Samstag, 7. Mai 2011

DER MANDELACLAN

Jeder, der sich für ANC und andere afrikanische Befreiungsbewegungen eingesetzt hat, kann sich daran nur mit Scham erinnern und sich fragen, wie es möglich war, solche Menschen unterstützt zu haben.
Ich lese, dass die Familie von Mandela und Zuma eine Goldmine aufgekauft haben – fragt sich mit welchem Geld. Seit dem werden die Arbeiter nicht mehr bezahlt, bekommen Carepakete zum Überleben. Die Gewerkschaft wird mit Geldern bestochen und bleibt inaktiv.
Link: http://www.bbc.co.uk/news/world-africa-13275704
Verwunderlich war damals bei den Brutalitäten Mugabes anlässlich der Wahlen in Zimbabwe, dass Mandela sich abringen ließ von „failed leadership“ zu sprechen. War das doch nicht „failed“ sondern erfolgreiche „leadership“. Anscheinend ist von einem Stammeshäuptlingabkömmling nur die Verherrlichung von Autorität und Leadership, aber keinesfalls Demokratie, Gerechtigkeit und Gleichheit zu erwarten.
Aber wenn einer schon wie Mandela an die Verantwortlichkeit von Leadern glaubt, dann er ist er auch für die Asozialität seiner Enkel verantwortlich.

Sonntag, 1. Mai 2011

BEDINGUNGSLOSES GRUNDEINKOMMEN

Die Forderung nach BGE hat zwei Seiten: auf der einen fordert sie Lebensrecht für Jeden unabhängig von seiner Stellung im kapitalistischen Konkurrenzkampf, auf der anderen verlangt sie den Ausbau des sozialen und fürsorglichen Kapitalismus, des „Sozialstaats“.
Es wird infolge der Deindustrialisierung Deutschlands und steigender Rationalisierung und Ökonomisierung der industriellen Produktion immer weniger Arbeit geben. Das macht auch die anwachsende Planung- und Verwaltungsarbeit nicht wett. Die Dienstleistungen sind abhängig vom produktiven Einkommen und sind daher nur abhängig davon ausbaubar. Der Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze führt zu einer Spirale nach unten: prekäre Beschäftigungen, Teilzeit usw.
Das BGE würde zwar die Konkurrenz abmildern, aber nicht den Zwang der kapitalistischen Ökonomie immer effektiver, lohnkostensparender zu produzieren. An der Entwicklung des Kapitalismus zur Ausbeutung aller Ressourcen und Zerstörung von nicht kapitalistisch durchorganisierten Bereichen, sei es Natur oder individuelle Spontaneität  - würde nichts geändert werden. Wer auf Politik hofft, wird sich täuschen, denn die steckt unter dem Primat von Arbeitsplätzen egal wie. Keynesianer wie die „Nachdenkseiten“ machen sich Illusionen, sie verstehen die Richtung des Kapitalismus nicht. Innerhalb dieses Systems gibt es keinen Primat der Politik.
Ein sozialfürsorglicher Kapitalismus ist die Illusion verwöhnter Mittelschichtkinder. Sie glauben an die Allmacht der Gedanken, der Worte und wissen nichts von der Anstrengung der Arbeit. Das wird doch von den ölangetriebenen Maschinen, den Gastarbeitern, den Arbeitern im Ausland gemacht.
BGE ist eine Forderung aus politischer Not. Der Konsumkapitalismus wird durch eine konsumistische Forderung getoppt. Aber jeder weiß, von Nichts kommt nichts.

