschehnisse jenseits des Normalalltags. Immer wieder sind Charaktere in überdimensionale Finanzgeschäfte involviert, manchmal in Glücksspiele – merkwürdigerweise entgegen den Wahrscheinlichkeitsgesetzen erfolgreiche. Da macht etwa der minderjährige Joey ein Irakgeschäft mit 180 000 Dollar Gewinn. Ein Gewinn, der dann - wie in den „Korrekturen“ - wieder so schnell zerbröselt, wie er gewonnen wurde. Die Menschen erleben immer wieder den Blasencharakter des Glücks. Da ist der finanzielle Erfolg, da sind Drogen, da ist Sex in allen Varianten, da ist eine explodierende Konsumwelt, die die Menschen überwältigt. Diesem schaumartigen Schein setzt Franzen zum Einen die Natur gegenüber, etwa die Vogelwelt. Zum Anderen in der modernen Welt antiquierte Charaktere. In den „Korrekturen“ ist es der Vater, Ingenieur und fleißiger Erfinder, ein von seiner Basis gründlicher und arbeitsorientierter Mensch, der sich gegen diese Blasen wehrt, auf Werten wie Verlässlichkeit, Treue, Solidität beharrt und den Versuchungen, mit einem Patent großes Geschäft zu machen, widersteht. Der aber eben dadurch reingelegt und gelinkt wird und anhand dessen Beispiel von Franzen gezeigt wird, dass, wer dieses Mittelschichttheater der Selbstaufblähung und Gewinnmaximierung nicht mitmacht, zum Idiot, benutzbaren Trottel, zum Dementen wird.
Wenn in der „Freiheit“ Walter (wie vielleicht auch der Autor) seinen Trost und (vorübergehenden) Ausweg in der Rettung der Vogelwelt sieht, dann bleibt es für den Leser am Ende doch eine willkürliche Marotte und es hat keine Verbindung zu den menschlichen Motiven, die den Roman Franzens ausmachen und eigentlich vorwärtstreiben. Eben das, was jedes Leben, jede Soap und jeden guten Roman vorantreibt: die Erfahrung von Unglück und die Erreichung des Glücks, von Streit und Versöhnung.

Zwischendurch muss ich aber, bevor der Eindruck einer nur negativen Kritik entsteht, doch würdigen, dass Franzens Figuren nicht nur faszinierend sind, sondern dass sein Roman eine sehr reichhaltige und oft sehr realistische Welt darstellt. Da gibt es neben der Soap viele konkret beobachtete und erfahrene Details, gibt es immer wieder aufblitzende Erkenntnisse und Wahrheiten, gibt es Entwicklungen und dialektische Sichtweisen, die dem ambivalenten und oft zweideutigen Charakter des Lebens gerecht werden. Überhaupt gewinnen die Charaktere ihre Kraft nicht durch ihren Typencharakter, sondern durch ihre Bewegung zwischen Polaritäten, ihren gegensätzliche Beziehungen, ihre Entwicklungen von einem Standpunkt zu einem anderen, wie auch durch die Blickrichtung des Autors auf ihr inneres Leben, ebenso darauf, wie sie von anderen erfahren werden. Die humane Vorgehensweise von Franzen besteht darin, dass seine Personen Fixierungen, in die sie geraten, immer wieder auflösen, die Sicht des anderen nachvollziehen, sich oft relativieren, nicht fertig und abgeschlossen sind. (Oft zeigt es sich aber auch als eine Schwäche und Inkonsistenz des Autors: Personen werden als Charaktere eingeführt, die aber sobald sie zu reden anfangen, diesen Charakter verlieren und nur noch den diskursverliebten Autor zeigen: deutlichst bei Patty, die zuerst als „verträglich“ geschildert wird, sich dann aber in den Dialogen so streitlustig wie alle anderen Figuren darstellt. Ebenso Walter, der nur aus der Sorge für andere zu leben scheint, dann aber den misanthropischen Tyrannen spielen muss).

