Sonntag, 30. Juni 2013

USA und Europa/Deutschland



Die neu bekanntgewordenen Geheimdienstaktionen der USA gegen Europa und insbesondere Deutschland zeigen das Misstrauen, den Argwohn der US-Amerikaner. Woher kommt dieses Misstrauen? Ich nehme als Beweggründe an:

- der deutsche Faschismus ist nicht durch Öffentlichkeit, Diskussion der Ideen und Demokratie beseitigt worden, sondern durch militärische Gewalt. Zwar haben die Faschisten ihren Gegnern diese Gewalt aufgezwungen, doch war die Bereitschaft da, diese Legitimation undiskutiert zu übernehmen. (Man sieht es hier in Europa bei Frankreich und Großbritannien, wie sie ihre Kinder erziehen, in ihrer Bereitschaft zu Kriegen.) Das Misstrauen ist Misstrauen in Demokratie.

- Der deutsche Staat ist durch Militärregierung, Reeducation, Gelder usw. von den USA aufgebaut worden. Es war kein demokratischer Vorgang, dem Volk blieb keine andere Wahl. Deswegen sehen die Amis in den Deutschen immer noch potentielle Kriegsgegner

- Daraus hat sich eine Arroganz der Macht entwickelt, die andere Nationen grundsätzlich verachtet, seien es asiatische oder europäische. Die Arroganz der Macht ergibt sich auch aus den machtbasierten Strukturen innerhalb der USA. Was zählt sind: Gewalt, militärische Überlegenheit, ökonomische Vormacht, die Ausbeutung der Schwächeren. Die Plutokratie, kaschiert mit liberalen Parolen, ist das Paradigma der Gesellschaft und hat die Moral der amerikanischen Nation erst korrumpiert, dann zerstört.

Wie gefährlich ist Big Brother USA? Was bis jetzt bekannt wurde, zeigen zwar die Bereitschaft zur Illegalität, illegale Praktiken, aber noch keine schweren Verbrechen wie systematischen Völkermord, systematische politische Kontrolle. Es bewegt sich auf Stasiniveau – Guantanamo hat allerdings die Stasi schon weit übertroffen.
Man sollte differenzieren: Es gibt einerseits die gespeicherten Daten, andererseits ihre Aufarbeitung. Die Möglichkeiten der Aufarbeitung werden unterschätzt. Es gibt genügend Fachleute, die zu jedem Dienst bereit sind; Hauptsache, es ist eine Herausorderung für ihre Intelligenz. Genauso wie imponierende Such- und Rasterfunktionen entwickelt wurden, wird es noch viele Entwicklungsmöglichkeiten im Bereich der politischen Überwachung und Ausschaltung geben. Das Gas ist zwar schon produziert, aber die Fahrpläne für die Eisenbahntransporte sind noch nicht ausgearbeitet.
Diese Entwicklung wird nicht von bösartigen Menschen betrieben werden, sondern von banalen Technokraten, deren perverse Fantasien und wahren Motive nur noch in irrationalen Alpträumen durchbrechen.

Der Souverän USA ist noch gutmütig, solange wir ihn nicht materiell angreifen. Jetzt ist er hauptsächlich mit Terroristen und ihrem Fantom beschäftigt, aber was, wenn wir ihn mit unserem „Demokratismus“, „Anarchismus“ oder „Kommunismus“ so nerven, dass er gereizt zuzuschlagen anfängt und uns zerdrückt wie eine lästige Fliege? Zuerst tötet er nicht physisch, er ruiniert nur Existenzen, verunmöglicht Entwicklungen, denunziert mit dem Material, was er von jedem Menschen hat, aber einmal bedroht, seine Macht zu verlieren, kann er jederzeit zuschlagen. Verbündete hier hat er ja genug.

Das wäre doch, was die Bundestagswahl angeht, die letzte Chance für „Die Linke“: Die USA in ihr Schranken zu verweisen, eine Neuformulierung dessen, was demokratisch ist.