Montag, 25. April 2011

„Marx reloaded“ - Warenfetisch

Die Finanzkrise hat alles wackeln lassen und die Nostalgiker glauben Marx wieder hervorholen zu können. Natürlich nur, um darüber zu schwätzen. Das Wiederkäuen der alten Sprüche.
Es ist aber unmöglich über Marxens Sätze zu reden, ohne die Geschichte, die sie hervorgebracht oder verunmöglicht haben zu bedenken.
Da ist etwa dieser Warenfetisch. Weil es so richtig niemand verstanden hat, was Marx eigentlich Skandalöses damit meint, glaubt jeder, sich seinen eigenen Reim darauf machen zu können. Am ulkigsten hier Bolz, der mit seiner Interpretation den Vogel abschießt: „spiritueller Mehrwert“, „fast“.  Andere mühen sich mit Marxzitaten.
Marx steht hier eindeutig in der Hegelschen Tradition. Dort ist die Geschichte eine der Begriffsbildung hin zur Vernunft, Wirken des Geistes. Dieser Geschichtsprozess vollzieht sich in der Vergegenständlichung, Außer sich setzen der Dinge, auch durch Arbeit – bei Hegel ist Arbeit dem Fortschreiten des Begriffs nicht unähnlich – und der Aneignung vom An Sich zum Für Sich und An und Für Sich. Der junge Marx handelt das noch als Entfremdung ab. Den arbeitenden Menschen tritt in der kapitalistischen Lohnarbeit ihr Produkt als selbständige Macht, als eigenes Ding entgegen, ihre eigene Subjektivität nimmt objektive Züge an und erzeugt ein falsches Bewusstsein. Die produzierten Dinge führen ihr Eigenleben und lassen ihre Produzenten nicht mehr erkennen.
Wie auch immer, Frage ist, ob der dann daraus folgende Verdinglichungsprozess derart schrecklich ist, dass die Menschen in die Krise getrieben werden und sich aus ihr dann revolutionär herausbewegen. Sicher bedingt der Warenfetisch falsches Bewusstsein, falsche Beziehungen, wo Menschen sich frei vorkommen, während sie in Wirklichkeit Funktionen des Kapitalverwertungsprozesses sind.
Aber warum hat sich diese Verdinglichung historisch durchgesetzt, angefangen von der Tauschwirtschaft der Griechen über die christliche Pflege des Privatlebens bis zur hochkapitalistischen Marktwirtschaft heute? Warum haben sie die feudalen Produktionsverhältnisse überwunden und abgelöst? Meine einfache These: weil die Verdinglichung der Warenform, „Warenfetisch“, die Versachlichung der sozialen Beziehungen in der Warenform den Individuen die Emanzipation aus repressiven sozialen Gemeinschaften ermöglicht. Damit wird diese Verdinglichung zur Voraussetzung und zum Motor der Individualisierung. Soziale Verhältnisse nehmen daneben selber verdinglichte Formen an: Lohnarbeit. Die Menschen organisieren sich in Wertgrößen, messen ihr Glück in Wertgrößen, motivieren sich mit diesen „Werten“, schätzen ihren Selbstwert damit und strukturieren ihre Beziehungen entlang der Wertlinien.
Was dabei untergeht ist schwieriger zu definieren, eben weil dem die relative Eindeutigkeit von Preisgrößen fehlt. Es ist individuelles Gefühl, Lust und Unlust, Anerkennung oder Verachtung. Diesen Kategorien fehlt die Eindeutigkeit und die scheinbare Objektivität der Wertgrößen und schon deswegen orientieren sich viele Menschen in ihrer Bewertung an den Kategorien des Warenfetischs. Komplexitätsreduktion würden´s andere nennen.
Was ist die Alternative zum Warenfetisch?
Es ließen sich nennen: Planwirtschaft, Kommunitarismus, Gemeinschaft, Familie, Nichtauschbeziehungen. Das Problem, das viele Menschen mit solchen Institutionen haben, ist, dass sie die Angst oder das Gefühl haben, darin ihre Freiheit zu verlieren. Man denke etwa an Diskussionsprozesse innerhalb der Linken, wo versucht wurde, basisdemokratische Prinzipien radikal auszuleben – oft in schwer erträglicher und langwieriger Weise. Meistens ist für Menschen aufgewachsen in bürgerlich dominierten Institutionen der Gedanke an Öffentlichkeit und öffentlicher Willensbildung eine Horrorvorstellung. Man denke an mobbende Klassengemeinschaften, autoritäre Lehrer, destruktive Beziehungen mit dominanzsüchtigen Menschen. Im Verhältnis dazu ist die Vorstellung seine Sache unter sogenannten „verdinglichten“ Verhältnissen, sei es Lohnarbeit oder Kauf von Dienstleistungen,  durchzuziehen eine angenehmere Vorstellung.
Was ich derzeit mache; Bau eines Passivhauses, Aufbau einer kleinen Landwirtschaft, gehört in diese Struktur. Eine ökologische und sozial gerechte Entwicklung wird es nicht geben, die kapitalistischen Strukturen werden sich ausweiten. Selbst wenn es Krisen gäbe, etwa wie die Finanzkrise, die Energiekrise, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit kapitalistischen Methoden gelöst wird, größer. Zwar gibt es ein diffuses linkes Bewusstsein, aber keine Voraussetzungen für eine revolutionäre Praxis. Zu diesen Voraussetzungen würde vor allem: Rücknahme der Arbeitsteilung, Reduktion des Konsums, eigene Produktivität, gleiche Bedingungen für alle und demokratische Willensbildungsprozesse ohne die Dominanz der heutigen Mittelschichtsinstitutionen gehören. Das ist nicht absehbar und deswegen bleibt mir nur eine Bewegungsform innerhalb der kapitalistischen Strukturen. Ohne Aussicht auf Veränderung.


Montag, 18. April 2011

Zur Kritik von Adornos Körperanalyse

In einer multidimensionalen Welt gibt es auch für die Moral keine eindeutigen Maßstäbe mehr. Der war für Adorno das Leiden. Das ließ sich von ihm implizit leicht auf körperliches Leiden pointieren. Oder es wird mindestens vom Leser so verstanden. Merkwürdigerweise ist bei Adorno wenig die Rede von der Erfahrung der Beschämung, Herabsetzung und Entwürdigung, viel aber von den Gewalttaten des Sports, der faschistischen Folterer. Aber auch nicht von der sinnlichen Erfahrung des Menschen auf ein physisches Maschinenteil. Es war ihm fremd. Er stand auf der anderen Seite.
Die Reduktion der moralischen Motivation auf Vermeidung von Leiden führt naturgemäß zu einer impliziten Fehlbewertung der körperlichen Arbeit als zu vermeidender. Selbst im Sport, ansiedelbar im Freizeitbereich und der individuellen Beliebigkeit, sieht er nur die kapitalistische Maschinerie am Werk.
In der Abwertung des Sports ist eine alte altruistische Moral enthalten, die Selbstlust, die Lust an dem Wirken des eigenen Körpers verbieten will. Diese altruistische Moral wirkt im Gefolge heteronomer autoritärer Traditionen, deren religiöser Ausdruck etwa das Christentum war. Gut ist nur die körperliche Lusterfahrung im Dienste des Anderen.
Es geht mir nicht um die Denunziation der altruistischen Moral, sondern um ihre Relativierung, Denn auch im Erlebnis von Lust und Unlust, Leiden und Glück des Körpers stehen wir als Personen einem Anderen, einer „Natur“ gegenüber, wie wir es gegenüber anderen der Gesellschaft, oder „Gott“ tun würden, wenn auch in einer anderen zwingenden und unmittelbareren Erfahrung. Denn das, was wir als unsere Natur interpretieren ist schon durch die gesellschaftlichen Begriffe und Erkenntnisse vorinterpretiert, damit eingeschränkt, bewertet, herausgehoben und verdrängt. Es gibt keine unmittelbare Erfahrung. Ein physischer Prozess geht nie unmittelbar in dessen Wahrnehmung und Interpretation durch den Wahrnehmenden und das Bewusstsein auf. (Gehirnforschung ignoriert diese erkenntniskritische Voraussetzung).
Historisch gesehen hat Arbeit einen Prozess der Entwertung durchgemacht. Herrschaft und Unterwerfung lassen sich leicht als Arbeitsvorgang beschreiben: jemand bückt sich, kniet nieder, leidet, führt aus. Der Arbeitende hat es oft mit der Schwerkraft zu tun. Er muss hochheben, sich nach unten bewegen. Er hat es zu tun mit Dreck und Erde. Er bewegt sich unten, den Blick nicht gerichtet in den blauen Himmel nach oben. Da wo der Geist, wo Gott, die Gedanken angesiedelt sind. Der Geist „schwebt über dem Wasser“. Die Polarität von Unten und Oben macht die Arbeitsbewegung aus. Man spricht von Höherentwicklung und niemand will nach unten gehen. Das ist der Ort des Todes, die Unterwelt. Andererseits war eine der typischsten Ausbeutungsarbeiten die unter der Erde. Da wo auch die Hölle angesiedelt wurde. Die Himmelfahrt geht aber wieder nach oben.
