Es ließe sich höhnen, dass sein Tod der Absturz eines bürgerlichen Individuums war. Der Zahnarztsohn, der die kindliche Illusion der Anständigkeit der Welt mit seiner künstlerischen Gesellschaftskritik aufrechterhalten will. Welchen Sinn soll es haben, Kohl zu attackieren, diesen machtbesessenen und asozialen Fettkloß – die Frasenhaftigkeit und Oberflächlichkeit des bürgerlichen Kulturbetriebs? Wie soll das möglich sein, ohne auf sozialrevolutionäre Alternativen zurückzugreifen, andere als private Menschlichkeit und Anständigkeit einzelner Individuen, die eigentlich nur nett sein wollen? Und ohne dabei belangloses Element der Unterhaltungsindustrie zu werden, hier eben als nettes Enfant terrible.
Als der Tod eines netten Bekannten ist sein Sterben rezensiert worden, teilnahmsvoll, sympathisierend. Da war kein politischer Widerhaken, nichts, was weh tun könnte. Als Hinterlassenschaft blieb manches zum Drüberreden, das romantische Afrikaprojekt, aber ohne seine Egomanie von niemand anderem getragen, schon gar nicht von Afrikanern.
Einem Tod kann man nicht entkommen. Ob ein Mensch „seinen“ Tod hat, bezweifle ich. Nicht dass es eine großartige Wahl gibt, aber unausweichlich? Schlingensief hat sein Sterben, egoman und darin ehrlich, öffentlich inszeniert. Diese öffentliche Inszenierung hat die Tendenz immer wieder ins Theatralische umzukippen. „Theatralisch“ heißt: nachgespielt, unecht, egozentrisch. Das passiert jedem Menschen, sobald er nur den Mund aufmacht, ein Wort schreibt.
Der Deutung, dass es sich bei seinem Leiden um Todessehnsucht handelt, ist er ambivalent gegenübergestanden. Warum ist er auf diese Dimension nicht eingegangen, warum hat er in sich diese destruktiven Teile nicht wahrgenommen, gefühlt? Stattdessen von Verantwortung geredet und den Arzt gewechselt, von Angst geredet, als wäre sie durch Fremdes von Außen bedingt? Warum hat er diesen Gesundheits- und Überlebenswahn mit Therapie und Religiosität weitergelebt? Warum hat er so wenig zur Erforschung des Inneren des Menschen beigetragen und es mit Theatralik übertüncht?
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen