Donnerstag, 7. Juni 2012

Zwischenbemerkung

Derzeit kann ich den Blog hier nicht kontinuierlich weiterführen. Deswegen wenigstens ein Pausenzeichen.
Zunächst ist es so, dass politisch sich wenig Neues entwickelt. Die Finanzkrise wird nicht wirklich gelöst, die Symptome werden durch irgendwelche Rettungsmaßnahmen nur verschoben. Die Sparpolitik hier in Deutschland so populär, weil es den egoistischen Interessen der profitierenden Mehrheit nützt, wird solange weiterbetrieben - mit Unterstützung fast aller Parteien - bis die Krise über kurz oder lang auch nach Deutschland einbricht.
Die amerikanische Politik des Gelddruckens ist, solange die Einnahmen durch Steuern nicht ansteigen, für Europa nicht imitierbar. Es hat nicht die politische Macht, das wie die USA, andere Staaten zahlen zu lassen. Die Probleme werden jetzt durch einen Klassenkampf von oben gelöst: prekäre Arbeit, Billiglöhne usw. Die so Deprivierten lassen sich leicht kontrollieren, einmal durch die Herrschaft der Mittelschicht in Medien, Gewerkschaften, Schulen usw., dann durch ihr Anbindung an die Leistungs- und Konsumwerte der herrschenden Gesellschaft.
Die Linke wiederum ist nicht in der Lage, bedingt auch durch den Medienfaschismus, eine aggressive Informationstaktik jenseits der Anpassung an den herrschenden Mittelschichtendiskurs zu entwickeln. Typisch dafür ist Gysi, gerngesehener Gast in allen Talkshows, weil er in der Sprache und den Denkformen der bürgerlichen Gesellschaft spricht. Wüsste man nicht, dass er als Kinderschauspieler sozialisiert wurde, könnte man glauben, hinter seinen Worten stünde irgendeine Überzeugung.  Aber es ist nur Medienpräsenz ohne den Inhalt der sozialen Gerechtigkeit und den dazugehörenden Emotionen.
Hauptmangel der Linken ist daneben, dass sie den nötigen Bruch zu dieser Gesellschaft nicht deutlich macht: Vorgaben für den Verbrauch von Rohstoffen, Energie, zur Ökologie, zur sozialen Differenzierung in Löhnen und Eigentum.

Rückzug in ein linkes Ghetto? Noch mehr Wirkungslosigkeit? - Diese Kritik hat Berechtigung. Andererseits läuft eine Aufklärung der Gesellschaft nicht über Anpassung an ihre Werte, sondern über die Herausforderung ihrer Intelligenz, ebenso wie über das Eingehen auf ihr Wissen und ihrer Gedanken.

Sonntag, 15. April 2012

Antisemitismus

Grass übertreibt maßlos, wenn er meint, Israel wolle das iranische Volk auslöschen. Es geht Israel nur darum, es genauso zu demütigen, dominieren und kontrollieren wie das Volk in Gaza.


Grass liebt prägnante Stories, er ist ein Erzähler und leider kein Analytiker, schon gar kein Selbstanalytiker. Das hätte ihm den Umgang mit seiner Vergangenheit ermöglicht.


Aber es macht mich doch wundern, wie es möglich ist, dass die Bundesregierung Israel nun schon das 6te Dolphin-U-Boot liefern lässt und auch mitfinanziert mit ca. 200 Millionen - ohne dass die Justiz eingreift und eine solche Regierung hinter Schloss und Riegel setzt. Ist das doch ein klarer Verstoß gegen das Kriegswaffenexportverbot in Krisenzonen. Klar wird mir wieder einmal der Opportunismus dieser Justiz – sie dient jedem Regime, solange sie ihre Vorteile gesichert sieht.


Es wundert mich auch, dass sich R. Seligmann auf eine Position zurückziehen kann, Israel wäre wie alle anderen Staaten auf Gewalt und Raub gegründet und ihm stünden daher die gleichen Rechte wie anderen Staaten zu. Diese Staatsbegründung war üblich bei Faschisten - „Landnahme“ - und rechten Staatstheoretiker wie etwa C. Schmitt. Zynisch indes, wenn so genannte Demokraten diese Positionen vertreten. Sie geben zu erkennen, dass Demokratie eben nur eine Form der Herrschaft von Eliten ist.


