Samstag, 10. Dezember 2011

Europa ohne Great Britain

Die neue europäische Fiskalunion, Merkels Prinzip der schwäbischen Hausfrau, wird die Blasenökonomie nicht retten, hat Europa aber immerhin sich Großbritannien entledigen lassen.
Meine Gefühle dabei sind widersprüchlich. Ich verfolge schon seit längerem politische Diskussionen im Guardian und bin erstaunt über die Niveaulosigkeit der englischen Chauvinisten: Europa unter der Führung der deutschen Nazis, Brüssel eine Bürokratie, der Euro nichts wert, Deutschland das besiegte Naziland, das wieder hochkommen will. Es scheint, dass die führende Rechte über Sun- oder Bildzeitungsniveau nicht hinauskommt. Die sich über das ganze Land ausbreitende Arroganz der englischen Elite schlägt sich auch in brutaler Gewalt im Ausland nieder, etwa in der SAS, die monatlich 130 bis 140 Talibanführer ermordet http://www.guardian.co.uk/world/defence-and-security-blog/2011/dec/06/sas-afghanistan.
Europa ist nicht frei von diesem Virus. Man findet ihn wieder in der Ablehnung von Eurobonds, in der verächtlichen Haltung gegenüber den Südländern, in der Teilnahme am Natoterrorismus, in dem Unwillen, die Ursachen der wirtschaftlichen Krise zu analysieren, in der faulen Trägheit, Alternativen anzudenken.
David Cameron, Abkömmling eines Bankers der „City“, zeigt die Schizophrenie des englischen Kapitalismus: einerseits typisch Finanzbanker fordert er die Ausweitung der Blasenökonomie, die das aus der Realwirtschaft erwirtschaftete Geld in das Finanzkapital scheffeln will, ohne jedes Bewusstsein, dass es aber erst erarbeitet werden muss. Ganz in der Tradition des englischen Imperialismus überlässt man diese Arbeit anderen Völkern, baut konsequent Industrie ab oder verlagert Arbeit ins Ausland. Übrig bleibt ein arbeitsloses und sinnlos gewordenes Proletariat, das sich in Kriege oder zum Binge-Drinking nach Spanien schicken lässt. Die Insel begreift sich als der Kopf einer auf Finanzwerte reduzierten Welt, die mit intelligentem Geschick ausgebeutet wird.  (In der deutschen Variante wird die Ausbeutung im eigenen Land mit Exportindustrie unter Mitbeteiligung der Arbeiterklasse zu perfektioniert).
Während in der Philosophie und Soziologie England das Land des Empirismus und Europa das Land des Rationalismus war – Kant und Descartes – hat sich das anscheinend ins Gegenteil verkehrt: Rationalität hier auf Finanzkalkulation reduziert in Absehung der empirischen Realisierung der Werte.

Zwei Lösungsmöglichkeiten für die Krise gibt es. Die eine besteht in einem psychologischen Umschwung der Finanzmärkte, auf den Merkozy setzen. Sie können dabei Recht behalten, denn die Finanzindustrie ist dumm und irrational, verhält sich herdenhaft. Langfristig graben sich die Finanzmärkte mit ihrem panischen Verhalten selber die Finanzquellen ab, auch wenn sich mit Panikzinsen sehr gut verdienen lässt.

Der andere Weg wäre, nach und nach die Finanzindustrie zu entmachten: die Schulden werden wie auch immer gestrichen, mit der Folge eines Bankencrashs – an die Stelle der zusammengebrochenen Banken müssten eine europäische Staatsbank die Finanzierung der Produktion übernehmen. Das Problem dabei ist die ökonomische Form der Produktion, die sie zu einem Teil der Finanzindustrie macht und die Verflochtenheit der Produktion in die internationale kapitalistische Ökonomie durch Rohstoffe, Exporte und Energiezufuhr. – Aber was soll ich hier weiterdenken, wenn es politisch ohnehin nicht angegangen wird.

Geht Merkozys Konzept nicht auf und crasht der Euro, zuerst indem die Südländer zahlungsunfähig werden, dann Europa wieder in Einzelökonomien zerfällt, Deutschlands Exportindustrie zusammenbricht, - dann treten die alten sozialen „Disparitäten“ wieder voll ins Bewusstsein und ….?

Und die Geschichte wiederholt sich.