Diese Polarität ist religiös überformt worden.
Wäre es aber nicht eine gegenüber der menschlichen Natur gewaltsame Beschönigung der Arbeit, diese Polarität von Unten und Oben, diese uralte kulturelle Dimension jetzt einfach anders zu interpretieren und umzuwerten?
Es geht mir aber nicht um das simple Lob der körperlichen Mühen und Leiden. Sicher ist, das in körperlicher Arbeit mehr lustvolle Erfahrung enthalten ist als gesellschaftlich wohlangesehen ist. Sicher gibt es auch eine Verquirlung körperlicher Aktivität mit Masochismus – wir können uns eben nicht so einfach aus unseren historisch gewachsenen Voraussetzungen lösen. – Mir geht es bei der Einbeziehung der körperlichen Arbeit in die Emanzipation der Arbeiterklasse um deren Rekonstruktion als autonome und sinnvolle Äußerung des Menschen.
Das bedeutet, dass der Herrschaftsanteil in Arbeit wahrgenommen und sie durch die Hereinnahme der Kopfarbeit wieder autonom wird. Historisch hat eine Enteignung der Kopfarbeit stattgefunden; sie wurde aus dem körperlich Arbeitenden herausgenommen und unabhängig von ihm fortentwickelt.
Es kann dabei nicht um ein Utopia gehen, sondern einen Prozess der größtmöglichsten Aneignung der Kopfarbeit durch den Handarbeiter. Wesentliche Elemente dabei die Vergesellschaftung und Nationalisierung der energetischen Prozesse, Begrenzung der Globalisierung, betriebliche Demokratisierung, technikadäquate Ausbildung.


Freitag, 8. April 2011

Eine neue Einschätzung der körperlichen Arbeit?

Meine These vom letzten Eintrag lässt sich so zusammenfassen:

Die Linke hat Befreiung der Arbeit als Thema nicht ernstgenommen. Statt dessen war ihr implizites Ziel die Befreiung von Arbeit. Dem sollte Technik und Wissenschaft dienen. Da die Arbeiterbewegung repräsentiert wurde von der in die Mittelschicht aufstrebenden Intelligenz förderte diese einen negativen Begriff körperlicher Arbeit und selbst da, wo sie wie im Stalinismus anscheinend verherrlicht wurde, diente dies der Kontrolle der Arbeit durch die Intelligenz aus bürgerlichem Milieu.
Im Kapitalismus und den mit ihm konkurrierenden Systemen gilt eine Priorität der Kopfarbeit. Es führt in der Verflechtung mit dem Profitprinzip auch zu einer Differenzierung, einer immer weiter gehenden Arbeitsteilung in der Gesellschaft - und verhindert in gleichem Maße eine Autonomie der Arbeit und Arbeiterklasse.
Ist es möglich, diesen schon lange vor sich gehende Prozess rückgängig zu machen, oder so umzugestalten, dass diese wachsende Trennung von Kopf- und Handarbeit aufgehoben und Arbeit wieder demokratisch und autonom strukturiert werden kann?
Bei mir ist das eine politische Forderung, Grundbedingung für jede gesellschaftlich zu fördernde Veränderung. Aber gibt es in der gesellschaftlichen Entwicklung Tendenzen, Krisen, Konflikte, die in diese Richtung drängen?