Mittwoch, 26. Juni 2013

Freunde von Prism und Tempora in Deutschland

Mir blieb der Mund offen, als ich hörte, wie Marcus Pindur im DLF erklärte: Snowden hat gegen Recht verstoßen, Prism ist gesetzmäßig, er hätte sich mit seinen Beschwerden an den Kongress - diesen Club der Millionäre - wenden können usw. usf. Dass er nun Zuflucht in Staaten suchen muss, die in ihrer Menschenrechtspraxis fragwürdig sind, wird ihm angelastet, statt zugeben zu müssen, wie universell der Zugriff der USA ist und wie wenig resistent und autonom die sogenannten demokratischen Rechtsstaaten in Europa sind. Ein Schande, dass Snowden hier kein sicheres Asyl erwarten kann.
Schon wie die USA die Medienszene hier beherrscht, ist erschreckend. Sie haben sich in der Nachkriegszeit über Springer, Rias, SFB, Stipendiaten ein Netzwerk ausgebaut, das noch heute in ihren Interessen aktiv ist.
Pindur, ein typischer Fall: Fulbrightstipendium, Studium der Amerikanistik und Judaistik. Er argumentiert typisch amerikanisch rechtspositivistisch: Recht ist, was als Gesetz erlassen wurde. Carl Schmitt hätte seine Freude gehabt; Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet. Kein Wunder, dass sich die USA - souverän! - internationalem Recht verweigert.
Aber legal ist nicht legitim, und legitim ist noch lange nicht unbedingt Recht. Das deutsche Rechtsystem ist zwar opportunistisch und durch seine Herkunftsklasse determiniert, aber wenigstens hat es einen Rechtsbegriff, der sich an die Anpassung an die jeweilig Herrschenden verweigern kann. Die Souveränität muß sich dort begrenzen, wo sie die Rechte anderer verletzt.

Zu den Freunden der USA und ihren Ermächtigungsgesetze gehören auch die anderen Korrespondenten der ARD in Washington und Moskaukorrespondent Horst Kläuser. Ihr Job ist Sympathiewerbung für die USA zu betreiben, alte Vorurteile zu bestätigen. Weil sich ihr Journalismus gegen die Aufdeckungen von Snowden als Nullnummer erweist, reagieren sie so kopflos.



Samstag, 22. Juni 2013

„Weltfaschismus“ – geht es nicht eine Nummer kleiner?



Wenn ich zu einer solchen Definition gegriffen habe, dann zunächst aus Wut darüber, dass die USA, diese Kollektiv von geistig Beschränkten und asozialen Weltausbeutern, sich anmaßen den Rest der Welt kontrollieren zu dürfen. Aber im Nachhinein überlegt, gibt es da doch einige Differenzen zum Faschismus, wie er etwa hier in Deutschland sich gezeigt hat.

- Faschismus will Gemeinschaft und Einverständnis durch Feinderklärungen bilden. Rasse, Nation sind Begriffe, mit denen die Klassengegensätze verschleiert werden sollen. Dazu bedarf es eines enormen propagandistischen Aufwands einer aggressiven Polemik.
Zwar gibt es diese vorurteilhafte Feinderklärungen auch in den USA - Islam, Hussein, Assad und die Chemiewaffen, Al Kaida als begriffslose Mörderbande, die europäischen Zauderer als Sozialisten, Russland als Diktatur - aber genauso stark ist die positiven Selbstdarstellung: das Land der Freiheit (der Schusswaffen, der Reichen, eine der höchsten Gefangenenrate der Welt), der Wohlfahrt (wo über 20% von Foodstamps leben, wo die öffentliche Infrastruktur Dritteweltniveau hat), der martialischen Unverwundbarkeit (wo so viele Menschen ermordet werden wie kaum anderswo.)
Es gibt in den USA keinen Appell an ein Kollektiv, denn dieser Appell würde die "Balance" zwischen Reichen und Rest in Frage stellen. Die Reichen haben das Heft, die Medien, die Abgeordneten, die Justiz in der Hand, ohne sich auf populistische Bewegungen stützen zu müssen. Man mag in der Erlaubnis, Obama wählen zu dürfen, ein populistisches Zugeständnis sehen, aber Obama war nur ein Köder für die mehr und mehr nichtweiße Community. Gerade als Aufsteiger hat er seine Bereitschaft gezeigt, sich den wahrhaft Herrschenden unterzuordnen. Da ist kein Platz für Demokratie, Gleichheit und Gerechtigkeit. Schon die Wahlbeteiligung zeigt das Gefühl in Wahlen nichts bewirken zu können.
Dominant im Denken der USA und ihrer Satelliten ist der Individualismus: Ich muss aus mir selbst das Beste machen. Das ist offizielle Ideologie. Aber die an der Macht sind, kennen die wahre Realität und sie wissen, dass man sich der anderen bedienen, sie manipulieren, korrumpieren und kontrollieren muss, um das Beste für sich herauszuholen.

