Montag, 27. Dezember 2010

ARMUT

zu
http://www.fr-online.de/kultur/debatte/armut---und-wie-weiter-/-/1473340/5043196/-/index.html
 
Sicher ist es seltsam, wenn von der EU ein Projekt „Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung 2010“ generiert wird in der Absicht u.a.: „die kollektiven Wahrnehmungen von Armut hinterfragen“. Aber sofort wird – von der „linken“ Mittelschicht - losgeheult: „Verteilungsgerechtigkeit“ würde nicht im Zentrum stehen, sondern die kulturelle Affirmation der Armut. Diese Mittelschicht gibt sich „links“ als sie mit linken Klischees hantiert: „arm“, „reich“, „Verteilungsgerechtigkeit“. Das Projekt der „Verteilungsgerechtigkeit“ anstelle von demokratisch organisierter Arbeit ist das letzte Überbleibsel „linker“ Parteipolitik der Sozialdemokratie. Es ist vermeintlich Politik für die sogenannten Armen, aber ganz und gar nicht Politik der Armen.
Wer betreibt denn die ganzen Armutsprojekte, die HartzIV-Kampagnen, die Tafeln, die Caritasprojekte, die öffentliche Klage über Armut?

Anders: Warum soll „Armut“ – also die Begrenzung des materiellen Verbrauchs auf das Nötige, der ökonomische Umgang mit den vorhandenen Mitteln, so schlimm und furchtbar sein? Wie kann ein Linker, der für Verteilungsgerechtigkeit global und für die Erhaltung von Natur und Erde ist, gegen die sogenannte Armut sein. Jeder der – Kinder ausgenommen – über HartzIV-Satz verbraucht, nimmt seinen „Reichtum“ nicht nur anderen Erdenbürgern weg, er zerstört auch die Zukunft der Erde.

Einer/Eine, der/die glaubt, es könne so weitergehen, bei dem/der ist nicht nur die Gewohnheit stärker als die Intelligenz, er/sie zählt auch nur zu den sich intellektuell gebenden Schaumschlägern.

Samstag, 18. Dezember 2010

Franzens „Freiheit“ lesen - über einen Arbeiterroman nachdenken


Die letzten Tage habe ich den neuesten Roman von Franzen „Freiheit“ gelesen, war von ihm wie bei den „Korrekturen“ wieder fasziniert, angezogen, eingesogen, um am Ende angesichts der Mittelschichtsfixierung seiner Charaktere zu fragen, was daran letztlich so schal und unbefriedigend ist und warum es keinen vergleichbaren Roman über Schicksale von Menschen aus der Arbeiterklasse gibt. Es geht mir beim Lesen seiner Romane wie vielen seiner Romanfiguren, die mit Hilfe oder auf Grund von Drogen, Psychopharmaka oder Sex die Grenzen ihres Alltags überschreiten, um nachher herauszufinden, wie sie getäuscht worden sind.
Da ist der Soapcharakter seiner Romane. Wir haben es mit Figuren zu tun, die herausragend sind, die beispielhafte Charakterzüge haben, oft körperlich oder charakterlich attraktiv, ohne die Hässlichkeit, Brüchigkeit zu zeigen, die der „normale“ Mensch hat, sobald er ein bestimmtes Alter überschritten hat oder wie man ihn im Supermarkt sehen kann oder bei der Arbeit näher kennenlernt. Nicht dass es bei Franzen auch diese Sichtweise gibt, aber seine Hauptdarsteller, die von innen wie von außen gezeigt werden, werden so dargestellt, dass sie uns verständlich und vertraut werden. Dadurch werden sie unabsichtlich idealisiert, rennen ins Jenseits, ohne sich durch Ironisierung wie etwa bei Thomas Mann in die Klugheit des Autors und seiner Leser zu verflüchtigen. Das ist auch der Grund, warum Franzen so leicht und gerne gelesen wird. Trotz des Umstands, dass seine Charaktere sich sehr am Rande der bürgerlichen Existenz bewegen.
Was meine ich mit Mittelschichtfixierung? Einmal sind da zu viele Geschehnisse jenseits des Normalalltags. Immer wieder sind Charaktere in überdimensionale Finanzgeschäfte involviert, manchmal in Glücksspiele – merkwürdigerweise entgegen den Wahrscheinlichkeitsgesetzen erfolgreiche. Da macht etwa der minderjährige Joey ein Irakgeschäft mit 180 000 Dollar Gewinn. Ein Gewinn, der dann - wie in den „Korrekturen“ - wieder so schnell zerbröselt, wie er gewonnen wurde. Die Menschen erleben immer wieder den Blasencharakter des Glücks. Da ist der finanzielle Erfolg, da sind Drogen, da ist Sex in allen Varianten, da ist eine explodierende Konsumwelt, die die Menschen überwältigt. Diesem schaumartigen Schein setzt Franzen zum Einen die Natur gegenüber, etwa die Vogelwelt. Zum Anderen in der modernen Welt antiquierte Charaktere. In den „Korrekturen“ ist es der Vater, Ingenieur und fleißiger Erfinder, ein von seiner Basis gründlicher und arbeitsorientierter Mensch, der sich gegen diese Blasen wehrt, auf Werten wie Verlässlichkeit, Treue, Solidität beharrt und den Versuchungen, mit einem Patent großes Geschäft zu machen, widersteht. Der aber eben dadurch reingelegt und gelinkt wird und anhand dessen Beispiel von Franzen gezeigt wird, dass, wer dieses Mittelschichttheater der Selbstaufblähung und Gewinnmaximierung nicht mitmacht, zum Idiot, benutzbaren Trottel, zum Dementen wird.
Wenn in der „Freiheit“ Walter (wie vielleicht auch der Autor) seinen Trost und (vorübergehenden) Ausweg in der Rettung der Vogelwelt sieht, dann bleibt es für den Leser am Ende doch eine willkürliche Marotte und es hat keine Verbindung zu den menschlichen Motiven, die den Roman Franzens ausmachen und eigentlich vorwärtstreiben. Eben das, was jedes Leben, jede Soap und jeden guten Roman vorantreibt: die Erfahrung von Unglück und die Erreichung des Glücks, von Streit und Versöhnung.

