Mittwoch, 1. Juni 2011

HIMMELFAHRT

Ich höre im Radio – heute am Himmelfahrtstag natürlich christlich pointiert - von Olivier Messiaen das "Gebet des zu seinem Vater auffahrenden Christus" aus "L'Ascension" . Ein ruhiges Stück, zuerst mit aufsteigenden Tönen, dann aber gelangt es in einen immer wiederkehrenden Rhythmus, als würde es ein Gefühl dessen beschreiben, der bei seinem Ziel angelangt ist.
Zuerst wundere ich mich, wie Christus beten kann, wo er doch selber Gott ist. Ein Gebet hätte nur dann Sinn, wenn er nicht Gott ist. Wahrscheinlich war die Göttlichkeit von Jesus ursprünglich nie so veerstanden, wie dann in der Lehre von der Dreifaltigkeit festgelegt. Eher war eine universelle Gotteskindschaft gemeint. Die Ausbreitung der römischen Gesellschaftsstruktur führte zur Auflösung der stammesorientierten israelischen Gesellschaft. An die Stelle der israelischen Stämme tritt der „freie“ römische Bürger, an die Stelle der Herkunftsfamilie tritt die unmittelbare Gotteskindschaft.
Die andere Frage, die sich mir bei einer solchen Musik stellt, mit welchem Gefühl wohl dieser gute Mann in den Himmel aufgefahren ist. Kann er irgendwie zufrieden sein? Er wollte doch wohl die Welt und Menschheit retten und erlösen – dabei geht es doch weiter wie vorher. Gerettet werden bestenfalls die Gläubigen. Gläubige, die gläubig geworden sind durch irgendwelche Zufälle: Herkunft, Erziehung, Umwelt, Verständnis, Interpretation usw. usf. Selbst wenn der Gläubigkeit eine moralische Entscheidung zu Grunde liegen würde, hätte sich durch Jesus Auftreten im Namen Gottes bestenfalls dessen Image verändert: an die Stelle des autoritären Stammesgotts tritt der barmherzige, wohlwollende Vater. Verändert hat sich aber nicht die irrsinnige Konstruktion menschlicher Freiheit, wie sie in der Paradiesvertreibung konstruiert wurde: Du bist frei, aber nutze diese Freiheit nicht. Du bist frei, mir Ja zu sagen. Andernfalls versündigst Du Dich. – So wird der Menschheit eine Urschuld, eine Schuld a priori unterstellt. Die Schuld lässt sich nur durch das Opfer der Freiheit einlösen. Die Lehre von Christus hat diesen Double-bind nicht aufgelöst, spielt  weiter mit dem Paradox von Versprechen und Drohung, setzt nicht auf Vernunft und Verständigung, nicht auf Einsicht, Führt nicht zum Seufzer und den Tränen dessen, der sich endlich von jemand verstanden fühlt. Es ist die Fortsetzung der unendlichen Barbarei.
Die Himmelfahrt ist, weil sie die Probleme der Erde nicht löst, gleichzeitig eine Flucht in eine Erhöhung, die die Mitmenschlichkeit verhindert. So wie jedes Gebet eine abgebrochene Kommunikation mit anderen Menschen ist. So wie die Raumfahrttechnik Kontrolle – durch das Militär - und Selbstkontrolle – bei GPS - erhöht, aber das Gespräch der Menschen untereinander weniger notwendig macht.
Fluchtpunkt Himmel ist eine alte menschliche Idee, nicht originär christlich, aber vom Christentum systematisch in unser Denken eingebracht. Da sind die himmelsweisenden Türme und Architekturen, da ist am Ende die Raketentechnik, die einen christlichen Gott parodiert. Da ist die Identifikation des Guten mit dem Verstand, dem Licht, der Sonne, der Aufklärung – samt deren Dialektik.