Der alte Faschismus hat eine Umwertung aller Werte gebraucht, um sich an die Macht zu bringen. Der im Sozialdarwinismus erfolgte Rekurs auf eine "Natur" hat Massenmord erlaubt, dem "Kollektiv", also der faschistischen Elite, die Aufopferung des individuellen Vorteils vorgeschrieben.
Das ist noch vollkommen anders in den USA. Töten und töten lassen ja, aber nicht Getötetwerden - dafür sind andere Nationen zuständig. Während der alte Faschismus immer wieder in die Irrationalität des selbstlosen Massenerlebnis trieb ("Wollt ihr den totalen Krieg ..."), herrscht in den USA das individuelle Kalkül: was verdien ich, wie kann ich Karriere machen, welchen Vorteil habe ich von der Sache. Der kaugummikauende GI ist zwar täuschbar, korrumpierbar, ein skrupelloser Idiot, aber er hält Distanz zu politischen Parolen, glaubt an keine Ideale. Er bleibt cool.
Man könnte sagen: das Idee des Opfers steht der Idee der Dienstleistung gegenüber. Dienstleistung nicht wie Merkels Parole: "Ich will dienen" ..., sondern als begrenzte Dienstleistung für die Herrschenden, die eine entsprechende Bezahlung verlangt - kapitalistischer Warentausch.
Auf Grund dieser Dienstleistungsstruktur ist es für den Außenstehenden auch relativ schwierig, hier die Herrschenden zu erkennen. Der Geheimdienst, für wen arbeitet er genau? Zunächst will er nur wissen, alles wissen. Dann gibt er seine Informationen an die Politiker weiter. Was wollen die? Sie wollen gewählt werden, gute Umfragewerte, nicht in die Schusslinie der Opposition geraten, nationale Sicherheit usw. Jedes System hat seine eigene Logik. Und doch haben die verschiedenen Untersysteme einen gemeinsamen Charakter: das ist die technokratische Logik der Systemerhaltung über die Selbsterhaltung. Folgendermaßen denkt ein solcher Technokrat: ich verdiene mein Geld dadurch, dass ich gute Arbeit für meinen Chef mache. Der Chef gehorcht den Imperativen der Meinungsindustrie, die wiederum im Besitz der privilegierten Plutokratie ist. - Feinde dieser Technokratie ist: das kollektive Wohl, Gleichheit, Gerechtigkeit.