Freitag, 18. November 2011

Die Krise schreitet voran

Wir gelangen in immer neue Räume und Dimensionen, ganz und gar kein Ende der Geschichte. Die alten Widersprüche nehmen immer neue Erscheinungsformen an. Interessant die gegensätzlichen Rezepte in der Linken. Da ist die inflationsfreundliche Variante, die für mehr Verschuldung plädiert, ein Einschreiten der EZB; die sozialliberale und keynesianische Fraktion – etwa bei den Nachdenkseiten konzentriert – da ist andererseits die inflationsängstliche Fraktion, die die Enteignung der sparenden Mittelschicht befürchtet.

Obwohl ich als Minirentner mit Ersparnissen eine inflationäre Entwicklung am meisten zu befürchten habe, interessiert mich weder die eine noch die andere Variante. Was soll ein Wachstum ohne demokratisch definierte Ziele? Es ist zwar populär, aber ökologisch und sozial desaströs, weil es - wie man sieht - nur noch auf der Grundlage der Verschärfung der sozialen Unterschiede möglich ist. Die Reichen brauchen, um noch reicher zu werden immer höherwertigere Anreize. Der von den linken Gewerkschaftlern immer wieder als Argument angeführte Massenkonsum ist nur eine von vielen Bereicherungsmöglichkeiten. Das Platzen der Finanzmärkte, die vorübergehend den Reichtum anschwellen ließen, bewirkte ein Umschlagen der Illusionen in hysterische und irrationale Angst. Aber gerade diese Angst verursacht weitere Krisen. Waren die Staatsanleihen bis jetzt verlässliche, wenn auch wenig profitable Investitionen – und bequem für die Staaten, weil sie so soziale Disparitäten in Griff halten konnten ohne die Reichen über die Steuern direkt zu besteuern – greift nun panische Angst vor Staatsbankrotte um sich, vielleicht auch politisch etwas gewollt.

Man erfährt ja nicht, wer genau die Akteure sind, die die Milliarden hin- und herschieben, kennt nicht ihre Interessen und Psychologie. Ich fantasiere da von amerikanischen Bankern mit dem üblichen amerikanischen Intelligenzniveau – aber das ist vielleicht meine Psychologie.

Wie geht es weiter? Entweder werden die Ängste wieder nachlassen oder der Geldumlauf gerät so ins Stocken, dass die „Realwirtschaft“ blockiert wird.

Diese „Realwirtschaft“ ist wiederum ein anderes Unikum, denn mehr und mehr hat sie mit Realität nichts mehr zu tun. Da ist Apple eines der größten Konzerne, eine Autoindustrie, die Fantasien verkauft usw. Der Anteil, der im produktiven Bereich arbeitet, also in den Bereichen, die für das Leben notwendig sind, wird immer kleiner.

Bis jetzt scheint es so zu sein, dass die große Mehrheit der Menschen hier in der Krise noch keine Notwendigkeit sieht, die Verhältnisse grundsätzlich in Frage zu stellen. Ich sehe auch keine Politiker mit Alternativen, sie fürchten wohl, sich damit lächerlich zu machen.

Was tun? Es wird keine vernünftige demokratische Lösung geben. Einzelne Menschen und Gruppen werden sich in Szene setzen, Gefühle der Menschen benutzen, Illusionen oder Traumbilder ansprechen. Die Occupy-Bewegung mit diesem falschen Titel aber richtiger Intention wird als philanthropischer Verein milde gelobt mit dem gleichzeitigen Bewusstsein, dass in der Realität ganz andere Fakten zählen; nämlich Macht, Geld und Einfluss und vor allem die Kunst, sich damit zu arrangieren – das, was die Mittelschicht ausmacht.

Also was tun? Seine Ohnmacht erkennen und sich doch nicht arrangieren.