Zwischendurch muss ich aber, bevor der Eindruck einer nur negativen Kritik entsteht, doch würdigen, dass Franzens Figuren nicht nur faszinierend sind, sondern dass sein Roman eine sehr reichhaltige und oft sehr realistische Welt darstellt. Da gibt es neben der Soap viele konkret beobachtete und erfahrene Details, gibt es immer wieder aufblitzende Erkenntnisse und Wahrheiten, gibt es Entwicklungen und dialektische Sichtweisen, die dem ambivalenten und oft zweideutigen Charakter des Lebens gerecht werden. Überhaupt gewinnen die Charaktere ihre Kraft nicht durch ihren Typencharakter, sondern durch ihre Bewegung zwischen Polaritäten, ihren gegensätzliche Beziehungen, ihre Entwicklungen von einem Standpunkt zu einem anderen, wie auch durch die Blickrichtung des Autors auf ihr inneres Leben, ebenso darauf, wie sie von anderen erfahren werden. Die humane Vorgehensweise von Franzen besteht darin, dass seine Personen Fixierungen, in die sie geraten, immer wieder auflösen, die Sicht des anderen nachvollziehen, sich oft relativieren, nicht fertig und abgeschlossen sind. (Oft zeigt es sich aber auch als eine Schwäche und Inkonsistenz des Autors: Personen werden als Charaktere eingeführt, die aber sobald sie zu reden anfangen, diesen Charakter verlieren und nur noch den diskursverliebten Autor zeigen: deutlichst bei Patty, die zuerst als „verträglich“ geschildert wird, sich dann aber in den Dialogen so streitlustig wie alle anderen Figuren darstellt. Ebenso Walter, der nur aus der Sorge für andere zu leben scheint, dann aber den misanthropischen Tyrannen spielen muss).

Gut - alles ist relativierbar: Walters idealisierte Vogelwelt wird von Lalitha etwa ganz anders gesehen; nämlich als Reich von Fressen und Gefressenwerden. Der Autor lässt sich alle Sichtweisen offen. Die Finanzwelt bricht zusammen, scheinbar überzeugende Erlebnisse von Sex werden in kurzer Zeit wertlos, Familien, die scheinbar intakt wirken, zerfallen plötzlich, die teuren unheimlich attraktiven Spielzeuge der Kinder werden nach 14 Tagen reizlos. Was bleibt? Da ist etwa die passive, „hündische“ Liebe von Connie, ist der Starrsinn des dementen Vaters in den „Korrekturen“, ist die selbstaufopfernde Beharrlichkeit von Patty am Ende der „Freiheit“. Es sind die durchgehaltenen familiären Beziehungen, die die Basis der Welt von Franzen ausmachen, die sich auch den `Korrekturen´ der Aussteiger widersetzen und sich am Ende durchsetzen.
Gerade die Tatsache, dass Gesellschaft und Politik hoffnungslos korrupt und moralisch verkommen ist, macht die Familie zu einem sicheren Hafen und die Ausbruchsversuche bestätigen die Bedeutung stabiler familiärer Beziehungen. Das ist merkwürdigerweise die linke Botschaft von Franzen in der bürgerlich korrupten Welt der amerikanischen Konservativen und Republikaner. So ist es auch mit der „Freiheit“, die einerseits als Parole der Profitmaximierung und gesellschaftlichen Skrupellosigkeit, der Verschwendung und Ausbeutung missbraucht wird, andererseits aber gerade wieder von den Konservativen mit ihren reaktionären Konzepten eingeschränkt wird bis zur Parodie. So, wenn mit der Terrorismusbedrohung die Menschen klein, nieder und dumm gehalten werden, wozu sie als Amerikaner wohl deutlich sichtbarer neigen als andere Nationen, von denen man Intelligenz noch weniger erwartet..

Zurück zum Arbeiterroman, der von Franzen nicht geschrieben wurde. Die Arbeiter sind bei ihm nur Schlamper, Pfuscher, Faulenzer wie in den „Korrekturen“ oder korrumpierbare, emotional manipulierbare Größen, die ihr Ziel nur darin sehen, gut verdienende und gesicherte Mittelschicht zu werden. Sie riskieren nichts, steigen nicht aus ihrem Alltagsleben aus, entwickeln keine Perspektiven, sind nur benutzbar. Sie haben kein erkennbares Bewusstsein, sehen sich nicht vor wirkliche Entscheidungen gestellt und lassen sich nur von Gewohnheiten, Umwelt, Zwängen, der inneren Faulheit und Gier leiten.