Während schließlich der alte Faschismus offen, laut und schreierisch war in seinen Attacken gegen seine Feinde, wirkt der Machtapparat der USA vorwiegend klandestin durch Geheimdienst, durch Diplomatie, durch politischen Deal und Erpressung. Da ist nicht die Waffen-SS, die mit Stiefeln marschiert, da eingreift, wo alles verloren ist, sondern da sind die verschiedenen Geheimdienste, die Söldner rekrutieren, fremde Truppen trainieren und ausstatten, - da sind Gelder, die fließen.
Der alte Faschismus hat das Volk gebraucht, die Machtmaschine der USA bedient sich bestimmter Individuen, weiß, dass es nicht auf alle ankommt, sondern dass sie unterschiedlich wichtig sind für ihre Zwecke. Dafür braucht es keine Ideologie: der materielle Vorteil reicht, "Evolution" als Rechtfertigung gegen die Gleichheit. Ansprechbar darauf ist die neue gebildete Mittelschicht, die sich als Elite und Repräsentante der "Demokratie" fühlen darf. Ihre Werte sind individuelle Leistung, die Erbschaft der Familie, sich repräsentieren mit Kultur, die Einheit von "Fortschritt" und "Tradition". Mit Hilfe der Medien darf sie Demokratie und Öffentlichkeit zelebrieren, aber trickreich die wahren demokratischen Defizite zudecken.

Ich fasse mal vorläufig zusammen: Faschismus - Machtmaschine USA

Ähnlichkeiten:

Feindschaftserklärungen, um die Klassengegensätze zu verschleiern

gesellschaftliche Abhängigkeitssysteme, Hierarchien

organisiertes Propaganda- und Mediensystem

Kriege, Töten, Foltern als politische Mittel

Die Unterschiede habe ich beschrieben. Vielleicht entwickelt sich ein Art von Technofaschismus: Informationskontrolle, High-Tech-Waffensysteme, soziopolitische Manipulation durch Medien und Einbindung gesellschaftlicher Gruppen. (Die passende Theorie könnte Carl Schmitt liefern).

Samstag, 15. Juni 2013

NSA - Chefs, Schmierige und Kleine Leute


Zunächst löst bei mir die Aufdeckung der universalen Überwachung durch die NSA durch Edward Snowden das Gefühl des ohnmächtigen Zorns aus. Vorher war dieses Vorgehen im Bereich der Vermutungen und übertrieben paranoiden Fantasien angesiedelt. Zwar streiten die Herrschenden in den USA einen totalitären Charakter ihres Vorgehens ab, aber gleichgültig ob "missbraucht" oder nicht, allein die technischen Möglichkeiten einer weltumfassenden Kontrolle und Manipulation der Politik durch diese Informationen geben der Befürchtung Recht, dass die Grundlagen für einen Weltfaschismus durch die amerikanische Plutokratie gelegt sind.

In diesem Prozess versammeln sich um die Herrschenden der USA alle jene, die sich immer um die Macht, Vormacht und Übermacht scharen, die machtgierigen Opportunisten, die ihren Anteil an der Kontrolle anderer Menschen haben wollen, die kleinen Sadisten, die kleinen Bösartigen, die von der Projektion ihrer kriminellen Fantasien auf andere und schwächere Menschen leben - hier in Deutschland etwa der Innenminister, der Chef der Polizeigewerkschaft und alle, die den USA jetzt zujubeln.

Dagegen die Kleinen Leute, die ihre Ohnmacht spüren, sie aber verdrängen, indem sie sich ihre kleinen freien Bereiche verschaffen, den Konflikten aus dem Wege gehen, ihr privates Refugium schaffen, mit dem Dreck der Herrschenden nichts zu tun haben wollen, die Propagandamedien abschalten, trotzdem aber gerade dadurch ausgebeutet werden, mit Scheinthemen beschäftigt, in die Unterwerfung durch Konkurrenz gedrängt.

Snowden hat in einem kleinen Blitz die wahre Lage der Welt offenbart. es ist zu befürchten, dass wir erst im Aufbaustadium des Weltfaschismus sind.

Sonntag, 2. Juni 2013

Mittelschicht gegen Billigkultur

Greenpeace fordert teureres Fleisch als Mittel für Umweltschutz, gegen Überdüngung und wohl auch Methanausstoß – die Berichte darüber sind leider üblich unpräzise.