Gesellschaft befasst sich permanent mit dem Körper. Es ist ein alles durchziehendes Thema - angefangen von Themen der Gesundheit, von Sex, von Sport, von Physikalismus bis hinein in die Philosophie und Interpretation von Geschichte und Existenz - aber in gleichem Maße wie der Körper als Thema auftaucht, verschwindet die körperliche Arbeit, wird zum Unthema, zu etwas, was zu vermeiden ist, was der Dritten Welt übertragen wird, dem Öl, der Atomkraft, früher den Tieren.
Es gibt in der Geschichte des Abendlands eine Flucht aus der verfluchten Arbeit in eine virtuellen Welt, in der sich alles im Kopf abspielen will. Wissenschaft und Technik haben da die Religion nur fortgesetzt.

Es wäre falsch, dieser historischen Tendenz deswegen zu widerstehen, weil sie Traditionen oder einer angeblichen Natur des Menschen widerspricht, weil es diese Natur vielleicht nicht gibt, weil es immer nur vorübergehende Balancen oder Gleichgewichte zwischen unterschiedlichen Bedürfnissen usw. gibt. Durch sich verändernde historische Bedingungen, wie jetzt bei der Erschöpfung der Erdölreserven, verändert sich diese Balance.

Eine nicht nur esoterische Analyse muss also einmal die sich abzeichnenden Krisentendenzen der Intelligenzentwicklung analysieren und hinterfragen, ob sie gesellschaftliche Veränderungen grundsätzlich notwendig machen, zum anderen muss gefragt werden, wie die körperliche Natur des Menschen unter diesem Primat der Intelligenz sich verhält.

Samstag, 5. März 2011

KÖRPERLICHE ARBEIT


Nach einigen Wochen härtester körperlicher Arbeit frage ich mich, warum körperliche Arbeit so verpönt ist. Auf der einen Seite quälen sich Menschen in Fitnessstudios, joggen, fahren Rad usw., auf der anderen Seite sitzen andere stundenlang vor dem Fernseher und fressen sich voll. Die Welt ist voller Merkwürdigkeiten und Widersprüche. Der bürgerliche Marx, der an Verstopfung und Furunkeln am Gesäß litt - Spuren harten Sitzens in der Bibliothek – lieferte einen Traum einer von körperlichen Arbeit befreiten Welt von Automaten, in der die Menschen dann ihre Zeit mit Hobbys verbringen: Fischen, Viehzucht, Kritisieren, Jagen

Marx: "Wie mit der Entwicklung der großen Industrie die Basis, auf der sie ruht, Aneignung fremder Arbeitszeit, aufhört, den Reichtum auszumachen oder zu schaffen, so hört mit ihr die unmittelbare Arbeit auf, als solche Basis der Produktion zu sein, indem sie nach der einen Seite hin in mehr überwachende und regulierende Tätigkeit verwandelt wird; dann aber auch, weil das Produkt aufhört, Produkt der vereinzelten unmittelbaren Arbeit zu sein, und vielmehr die Kombination der gesellschaftlichen Tätigkeit als der Produzent erscheint."
In: [605] http://www.wildcat-www.de/dossiers/empire/maschinenfragment.pdf


Woher kommt die niedrige Bewertung körperlicher Arbeit gegenüber der Kopfarbeit?
---- Gleichzeitig aber immer eine Idealisierung des Körpers (bei den Griechen, den Kelten, den Sportlern, den Filmen, der Gesundheitskultur)?
Leiden wird als Gewalt gegen den eigenen Körper und als Unlust per se definiert, etwas, was Schmerzen verursacht, was (historisch) zu beseitigen ist. Der Siegeszug der Maschine und des Öls liefert einen Beweis. Dumm und ein Spinner, wer sich mit eigener Kraft bewegt, es sei denn es hätte sportlichen Wettkampfgewinn oder Gesundheitswert. „Ökonomische“ Begründungen werden vielleicht gerade noch zugelassen.