Freitag, 23. September 2011

Papst im Bundestag

Die Rede war ja nicht uninteressant. Ein alter Streit um die Begründung des Rechts. Rechtspositivismus oder „Naturrecht“? Beide Positionen gehen aber von nicht hinterfragbaren Grundsätzen aus, sieht man von den zynischen (aber realistischen) Rechtsauffassungen des katholischen Carl Schmitt ab, der Recht auf Gewalt und ihre Legitimierung zurückführt. Ratzinger pries das Naturrecht, freilich so wie er es versteht und interpretiert. Was Natur ist, kann freilich von jedem anders definiert werden. Schon gar nicht ist sie etwas Konstantes, wie schon Hegel festgestellt hat.
Wie auch immer.
Interessant war die Rezeption in der Öffentlichkeit. Kaum einer, der mit den Begriffen etwas anfangen konnte. Wild wurde assoziiert, Ratzinger sympathisiere mit den Grünen – was er ganz und gar nicht tut, auch wenn sich leicht in einer gemütlich interpretierten Natur etwas Katholisches herauslesen lassen könnte. Wird mit Begriffen wie „Bewahrung“, „Schöpfung“ jongliert, Traditionen verklärt, - schon schwebt der „Geist“ über allen Lagern.
Folgerichtig finden sich auch keine Entgegnungen auf die Arroganz eines Mannes, der seinen katholischen Traditionalismus als einzige Wahrheit gelten lässt. Dieser Größenwahn hat einen anziehenden Charakter, sind wir Menschen doch fasziniert von denen, die die Wahrheit zu besitzen glauben.
In seiner Rede wiederholt Ratzinger seine idealistische Erkenntnistheorie. Da ist die griechische Philosophie von Platon, der Trennung von materieller und ideeller Welt, die von dem Juden Paulus mit christlichen Inhalten gefüllt wird. So wären Rom, Jerusalem und Athen zusammengekommen im Knotenpunkt der europäischen Geschichte.
Paulus interpretiert aber Natur als Sünde, genauso wie er Leib und Körper als Sünde ansieht. Vernunft lässt er zu als Wirken der göttlichen Offenbarung, aber der Widerspruch der christlichen Lehre zur Vernunft ist ihm zu groß, als dass er ihr eine primäre Bedeutung geben will. Deswegen sind bei ihm primäre Werte Glaube, Hoffnung und Liebe – auch wenn sie bei ihm als bloße Propagandavokabeln dienen; denn konkret ausgeführt wird ihre Bedeutung nicht. In Wirklichkeit stellt deswegen das Christentum eine Abweichung vom Gang der Vernunft dar. Wie kann sich Ratzinger auf die von den Griechen in Gang gesetzte Aufklärung berufen? Die Kirche hat diese Aufklärung nur paraphrasiert, ihre Begriffe missbrauchend.
Denn wie auch immer verzerrt war die platonische Philosophie eine dialogische, dialektisch, in der Absicht zu überzeugen. Ratzinger dagegen in der moralisierenden Tradition eines Paulus stehend greift nicht nach Argumenten, sondern will durch Appell an Tugenden und den Verweis auf das Böse überzeugen. Gottes Megaphon braucht doch keine Argumente, muss nicht menschlich verständlich und Menschen verstehend werden.
Die im Zölibat und im Klerikalismus missachtete und vergewaltigte Natur des Menschen kehrt wieder als Pädophilie, Gewaltförmigkeit im Umgang mit anderen Menschen.

Religion hätte Bedeutung in der Kritik einer nur technischen Vernunft, die sich dem demokratischen Diskurs der Menschen entzieht, die ihre Zwecke nicht reflektiert. Sie müsste die Gottverlassenheit des Menschen begreifen.

Sind die USA totalitär?