Ich führe hier den Begriff des „Schrottmenschen“ ein. Im christlich-jüdischen Weltbild, genauso wie der seiner daraus gewachsenen Kritiker, ist der Blick auf das Leben ein historischer. Da gibt es einen Ursprung, eine Genesis, dann kommt es zu Entfremdung, der Vertreibung aus dem Paradies, der Erfahrung des Lebens als Unglück und Unheil, führt zur Unterscheidung von falschem und richtigem Leben, zu Vorstellungen von Endzeit oder historischer Tendenz hin zum Paradies - oder Kommunismus. Bei Nietzsche fängt mit dem Tode Gottes die Freiheit des Menschen an, auch der Freiheit von Sinn. Geschichte soll beendet werden, der Mensch das werden, was er ist.
Daran gemessen erscheinen viele Menschen nur als destruktive Tiere, die sich auf der Erde wie die Pest ausbreiten, sich nur reproduzieren, die Erde zerfressen ohne zur Lösung der großen Menschheitsfragen beizutragen, nicht mehr die elementaren menschlichen Fragen angehen - nach dem Sinn menschlicher Existenz, nach Glück. Weil sie nicht fragen, nicht nachdenken, bewusstlos sind, vermaterialsieren sie alles, setzen alles aufs Überleben und sich Verbreitern, können sich nicht einschränken, werden maßlos und destruktiv, reproduzieren nur, ohne etwas Neues zu schaffen. Schrottmenschentum.
In diesem Sinne kämpft Walter gegen die Überbevölkerung – ohne dabei zu differenzieren zwischen einem Inder und einem Amerikaner, der zwanzigmal destruktiver ist. Zwar ist die Masse der Armen destruktiv, aber noch viel mehr die Minorität der Reichen, der entwickelten und sich viel zu langsam „selber abschaffenden“ Erste Welt.
Der Idealisierung der Natur und der Tiere liegt ein falscher menschenfeindlicher Zug zugrunde. Da ist etwa die bewunderte Mobilität der Vögel. Aber parallel dazu wird in Franzens Welt viel gereist, umgezogen, ist viel Bewegung durch die Welt., nach Europa, in die baltische Staaten, nach Lateinamerika – und verschwendet mit dem darin enthaltenen Bewegungsdrang Öl, erzeugt Treibhausgase. Die Entwicklung der Individuen bei Franzen ist verknüpft mit Reisen, Autos, Fliegen und damit der Zerstörung der Welt und der Mitmenschlichkeit.
Aus der Fatalität der Verknüpfung von technischer Welt und menschlicher Dynamik findet Franzen keinen Ausweg. Nur eine widersprüchliche und relativierbare Ausflucht in die Idealisierung der Vogelwelt. Nicht, dass die nicht erhaltenswert wäre, aber ohne eine neue Technik mit menschlichem Maß wird es nicht möglich sein, die Natur zu erhalten.


Weiter zum Schrottmenschentum: Etwa die Geschwister von Patty: Veronica, Edgar, Abigail, sie gehören dazu, weil sie weder produktiv sind, „arbeiten“, noch sich selber relativieren können. Es geht ihnen nur darum von den Zuwendungen und der Arbeit anderer Menschen zu leben. Selbst wenn sie arbeiten, tun sie es ungern und gegen ihren Willen, ihr Ziel ist die Nichtarbeit, sie finden keinen Ausweg in eine freie produktive Welt.
Hier stellt uns Franzen Arbeit als Wert vor. Da sind immer wieder die handwerklich Tätigen, so Richard und Walter in „Freiheit“ oder der Vater, die kochende Schwester in den „Korrekturen“. Ihr Handwerkertum ist Teil ihres stabilen, verlässlichen und vertrauenswürdigen Charakters, Gegenpol zu einer hysterische Konsum- und Scheinwelt. Aber das hat keine gesellschaftlich politische Implikation, ist nur ein sympathischer Charakterzug und nicht mit der Utopie und Leidenschaft der Menschen versöhnt. Weil es auch ein technisch-politisches Konzept ist; der Frage, wie sich fair zusammenleben lässt, mit welcher Technik, mit welchem Verhältnis zur Natur.
Weil das Problem nicht angegangen wird, haben die Lösungen in Franzens Romanen den Charakter der individuellen Beliebigkeit – Vögel oder „FreiRaum“ oder Katzen oder dies oder jenes. Auch das Ende von „Freiheit“ wirkt klischeeartig, nicht wirklich versöhnt, falsche Positivität in einer vielleicht unheilbar kranken und zum Tode verurteilten Welt.
Vielleicht hat Adorno mit dem „Endspiel“ recht, recht auch gegen Goethes Faust, wo am Schluss in vermeintlich produktiver Aktivität die Sümpfe trockengelegt werden (und die Natur zerstört).

Oder es muss die Frage nach Technik und Arbeit und Zusammenleben konkret gestellt und Neues versucht werden. Was in einen Roman nicht mehr passen und den Bereich des Entertainments verlassen würde.

Auf diesen Weg begibt sich Franzen nicht.

Donnerstag, 11. November 2010

G20 oder die Idiotie eines „öffentlichen“ Senders

Der stumpfsinnige Nationalismus der Konservativen sucht sich immer wieder  neue Schlupflöcher im pseudoliberalen Geschwätz. G20 bietet wieder Anlass, die autistische Exportpolitik der herrschenden deutschen Klassen durchzujubeln, die ja bekanntlich auf dem Herunterdrücken der Löhne, Ausbeuten ausländischer Rohstoffreserven basiert. Während der DLF immerhin ab und zu kritische Fragen stellt, herrscht im SWR die alte schwarzrechte und neoliberale Idiotie. Das hat dort eine lange Tradition. Eine Dynastie von sogenannten Wirtschaftsfachleuten führt dort Regie, diese um die Goldzahn-Pools von Baden-Baden herumschwirrenden Hofschranzen. Wie sagte Oettinger: „Mein Anstalten“ (http://www.youtube.com/watch?v=BBZRMnbbhpw)
Gut, die Amerikaner sind mit schuld an ihrer Misere: Enorme Energieimporte, Aussaugen der Weltvorräte, Abbau der produzierenden Industrie, Aufblähung und fehlende Kontrolle des Finanzsektors – nicht zu sprechen von ihren Rechts- und Demokratiedefiziten, der Ideologie der asozialen Konkurrenz. – Aber warum sollen sie sich nicht gegen Billigimporte wehren? Würde die Arbeiterbewegung hier oder in China taugen, gäbe es das Problem nicht.