Gut - alles ist relativierbar: Walters idealisierte Vogelwelt wird von Lalitha etwa ganz anders gesehen; nämlich als Reich von Fressen und Gefressenwerden. Der Autor lässt sich alle Sichtweisen offen. Die Finanzwelt bricht zusammen, scheinbar überzeugende Erlebnisse von Sex werden in kurzer Zeit wertlos, Familien, die scheinbar intakt wirken, zerfallen plötzlich, die teuren unheimlich attraktiven Spielzeuge der Kinder werden nach 14 Tagen reizlos. Was bleibt? Da ist etwa die passive, „hündische“ Liebe von Connie, ist der Starrsinn des dementen Vaters in den „Korrekturen“, ist die selbstaufopfernde Beharrlichkeit von Patty am Ende der „Freiheit“. Es sind die durchgehaltenen familiären Beziehungen, die die Basis der Welt von Franzen ausmachen, die sich auch den `Korrekturen´ der Aussteiger widersetzen und sich am Ende durchsetzen.
Gerade die Tatsache, dass Gesellschaft und Politik hoffnungslos korrupt und moralisch verkommen ist, macht die Familie zu einem sicheren Hafen und die Ausbruchsversuche bestätigen die Bedeutung stabiler familiärer Beziehungen. Das ist merkwürdigerweise die linke Botschaft von Franzen in der bürgerlich korrupten Welt der amerikanischen Konservativen und Republikaner. So ist es auch mit der „Freiheit“, die einerseits als Parole der Profitmaximierung und gesellschaftlichen Skrupellosigkeit, der Verschwendung und Ausbeutung missbraucht wird, andererseits aber gerade wieder von den Konservativen mit ihren reaktionären Konzepten eingeschränkt wird bis zur Parodie. So, wenn mit der Terrorismusbedrohung die Menschen klein, nieder und dumm gehalten werden, wozu sie als Amerikaner wohl deutlich sichtbarer neigen als andere Nationen, von denen man Intelligenz noch weniger erwartet..

Zurück zum Arbeiterroman, der von Franzen nicht geschrieben wurde. Die Arbeiter sind bei ihm nur Schlamper, Pfuscher, Faulenzer wie in den „Korrekturen“ oder korrumpierbare, emotional manipulierbare Größen, die ihr Ziel nur darin sehen, gut verdienende und gesicherte Mittelschicht zu werden. Sie riskieren nichts, steigen nicht aus ihrem Alltagsleben aus, entwickeln keine Perspektiven, sind nur benutzbar. Sie haben kein erkennbares Bewusstsein, sehen sich nicht vor wirkliche Entscheidungen gestellt und lassen sich nur von Gewohnheiten, Umwelt, Zwängen, der inneren Faulheit und Gier leiten.

Ich führe hier den Begriff des „Schrottmenschen“ ein. Im christlich-jüdischen Weltbild, genauso wie der seiner daraus gewachsenen Kritiker, ist der Blick auf das Leben ein historischer. Da gibt es einen Ursprung, eine Genesis, dann kommt es zu Entfremdung, der Vertreibung aus dem Paradies, der Erfahrung des Lebens als Unglück und Unheil, führt zur Unterscheidung von falschem und richtigem Leben, zu Vorstellungen von Endzeit oder historischer Tendenz hin zum Paradies - oder Kommunismus. Bei Nietzsche fängt mit dem Tode Gottes die Freiheit des Menschen an, auch der Freiheit von Sinn. Geschichte soll beendet werden, der Mensch das werden, was er ist.
Daran gemessen erscheinen viele Menschen nur als destruktive Tiere, die sich auf der Erde wie die Pest ausbreiten, sich nur reproduzieren, die Erde zerfressen ohne zur Lösung der großen Menschheitsfragen beizutragen, nicht mehr die elementaren menschlichen Fragen angehen - nach dem Sinn menschlicher Existenz, nach Glück. Weil sie nicht fragen, nicht nachdenken, bewusstlos sind, vermaterialsieren sie alles, setzen alles aufs Überleben und sich Verbreitern, können sich nicht einschränken, werden maßlos und destruktiv, reproduzieren nur, ohne etwas Neues zu schaffen. Schrottmenschentum.
In diesem Sinne kämpft Walter gegen die Überbevölkerung – ohne dabei zu differenzieren zwischen einem Inder und einem Amerikaner, der zwanzigmal destruktiver ist. Zwar ist die Masse der Armen destruktiv, aber noch viel mehr die Minorität der Reichen, der entwickelten und sich viel zu langsam „selber abschaffenden“ Erste Welt.
Der Idealisierung der Natur und der Tiere liegt ein falscher menschenfeindlicher Zug zugrunde. Da ist etwa die bewunderte Mobilität der Vögel. Aber parallel dazu wird in Franzens Welt viel gereist, umgezogen, ist viel Bewegung durch die Welt., nach Europa, in die baltische Staaten, nach Lateinamerika – und verschwendet mit dem darin enthaltenen Bewegungsdrang Öl, erzeugt Treibhausgase. Die Entwicklung der Individuen bei Franzen ist verknüpft mit Reisen, Autos, Fliegen und damit der Zerstörung der Welt und der Mitmenschlichkeit.
Aus der Fatalität der Verknüpfung von technischer Welt und menschlicher Dynamik findet Franzen keinen Ausweg. Nur eine widersprüchliche und relativierbare Ausflucht in die Idealisierung der Vogelwelt. Nicht, dass die nicht erhaltenswert wäre, aber ohne eine neue Technik mit menschlichem Maß wird es nicht möglich sein, die Natur zu erhalten.