Auch hat die Grass-Debatte deutlich gemacht, wo in Deutschland die Frontlinien verlaufen. Hier ist die hypermoralische Elite, die die Schuld ihrer Eltern mit einem Philosemitismus auf Kosten der Palästinenser kompensiert und sich dabei gleichzeitig vom dummen und „faschistischen“ Volk abgrenzt, - dort sind die naiven Leute, die im Unrecht Unrecht sehen und nicht mehr.


Interessant auch, dass die Partei der Linken diesen Antifaschismus kultiviert, als sie die Klarsfeld gewählt hat. Aber wer das Recht Israels gegenüber den Palästinenser für wichtiger hält, kann auch keinen Begriff von sozialer Gerechtigkeit hier haben. Und ist für mich nicht wählbar.

Freitag, 2. März 2012

Phänomen Merkel

Woher rührt Ihre Stärke und Attraktivität in Umfragen?
Hauptsächlich daher, dass sie weibliche Verhaltensweisen einsetzt. Ich will es den Kindertantenfaktor nennen. Frauen spielen in der Erziehung und beim Aufwachsen von Deutschen eine immer militantere Rolle. Anders als die zu Hause gebliebenen Mütter erfüllen sie dort eine eminent systemstabilisierende Funktion in Integration und Verhaltenskontrolle. Ihr Verfahren ist nicht Empathie, sondern Gruppenkohärenz und Leistungsantrieb, Unterordnung der Kinder unter Leistungsnormen. Was sie geben, ist notenzentrierte Aufmerksamkeit. Klassenarbeiten sind inzwischen schon üblich in der ersten Grundschulklasse. Ich habe meine ersten Arbeiten im vierten Grundschuljahr in der Vorbereitung auf die Aunahmeprüfung geschrieben. Dabei wurde ich neben Lehrerinnen noch von männlichen Lehrern unterrichtet. Heute lassen sich dort kaum mehr Männer finden. Frauen verkörpern hier eine Fusion von alter Mütterlichkeit mit ehemals “männlichem” Leistungsprinzip. Proteste sind ausweglos geworden und führen direkt zu Disqualifikation, Asozialität und Selbstzerstörung.
Diese neue Rolle der Frau lässt sich am an Thatcher in Großbritannien zeigen. Damals ging der weibliche Aufstieg zusammen dem Abbau der Industrie, dem Bedeutungsverlust der körperlichen Arbeit und Anwachsen der sitzenden Angestelltentätigkeiten, dem Aufstieg des Finanzwesens. Frauen sind von Natur aus kommunikativer und anpassungsbereiter, also besser gerüstet für eine interdependente Welt, in der Absprache und Einordung zählt, nicht aber individuelle Courage.
Merkels Kindertantencharakter demonstriert sich in den jährlichen Weihnachtsansprachen, in den im pädagogischen Märchenton vorgelesenen Statements wohlklingender Worte, die nichts riskieren und doch Großes künden wollen. Als “Revolution” wurde die Verlängerung der Laufzeiten der AKWs verkündet, deren Rücknahme allerdings nicht als Konterrevolution. Derselbe deutlich erklärende Ton findet sich auch bei der Frau Leyen, der Schröder - Kindertanten und Pflegepersonal für eine infantile Republik. Politik der Männer dagegen stellt sich dar als Schaukampf von Idioten; Rösler mit seinen kindischen Späßen dazu ganz passend.