Montag, 8. November 2010

SOZIALER AUFSTIEG - ODER WAS?

Ich verfolge einige Diskussionen im Internet, vor allem bei Dishwasher (http://dishwasher.blogsport.de/). Dort höre ich die ewige Klage, die Bildungsinstitutionen des Bürgertums und der Mittelschicht verhindern das Aufsteigen der Unterschicht.
Klar, sie verhindern Konkurrenz, tragen in sich außerdem ein Ressentiment gegen die Unterschicht, legen auf Verhaltensweisen Wert, die sie von der Unterschicht abgrenzen. Auf der einen Seite beherrschen sie die Gesellschaft, auf der anderen profitieren sie durch Einkommen und Vermögen vom kapitalistischen System. Ich erinnere daran, wie die Pensionäre in einer unverschämten Weise den Staat abzocken und gleichzeitig gegen HartzIVler polemisieren.
Ein Mittel der Durchsetzung der bürgerlichen Privilegien stellt ihr "Habitus" dar. Mit ihm geben sie sich gegenseitig als gleichwertige zu erkennen, können sich gegenseitig identifizieren, grenzen die Unterschicht aus, setzen ihre Interessen durch.
Es wäre nun wichtig, genauer zu definieren was diese Verhaltensweisen ausmachen. Mir ist die Rede vom „Habitus“ zu pauschal. Da scheinen Leute Angst zu haben, dies genauer zu definieren, weil sie sich dabei selbst erwischen könnten, weil sie Angst haben, „konkret“ zu werden. Diese Betulichkeit gehört schon mit zum Mittelschichthabitus: Bleib möglichst allgemein, es soll sich niemand betroffen fühlen, die Dinge sind kompliziert, es gibt immer Ausnahmen und was ist, wenn Du Dich getäuscht hast! - Trotzdem will ich es hier in grober Manier versuchen:
 
Der Habitus der Mittelschicht zeigt sich

im Umgang mit anderen Menschen und hat etwa folgende Regeln:

- sei unberechenbar, gegenüber Unteren regelrecht unzuverlässig, auf keinen Fall ihnen gegenüber pünktlich, Deine Überlegenheit zeigt sich darin, wie lange Du sie warten lassen kannst
- halte Distanz, sei interessiert aber nicht emotional beteiligt
- Du musst Dich durchsetzen, dazu gibt es verschiedene Mittel: Angriffe gegen andere, besonders herausragende eigene Leistungen, Einsatz von eigener Arbeit, Geld oder Beziehungen, die Verwendung von Lob und Tadel, Freundlichkeit als Mittel der Manipulation, wenn das nicht hilft: Ignorieren. Gegenüber Untergebenen musst Du das Arschloch sein, zeigen, dass Du Konflikte eingehen kannst, Dich durchsetzen kannst, ohne das wirst Du nie ein Cheftyp. Cheftypen sind nicht unpopulär (gerade bei denen da unten)
- Lass Dich bei Gleichen nicht gehen, zeige Selbstkontrolle und kontrolliere (damit) andere. Anders in geschützten Bereichen: Familie, Frau, Untergebene, da kannst Du ruhig die Sau rauslassen. Aber perfekt bist Du erst, wenn Du auch da alles unter Kontrolle hast.
 
Im gesellschaftlichen Auftreten muss sich der Mittelschichtler geschmeidig verhalten

- Entwickle ein Gefühl dafür, wer Dir nützt und wer nicht. Entsprechend kannst Du andere gebrauchen, missbrauchen oder vergessen. Verhalte Dich selektiv!
- wenn Du öffentlich Einfluss gewinnen willst, „Führung“ übernehmen willst, muss Du die aktuelle Sprache sprechen, die richtigen Themen richtig artikulieren, die richtigen Versprechen abgeben. Derzeit etwa ist Grün angesagt, also „Nachhaltigkeit“ und Blablabla. Als Politiker musst Du ein guter Schauspieler sein, fähig zu Dramatisierungen, zu Erregung und Polarisierung, Arbeiten mit Ressentiments und Scheinbarem (100Wattlampen verbieten). Bloß nicht mit Analysen langweilen oder wirkliche Veränderungen fordern (ein CO2-Konto für jeden).
- Du musst zwischen öffentlichem und privatem Verhalten unterscheiden können. Extraklasse hat, wer da in einer Gruppe agieren kann, die dieses Spiel genauso beherrscht und mitspielt.
- Auf keinen Fall darfst Du Dich in der Öffentlichkeit als Extremist zeigen, das könnte Nachteile bringen. Radikale Gerechtigkeitsforderungen, unmittelbare Demokratie bringen nur Probleme. Etwas mitsingen im Hintergrund, wenn die Wogen hochgehen, kann aber nützlich sein. Mach Dich nicht unbeliebt! Die Lehrer in ihrem Umgang mit den Mobbern zeigen, wie es geht.
- Politisch solltest Du informiert sein, gesellschaftlich engagiert. Mach Dir Gedanken um die Armen, die Wohlfahrt aller, das Allgemeinwohl. Es kann Dir von Vorteil sein! Mach Dir Gedanken um die Zukunft unseres Volkes, unseres Planeten, unserer (=Deiner) Kinder! Unterscheide Dich von den Trägen, Desinteressierten, Apathischen und Gleichgültigen!