Montag, 30. Mai 2011

NATURLIEBHABER

Gegenüber der Stelle, wo ich arbeite, ist eine schöne Wiese. Nicht nur Hahnenfüße, Wiesenkerbel, Gänseblümchen, auch Vergissmeinnicht, Kuckuckslichtnelke, Baldrian, Iris, ganze Platten von Margeriten, Wiesenknopf, Bocksbart, Bachwurz, Storchenschnabel und sicher noch viele mehr.
Kommt eine junge Frau, will von mir wissen, wem die Wiese gehört. Ich bin so dumm die Gemeinde als Eigentümer zu nennen, will aber doch wissen, warum sie das wissen wolle. Ja, meint sie, sie käme vom Kindergarten der Nachbargemeinde – 2,5 km entfernt - und sie wollten mit Kinder und Eltern eine kleine Wanderung machen, bräuchten aber einen Parkplatz. Ich meine, da gäbe es doch genug Platz 300 Meter oberhalb. Aber das Schicksal nimmt schnell seinen Lauf.
Ein Bauer mäht die Wiese ruckzuck ab, das leicht getrocknete Gras wird in Ballen gepresst, eingewickelt in Plastik zur Fermentation. Und eine Woche später ist der Platz für 90 Minuten mit etwa 20 Autos belegt. In Formation marschieren die Kinder durch die Natur, Eltern hinterher.
Sicher werden die Kinder dann über Umweltschutz belehrt – keine Bonbonpapiere auf den Boden! Müll trennen! Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter dekoriert, Bilderbücher von idyllischen Bauernhöfen gelesen, all dies mit dem ganzen Naturkitsch, den Lügen, mit denen sich weiter die Welt versauen lässt.

Sonntag, 8. Mai 2011

BEGEGNUNG MIT EINEM HARTZ-IV-LER

Ich bin dabei, eine Wand zusammenzunageln als ein dickbäuchiger Typ mit 50erJahrerad sich hinstellt und glotzt. Als ich an ihm vorbeigehe, fixiert er mich, ich warte auf eine Anrede, kommt aber keine und ich sage dann: „So“, so wie ich es bei einem Bauer gelernt habe, der damit 10 Minuten Schweigen überbrückt hatte.
Seine Antwort ist: „Was meinst Du“. Ich bin aber mit ihm noch nicht auf Du. Doch irgendwie kommen wir ins Gespräch. Er hat Ahnung vom Bau – wie sich später rausstellt, hat er in einer Fertighausfirma gearbeitet.
Am nächsten Tag ist er wieder da, beobachtet von der Straße genau, was ich mache. Stellt Fragen zu allem, was ich mache. Generalfrage, warum ich denn nicht schrauben würde. Das mit Scherkräften leuchtet ihm nicht ein, auch von Wärmedämmung hat er nur sporadisch Ahnung. Bei ihm wird nur geschraubt. Er hat einige Ahnung von handwerklichen Praktiken, ist aber eingekesselt von deren Dogmatik, von der Perfektion technischer Lösungen, die mir nicht zur Verfügung stehen. Ich bin gezwungenen mit meinen bescheidenen Small-Technology-Mitteln neue Lösungen zu finden. Über seinen arbeitermäßigen Standpunkt von vorschriftsmäßig, üblich, gerade und genau sieht er nicht hinaus. Warum mit der Hand nageln, warum nicht mit dem Schussapparat, warum überhaupt nageln und nicht schrauben, warum nicht mit Hydraulik die Wand zusammenpressen, warum nicht ein Kran? Und so weiter und so fort. Er sieht alle meine Mängel und Schwächen.
Am nächsten Tag kommt er wieder mit Zipfelmütze, aber ich bin schon dabei Mittag zu machen. Am Nachmittag ist er wieder da. Wie beim Fernsehen hat er sich mit Chips und Bier vom Discounter eingedeckt. Vielleicht ist es auch seine Hauptmahlzeit.
Das Bier beflügelt ihn. Seine Einlassungen werden korrektiver, direkter und aggressiver. Das wäre schon gar nicht fachmännisch, was ich da machen würde, ob ich den Bock da selbst gemacht hätte, das wäre doch ein Scheiss, den anderen könnte ich unmöglich selber gemacht haben, ich solle mal seine anschauen. Überhaupt, das wäre schon gar nicht weltbewegend, was ich da machen würde, Ich bin jetzt genervt, verletzt und sauer, packe meine Sachen zusammen, lasse ihn stehen und fahre Einkaufen.
Ich fühle mich verletzt, nieder geworfen, ärgere mich, dass ich mich auf ihn eingelassen habe, denke an einen spanischen Mutterspruch: Wer ein Kind ins Bett nimmt, muss sich nicht wundern, wenn er morgens verkackt aufwacht.
Das Problem war, dass ich Gesprächsbedarf hatte und mich auf ihn eingelassen habe. Aber vielleicht hätte er mich solange provoziert, bis er mich an der Angel gehabt hätte.
Was macht ihn zum HartzIVler?
Vielleicht gerät er unter Alkohol immer in einen aggressiven Größenwahn, provoziert andere, mit dem scharfen Blick für angreifbare Schwächen, den Alkoholiker oft haben und wird „ausfällig“. Was macht ihn so aggressiv? Da ist die Unfähigkeit mitzudenken, die Distanzlosigkeit, die andere überwältigt und ihre Freiheit nimmt, sie sich seinem miesen Niveau gleichzumachen versucht, die andere abstößt, provoziert oder aggressiv macht. Mit seinem Verhalten reproduziert er immer wieder sein soziales Scheitern. Er drängt sich anderen auf und benutzt ihre Schwächen. Eine Solidarität ist so nicht möglich.
Da ist aber auch die Dogmatik der Lebenswelt, die Fixierung auf Lösungen statt dem Verständnis von Problemen. Das macht ihn nicht zu einem kreativen Element, auch wenn er die sozialen Dinge realistisch sehen kann.
Welches vernünftige Verhalten wäre für ihn möglich?
Wäre er kein abgewrackter Alkoholiker vom Lande, wäre er ein normaler Facharbeiter, mit einigen Kompetenzen – politisch wäre er ein normaler Sozialdemokrat. Zwar ist er unten, aber er will nichts verändern, nur mehr schlucken, sich aneignen und unterwerfen, Rache statt soziale Gerechtigkeit. – Aber das beantwortet die Frage nach „vernünftigen Verhaltensmöglichkeiten“ nicht. Soll er sich angesichts seiner Probleme sich um sich selbst kümmern, sei es Charakteranalyse oder Privatleben, oder soll er als vagabundierender Philosoph und Politiker agieren? Zu beidem fehlt ihm der intellektuelle Horizont. Um mit den Menschen zu reden und zu diskutieren, und sich auch selbst kritisch zu sehen, braucht es intellektuelle Distanz.