Welche Bedeutung hat die von Merkel immer wieder eingesetzte Vaginageste? Sie steht zwischen - in der Regel - Männern, lächelt strahlend in das Auge der Kamera - die anderen wirken dagegen oft angestrengt und verlegen - und formt ihre Hände zum berühmten Fingeroval.
Diese Geste scheint auf den ersten Blick eine sexuelle zu sein, Verdrängtes zu offenbaren. Aber eine solche Deutung würde das Motiv des Verdrängungsprozesses nicht verständlich machen. Ich interpretiere so:
1. Es ist eine Geste der Abgrenzung und Distanzierung. Die Hände grenzen den eigenen Körper von dem Betrachter ab. Inneres soll nicht preisgegeben werden. Es ist eine Fassade. Nur eine kleine Öffnung soll erlaubt sein. Die gestellte Freundlichkeit freilich lädt ein, ist aber kontrolliert. So wie das Lächeln dem Gegner elegant die Zähne zeigt, demonstrieren die Ellenbogen die Durchsetzungsbereitschaft. Unwillkürlich gehen die Umstehenden auf Abstand.
2. Es ist eine Haltung des Abwartens. Eine vorübergehende Geste bis die Kamera klickt, dann setzt wieder Bewegung ein. Ein Bild für die Öffentlichkeit. Aber als zur Gewohnheit gewordene und immer wieder verwendete Geste verweist sie vielleicht schon auf einen Charakter. Abwarten als Taktik der Kontrolle, Passivität als Mittel der Abgrenzung. Die anderen sollen handeln.
3. Eine begrenzte Freundlichkeit und Offenheit für die umgebenden Menschen. Der Zugang ist aber kontrolliert, begrenzt und partiell. Eine reduzierte Beziehung der Kant´schen Art.
4. Die beiden Hände führen zusammen. Es ist eine integrierende, die anderen zusammenführende Geste. Aber als Person in der Mitte ist sie es, die zusammenführt, die die Situation kontrolliert. Nicht indem sie vorangeht, Programme macht, sondern zu den Vorschlägen anderer Ja oder Nein sagt.
Merkels Haltung zeigt also, dass sie weibliche Charakteristika gezielt einsetzt, um damit andere Menschen zu kontrollieren. Sie lässt andere agieren, aber am Ende ist sie es, die entscheidet und verbindet. Mit einer eigenen Politik, einem Programm würde sie sich angreifbar machen und ihre Macht risikieren. Aber so kann sie mit minimalem Aufwand und geringstem Wderspruch die bestehenden Verhältnisse aufrechterhalten. Die große Mehrheit der auf ihren Vorteil bedachten Deutschen kann sich damit identifizieren. Zwar löst dieses Verhalten ganz und gar nicht die Probleme von Umwelt, Ressourcen und Wirtschaftssystem, aber das System lässt sich doch von Monat zu Monat verlängern. Griechenland zeigt es.

Merkel benutzt also eine positive Grundeinstellung gegenüber Frauen. Diese Einstellung rührt einerseits her von der der natürlichen Bedürftigkeit des Säuglings und der daraus entstehenden Idealisierung der Mutter. Andererseits sind Frauen längst in das kapitalistische Konkurrenzprinzip eingespannt und vertreten das “Leistungsprinzip”.
Dieses “Leistungsprinzip” nimmt im Kapitalismus aber seine spezifische Form an. Leistung ist nur dann mit produktiver Arbeit verbunden, wenn es dem Moneymaking, der Karriere, der Verbesserung der sozialen Position dient, hat sich aber weitgehend von produktiver Arbeit losgelöst - siehe Finanzindustrie, siehe Einkommen unserer Oberschicht.
Die Femininiserung der Gesellschaft geht einher mit der Maskulinisierung der Frauen. Merkel macht sich aber dadurch populär, wenn sie sich gegenüber dem Gockelverhalten ihrer männlichen Konkurrenten nüchtern zurückhält.
Warum aber diese Bevorzugung “weiblicher” Qualitäten? Weil die Gesellschaft sich in eine Gesellschaft von Abhängigen zurückentwickelt hat, weil die Idee der Großartigkeit der Eliten, des Kapitals über die der Autonomie gleicher Individuen gesiegt hat. An die Parole der Gleichheit erinnern sich nur noch die, die zu den Eliten aufschließen wollen - wie es bei einem Teil der 68er und den heutigen Grünen der Fall war.
Zum “weiblichen” Bewusstsein, das die Merkel repräsentiert, gehört auch, dass sie jene Schichten repräsentiert, die sich trotz ihrer Leistung, ihrer Bemühungen immer noch nicht an der Spitze der Gesellschaft sehen. Die CDU vertritt das Heer derer, die zwar in Besitz und Position privilegiert sind, aber immer noch nicht genug haben, ihre Vorteile immer noch nicht genügend gesichert sehen, im Gefühl leben, benachteiligt zu sein, immer noch glauben, Angst haben zu müssen, die ihr Leben aus der Polemik gegenüber denen unter ihnen konstruieren. Diese Einstellung verkörpert sich in der CDU, ist aber allgemeines Gesellschaftsgefühl. Problemlos können Feministinnen ihre politischen Positionen verändern, wie etwa Schwarzer und Nielsen, können Bsirkse und Ernst in Flugzeuge und Porsche steigen. Sie alle wollen dazugehören und dabei sein.

Und die anderen - die Ausgeschlossenen - auch? Es ist eine heillose Dynamik.