Billiges Fleisch ist in der Regel Schweinefleisch in Schweinefarmen produziert, die möglichst mit billigsten Ressourcen produzieren. Zwar ist die Produktion futuristisch unheimlich, bedrückend unmenschlich, aber die Tiere brauchen die Menschen nicht. Im Vergleich zu früheren Zeiten geht es den Schweinen unvergleichlich besser, doch für eine „artgerechte“ Haltung, was immer das auch sein möge, fehlt wohl noch einiges. – Ökoschweinefleisch ist kaum zu erhalten.
Üblicherweise wird ökologisch erzeugt nur Rindfleisch angeboten – kostet naturgemäß durch längere Aufzuchtzeit und schlechterer Futterverwertung zwei bis dreimal soviel wie Schweinefleisch. Neben der mehrfachen Menge an nötigem Futter und dem ökologisch katastrophalen Methanausstoß – mehr in Ökobetrieben als in Massenrindviehfarmen – wäre es sinnvoller, statt gegen billiges Fleisch zu kämpfen, die Rindviehhaltung einzuschränken. Zu deren Produkt gehören übrigens nicht nur Fleisch, sondern auch Milch und davon erzeugte Produkte.

Aber Greenpeace scheint es ja nicht um Umwelt wirklich zu gehen, sondern darum, sich als moralisch usw. überlegene Schicht gegenüber der Armutskultur („Geiz“ etc.) der Schichten unter ihr abzugrenzen.

Das Gleiche ließ sich nach dem Einsturz der Textilfabrik in Bangladesch erkennen. Medienmotto: Billigprodukte sind schuld an miserablen Arbeitsbedingungen. Wer teuer einkauft, der sorgt für faire Bezahlung. Das wird bis zum Erbrechen wiederholt - obwohl jeder wissen müsste, dass der Lohnanteil absolut nicht größer wird, relativ sogar noch kleiner wird bei den maßlos teuren Markenprodukten von Adidas und Co.
Ein gutes Beispiel die unbedingt notwendigen Laufschuhe für Jogger, die heute so um die 180 Euro vom „Fachhandel“ verkauft werden. Mal wird die Dämpfung propagiert, ein paar Jahre das Gegenteil. Über Supponierer und Überpronierer wird gefachsimpelt, obwohl es de facto bedeutungslos ist. So bedeutungslos wie der Unterschied von rechts- und linksdrehenden Milchsäuren. Aber mit Nonsens und der Hypochondrie lässt sich Geschäft machen. Dabei ist nachgewiesen, dass die aufwändige Produktion dieser Speziallaufschuhe ökologisch destruktiver als die Massenproduktion von gleichwertigen Billigprodukten ist.
Aber die Mittelschicht hat immer schon geglaubt, dass wenn sie mehr bezahlt auch dadurch selber mehr wert ist.

Dummheit kostet mehr Geld, gut – aber welche Frechheit, dass die Mittelschicht im Besitz der Medien unser Gehirn damit vollmüllen kann.

Sonntag, 12. Mai 2013

Wo geht’s zum Sozialismus?



Das Plädoyer Lafontaines für die Rückkehr zu flexiblen Wechselkursen zwischen den Eurostaaten hat sicher viele wichtige Argumente für sich: die Ungleichheit der Lohn- und Sozialbedingungen, die Exportüberschüsse Deutschlands auf der Basis von Billigjobs usw.
- aber es bleibt in einem marktwirtschaftlichen Diskurs gefangen. Teils aus einer keynesianischen Fixierung heraus, teils aus einem rhetorischen Opportunismus, aus dem heraus auch Wagenknecht ihre sich an Erhard anschmiegende Argumentation entfaltet.

Warum nicht Alternativen fordern? Die Partei Die Linke hat außer irrelevanten Machtbeteiligungen – dort von der SPD als Steigbügelhalter benutzt - nichts zu verlieren.
Warum nicht etwa fordern, dass die EZB ihre Gelder nicht an die privaten Banken verschenkt – von denen zur Spekulation an den Börsen missbraucht - , sondern an Projekte vergibt, die an drei Bedingungen geknüpft sind:
- Arbeitsplätze zu schaffen außerhalb der Rüstungsindustrie
- Arbeitsplätze, die ökologisch nachhaltige Produkte produzieren
- Arbeitsplätze, die sozialen und demokratischen Mindestanforderungen entsprechen..-

Warum nicht?

