Donnerstag, 26. August 2010

Sarrazin - WARUM SICH AUFREGEN?

Da ist ein Problem, die Zuwanderung von 7 Millionen in den letzten 20 Jahren, Zuwanderung während einer hohen Arbeitslosigkeit. Es hat die Gesellschaft in einer nicht begriffenen Art und Weise verändert, die Differenzierung vorangetrieben, die Mittelschicht neu strukturiert und stark gemacht, den Neoliberalismus gestärkt, die Arbeiterbewegung paralysiert. Ausländer treten mehr und mehr als Vertreter eines Kollektivs auf: nicht nur sie sind ein Schema für uns, auch wir für sie. Wenn wir mit ihnen sprechen, nehmen wir zunächst unsere und ihre Andersartigkeit wahr. Es fehlt die Identifikation, das Fremde ist mehr als das Gemeinsame und Identische, die Zugehörigkeit und Angehörigkeit. – Soweit die sozialpsychologische Seite, angedeutet die politische.

Was nicht geht, ist, das Problem einfach zu ignorieren und es dem vorzuwerfen, der darüber spricht. Deswegen ist das Verhalten der Morallinken, des linken Mittelstands so schwach. Sarrazin ist offensichtlich ein Idiot, trotzdem wird sein Buch zum Bestseller.

Mit der Vokabel „Rassismus“ kommt man nicht weiter
 
So war es auch schon mit seiner Armutsaufforderung von damals. Eingeschränkt leben wäre ok, aber er sollte sich daran selbst halten. Bei ihm ist es eine aggressive, verletzen wollende Haltung.

Ich denke, dass wir nur dann menschlich handeln, wenn wir so leben, dass alle auf dem gleichen Niveau leben können.
Das bedeutet etwa ein Energieverbrauch mit nicht mehr als 1 bis 2 to CO2 - Ausstoß pro Person und Jahr.

Großverdiener und Großverbraucher wie Sarrazin sind asoziale Heuchler, verstehen aber das Geschäft, Ressentiments gegen die da unten am Köcheln zu halten. Sie brauchen das von ihnen immer wieder gezeichnete Bild von der Unterschicht, um sich selber in ihren Funktionen als Lehrer, Sozialarbeiter, Politiker, Volksführer und Volksverräter, Medienschwätzer usw. bestätigen zu können. Immerhin weist die Hetze von Sarrazin eine gewisse Ehrlichkeit auf, im Gegensatz zu seinen Kritikern aus der Mittelschicht, die alles tun, sich von ihm verbal zwar abzugrenzen, aber materiell noch mehr von der von ihnen „verteidigten“ Unterschicht.

Mittwoch, 25. August 2010

BARCELONA - UN-HABITAT

Ich lese

Der frühere Bürgermeister von Barcelona, Joan Clos, soll neuer Chef des UN-Programms für menschliche Siedlungen (UN-HABITAT) werden. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki Moon, nominierte den 61-jährigen Spanier am Montag für den Posten, wie eine Sprecherin in New York mitteilte. Die UN-Vollversammlung muss der Personalie noch zustimmen. Das vierjährige Mandat beginnt am 18. Oktober.(hier).

Barcelona also ein Modell für die Welt? Überall höre ich nur bewundernde Berichte über Barcelona. Eine zeitlang galt Barcelona als Traum der Linken und manche haben statt Castillan Katalan gelernt.
Gut, die Stadt hat ihren Reiz. Rentnergruppen in Parks. Vielleicht noch Cafes, Bars.

Aber dann ein einziger Alptraum: Autos, Autos, Plattenbauten x-mal schlimmer als im Osten, die Stadt als Konzentrationslager. Übersichtliche endlose Straßen, ideal für den imperialen Blick, Kartätschen und Verkehrsfluss. Fassaden und dahinter Öde. Kulturelle, sportliche Großereignisse für Jetset und Massen, die Massenerlebnisse suchen.
 
Die Berufung von Joan Clos zeigt das gegenwärtige Menschheitsideal: grandioses Ambiente an Stelle von menschlichen Lebensverhältnissen, es ist wie Letzte Ölung statt wirksamer Medizin.