Samstag, 7. Mai 2011

DER MANDELACLAN

Jeder, der sich für ANC und andere afrikanische Befreiungsbewegungen eingesetzt hat, kann sich daran nur mit Scham erinnern und sich fragen, wie es möglich war, solche Menschen unterstützt zu haben.
Ich lese, dass die Familie von Mandela und Zuma eine Goldmine aufgekauft haben – fragt sich mit welchem Geld. Seit dem werden die Arbeiter nicht mehr bezahlt, bekommen Carepakete zum Überleben. Die Gewerkschaft wird mit Geldern bestochen und bleibt inaktiv.
Link: http://www.bbc.co.uk/news/world-africa-13275704
Verwunderlich war damals bei den Brutalitäten Mugabes anlässlich der Wahlen in Zimbabwe, dass Mandela sich abringen ließ von „failed leadership“ zu sprechen. War das doch nicht „failed“ sondern erfolgreiche „leadership“. Anscheinend ist von einem Stammeshäuptlingabkömmling nur die Verherrlichung von Autorität und Leadership, aber keinesfalls Demokratie, Gerechtigkeit und Gleichheit zu erwarten.
Aber wenn einer schon wie Mandela an die Verantwortlichkeit von Leadern glaubt, dann er ist er auch für die Asozialität seiner Enkel verantwortlich.

Sonntag, 1. Mai 2011

BEDINGUNGSLOSES GRUNDEINKOMMEN

Die Forderung nach BGE hat zwei Seiten: auf der einen fordert sie Lebensrecht für Jeden unabhängig von seiner Stellung im kapitalistischen Konkurrenzkampf, auf der anderen verlangt sie den Ausbau des sozialen und fürsorglichen Kapitalismus, des „Sozialstaats“.
Es wird infolge der Deindustrialisierung Deutschlands und steigender Rationalisierung und Ökonomisierung der industriellen Produktion immer weniger Arbeit geben. Das macht auch die anwachsende Planung- und Verwaltungsarbeit nicht wett. Die Dienstleistungen sind abhängig vom produktiven Einkommen und sind daher nur abhängig davon ausbaubar. Der Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze führt zu einer Spirale nach unten: prekäre Beschäftigungen, Teilzeit usw.
Das BGE würde zwar die Konkurrenz abmildern, aber nicht den Zwang der kapitalistischen Ökonomie immer effektiver, lohnkostensparender zu produzieren. An der Entwicklung des Kapitalismus zur Ausbeutung aller Ressourcen und Zerstörung von nicht kapitalistisch durchorganisierten Bereichen, sei es Natur oder individuelle Spontaneität  - würde nichts geändert werden. Wer auf Politik hofft, wird sich täuschen, denn die steckt unter dem Primat von Arbeitsplätzen egal wie. Keynesianer wie die „Nachdenkseiten“ machen sich Illusionen, sie verstehen die Richtung des Kapitalismus nicht. Innerhalb dieses Systems gibt es keinen Primat der Politik.
Ein sozialfürsorglicher Kapitalismus ist die Illusion verwöhnter Mittelschichtkinder. Sie glauben an die Allmacht der Gedanken, der Worte und wissen nichts von der Anstrengung der Arbeit. Das wird doch von den ölangetriebenen Maschinen, den Gastarbeitern, den Arbeitern im Ausland gemacht.
BGE ist eine Forderung aus politischer Not. Der Konsumkapitalismus wird durch eine konsumistische Forderung getoppt. Aber jeder weiß, von Nichts kommt nichts.