Sonntag, 26. Februar 2012

Gauck: Die bürgerliche Republik formiert sich

Dass sich die Parteien auf G geeinigt haben, ist nicht nur Ergebnis politischen Taktierens. Mehr oder weniger bewusst formiert sich die bürgerliche Gesellschaft gegen ein Fantom von links. G pflegt einen demagogischen Antikommunismus, der als Alternative nur den neoliberal formierten Kapitalismus kennt. Warum machen SPD und Grüne mit? Weil sie die Labilität dieses Systems spüren, Angst haben vor Zusammenbruch und Alternativen.
Die Partei der Linken hat nichts begriffen. Zuerst jammert sie, von der Merkel nicht zum Parlando eingeladen worden zu sein, statt das als Qualifikation zu verstehen: Ja wir gehören nicht dazu, wir sind die Dissidenten dieses Systems, wir wollen es nicht verbessern, wir wollen ein anderes. Dass Ihr uns ausstoßt, verdächtigt, misstraut, bespitzelt, das ehrt uns - wir wollen nicht zu Euch gehören. Wir sind nicht wie Ihr. Eure Wohlanständigkeit ist Fassade und Lüge.
Dann versucht es die Linke mit parteiübergreifenden Kandidaten, AntifaKlarsfeld, Armutsbelklager Butterwegge. - Nee, nee. Das Bürgertum soll sein 99%Ergebnis bekommen. Je höher die bürgerliche Zustimmung für Gauck, desto klarer der Riss und die Spaltung in der Gesellschaft.
G ist der geeignete Kandidat für die Bildung einer linken Opposition.

Samstag, 31. Dezember 2011

„Aufreger“ des Jahres

In einem „Kulturgespräch“ des DLF (http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturgespraech/1641005/) sagt eine dieser Kulturtussies, die von den Nationalkonservativen als Gedankenstörsender in die mediale Öffentlichkeit installiert wurden, über das „Bedingungslose Grundeinkommen“:

„Was steckt da für ein Menschenbild, was steckt da dahinter. Und diese Idee, dass ich einen Anspruch - ich meine, wir kommen nackt zur Welt und müssen kucken, wie wir uns durch dieses Leben schlagen. Und die Idee, dass ich auf die Welt komme und einen Anspruch darauf habe, dass eine wie auch immer geartete Gemeinschaft - ...“ [Folgt rhetorisches Blablabla] - ...“Aber im Zentrum muss diese Idee stehen, dass man etwas leisten muss, um sich am Leben zu erhalten, das finde ich den richtigen Gedanken und von dem sollte man sich auch nicht verabschieden.   (Minute 14:06 bis 15:07 http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2011/12/30/dlf_20111230_1916_2c190967.mp3)

Bei dieser Frau fällt mir ein in meiner Gesellschaftsklasse beliebter Elternspruch – Vorsicht: defizitäre Sozialisation! – ein: „O, hätten wir Dich doch abgetrieben“ Oder: „Du warst unser größter Fehler“. Hier müsste er heißen: „Hätte Dich doch Deine Mutter damals nackt liegen lassen!“

Es ist der Wahn dieser „Leistungsträger“ – die ich gerne bei ihrer Arbeit schwitzen sehen würde – sich selbst erzeugt zu haben. Ein Wahn, der still glaubt, vor allem mehr und besser zu leisten als andere. Diesen primären Narzissmus des Neugeborenen, für den es nach Freud noch keine Spaltung von Subjekt und Objekt gibt und dem alles eins ist, erhalten sich manche Menschen bis in den Sarg, vor allem wenn sie sich zur herrschenden Klasse rechnen.

Montag, 19. Dezember 2011

"Europa trauert um Vaclav Havel"

Wie in Nordkorea wird auch hier geweint – zumindest wollen die Medien hier den Eindruck erwecken. Aber zu Havel muss doch noch was anderes gesagt werden: Freiheit ohne soziale Gerechtigkeit ist gut nur für das Bürgertum, aus dem Havel stammte. Nicht dass seine Jahre im Gefängnis zu rechtfertigen wären, aber sie qualifizieren ihn nicht zu einem demokratischen Politiker. Seine moralisierenden Werke sind bedeutungslos, weil sie gegenüber dem „Kommunismus“ die idiotischste Form des Kapitalismus glorifizieren. Konsequent interessieren ihn nicht die Opfer der kapitalistischen Wende in Tschechien, die extreme Schere zwischen Arm und Reich, tritt er ein für die Irakkriege, für den Krieg in Jugoslawien. Ein bürgerlicher Narziss, der das Glück hatte, nicht die Gelegenheit gehabt zu haben, seine asozialen Fantasien ausleben zu können.