Dienstag, 24. August 2010

SCHLINGENSIEF

Es ließe sich höhnen, dass sein Tod der Absturz eines bürgerlichen Individuums war. Der Zahnarztsohn, der die kindliche Illusion der Anständigkeit der Welt mit seiner künstlerischen Gesellschaftskritik aufrechterhalten will. Welchen Sinn soll es haben, Kohl zu attackieren, diesen machtbesessenen und asozialen Fettkloß – die Frasenhaftigkeit und Oberflächlichkeit des bürgerlichen Kulturbetriebs? Wie soll das möglich sein, ohne auf sozialrevolutionäre Alternativen zurückzugreifen, andere als private Menschlichkeit und Anständigkeit einzelner Individuen, die eigentlich nur nett sein wollen? Und ohne dabei belangloses Element der Unterhaltungsindustrie zu werden, hier eben als nettes Enfant terrible.

Als der Tod eines netten Bekannten ist sein Sterben rezensiert worden, teilnahmsvoll, sympathisierend. Da war kein politischer Widerhaken, nichts, was weh tun könnte. Als Hinterlassenschaft blieb manches zum Drüberreden, das romantische Afrikaprojekt, aber ohne seine Egomanie von niemand anderem getragen, schon gar nicht von Afrikanern.

Einem Tod kann man nicht entkommen. Ob ein Mensch „seinen“ Tod hat, bezweifle ich. Nicht dass es eine großartige Wahl gibt, aber unausweichlich? Schlingensief hat sein Sterben, egoman und darin ehrlich, öffentlich inszeniert. Diese öffentliche Inszenierung hat die Tendenz immer wieder ins Theatralische umzukippen. „Theatralisch“ heißt: nachgespielt, unecht, egozentrisch. Das passiert jedem Menschen, sobald er nur den Mund aufmacht, ein Wort schreibt.

Der Deutung, dass es sich bei seinem Leiden um Todessehnsucht handelt, ist er ambivalent gegenübergestanden. Warum ist er auf diese Dimension nicht eingegangen, warum hat er in sich diese destruktiven Teile nicht wahrgenommen, gefühlt? Stattdessen von Verantwortung geredet und den Arzt gewechselt, von Angst geredet, als wäre sie durch Fremdes von Außen bedingt? Warum hat er diesen Gesundheits- und Überlebenswahn mit Therapie und Religiosität weitergelebt? Warum hat er so wenig zur Erforschung des Inneren des Menschen beigetragen und es mit Theatralik übertüncht?

CINEMA JENIN

Immer wieder startet die öffentlich-rechtliche Propagandamaschine neue Kampagnen. Derzeit sind es die Hilfeaufrufe für Pakistan. Einige Zeit davor war es Jubel für das „Cinema Jenin“. Vorgestern dazu noch ein Jubelbeitrag in Moors ttt. Die medial herrschende Schicht will, dass sie nicht mehr mit den Verbrechen der Nazis in Verbindung gebracht wird. Dafür soll Geld für „Kulturarbeit“ bei den Palästinensern helfen, Israels Unrechtstaat zu stabilisieren. Ist doch nichts so schön, wie Träumen und die Realität vergessen im Kino. Wir Deutschen sind das ja gewohnt. Viele haben sich im Krieg die Schinken der Nazipropaganda reingezogen, viele - und wenn ich müde und fertig bin auch ich -, sitzen heute vor der Kiste und lassen sich von irgendeiner Story ablenken.

Dieses Rezept soll auch in Palästina helfen und die Gedemütigten, Rausgeworfenen und Unterworfenen ihre Geschichte vergessen lassen. Friede soll sein. Die Palästinenser sollen für die Deutschen büßen und ihre Rolle brav mitspielen. Dann wird von Versöhnung gefaselt. Gleichzeitig wird unter der Regie der Amerikaner ein Theater von Friedensverhandlungen inszeniert, in dem nach denen von Oslo neue Lügen vorgeführt werden.

Krieg ist für die Palästinenser keine Option. Bis sie die technischen Voraussetzungen hätten – ich rede jetzt in der zynischen Sprache der Israelfreunde -, den Krieg genauso „effizient“ wie Israel zu führen - Verhältnis der Toten von 1:10 oder 1:100 oder wie beim letzten Gazakrieg 1:150 - würde es vielleicht noch ewig dauern. Eine würdevolle Lösung ist unter gegebenen Verhältnissen nicht möglich. Aber eine weniger würdelose – und das wäre der Boykott dieses „Friedenkinos“.

Donnerstag, 19. August 2010

BILDUNGSGUTSCHEIN

Der HartzIV-Satz reicht für Kinder nicht aus. Ob mehr Geld die Situation verbessert, lässt sich diskutieren. Von mir aus Gutscheine, besser als nichts.