All diese Verhaltensweisen müssen auf einem stabilen und positiven Selbstbild beruhen. Man könnte es so beschreiben:

- Du fasst in Dir eine lange Tradition zusammen, die Deiner immer hochstrebenden Familie, der Kultur von den Pharaonen bis zum Abendland – Geschichtskenntnisse und fällige Auffrischungen sind immer gut; die Staufer, die Kelten, die Preußen usw.. Da wo die Tradition nicht ausreicht: Blick auf Deine eigene Leistung, oder lass auf sie blicken.
- Du bist kulturell überlegen, immer hochmoralisch (früher durch den Segen der Kirche, heute des Philosemitismus - Auschwitz, das waren die anderen, von den Schweinen in Deiner Herkunft sollst Du Dich lossprechen). Da wo die Moral nicht mehr ausreicht, kannst Du auch zynisch werden (die Gutmenschen usw.) Die Benutzung von Musik und Literatur, Kunst kann von Vorteil sein. Auch ein gewisser Schuss von Antibürgerlichkeit, Bohème.
- Du bist intelligenter als die anderen, vielleicht nicht wirklich intelligent. Lass Dir das von Deinen Lehrern beweisen. In irgendeiner Kleinigkeit weißt Du immer mehr als andere. Für Dein Selbstbewusstsein reicht das. Da wo die Kompetenz fehlt, ersetze sie durch selbstbewusstes Auftreten.
- Du sollst keine Zweifel an Dir selbst haben, bzw. gegebenenfalls sie nicht zeigen. Ganz genial ist es aber, Selbstzweifel zu zeigen und dabei doch souverän zu sein. Damit machst Du Dich zum Liebling der Masse, von denen die meisten an sich selber zweifeln.
- Du kannst fehlendes Selbstbewusstsein aber auch kompensieren, wenn Du die Fehler bei anderen ausmachst, wenn Du Dir die Schuld anderer aufrechnest. Prüf nicht Dich, sondern andere. Du musst das Spiel der Projektion beherrschen lernen, sonst versackst Du in Depressionen.
- Ein wichtiges Mittel der Selbstinszenierung ist der richtige Konsum von Kleidung, Auto, Essen, Urlaub. Hochwertig, langwertig, „nachhaltig“ soll es sein, nicht aufdringlich, aber bei den Wissenden doch effektvoll. Es macht Dich innerlich zufrieden und gleichzeitig bei anderen geachtet - natürlich bei denen, die Dir wichtig sein könnten.

Was zeichnet demgegenüber die Unterschicht aus? Ich skizziere das hier nur grob so: Ängstlichkeit und Apathie, es genau nehmen, mangelndes Selbstbewusstsein, Selbstzweifel, Ausweichen vor öffentlichen Jobs, Bequemlichkeit, sich füttern lassen, träumen, Ersatzwelten, Abhängigkeiten von bestimmten Personen, Lehrern, Ärzten, Ehepartner, Kollegen - einen Hang ins Vertraute, Abtauchen, Untertauchen



Es gibt nun zwei Modelle des Aufsteigers, sich als aufsteigender Unterschichtler demgegenüber zu verhalten:

- Versuch sich zu integrieren, mitmachen, sich die Symbole der Elite erwerben, sich es gut gehen lassen und konsumieren, Geld verdienen, Status pflegen, sich abgrenzen nach unten – gibt es da doch viele Rechnungen Anfeindungen zu kompensieren. Ein Großteil der heutigen Mittelschicht ist ja erst frisch aufgestiegen und hat ein spezielles Bewusstsein von seiner eigene Kraft, Überlegenheit, hat die Verwundungen, Beschämungen vergessen, fügt sie jetzt anderen zu. Konsequenz davon ist ein dümmliches, egoistisches Sozialverhalten oder (unbewusste) Schuldgefühlen, Selbstunzufriedenheit, von Ängsten bestimmtes Verhalten

- Aufstiegsverweigerung, Pflegen der Werte unten, Solidarität mit denen da unten, Unfähigkeit oder Unwille, sich private Vorteile herauszuholen, sich für das Wohl seiner Herkunftsklasse einzusetzen, sich gegen ungerechte Verhältnisse zu engagieren.

Aber es nicht möglich, im Milieu zu bleiben. Man kann mitmachen, wird aber nicht mehr wirklich dazugehören. Es wäre auch nicht sinnvoll. Die Begrenztheit des Milieus ist zu offensichtlich. Die Mittelschicht- und Oberschichtkultur hat ihre überzeugenden Seiten, - die freilich auf ihren klassenbildenden Charakter hinterfragt werden müssen. So ist etwa die historische Arbeiterbewegung mit ihrem Sozialismus auch ein bürgerliches Produkt, man schaue sich Marx, Engels, Lasalle, Liebknecht, Luxemburg an. Allgemein und politisch zu denken, ist eine bürgerliche Stärke, aber versagt und wird gewaltsam im Konkreten.

Andererseits hat das Unterschichtenmilieu seine Schwächen: die Apathie, der Konkretizismus des Konsums, der eingeengte Horizont des privaten Überlebens, die Neigung zum Ressentiment anstelle von Handeln usw.

Ich halte einen individuellen Aufstieg im Glücksfalle für möglich. Dann, wenn jemand in seine gehobene Position ein Bewusstsein von der Ungerechtigkeit der Verhältnisse einbringt, wenn er das Demokratiedefizit sieht und dergleichen guten Dinge mehr. Ich bezweifle allerdings, dass derselbe dann, wenn er dies vernehmbar äußert, dann nicht scheitert.
 