Montag, 18. März 2013

Der neue Papst



Warum von Interesse?

Mit 18 bin ich aus der Kirche ausgetreten. Es hat mich viel Arbeit gekostet, meine katholische Vergangenheit aufzuarbeiten und zu überwinden. Warum? Weil die katholische Religion die großen Themen des menschlichen Lebens behandelt: Tod, persönliche Bestimmung, Schuld, Sühne und Vergebung, das gute und moralisch verantwortbare Leben. Diese Probleme werden nicht dadurch gelöst, dass alles auf Materielles reduziert wird und der Rest zum „Scheinproblem“ erklärt wird wie im gängigen Positivismus.
Andererseits sind diese Themen in einem Zirkel der katholischen Lebenswelt selbst erzeugt und in ihrem Sinne gelöst. Da ist die Pflege und Kultur der Angst, der Drohung, der absolut zerstörerischen Macht, der Schläge, der physischen Gewalt, des sozialen Ausschluss und der Verdammung, die Idealisierung des Leidens, der Unterdrückung und als Lösung dafür die Unterwerfung unter die katholischen Rituale, die Beichte, die Buße, das Gebet und das Opfer, der Glaube wider die Vernunft.
Es ist der kirchliche Klerus und ihre Hierarchie, die diese in den kindlichen Seelen geweckten und geformten Ängste und Schuldgefühle benutzen. Sie können das auch deswegen, weil außerhalb der Kirche ein Umgang mit den Themen kaum rational stattfindet und wenn, dann in einer eher verdrängenden, individualisierenden und befriedenden Form.

Kirche und Macht
Die Vorwürfe, Bergoglio hätte die Militärdiktatur Argentiniens unterstützt, mögen nicht klar nachweisbar sein. Was aber klar ist, ist die Nähe der katholischen Kirche zu den Mördern. Ein Priester hat sogar gefoltert und gemordet – er ist von Bergoglio nicht seines Amtes enthoben worden. Bergoglio wusste zwar vielleicht nicht von allen 30 000 Ermordeten, aber er wusste von einigen und hat nicht klar Stellung genommen. Noch heute wird er von den Anhängern der Diktatur unterstützt. Unübersehbar ist auch seine Distanz zur Demokratie. Dass Menschen ohne Bezug auf irgendwelche religiöse Texte ihre eigenen Interessen formulieren, scheint ihm fremd zu sein.
Die beiden Priester, die er im Kampf gegen den Marxismus aus den Slums zurückgerufen und nach ihrer Weigerung aus dem Orden entlassen hat, hat er objektiv an die Militärdiktatur verraten. – Er wäre nicht der erst Verräter als Papst, aber im Gegensatz zu Petrus kennt man von ihm nicht: „und er weinte bitterlich“. Man hört nur vage Apologien. Sich Fragen dazu stellen zu lassen, hält er nicht für notwendig. Er hat sich ja nur Gott selber zu verantworten.
Die Macht bedarf zur Rechtfertigung, dass sie die Menschen zwingt und ihnen Gewalt antut, immer der Konstruktion des Bösen. Darin ist die Kirche führend mit ihrem Sündenregister, dem Glauben an den Teufel. Kein Wunder, dass der neue Papst sofort die Alternative (katholischer) Gott oder Teufel beschwört. Die homosexuelle Ehe ist auch nur ein Werk des Teufels. Der Rekurs auf die Vernunft ist ihm ungewohnt.
Seine Erscheinung, das eingezogene Kinn, das Ausweichen vor Begegnungen, die er nicht unter Kontrolle hat, spricht für einen unfreien Menschen. Darunter leide auch ich, aber ich will es nicht zum Dogma machen, es ist ein Leiden, vielleicht ein Charakterfehler, nicht mehr.