Wir haben nach 68 „USA SA SS“ skandiert, was sicher allergröbste Vereinfachung war. Die USA hat sich zwar für die Verbrechen in Vietnam, die über 2 Mio Toten nie entschuldigt, sich aber immerhin aus Vietnam zurückgezogen, war also bis zu einem gewissen Grade lernfähig. Jimmy Carter hat Nixon abgelöst und eine andere Seite Amerikas gezeigt, gleichzeitig aber deren relative Bedeutungslosigkeit. Dagegen tauchen in den USA immer wieder die Politiken auf, die die USA als dominante Weltmacht sehen wollen, als Nation, die allen anderen überlegen ist und alle Rechte  an sich reißen kann. Da war Reagan mit seiner Katastrophendrohung, da waren seine Nachfolger mit ihren Kriegsspielen.
In Deutschland gibt es eine Amerikaphilie, teilweise geschuldet dem antifaschistischen Einsatz der USA im zweiten Weltkrieg, größtenteils wohl geschuldet dem Opportunismus der Besiegten gegenüber den Dominanten. Kommt einer von den USA zurück und prahlt mit Neuigkeiten und Trends von dort, glaubt er auf diesen Effekt setzen zu können.
Dagegen hat die Demokratie der USA, die uns in der Schule immer als ein System von „checks and balances“ angepriesen wurde, keinen überzeugenden Charakter. Nur eine Minderheit ist am politischen System beteiligt, wirtschaftlich besteht krasse Ungleichheit, antiliberale Strömungen gewinnen immer wieder die Oberhand und trotz des Anscheins eines imponierenden Rechtssystems setzen sich Rassismus und Gewalt durch. Da ist die exorbitant hohe Zahl der Gefangenen, deren Misshandlung, die Todesstrafe, die Zahl der von den Eltern getöteten Kinder – 27 pro Woche -, die Verschwendung von Ressourcen und Energie, das herablassende und ausbeuterische Verhältnis zum Rest der Welt.
Welchen Begriff soll man aber verwenden, um die bösartige und dumme Politik der USA nach dem 11.9.2001 zu beschreiben? Totalitär? Faschistisch? Irrational? Imperialistisch?
Da haben also ein paar Terroristen mit Teppichmessern und Intelligenz diese ganze Arroganz von der technisch und intellektuell überlegenen Nation – „God´s own country“ - ausgehebelt und das Trauma war grandios. - Trauma? Oder war es nichts als der willkommene Anlass, die Lust an Gewalt, der Demonstration von physischer Stärke, von Überlegenheit offen und legitimiert ans Licht bringen zu können? Denn gemessen an dem, was die USA anderen Völkern angetan haben, war das vom 11.9. zahlenmäßig marginal, militärisch bedeutungslos, wenn auch spektakulär. Dass die Türme einstürzten, ein nicht eingerechneter Zufall.
Interessant aber die Reaktion der USA und der Welt, die an sie glaubt, danach. Noch heute ist es DAS Ereignis, wohl vor allem durch seinen Kunst- und Happeningcharakter, wie ihn Stockhausen beschrieben hat.
Es hat aber die Gewaltförmigkeit der USA hochgespült – Afghanistan, Irak, Guantanamo. Offen die Primitivität des amerikanischen Verhaltens, die Rache, die Ausrottung, die Überlegenheit der eigenen Religion, die naive und infantile Egozentrik, der taktische Umgang mit Menschenrechten. Es zeigt eine Nation, die nicht erwachsen geworden ist, weil sie nicht in der Lage ist, jenseits von Gut und Böse, ihre Gegner und Kritiker zu verstehen und mit ihnen zu verhandeln. Die egoistischen Interessen der Einzelnen und der USA wollen sich als Recht definieren  ohne den Einbezug der Rechte anderer. Der staats- und gesellschaftsfeindliche Neoliberalismus ist die Ideologie dieses Imperialismus.
Totalitär? Gibt es nicht innerhalb der USA alternative Strömungen? Ich denke etwa an Franzen, der ein liberales und intelligentes Spektrum der gesellschaftlichen Diskussion zeigt. Doch so wie seine Figuren immer wieder ins Irreale und Phantastische entgleiten oder ins traditionell Private, scheint es keine Alternative zur politischen Apathie zu geben, keine Alternative zu den herrschenden Komplexen von Macht, Reichtum und Medien. Es ist auch bei den von den Herrschenden benutzten politisch Apathischen zu viel Gläubigkeit an die Dominanz statt Kommunikation, zu viel Gier statt Beschränkung, zu viel Konsum statt Produktion.
Der Totalitarismus in den USA geht nicht vom Staat aus, er hat eine privatisierte Form. Es ist eine in ihrer Erscheinungsform immer wieder wechselnde Verknüpfung von Größenwahn, Waffentechnik, Finanzmacht und politischer Macht.
Die Massenerlebnisse totalitärer Staaten werden ersetzt durch die Infantilität der medienorganisierten Massen, der Erfahrung ihrer Abhängigkeit und Schwäche vor dem Fernseher, den gefüllten Tellern, der Gier und Trägheit des eigenen Körpers.