Montag, 25. April 2011

„Marx reloaded“ - Warenfetisch

Die Finanzkrise hat alles wackeln lassen und die Nostalgiker glauben Marx wieder hervorholen zu können. Natürlich nur, um darüber zu schwätzen. Das Wiederkäuen der alten Sprüche.
Es ist aber unmöglich über Marxens Sätze zu reden, ohne die Geschichte, die sie hervorgebracht oder verunmöglicht haben zu bedenken.
Da ist etwa dieser Warenfetisch. Weil es so richtig niemand verstanden hat, was Marx eigentlich Skandalöses damit meint, glaubt jeder, sich seinen eigenen Reim darauf machen zu können. Am ulkigsten hier Bolz, der mit seiner Interpretation den Vogel abschießt: „spiritueller Mehrwert“, „fast“.  Andere mühen sich mit Marxzitaten.
Marx steht hier eindeutig in der Hegelschen Tradition. Dort ist die Geschichte eine der Begriffsbildung hin zur Vernunft, Wirken des Geistes. Dieser Geschichtsprozess vollzieht sich in der Vergegenständlichung, Außer sich setzen der Dinge, auch durch Arbeit – bei Hegel ist Arbeit dem Fortschreiten des Begriffs nicht unähnlich – und der Aneignung vom An Sich zum Für Sich und An und Für Sich. Der junge Marx handelt das noch als Entfremdung ab. Den arbeitenden Menschen tritt in der kapitalistischen Lohnarbeit ihr Produkt als selbständige Macht, als eigenes Ding entgegen, ihre eigene Subjektivität nimmt objektive Züge an und erzeugt ein falsches Bewusstsein. Die produzierten Dinge führen ihr Eigenleben und lassen ihre Produzenten nicht mehr erkennen.
Wie auch immer, Frage ist, ob der dann daraus folgende Verdinglichungsprozess derart schrecklich ist, dass die Menschen in die Krise getrieben werden und sich aus ihr dann revolutionär herausbewegen. Sicher bedingt der Warenfetisch falsches Bewusstsein, falsche Beziehungen, wo Menschen sich frei vorkommen, während sie in Wirklichkeit Funktionen des Kapitalverwertungsprozesses sind.
Aber warum hat sich diese Verdinglichung historisch durchgesetzt, angefangen von der Tauschwirtschaft der Griechen über die christliche Pflege des Privatlebens bis zur hochkapitalistischen Marktwirtschaft heute? Warum haben sie die feudalen Produktionsverhältnisse überwunden und abgelöst? Meine einfache These: weil die Verdinglichung der Warenform, „Warenfetisch“, die Versachlichung der sozialen Beziehungen in der Warenform den Individuen die Emanzipation aus repressiven sozialen Gemeinschaften ermöglicht. Damit wird diese Verdinglichung zur Voraussetzung und zum Motor der Individualisierung. Soziale Verhältnisse nehmen daneben selber verdinglichte Formen an: Lohnarbeit. Die Menschen organisieren sich in Wertgrößen, messen ihr Glück in Wertgrößen, motivieren sich mit diesen „Werten“, schätzen ihren Selbstwert damit und strukturieren ihre Beziehungen entlang der Wertlinien.
Was dabei untergeht ist schwieriger zu definieren, eben weil dem die relative Eindeutigkeit von Preisgrößen fehlt. Es ist individuelles Gefühl, Lust und Unlust, Anerkennung oder Verachtung. Diesen Kategorien fehlt die Eindeutigkeit und die scheinbare Objektivität der Wertgrößen und schon deswegen orientieren sich viele Menschen in ihrer Bewertung an den Kategorien des Warenfetischs. Komplexitätsreduktion würden´s andere nennen.
Was ist die Alternative zum Warenfetisch?
Es ließen sich nennen: Planwirtschaft, Kommunitarismus, Gemeinschaft, Familie, Nichtauschbeziehungen. Das Problem, das viele Menschen mit solchen Institutionen haben, ist, dass sie die Angst oder das Gefühl haben, darin ihre Freiheit zu verlieren. Man denke etwa an Diskussionsprozesse innerhalb der Linken, wo versucht wurde, basisdemokratische Prinzipien radikal auszuleben – oft in schwer erträglicher und langwieriger Weise. Meistens ist für Menschen aufgewachsen in bürgerlich dominierten Institutionen der Gedanke an Öffentlichkeit und öffentlicher Willensbildung eine Horrorvorstellung. Man denke an mobbende Klassengemeinschaften, autoritäre Lehrer, destruktive Beziehungen mit dominanzsüchtigen Menschen. Im Verhältnis dazu ist die Vorstellung seine Sache unter sogenannten „verdinglichten“ Verhältnissen, sei es Lohnarbeit oder Kauf von Dienstleistungen,  durchzuziehen eine angenehmere Vorstellung.
Was ich derzeit mache; Bau eines Passivhauses, Aufbau einer kleinen Landwirtschaft, gehört in diese Struktur. Eine ökologische und sozial gerechte Entwicklung wird es nicht geben, die kapitalistischen Strukturen werden sich ausweiten. Selbst wenn es Krisen gäbe, etwa wie die Finanzkrise, die Energiekrise, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit kapitalistischen Methoden gelöst wird, größer. Zwar gibt es ein diffuses linkes Bewusstsein, aber keine Voraussetzungen für eine revolutionäre Praxis. Zu diesen Voraussetzungen würde vor allem: Rücknahme der Arbeitsteilung, Reduktion des Konsums, eigene Produktivität, gleiche Bedingungen für alle und demokratische Willensbildungsprozesse ohne die Dominanz der heutigen Mittelschichtsinstitutionen gehören. Das ist nicht absehbar und deswegen bleibt mir nur eine Bewegungsform innerhalb der kapitalistischen Strukturen. Ohne Aussicht auf Veränderung.