Kirche und Sexualität
Bergoglio ist der klassische Klerikale. Verliebtheit als große Verwirrung, der er mit der Hinwendung zu Zölibat entkommt, Sex als Sünde und das Zölibat als Erlösung und Opfer an den Herrn, die Angst vor Freiheit, Körper und Autonomie. Die klassische Spaltung der Frau in Hure und Mutter, Maria und Hexe, - der eigene Körper in seinem Verlangen als sündhafte Versuchung. Die sich nicht von Frauen angezogen fühlen, haben mit dem Zölibat ohnehin kein Problem. Die Minderwertigkeit der Frau ist für die Klerikalen eine von Gott gegebene Sache; der Gott der vielgepriesenen Bibel und der Gesetze zieht die Männer vor.
Der Glaube an das Opfer, an Leiden und Verzicht will statt es zu überwinden ihm einen Sinn, dann sogar einen Vorrang geben, will der Realität entkommen und – die Grenze ist fließend – bestätigt so das Leiden.
Die zölibatäre Männlichkeit wird zur göttlichen Berufung und Auslese erklärt, statt darin einfach ein mitmenschliches Defizit oder ein seelisches Leiden oder eine lächerliche Selbstüberschätzung zu sehen.
Solange die katholische Kirche davon nicht abkommt, kann man sie nur als verschroben, lächerlich oder bemitleidenswert ansehen.

Der billige Platonismus Ratzingers wurde als „hochintelligent“ eingestuft, seine Verwendung von Begriffen wie „Positivismus“ und „Naturrecht“ galt bei den Idioten schon als „intellektuell“. Dabei hat Ratzinger in keiner Weise das Problem des Verhältnisses von Körper und Seele zu lösen versucht, er hat es nicht einmal thematisiert, obwohl die Sexskandale aller Art in der Kirche danach schreien.

Auch Bergoglio liegt auf dieser Linie. Er macht sich gegen Abtreibung stark, in irgendeiner Berufung auf die Natur, die er gleichzeitig unterdrücken will. Es ist nicht bekannt, dass er sich damals mit der gleichen Verve für die Opfer der Diktatur eingesetzt hat.

Der Kardinal der Armen
Ist kein solcher. Er liest in den Armenvierteln die Messe, er macht populäre Gesten, tut so, als ob er einer von ihnen wäre. Es ist eine gute Show. Wie für ihn üblich, äußert er sich in inszenierten symbolischen Gesten, die auf den Text der Bibel verweisen. Selbst wenn er den Reichtum der Kirche heute verschenken würde, wäre das schnell verfrühstückt und auf die Dauer nichts gewonnen. Armut und Reichtum bilden sich ständig in der Reproduktion durch die Arbeit. Da liegt der Hase im Pfeffer. Eine Veränderung wäre nur möglich durch eine demokratische Umstrukturierung von Arbeit, Bildung und Kapital, nicht durch Almosen, Benevolencia oder Caritas.
Der heilige Franziskus war sicher ein sympathischer Heiliger, aber er hat nie wirklich zu den Armen gehört und kann für die heutige Zeit schon gar kein Vorbild abgeben. Die Umstrukturierung der heutigen Gesellschaft in eine demokratische ist eine Herausforderung an eine soziale und technische Intelligenz, kein allein moralisches Problem und des guten Willens.


Die Koppelung von Armutsappell mit den anderen Botschaften; Abwertung von Sexualität, die Glorifizierung von Leiden, macht die Kirche weiterhin zu einer zutiefst antidemokratischen Institution.


Links:
Zur Rolle Bergoglios während der Militärdiktatur ein Interview mit dem Bruder Orlondo Yorio:
http://www.publico.es/internacional/452334/mi-hermano-fue-un-canje-entre-la-iglesia-y-la-dictadura

Über die Haltung zur Theologie der Befreiung:
http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2013/mar/19/war-on-pope-francis-modern-inquisition