Montag, 8. August 2011

Die Empörten in Spanien

Die letzten 3 Wochen war ich in Spanien – natürlich mit Bus und Zug – und habe die dortige politische Szene verfolgt. Was zuerst auffällt in Spanien ist die mediale Reduziertheit. Überall, in Presse wie im Fernsehen diesselben Nachrichten. Nachrichten, wie man es im Staatsfernsehen TVE1 täglich zweimal sehen kann, endlos wiederholt, breitgetreten, wenige Details, viel Gequatsche, kaum Analysen. Eine Stunde lang. Berichte überwiegend aus Spanien, eine Welt darüber hinaus gibt es kaum. Fast nichts über die Nato in Libyen, gar nichts über CO2, notwendige Begrenzung des Wachstums. Der Teletext sehr ärmlich, erst gegen Mittag aktualisiert. Wetterbericht eine Viertelstunde lang, jedes Wölkchen findet Erwähnung. Sport besteht in regulären Berichten über das Training bei Barca und Real. Das kranke Knie dieses oder jenes Fußballers.
Wirtschaftsberichte waren überwiegend positiv; weniger Arbeitslose (50 T bei über 4 Millionen …), der katastrophale Anstieg der Zinsen der Staatsanleihen wird immerhin erwähnt. Aber es gibt keine Diskussion darüber, wie Spanien aus seiner Misere herauskommen kann. Die besteht darin, dass Spaniens Wachstum einerseits auf einer hochmechanisierten Landwirtschaft, aber größtenteils auf einem überteuerten Massentourismus und überteuerten Immobilien beruht hat. Zapatero und die PSOE ist nicht in der Lage über die üblichen neoliberalen Konzepte hinauszudenken. Es gibt in Spanien wenig originäre Gedanken, in der Regel werden Konzepte aus anderen Ländern imitiert. Zwar gibt es einerseits einen minimalen Sozialstaat mit Minimumrenten, Gesundheitsversorgung, auf der anderen Seite aber extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit, Inflation, miserable Arbeitsverträge, ärmliche Lebensbedingungen, geistige Armut, die bei vielen zur Verfettung führt. Die Welt vieler lässt auf wenige Ideale reduzieren: Playa, Comer, Piscina, Ninos guapos, Flores bonitas, Pisos muy ricos, Lujo …. Höhepunkte sind Erstkommunion und Hochzeit in einem sonst vollkommen atheistischen und konsumistischen Leben.
In dieser eindimensionalen Welt erwarte ich von den Indignados, dass sie diesen bewusstlosen Konsens aufbrechen, dass sie Alternativen einbringen zu diesem trost- und geistlosen Einheitsbrei. Zunächst ist der Rekurs auf das „Empört Euch“ die übliche Imitation, verspricht nicht viel Autonomie, eigene Gedanken. Dieses EmpörtEuchSchriftchen spricht nicht von Klassen, will nur bürgerliche Widerständigkeit, hat schon gar kein anderes Gesellschafts- oder Wirtschaftskonzept. In Spanien wird diese Widerständigkeit zunächst einmal in Konsens umformuliert: „wir alle …“ Ganz Spanien soll angesprochen werden, wo es doch nur ein Teil ist, der keine Arbeit hat, keinen festen Arbeitsvertrag. Daneben gibt es eine Masse von Gutsituierten, Gutverdienenden, Gutberenteten. Der spanische Traum ist nicht der von Gerechtigkeit in Autonomie, sondern von Wohlleben, Dominieren und Bedientwerden. Der Traum der „Unterprivilegierten“ ist, die Seite zu wechseln, nicht das System. Vom „System“ ist bei den „Indignados“ auch die Rede, aber es wird nicht definiert. Es erinnert mich an 68, als auch vom „System“ die Rede war und jeder etwas anderes darunter verstehen konnte. Aber offensichtlich wollen die Indignados nicht konkret werden, denn es könnte ihr Defizit an Alternativen offenlegen oder Konflikte provozieren.
Vor ein paar Tagen gab es die Räumung der Puerta del Sol und viele Verletzte und es zeichnet sich die übliche Entwicklung ab: Da konkrete Forderungen fehlen, Unterstützung dafür von Seiten eines Teil des Volks, muss Recht und Legitimität über eine Schuld hergestellt werden, über die des Opfers. Das ist alte christliche Tradition. An die Stelle der Gerechtigkeit tritt die Rache. Des einen oder des anderen. –

Was würde ich vorschlagen? Wirtschaftliches Wachstum muss qualitativ gesellschaftlich geregelt werden. Arbeit muss gleich verteilt werden. Die Ausbildung muss sich an der Produktion von gesellschaftlich notwendigen Werten orientieren. Demokratisierung ja – aber was heißt das für Familie, Schule, Wirtschaft, Politik? Es ist richtig Camps einzurichten und so auf die Wohnprobleme junger arbeitsloser Menschen aufmerksam zu machen. Diese Camps könnten ein Medium der Diskussion, Erarbeitung von alternativen Konzepten der Gesellschaft sein. Sie könnten produktiv werden mit Gärten, Werkstätten, Ideenschmieden und polititschen Analysen, Aufklärungsaktionen.