Montag, 18. April 2011

Zur Kritik von Adornos Körperanalyse

In einer multidimensionalen Welt gibt es auch für die Moral keine eindeutigen Maßstäbe mehr. Der war für Adorno das Leiden. Das ließ sich von ihm implizit leicht auf körperliches Leiden pointieren. Oder es wird mindestens vom Leser so verstanden. Merkwürdigerweise ist bei Adorno wenig die Rede von der Erfahrung der Beschämung, Herabsetzung und Entwürdigung, viel aber von den Gewalttaten des Sports, der faschistischen Folterer. Aber auch nicht von der sinnlichen Erfahrung des Menschen auf ein physisches Maschinenteil. Es war ihm fremd. Er stand auf der anderen Seite.
Die Reduktion der moralischen Motivation auf Vermeidung von Leiden führt naturgemäß zu einer impliziten Fehlbewertung der körperlichen Arbeit als zu vermeidender. Selbst im Sport, ansiedelbar im Freizeitbereich und der individuellen Beliebigkeit, sieht er nur die kapitalistische Maschinerie am Werk.
In der Abwertung des Sports ist eine alte altruistische Moral enthalten, die Selbstlust, die Lust an dem Wirken des eigenen Körpers verbieten will. Diese altruistische Moral wirkt im Gefolge heteronomer autoritärer Traditionen, deren religiöser Ausdruck etwa das Christentum war. Gut ist nur die körperliche Lusterfahrung im Dienste des Anderen.
Es geht mir nicht um die Denunziation der altruistischen Moral, sondern um ihre Relativierung, Denn auch im Erlebnis von Lust und Unlust, Leiden und Glück des Körpers stehen wir als Personen einem Anderen, einer „Natur“ gegenüber, wie wir es gegenüber anderen der Gesellschaft, oder „Gott“ tun würden, wenn auch in einer anderen zwingenden und unmittelbareren Erfahrung. Denn das, was wir als unsere Natur interpretieren ist schon durch die gesellschaftlichen Begriffe und Erkenntnisse vorinterpretiert, damit eingeschränkt, bewertet, herausgehoben und verdrängt. Es gibt keine unmittelbare Erfahrung. Ein physischer Prozess geht nie unmittelbar in dessen Wahrnehmung und Interpretation durch den Wahrnehmenden und das Bewusstsein auf. (Gehirnforschung ignoriert diese erkenntniskritische Voraussetzung).
Historisch gesehen hat Arbeit einen Prozess der Entwertung durchgemacht. Herrschaft und Unterwerfung lassen sich leicht als Arbeitsvorgang beschreiben: jemand bückt sich, kniet nieder, leidet, führt aus. Der Arbeitende hat es oft mit der Schwerkraft zu tun. Er muss hochheben, sich nach unten bewegen. Er hat es zu tun mit Dreck und Erde. Er bewegt sich unten, den Blick nicht gerichtet in den blauen Himmel nach oben. Da wo der Geist, wo Gott, die Gedanken angesiedelt sind. Der Geist „schwebt über dem Wasser“. Die Polarität von Unten und Oben macht die Arbeitsbewegung aus. Man spricht von Höherentwicklung und niemand will nach unten gehen. Das ist der Ort des Todes, die Unterwelt. Andererseits war eine der typischsten Ausbeutungsarbeiten die unter der Erde. Da wo auch die Hölle angesiedelt wurde. Die Himmelfahrt geht aber wieder nach oben.
Diese Polarität ist religiös überformt worden.
Wäre es aber nicht eine gegenüber der menschlichen Natur gewaltsame Beschönigung der Arbeit, diese Polarität von Unten und Oben, diese uralte kulturelle Dimension jetzt einfach anders zu interpretieren und umzuwerten?
Es geht mir aber nicht um das simple Lob der körperlichen Mühen und Leiden. Sicher ist, das in körperlicher Arbeit mehr lustvolle Erfahrung enthalten ist als gesellschaftlich wohlangesehen ist. Sicher gibt es auch eine Verquirlung körperlicher Aktivität mit Masochismus – wir können uns eben nicht so einfach aus unseren historisch gewachsenen Voraussetzungen lösen. – Mir geht es bei der Einbeziehung der körperlichen Arbeit in die Emanzipation der Arbeiterklasse um deren Rekonstruktion als autonome und sinnvolle Äußerung des Menschen.
Das bedeutet, dass der Herrschaftsanteil in Arbeit wahrgenommen und sie durch die Hereinnahme der Kopfarbeit wieder autonom wird. Historisch hat eine Enteignung der Kopfarbeit stattgefunden; sie wurde aus dem körperlich Arbeitenden herausgenommen und unabhängig von ihm fortentwickelt.
Es kann dabei nicht um ein Utopia gehen, sondern einen Prozess der größtmöglichsten Aneignung der Kopfarbeit durch den Handarbeiter. Wesentliche Elemente dabei die Vergesellschaftung und Nationalisierung der energetischen Prozesse, Begrenzung der Globalisierung, betriebliche Demokratisierung, technikadäquate Ausbildung.