Was tun?
Für jemand, der in die bürgerliche Bildungsmühle geraten ist, ist es m. E. unmöglich wieder zu seinem Herkunftsmilieu zurückzukehren. Die Familie hat sich schon von ihm/ihr verabschiedet, Er partizipiert nicht mehr an ihrem Leben, teilt nicht ihre Erfahrungen, die sie in Lehre, in ihrer Schule machen, teilt nicht ihre Freunde, ihre Welt.
Auf der anderen Seite ist der Aufgestiegene oben nicht wirklich angekommen.
Ich etwa habe im Laufe meiner Pubertät moderne und klassische Musik entdeckt, die Literatur des Expressionismus, die Kritik an Gesellschaft, Politik und Religion – Bereiche, die für mich wichtig, für meine Eltern und ehemaligen Freunde aus dem „Milieu“ aber unverständlich und nicht kommunizierbar waren. Ich bewegte mich in einem einsamen Zwischenbereich.

Eine Möglichkeit darauf zu reagieren - sieht man von leidvolleren Varianten ab - ist, sich seiner Lage bewusst zu werden, sein Problem zu definieren und zu beschreiben, nach den Ursachen des Problems zu suchen. Etwa die Situation soziologisch zu begreifen, historisch, politisch und so weiter.
Ich selber habe es als ein Gerechtigkeitsproblem gesehen. Als ein Fehlen gemeinsamer demokratischer Strukturen, mangelnder Bildungsgerechtigkeit, nicht gerechtfertigter Vorteile der Ober- und Mittelschicht, Verdummung und Verblödung der Menschen, ihr Ausschluss von Kultur und Bildung, Degradierung durch die Arbeit. Damit habe ich in gewisser Weise meinen Blickwinkel auf die Menschen meiner Herkunft projiziert. Meine Ausgeschlossenheit auf sie, meine Erfahrung ihrer Begrenztheit und Schwierigkeiten zu kommunizieren als ihre Erfahrung interpretiert, vielleicht fehlinterpretiert.

Vielleicht war es ganz anders. Was ich etwa mit den Menschen meiner Herkunft redete, kam ihnen wohl fremd vor. Aber ich war ihnen fremd, sie empfanden es nicht als ihr Defizit, sondern als meines; anders sein zu wollen als sie. (Was ja nicht mein Wille war, sondern anders gar nicht mehr möglich war).
Zwar sahen sie ihre eigene Lage wohl in der Regel in gewissen Beziehungen als benachteiligt an, aber es war nur ein Aspekt. Daneben gibt es noch wichtigere und interessantere Dinge, erreichbarere Ziele und Werte in ihrem Leben.
 
Wie auch immer. Ich habe aus meinen Erfahrungen die Schlussfolgerung gezogen, mich für eine gerechte Bildung einzusetzen. Also eine Bildung, die der „Unterschicht“ die nötigen Qualifikationen und den Gebrauch ihrer Rechte vermittelt und die klassenbildende Funktion der Schule auflöst. Kurz: Selbstbestimmung und Polytechnik. Das schien eine Zeitlang eine mögliche Reform zu sein, ist aber dann bald durch den Einfluss der konservativen, elitären Elternschaft und die Integrationsbereitschaft der korrupten „bildungswilligen“ Mittelschicht gestorben.
Ich habe unter den Lehrern kaum welche gefunden, die ein gleiches Anliegen wie ich hatten. Vielmehr ließen sie sich In der Regel auf das Spiel ein, ein „guter Lehrer“ zu sein – was an den Verhältnissen nichts ändert. Deswegen habe ich diese Perspektive dann nicht weiterverfolgt und aufgegeben.
Was mir blieb, war der Frage nachzugehen, wie diese Gesellschaft weiter funktioniert, wo sie ihre Grenzen hat, nach attraktivere Alternativen zu suchen, die Perspektive anderer Menschen und Positionen auszuprobieren, etwa durch Arbeit in der Industrie, im handwerklichen Bereich, im von der Mittelschicht bestimmten Pflegebereich. Erfolgreich war ich nicht, zu Veränderungen konnte ich nicht beitragen, bestenfalls mit Kritik auf das Defizite gegenüber dem aufmerksam machen, was eigentlich zu tun wäre.

Bin ich weiter als meine Eltern, die damals immer nach unseren Diskussionen gesagt haben: „Du magst zwar Recht haben, aber man kann daran nichts ändern“?
Nicht ganz. Ich musste zwar gezwungenermaßen mitmachen, um nötiges Geld zu verdienen, aber habe es auf ein Minimum beschränkt. Mit ökonomischen Verhalten habe ich mich über Wasser gehalten. Ich habe mich dabei auf keine Funktion (Beruf, Job, Partei usw.) reduzieren lassen und habe mich dazu autonom verhalten. Ich habe Ansprüche für ein anderes Leben entwickelt und bin deswegen nicht gezwungen bei jedem politischen Blödsinn mitzumachen, den aufgeregten Aktionen der Bürgerlichen, den chancenlosen Bewegungen. Ich brauche mich nicht zu engagieren, wenn nicht die Mindeststandards von Demokratie und Gerechtigkeit erfüllt sind.
Letztlich kann oder müsste ich zwar die Bedingungen einer besseren Gesellschaft definieren, aber kann eine mögliche künftige Barbarei nicht verhindern.

Mein Elend, außerhalb der Gesellschaft zu sein, ist weder mein Verdienst, noch meine Schuld, es ist einfach objektive Notwendigkeit.