Donnerstag, 21. Juli 2011

Die Religion der Religionskritik

Auf Telepolis ein demaskierendes Interview mit einem der naturalistischen Religionskritiker. An die Stelle der Religion tritt die positivistische Fortschrittsideologie des Comte, gewürzt mit der Falsifikationsphraseologie von Popper. Hintergrund ein einfältiger Szientismus und naiver Materialismus, sogar noch hinter den von Engels zurückfallend. Evolution mit ihrer „Software“ soll das göttliche Wirken ablösen, wie es von der Scholastik als Gottes Willen und Wirken in der Natur interpretirt wurde. Dabei ist das Kausalitätsprinzip der Evolutionstheorie, das das teleologische der Theologie ablösen soll, nur ein scheinbares, denn das Leben, wie es sich in der biologischen Evolution der Arten abspielt, gar nicht zu sprechen von der kulturellen Evolution der zweiten Natur – nämlich des Bewusstseins – selektiert die auftretenden genetischen Varianten – und nicht die blinde Kausalität mechanisch wirkender Materialität. Mit dem Leben tritt das teleologische Prinzip zwischen Physik und organischer Natur.
Das Leben mag für den naiven Betrachter zwar in sich kausal determiniert zu sein – das wollen uns zumindest die erkenntnistheoretisch Unbeschlagenen der Hirnphysiologie, der Biologisten aller Art nahelegen – aber es hat doch seine eigenen Prinzipien im Umgang mit den Reizen und Herausforderungen, die von außen auf es einwirken: Es verhält sich dazu. Es verhält sich mit Umformung, mit Selbstveränderung, mit sinnvollem Handeln. „Homöostase“ ist dafür ein konservativer Begriff, aber wenn er den Prozess der ständigen Veränderung in Übereinstimmung mit der Erhaltung eines Gleichgewichts beschreibt – ähnlich dem Radfahren – dann vereint dieser Begriff doch Strukturerhaltung und Veränderung.  Das überschreitet den Rahmen der Physik.
Nun hält die Evolutionstheorie eine Menge Begriffe parat, die den physikalischen Gedankenrahmen längst überschritten haben. Um es aber simpel wie Physik erscheinen zu lassen werden eine Reihe von Begriffen benutzt, die einfache allgemeinverständliche biologische Begriffe widerspiegeln wollen; etwa das Prinzip des Überlebens, der Selbst- und der Arterhaltung. Scheint doch klar zu sein, dass Leben und langes Leben oberstes Prinzip sein kann. Wer stirbt schon gerne?
Aber der Mensch ist nicht nur ein biologisches Wesen mit Überlebensdrang, sondern mit der Erkenntnis seiner Bedingtheit und Sterblichkeit begabt: Er verhält sich zu seinem biologischen Überlebensdrang, ist ein soziales Wesen, und schon mit dem ersten verdrängenden Nein zum Tod verhält er sich zu seinem Schicksal und emanzipiert sich zwar nicht materiell aber geistig von seinem Schicksal. Er sucht nach Sinn und die Entwicklung der Evolutionstheorie ist ein Produkt davon.
Aber Bewusstsein, Fühlen und Wollen des Menschen werden – obwohl viel von Humanismus die Rede ist – von den Biologisten totgeredet indem dies als „unwissenschaftlich“ und dergleichen Begriffen mehr ausselektiert wird. Der Mensch, wie er fühlt und spürt, verlangt und will, soll mit dem Verweis auf chemische Ingredienzien und Gehirnsoftware zum Schweigen gebracht werden. Übrig bleiben soll eine sinnlose und leere Welt der Dinge, der sogenannten Natur, die uns doch nur als kulturell vermittelte und praktisch gestaltete in Erscheinung tritt.
Eine der Paradigmen der Wissenschaftlichkeit stellt die Astronomie dar. Für die ersten Menschen war sie Astrologie: Wirkung von Göttlichem oder Überirdischem. Die Sterne bekamen ihre Bedeutung durch menschliche Projektion. Mit der Auflösung der Bewegung der Sterne in simple Physik löst sich der Glaube des Menschen an göttliche Wirksamkeit auf und der Physikalismus will die alte Religion überwinden. Aber unsere Welt ist eben nicht nur eine physikalische, sondern was wir physikalisch verbegrifflichen ist die Wirksamkeit unseres Verstandes, ist eine Konstruktion, die wir machen, um bestimmte Handlungen vollziehen zu können – ist letztlich - mehr als von Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ kritisiert - eine Technik, mit der das Leben nun mit seinem Verstand auf seine Umwelt wirkt und reagiert.
Marx hat damals in seiner Kritik am Naturalismus von Feuerbach gemeint, es reiche nicht aus, Religion als Projektion menschlicher Bedürfnisse zu entlarven, sondern die Bedingungen zu verändern, die Religion notwendig machen. (Abgesehen, dass Marx und Engels die Anthropologisierung auf die menschliche Art und das Verschweigen von Klassen ablehnen).
Ich glaube dagegen, dass Religion mehr ist als der Schrei der Leidenden und Gedemütigten, dass Religion zwar ihren mythischen und magiegläubigen Charakter ablegen muss, dass aber die Frage des Menschen nach dem Sinn seiner Existenz, nach seiner Seele bleibt. Diese existenzielle Frage kann nicht mit traditionellen religiösen Formeln beantwortet werden. Sie wird aber auch nicht dadurch gelöst, dass religiöse Formeln ausselektiert und verdrängt werden, sondern dass religiöse Bedürfnisse im Lichte des Selbstgefühls und der Selbsterfahrung des modernen Menschen neu interpretiert, gefühlt und ausgesprochen werden.
Interpretieren wir die die heutige Situation des Menschen als Verlust von Orientierung, Verhaltensregeln und klaren Normen, hilft es nicht, sich an einer sogenannten Natur festzuhalten. Die Biologie ist nur ein Teil des Menschen. Schon die Hormone werden sozial stimuliert und reguliert. Und die Epigenetik, nach der der Körper die für seine  Umwelt passenden Gene aktiviert, löst den Dogmatismus der Genetik gänzlich auf.  Da ist kein fester und eindeutiger Ort, an dem wir uns für immer wohlfühlen und orientieren können. Unsere Variabilität und Anpassungsfähigkeit orientiert uns auf Bewegung, nicht auf fixe Begriffe. Wir können des Bewegungsdrangs in uns nur habhaft werden, indem wir ihn in uns reflektieren, spüren, fühlen, darüber reden. Stets mit dem Bewusstsein, dass die Kategorien dieser Wahrnehmung immer schon durch Sprache eingeschränkt sind. Freud hat in seiner Traumdeutung dargelegt, wie schwer rekonstruierbar der Weg ins Bewusstsein ist und jeder bewusste Eindruck einen Kompromiss zwischen Trieb und Gesellschaft darstellt.
(Ist Freud aber nicht auch Evolutionist? Ich denke nicht. Freud – das wird ihm von den französischen Antiödipalen vorgeworfen – besteht auf dem Primat des Bewusstseins und der Kultur. Er reflektiert aber deren Grenzen. Seine szientivischen Anwandlungen werden von Habermas in „Erkenntnis und Interesse“ analysiert.)

