Montag, 16. August 2010

Jesus mit starken Waden

Zumindest in dem Katholizismus, in dem ich aufgewachsen bin, wurde die Entindividualisierung ins Extrem getrieben. Man feierte nicht den Geburtstag, sondern den Namenstag: also das Glück, etwas mit einem Heiligen gemeinsam zu haben.
Als eine Tante beerdigt wurde, war von ihrem Leben keine Rede, nur dass sie eine gute Magd Gottes war.
Das oberste Gebot meines Vaters war der Gehorsam. Nicht gut sollte es einem gehen, sondern Ziel war das Seelenheil. Das erwarb man sich durch möglichst viele Opfer, Streitigkeiten mit angeblich weniger Frommen – dazu zählten natürlich fast alle, einschließlich seine Mutter und Geschwister. Beweis für den Opferernst waren zudem viel Arbeit und Krankheiten. Gesund leben zu wollen, wäre nur eine Form der Selbstverliebtheit gewesen.
Die harte Arbeit passte in diesen religiösen Opferkult. Auch die Schläge, die ich als Kind verabreicht bekam, waren für den schlagenden Vater keine Lust, sondern eine Zumutung meinerseits, die ihm anscheinend mehr wehtaten als mir.
Obwohl die katholische Kirche mit ihrer Gott-Mensch-Konstruktion von Jesus eigentlich eine wunderbare Vorlage hat, um das Menschliche mit dem Religiösen zu verbinden, war doch die magische Variante von Jesus bestimmend; Jesus der Wunderheiler, der große Gott, der Triumphator, das gnädige Opferlamm und dergleichen mehr. Da war keine Möglichkeit, sich mit ihm zu identifizieren. Ja, vielleicht gab es da als Möglichkeit nur: Demut, Unterwerfung, Gehorsam, Verehrung, Bewunderung, Beten, gnadenlosen Altruismus, der dann immer wieder in Hass auf Nichtreligiöse, Wenigerreligiöse, Andere umschlug. Da war auch kein Problem, dass in der von Hitler inszenierten Vaterlandsverteidigung Menschen „geopfert“, d.h. ermordet wurden. Ein eigenes Gewissen hatte Pius XII den Gläubigen ja nicht zugestanden, hat sie vielmehr davon befreit.
Um sich mit diesem fremden und fernen Jesus doch zu identifizieren, bringen manche Gläubige die seltsamsten Verrenkungen zustande, die perversen körperlichen Selbstgeißelungen, die Stigmata.

Nur eine Geschichte ist als merkwürdige in mir hängengeblieben. Ein Pfarrer redete in einer Predigt von Jesus, wie er kräftige Beine gehabt haben müsse, weil er doch soviel in Palästina zu Fuß gewandert sei. Das war ein Anknüpfungspunkt für mich. Denn auch wir mussten viel wandern. Ein Sonntag mit 30 bis 40 km war nicht ungewöhnlich. Und ich frage mich heute, ob mein Wandern nicht eine Quelle aus dieser Identifikation bezieht.

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