Samstag, 10. Dezember 2011

Europa ohne Great Britain

Die neue europäische Fiskalunion, Merkels Prinzip der schwäbischen Hausfrau, wird die Blasenökonomie nicht retten, hat Europa aber immerhin sich Großbritannien entledigen lassen.
Meine Gefühle dabei sind widersprüchlich. Ich verfolge schon seit längerem politische Diskussionen im Guardian und bin erstaunt über die Niveaulosigkeit der englischen Chauvinisten: Europa unter der Führung der deutschen Nazis, Brüssel eine Bürokratie, der Euro nichts wert, Deutschland das besiegte Naziland, das wieder hochkommen will. Es scheint, dass die führende Rechte über Sun- oder Bildzeitungsniveau nicht hinauskommt. Die sich über das ganze Land ausbreitende Arroganz der englischen Elite schlägt sich auch in brutaler Gewalt im Ausland nieder, etwa in der SAS, die monatlich 130 bis 140 Talibanführer ermordet http://www.guardian.co.uk/world/defence-and-security-blog/2011/dec/06/sas-afghanistan.
Europa ist nicht frei von diesem Virus. Man findet ihn wieder in der Ablehnung von Eurobonds, in der verächtlichen Haltung gegenüber den Südländern, in der Teilnahme am Natoterrorismus, in dem Unwillen, die Ursachen der wirtschaftlichen Krise zu analysieren, in der faulen Trägheit, Alternativen anzudenken.
David Cameron, Abkömmling eines Bankers der „City“, zeigt die Schizophrenie des englischen Kapitalismus: einerseits typisch Finanzbanker fordert er die Ausweitung der Blasenökonomie, die das aus der Realwirtschaft erwirtschaftete Geld in das Finanzkapital scheffeln will, ohne jedes Bewusstsein, dass es aber erst erarbeitet werden muss. Ganz in der Tradition des englischen Imperialismus überlässt man diese Arbeit anderen Völkern, baut konsequent Industrie ab oder verlagert Arbeit ins Ausland. Übrig bleibt ein arbeitsloses und sinnlos gewordenes Proletariat, das sich in Kriege oder zum Binge-Drinking nach Spanien schicken lässt. Die Insel begreift sich als der Kopf einer auf Finanzwerte reduzierten Welt, die mit intelligentem Geschick ausgebeutet wird.  (In der deutschen Variante wird die Ausbeutung im eigenen Land mit Exportindustrie unter Mitbeteiligung der Arbeiterklasse zu perfektioniert).
Während in der Philosophie und Soziologie England das Land des Empirismus und Europa das Land des Rationalismus war – Kant und Descartes – hat sich das anscheinend ins Gegenteil verkehrt: Rationalität hier auf Finanzkalkulation reduziert in Absehung der empirischen Realisierung der Werte.

Zwei Lösungsmöglichkeiten für die Krise gibt es. Die eine besteht in einem psychologischen Umschwung der Finanzmärkte, auf den Merkozy setzen. Sie können dabei Recht behalten, denn die Finanzindustrie ist dumm und irrational, verhält sich herdenhaft. Langfristig graben sich die Finanzmärkte mit ihrem panischen Verhalten selber die Finanzquellen ab, auch wenn sich mit Panikzinsen sehr gut verdienen lässt.

Der andere Weg wäre, nach und nach die Finanzindustrie zu entmachten: die Schulden werden wie auch immer gestrichen, mit der Folge eines Bankencrashs – an die Stelle der zusammengebrochenen Banken müssten eine europäische Staatsbank die Finanzierung der Produktion übernehmen. Das Problem dabei ist die ökonomische Form der Produktion, die sie zu einem Teil der Finanzindustrie macht und die Verflochtenheit der Produktion in die internationale kapitalistische Ökonomie durch Rohstoffe, Exporte und Energiezufuhr. – Aber was soll ich hier weiterdenken, wenn es politisch ohnehin nicht angegangen wird.

Geht Merkozys Konzept nicht auf und crasht der Euro, zuerst indem die Südländer zahlungsunfähig werden, dann Europa wieder in Einzelökonomien zerfällt, Deutschlands Exportindustrie zusammenbricht, - dann treten die alten sozialen „Disparitäten“ wieder voll ins Bewusstsein und ….?

Und die Geschichte wiederholt sich.