Ideologisch gesehen ist der neue Naturalismus ein Versuch, die bestehenden Klassenverhältnisse, die sich heute als internationale Ungleichheit und schreiende Ungerechtigkeit darstellen, als „natürlich“ erscheinen zu lassen. Jedem der ersten Welt ist mindestens halbwegs bewusst, dass er in seinem Wohlleben – physikalistisch auf Biologie reduziert - auf Kosten der anderen Welt und der Zukunft lebt. Dieses Bewusstsein soll mit dem Verweis auf die Biologie, die Evolution und den Kampf der Arten ausgeschaltet werden. „Natürlich“ ist das Verhalten der Affen und Raubtiere, nicht gestört durch das Bewusstsein, und daran soll sich die Moral orientieren. Haben wir uns so einmal gemütlich eingerichtet, brauchen wir über religiöse Fragen, dem Verhältnis zu Leben und Tod, zu uns selbst und anderen nicht mehr nachzudenken. - Wie absurd!
Gut, man kann sich zum Tod stumpf und dumpf verhalten, entweder indem man ihn ignoriert oder ihn eben als „Fakt“ akzeptiert. Sinnlos ist aber, an die Religion des Über- und Längerlebens zu glauben, von allheilenden Lebensprinzipien zu sprechen, wenn unser Bewusstsein schon die Grenzen dieser Evolution und dieses Lebens – man denke etwa an den Gebärstreik der Gnosis – erkannt hat.
Die Analyse der Tierdokumentationen im Nachmittagsfernsehen zeigt wie die evolutionistische Ideologie in das Gehirn der Kinder geträufelt wird, wie die alten faschistischen Sozialdarwinisten sich hier eine Überlebensbasis eingerichtet haben. Von den damit Großgewordenen wird es nun im Naturalismus reproduziert. Die Anwendung der Ethologie auf die menschliche Gesellschaft ist nicht mehr kritisch, sondern affirmativ.
Doch haben wir zwar Raubtiernatur in uns, aber auch menschlichen Verstand. Der Verstand verweist auf Recht und Gerechtigkeit, verweist darauf, dass wir Teil eines Allgemeinen sind, unsere Unmittelbarkeit und Individualität immer eine vermittelte ist.