Aber Gutschein oder Bildungschip, was ist inhaltlich dahinter? Einmal ist es keine garantierte Leistung. Sie hängt ab von Sponsoren, Haushaltslage etc. Der eine bekommt das, der andere dies. Abgesehen davon, dass es zu Streit führt, - wer wird über die Verteilung entscheiden?

Eine Ahnung, um welcher Art von Entscheidern es sich handelt, lässt sich aus den Diskussionen in den Medien heraushören. Auch die angepeilten Inhalte verraten es: Bildung, das ist Nachhilfe, das ist Musikschule, das ist Sportverein…

Zur Nachhilfe: ein Großteil der zu Fördernden kommt aus dem Migrationsmilieu. Es ist sinnlos, aus ihnen nun fleißig eifrige, gute Deutsche machen zu wollen, möglichst Facharbeiter, die in 10 oder 20 Jahren gesucht werden. Zunächst muss der kulturelle Identitätskonflikt begriffen werden, in den sie geraten, wenn sie sich in deutsche Institutionen begeben. Ihr Selbstverständnis muss thematisiert und formuliert werden, die Kinder müssen ihre Problematik reflektieren und ausdrücken lernen, die Frage beantworten können, was sie wollen und nicht wollen. Ob sie das deutsche asoziale Konkurrenzverhalten übernehmen oder die Solidaritätsstrukturen ihrer Herkunftsfamilie nicht in Frage stellen, oder einen Kompromiss finden wollen.
Hört man die Integrationsexperten, mit ihren Vorschlägen frühkindlicher Erziehung etc., hört man daraus das alte faschistische Modell vom formbaren und dem System nützlichen Menschen.

Sport und Musik wird als soziokulturelles Bildungsinstrument gepriesen. Aber aus der Erfahrung mit meinen Kindern kann ich das nur als Unsinn ansehen. Die Sportvereine sind überhaupt nicht in der Lage, Kinder zu integrieren. In der Regel geht es nur um Teilnahme an Wettbewerben. Es wird Leistungsdruck aufgebaut, mit den Kindern wird nicht gesprochen, es gibt keine Gemeinschaft und keine Solidarität. Die Trainer sind asoziale Idioten, die mit anderen Menschen nur in einer aggressiven und nichtintegrativen Weise umgehen. - Ein Turnverein wollte aus meinem Sohn einen Turner machen. Die Trainingszeiten wuchsen ins Maßlose, ständige Wettbewerbe, Fahrten im ganzen Land, es war nur noch ein Horror.
Musik ist von der gleichen Konkurrenzidee geplagt. Das Ideal der Musiklehrer ist der ehrgeizige Schüler, der eine Solokarriere im Auge hat. Ein Instrument zu beherrschen ist schön und gut, lohnt die dafür erforderlichen Mühen, aber das Kernziel sollte das von Lehrern unabhängige Spiel in Gruppen, Ensembles, Bands, Orchestern sein, die Förderung von musikalischem Ausdruck in einem sozialen Rahmen und nicht die musikalische Karriere bürgerlichen Individuen, wie es die Musikschulen mit ihren Wettbewerben idealisieren.

Mit dem Bildungschip wird also heftig Wind gemacht, die Probleme darunter werden verleugnet oder ignoriert, die Mittelschicht wird mit ihren konkurrenzorientierten Betreuungsdienstleistungen ein gutes Geschäft machen. Von Demokratie und Autonomie als tragenden Werten, kann keine Rede sein.