Freitag, 29. Oktober 2010

„Blut, Schweiß und Fastfood“

War eine interessante englische Dokusoap bei Zdf-Neo. Ein bisschen dick ins wirkliche Leben gegriffen. Da die englischen Tussies, wie wir sie von den Soaps kennen – immer gut gestylt, falsche Wimpern, Frisuren die Stunden brauchen, ständig wechselnde Kleidung, zimperlich elitäres Gehabe. Die Boys verschiedener Natur, bis auf den Anarcho, der so gerne Hühnchen isst, aber bemüht. Star natürlich der Bauernsohn, jetzt sicher reif für eine Schauspielerkarriere. – Und auf der anderen Seite das Leben von Wanderarbeitern, der ekelerregende Gestank, Dreck, Schufterei, Moskitos usw.
Manches war sicher gestellt. Der Wechsel vom Schlafen draußen ins Viersternehotel zu unvermittelt, die Möglichkeit auszusteigen zu drastisch. Aber wenn wir von einem Fernsehkanal zu einem anderen zappen, oder manche schnell nach Asien fliegen, ist das schon Realität.
Natürlich fehlt den jungen Engländern – bis auf den Bauernsohn - der langsame Einstieg, fehlen die Voraussetzungen, dort zu überleben. Deswegen ist es letztlich doch bei einer Sicht von außen geblieben.

Am Schluss bleibt der Respekt vor der Leistung, dem Leben und der Arbeit der Thais. Aber Respekt ist nur eine Vor-Vorform von Ahnung, von Einfühlung, von Erkenntnis, von Mitmenschlichkeit und Partizipieren. Das Wort „Respekt“ wird zum Ergebnis der Sendungen. Aber „Respekt“ kippt leicht in Mitleid um. Die Kehrseite des Mitleids ist aber die Verachtung.
Deswegen sehe ich solche Versuche, so sehr sie doch etwas Realität nahebringen, mit einem zwiespältigen Gefühl. Denn die Innenansicht der Thais sieht doch etwas anders aus. Da sind sicher die Tränen, die aufkommen, wenn eine Thaifrau diese hübschen Weißen aus dem Paradies sieht, wenn in ihr ein Bewusstsein ihrer (relativen) Verdammnis aufsteigen mag. Da sind aber auch die thailändischen Kollegen, die die jungen Engländer mit ihrem Stolz im Schatten stehen lassen und ihnen zeigen, wie man richtig arbeitet.
Für wirkliche Erfahrungen – das weiß jeder, der irgendwo in exotischen Bereichen eingestiegen ist – braucht es viel Zeit. Und man wird dann nach Jahren erst merken, wie wenig man weiß.
 
Ein anderes Gefühl, das bleibt, ist das der Ohnmacht. Was lässt sich tun? Sollen wir jetzt auf Thunfisch, Reis, T-Shirts verzichten und die Menschen dort arbeitslos machen? Ein Protest hier wird in Thailand oder Indien nichts verändern. Es sind ähnliche Strukturen wie hier: eine brutal verdienende Oberschicht, die das Volk enteignet hat, die Konkurrenz auf dem Weltmarkt, die einen Wettbewerb der Verarmung auslöst. Wenn wir das T-Shirt bei Adidas statt bei Aldi kaufen, ändert sich am Einkommen der Arbeiter dort nichts, auch nicht Parolen, GuteAbsichtsErklärungen, Caritas.
 
Eine nur regionale Wirtschaft als Alternative zum Weltmarkt? Oder keine Handelsbeziehungen zu Ländern, in denen nicht ein Mindeststandard von Gerechtigkeit herrscht?

Mittwoch, 27. Oktober 2010

MITTELSCHICHT

Im SWR-Forum gab es eine interessante Diskussion:
"Warum ist die Mitte der Gesellschaft so begehrt?"
Das bürgerliche Idyll, Gesprächsleitung: Dietrich Brants, SWR2 Forum vom 15.10.2010 Es diskutieren: Jens Bisky - Redakteur der "Süddeutschen Zeitung", Prof. Dr. Herfried Münkler - Politikwissenschaftler, HU Berlin, Dr. Gustav Seibt - Journalist und Historiker
 
Es kommt dabei zu interessanten Definitionen der Mittelschicht:
- gesellschaftlich engagiert, von Politik, Sozialarbeit bis Rockveranstaltungen,
- dynamisch: konkurrenzorientiert, aufstiegs- und individuumsorientiert,
- nicht statisch, will vorwärtskommen, zukunftsorientiert Neuerungen aufgeschlossen, wichtig Wohl ihrer Kinder
- daher: Sparen, Vermögen, finanzielle Sicherheit –
- aber zugleich damit zusammenhängend zu Ängsten neigend
- Ängste vor etwa: Inflation, Ausländer, Unterschicht, sozialer Abstieg, globale Konkurrenz
 