Weiter zum Schrottmenschentum: Etwa die Geschwister von Patty: Veronica, Edgar, Abigail, sie gehören dazu, weil sie weder produktiv sind, „arbeiten“, noch sich selber relativieren können. Es geht ihnen nur darum von den Zuwendungen und der Arbeit anderer Menschen zu leben. Selbst wenn sie arbeiten, tun sie es ungern und gegen ihren Willen, ihr Ziel ist die Nichtarbeit, sie finden keinen Ausweg in eine freie produktive Welt.
Hier stellt uns Franzen Arbeit als Wert vor. Da sind immer wieder die handwerklich Tätigen, so Richard und Walter in „Freiheit“ oder der Vater, die kochende Schwester in den „Korrekturen“. Ihr Handwerkertum ist Teil ihres stabilen, verlässlichen und vertrauenswürdigen Charakters, Gegenpol zu einer hysterische Konsum- und Scheinwelt. Aber das hat keine gesellschaftlich politische Implikation, ist nur ein sympathischer Charakterzug und nicht mit der Utopie und Leidenschaft der Menschen versöhnt. Weil es auch ein technisch-politisches Konzept ist; der Frage, wie sich fair zusammenleben lässt, mit welcher Technik, mit welchem Verhältnis zur Natur.
Weil das Problem nicht angegangen wird, haben die Lösungen in Franzens Romanen den Charakter der individuellen Beliebigkeit – Vögel oder „FreiRaum“ oder Katzen oder dies oder jenes. Auch das Ende von „Freiheit“ wirkt klischeeartig, nicht wirklich versöhnt, falsche Positivität in einer vielleicht unheilbar kranken und zum Tode verurteilten Welt.
Vielleicht hat Adorno mit dem „Endspiel“ recht, recht auch gegen Goethes Faust, wo am Schluss in vermeintlich produktiver Aktivität die Sümpfe trockengelegt werden (und die Natur zerstört).

Oder es muss die Frage nach Technik und Arbeit und Zusammenleben konkret gestellt und Neues versucht werden. Was in einen Roman nicht mehr passen und den Bereich des Entertainments verlassen würde.

Auf diesen Weg begibt sich Franzen nicht.

Donnerstag, 11. November 2010

G20 oder die Idiotie eines „öffentlichen“ Senders

Der stumpfsinnige Nationalismus der Konservativen sucht sich immer wieder  neue Schlupflöcher im pseudoliberalen Geschwätz. G20 bietet wieder Anlass, die autistische Exportpolitik der herrschenden deutschen Klassen durchzujubeln, die ja bekanntlich auf dem Herunterdrücken der Löhne, Ausbeuten ausländischer Rohstoffreserven basiert. Während der DLF immerhin ab und zu kritische Fragen stellt, herrscht im SWR die alte schwarzrechte und neoliberale Idiotie. Das hat dort eine lange Tradition. Eine Dynastie von sogenannten Wirtschaftsfachleuten führt dort Regie, diese um die Goldzahn-Pools von Baden-Baden herumschwirrenden Hofschranzen. Wie sagte Oettinger: „Mein Anstalten“ (http://www.youtube.com/watch?v=BBZRMnbbhpw)
Gut, die Amerikaner sind mit schuld an ihrer Misere: Enorme Energieimporte, Aussaugen der Weltvorräte, Abbau der produzierenden Industrie, Aufblähung und fehlende Kontrolle des Finanzsektors – nicht zu sprechen von ihren Rechts- und Demokratiedefiziten, der Ideologie der asozialen Konkurrenz. – Aber warum sollen sie sich nicht gegen Billigimporte wehren? Würde die Arbeiterbewegung hier oder in China taugen, gäbe es das Problem nicht.