Montag, 16. August 2010

Jesus mit starken Waden

Zumindest in dem Katholizismus, in dem ich aufgewachsen bin, wurde die Entindividualisierung ins Extrem getrieben. Man feierte nicht den Geburtstag, sondern den Namenstag: also das Glück, etwas mit einem Heiligen gemeinsam zu haben.
Als eine Tante beerdigt wurde, war von ihrem Leben keine Rede, nur dass sie eine gute Magd Gottes war.
Das oberste Gebot meines Vaters war der Gehorsam. Nicht gut sollte es einem gehen, sondern Ziel war das Seelenheil. Das erwarb man sich durch möglichst viele Opfer, Streitigkeiten mit angeblich weniger Frommen – dazu zählten natürlich fast alle, einschließlich seine Mutter und Geschwister. Beweis für den Opferernst waren zudem viel Arbeit und Krankheiten. Gesund leben zu wollen, wäre nur eine Form der Selbstverliebtheit gewesen.
Die harte Arbeit passte in diesen religiösen Opferkult. Auch die Schläge, die ich als Kind verabreicht bekam, waren für den schlagenden Vater keine Lust, sondern eine Zumutung meinerseits, die ihm anscheinend mehr wehtaten als mir.
Obwohl die katholische Kirche mit ihrer Gott-Mensch-Konstruktion von Jesus eigentlich eine wunderbare Vorlage hat, um das Menschliche mit dem Religiösen zu verbinden, war doch die magische Variante von Jesus bestimmend; Jesus der Wunderheiler, der große Gott, der Triumphator, das gnädige Opferlamm und dergleichen mehr. Da war keine Möglichkeit, sich mit ihm zu identifizieren. Ja, vielleicht gab es da als Möglichkeit nur: Demut, Unterwerfung, Gehorsam, Verehrung, Bewunderung, Beten, gnadenlosen Altruismus, der dann immer wieder in Hass auf Nichtreligiöse, Wenigerreligiöse, Andere umschlug. Da war auch kein Problem, dass in der von Hitler inszenierten Vaterlandsverteidigung Menschen „geopfert“, d.h. ermordet wurden. Ein eigenes Gewissen hatte Pius XII den Gläubigen ja nicht zugestanden, hat sie vielmehr davon befreit.
Um sich mit diesem fremden und fernen Jesus doch zu identifizieren, bringen manche Gläubige die seltsamsten Verrenkungen zustande, die perversen körperlichen Selbstgeißelungen, die Stigmata.

Nur eine Geschichte ist als merkwürdige in mir hängengeblieben. Ein Pfarrer redete in einer Predigt von Jesus, wie er kräftige Beine gehabt haben müsse, weil er doch soviel in Palästina zu Fuß gewandert sei. Das war ein Anknüpfungspunkt für mich. Denn auch wir mussten viel wandern. Ein Sonntag mit 30 bis 40 km war nicht ungewöhnlich. Und ich frage mich heute, ob mein Wandern nicht eine Quelle aus dieser Identifikation bezieht.

Sonntag, 15. August 2010

Ein “Linker” im Porsche

Ich weiß nicht. Geht das? Einerseits erscheint mir Ernst oft unnötig arrogant, zu Feindschaften neigend auch da, wo es nicht nötig wäre, sicher schwierig im Umgang, meinetwegen Macho, zur Selbstisolation tendierend, andererseits braucht ein solcher Mensch seine Erlebnisse von Triumph und Arroganz, leicht ausdrückbar durch einen roten Porsche. Also psychologisch irgendwie verstehbar.
Andererseits zeigt es doch ein dümmliches Bewusstsein von Ökologie und sozialer Gerechtigkeit. Das ist die alte Sozialdemokratie. Die Welt machbar und beliebig ausbeutbar. Vorteil für den, der an die Sache rankommt. Da ist die Arbeiterklasse der siamesische Zwilling der Kapitalistenklasse. Gestritten wird nur noch darüber, wie der Anteil am Verzehr der Produkte ist. Es geht um die Verteilungsfrage, nicht nach welchen Prioritäten die Produktion abläuft.
Schon bei Lafontaine war die Argumentation immer keynesianisch. Immerhin werden dabei die Klassenunterschiede thematisiert und rhetorisch ist Lafontaine imponierend. Die unverschämte Verve, mit der er von den Bürgerlichen gnadenlos und dümmlich angegriffen wird zwingt zu seiner Verteidigung und zu ihm zu stehen. Aber da ist kein Konzept der Demokratisierung der Produktionsverhältnisse, keine Konzeption zur ökologischen und sozialen Umstrukturierung. Es ist die Politik als Schaukampf, als öffentliches Theater, als öffentliche Handhabung von Argumenten und Medien. Kein Wunder, dass Lafontaine die Bildzeitung benutzt.
Aber braucht man nicht solche Figuren, um die Menschen nicht abzuschrecken, die zu erreichen, die etwa mein radikales Bewusstseinniveau nicht erreicht haben, die Sache nicht konsequent durchdacht haben? Um also überhaupt politische Wirkung in Opposition zu den Herrschenden zu aktivieren?



Ich glaube, man muss den Frust durchhalten, nicht an Erfolgen partizipieren zu können. Es lässt sich ja bei den Grünen beobachten, welche desaströsen und asozialen Kompromisse die Machtpartizipation einbringt.


Sieht man die menschliche Geschichte als gigantische Fehlkonstruktion, ist man in der Lage, das was an Qualitäten verlorengegangen ist, neu zu denken. Überhaupt zu denken, worauf der Mensch auch gerichtet ist, worauf er verzichten muss und was er unterdrücken muss.