Es fehlen bei diesen mehr deskriptiven Definitionen:
- die gesellschaftliche Vermittlungsfunktion zwischen Unten und Oben, Reich und Arm, Macht/Ohnmacht, Befehlenden-Ausführenden, Planung - Handlung, Kohäsion und Lokomotion. (Zu Lokomotion und Kohäsion etwa: http://newsletter.resource-people.de/0502/management.php) Die Herrschenden (ursprünglich brutale, dann „legitimierte“ Gewalt) schaffen Notlagen: Terror, Angst, Hunger, das Fehlen der Produktionsmittel, Ausschluss und Ächtung) – die Mittelschichten pazifizieren.
- das Ziel der Systemerhaltung: in den Führungsfunktionen von Kohäsion und Lokomotion. Diese Funktionen entstehen spontan in Gruppen und sind unterschiedlich verteilt. Kommen sie nicht zum Ausdruck, fehlt eine der beiden, bricht die Gruppe zusammen, ein System, eine Gesellschaft auseinander.
Es wäre falsch, das für die Mittelschicht typische Konkurrenzverhalten nur als asozial, egoistisch oder autistisch zu denunzieren, denn Konkurrenz kann nur in Bezug auf die Anerkennung durch eine dritte Instanz erfolgen: die Liebe der Eltern, der Preis auf dem Markt, gesellschaftliche Beachtung und Anerkennung.
In diesem Sine setzt sich die Mittelschicht nicht gegen die Gesellschaft durch, sondern mit ihrer Hilfe. So wie Hitler seine Demagogie gebraucht hat, um an die Macht zu kommen, physische Gewalt zuerst eine zweitrangige Rolle gespielt hat.
(Wie Lokomotion und Kohäsion zusammengehen: http://www.youtube.com/watch?v=C5OoQadZTPk&feature=related )

Andere Frage: wie verhalten sich Mittelschicht und Arbeiterklasse? Ist die statisch, hat sie sie sich auf ihre exekutive, nicht kommunikative, asoziale Funktion eingeigelt? Oder ist sie nicht auch an den Werten der Mittelschicht orientiert? Sicherheit, Wohlstand, Machtpartizipation? Hat sie eigene Gedanken, Bewusstsein, einen Brain, eigene Intelligenz? Eigene Ziele, Themen, Parolen, Szenen, Symbole? (Gibt es sie überhaupt noch?) (Abgesehen von der Frage: Hat sie noch eine Zukunft? Ist Intelligenz nicht per se Mittelschicht? Trägt in sich Herrschaft?)

Samstag, 9. Oktober 2010

BÜRGERBEWEGUNG gegen S21

Es ist schwierig zu erkennen, was die Bewegung gegen Stuttgart 21 zusammenhält.
Geht es gegen das Geldausgeben? Das wäre eine schwäbische (Un)Tugend, nicht mehr. Oder soll das Geld irgendwo anders investiert werden, - etwa in Bildung? Aber Bildung hat nur sekundär etwas mit Geld zu tun. Und Bildung hat nichts zu tun mit einer Menge hochbezahlter Beamten, sondern ist ein Abrücken von Konsum und Produktion, Selbstreflexion statt Aktivismus, der Profit bringt.
Oder geht es um eine Entschleunigung? Das Argument habe ich öffentlich nie gehört. 26 Minuten mehr oder weniger – das ist kein Argument dafür oder dagegen.
Ohnehin, nehme ich an, gehört die Mehrheit der protestierenden Klientel zu denen, die Auto etc. benutzen.
Gegen die CDU und ihren Modernisierungskurs? Den tobt sie aus in: Industrialisierung, Landwirtschaft und Flurbereinigung, Rationalisierung im Bildungswesen, Verkehrsinfrastruktur. Manche mögen das Christliche daran nicht erkennen, aber das ist doch genau Christentum; das individuelle Heil vor das von Gesellschaft und Natur zu setzen. Andere vermissen das Konservative – aber das „survivial of the fittest“, der individuelle Egoismus, „Subsidiarität“ genannt, das ist doch echter Konservatismus.
Was ich als Motiv erkennen kann, ist ein gewisser Romantizismus: alte Bäume, Käfer, eine Bahnhofsfassade mit einem naturtümelnden Charakter – so wie sich die Kleinbürger manchmal ihren Besitz mit Natursteinen einfrieden, um ihrem Privateigentum einen ewigen Naturcharakter zu geben. Dieser Romantizismus hat aber nichts zu tun mit Energiesparen, Abkehr vom Auto, Gebrauch neuer Energiequellen, Konsumeinschränkung. Es sind die Wohlverdienenden und Gesicherten, die hier aktiv sind, nicht die, die sich der konkurrierenden Industrie verkaufen/müssen.
Schon gar nicht ist es eine Kritik am Parlamentarismus, der hier seinen demokratiefeindlichen technokratischen Charakter zeigt. Die Parteien erweisen sich hier einerseits als Organisationsformen von Demagogie in Verbindung mit Kapitalwachstum, andererseits bedienen sie sich opportunistisch des Protests. Was die Bürgerbewegung ganz und gar nicht im Auge hat, ist eine Demokratie gleichberechtigter und autonomer Produzenten.
 
Nicht dass es die Schuld dieser liberalen Bürger wäre. Was können sie dafür, dass die „Arbeiterklasse“ mit dem Kapital und seinem Modernisierungswahn verkuppelt ist und von deren Seite keine Alternative mehr zu erwarten ist? Der „Politik“ nur die Möglichkeit geblieben ist, dem immer mehr aufgeblähten Kapitalismus Schattierungen von Wohlfahrt abzuzwingen?

Immerhin ein Unbehagen an der kapitalistischen Technokratie, ein bisschen Naturerhalt, ein bisschen Zoo in der Stadt.
 
Ist es wirklich richtig, dass ich mich hier so abfällig über diese Schicht äußere? Sind das nicht die einzigen und letzten, die gegen die Verblödung durch CDU, Kirche und Kapital ankämpfen, mit Freiheitssensibilität und Widerwillen gegen die herrschenden Technokraten, die ihre „Demokratie“ seit Mappus wieder mit der überlebten Klientel der Spießbürger verbinden wollen?

Weil aber hinter dem individuellen Freiheitsdrang nicht das Prinzip der Autonomie aller sondern der private Vorteil, das alte Konkurrenzprinzip steht, ist von dieser Bewegung keine Veränderung zu erwarten. Leider.