Mittwoch, 1. Juni 2011

HIMMELFAHRT

Ich höre im Radio – heute am Himmelfahrtstag natürlich christlich pointiert - von Olivier Messiaen das "Gebet des zu seinem Vater auffahrenden Christus" aus "L'Ascension" . Ein ruhiges Stück, zuerst mit aufsteigenden Tönen, dann aber gelangt es in einen immer wiederkehrenden Rhythmus, als würde es ein Gefühl dessen beschreiben, der bei seinem Ziel angelangt ist.
Zuerst wundere ich mich, wie Christus beten kann, wo er doch selber Gott ist. Ein Gebet hätte nur dann Sinn, wenn er nicht Gott ist. Wahrscheinlich war die Göttlichkeit von Jesus ursprünglich nie so veerstanden, wie dann in der Lehre von der Dreifaltigkeit festgelegt. Eher war eine universelle Gotteskindschaft gemeint. Die Ausbreitung der römischen Gesellschaftsstruktur führte zur Auflösung der stammesorientierten israelischen Gesellschaft. An die Stelle der israelischen Stämme tritt der „freie“ römische Bürger, an die Stelle der Herkunftsfamilie tritt die unmittelbare Gotteskindschaft.
Die andere Frage, die sich mir bei einer solchen Musik stellt, mit welchem Gefühl wohl dieser gute Mann in den Himmel aufgefahren ist. Kann er irgendwie zufrieden sein? Er wollte doch wohl die Welt und Menschheit retten und erlösen – dabei geht es doch weiter wie vorher. Gerettet werden bestenfalls die Gläubigen. Gläubige, die gläubig geworden sind durch irgendwelche Zufälle: Herkunft, Erziehung, Umwelt, Verständnis, Interpretation usw. usf. Selbst wenn der Gläubigkeit eine moralische Entscheidung zu Grunde liegen würde, hätte sich durch Jesus Auftreten im Namen Gottes bestenfalls dessen Image verändert: an die Stelle des autoritären Stammesgotts tritt der barmherzige, wohlwollende Vater. Verändert hat sich aber nicht die irrsinnige Konstruktion menschlicher Freiheit, wie sie in der Paradiesvertreibung konstruiert wurde: Du bist frei, aber nutze diese Freiheit nicht. Du bist frei, mir Ja zu sagen. Andernfalls versündigst Du Dich. – So wird der Menschheit eine Urschuld, eine Schuld a priori unterstellt. Die Schuld lässt sich nur durch das Opfer der Freiheit einlösen. Die Lehre von Christus hat diesen Double-bind nicht aufgelöst, spielt  weiter mit dem Paradox von Versprechen und Drohung, setzt nicht auf Vernunft und Verständigung, nicht auf Einsicht, Führt nicht zum Seufzer und den Tränen dessen, der sich endlich von jemand verstanden fühlt. Es ist die Fortsetzung der unendlichen Barbarei.
Die Himmelfahrt ist, weil sie die Probleme der Erde nicht löst, gleichzeitig eine Flucht in eine Erhöhung, die die Mitmenschlichkeit verhindert. So wie jedes Gebet eine abgebrochene Kommunikation mit anderen Menschen ist. So wie die Raumfahrttechnik Kontrolle – durch das Militär - und Selbstkontrolle – bei GPS - erhöht, aber das Gespräch der Menschen untereinander weniger notwendig macht.
Fluchtpunkt Himmel ist eine alte menschliche Idee, nicht originär christlich, aber vom Christentum systematisch in unser Denken eingebracht. Da sind die himmelsweisenden Türme und Architekturen, da ist am Ende die Raketentechnik, die einen christlichen Gott parodiert. Da ist die Identifikation des Guten mit dem Verstand, dem Licht, der Sonne, der Aufklärung – samt deren Dialektik.