Als ich mich „abgeplagt“ habe – wie es andere nennen würden – wollte ich dabei auch meine Stärke und Kraft gegenüber dem Baggerfahrer beweisen. („Wir haben die Kraft“, lautet die CDU-Phrase auf den Wahlplakaten). Also das hatte Wettkampfwert. Im Wettkampf, in der Konkurrenz darf man sich wiederum „quälen“.


Der Unlustcharakter der Arbeit muss mit Belohnungen kompensiert werden: der Gedanke an den Lohn, an den Vorsprung gegenüber Kollegen etc., den Erfolg des abgeschlossen Werkes.

Jedes Niveau der Produktivkräfte sucht sich ihre eigene Kultur, ihren eigenen Überbau. Passt also die harte entbehrungsreiche Arbeit zur christlichen Religion, zum gekreuzigten Jesus, dessen Leiden - irdisch - nicht entlohnt wird?

Ist aber körperliche Arbeit nur Frustration? Kampf um Befreiung der Arbeit identisch mit der Befreiung von Arbeit? Das will uns die bürgerliche Interpretation der Arbeit durch Marx und Adorno nahelegen. Da ist Körper eingesperrt und gefesselt, ausgebeutet und beherrscht durch das Kapital, jede Tätigkeit wird zur Qual, zum Missvergnügen und Leiden. Der Propaganda gegen die körperliche Arbeit, folgt die Idealisierung der intellektuellen Tätigkeit, die Reduzierung des Körpers auf Kunstformen wie Musik, Singen, Ballett, eventuell noch auf Sex. Die Verwechslung von körperlicher Arbeit mit Unterdrückung und Barbarei, die Verteufelung der Erde, die Idealisierung der Gedanken.


Körper ist Mittel seelischen Ausdrucks. Freude führt zu Bewegung, Trauer zu ihrer Lähmung. Umgekehrt kann Bewegung Depressionen vermindern. Pervers, wenn einer mit dem Auto sinnlos durch die Gegend rast. Aber warum tut er das? Da er körperlich im gefesselten und maroden Körper behindert ist, braucht er eine Art Rollstuhl, um seinem Bewegungsdrang Ausdruck zu verleihen.
Will sagen, körperliche Bewegung – nicht nur Vorwärtsbewegung, sondern Kraftausübung aller Art – ist ein menschliches Bedürfnis und die Nichtausübung dieses Dranges führt zu einem Gefühl der Schwäche und Unzufriedenheit.


Die Fehlinterpretation körperlicher Arbeit durch die Linke (und moderne Gesellschaft) führt auch zur Verkennung der Kräfte, die an die herrschende Gesellschaft binden: das Gefühl von mit körperlichen Arbeit verbundenen Kraft, der Stolz und das Selbstbewusstsein darüber.
Mein Vater etwa hat in dieser Polarität von körperlicher Kraft und Schwäche gelebt: einerseits viel beschwerliche körperliche Arbeit, andererseits die schwächenden Krankheiten. Tage, an denen er nicht mehr aufstehen konnte, Parkinson und dann rapide körperliche Schwäche bis zum Tod. Die christliche Religion gab dem Bilder und sinnvolle Bedeutung.
Die positive Bedeutung der körperlichen Arbeit erschließt sich erst über eine gewisse Frustrationstoleranz und dem Willen, etwas zu schaffen. Bei Zola „Die Erde“ gibt es eine schöne Stelle darüber wie die Bauern durch die jedes Jahr neue Ungewissheit und Angst fühlen, ob es gelingen wird, die nötige Arbeit zu schaffen, und dadurch motiviert werden, ihrem Körper Unglaubliches abzuverlangen.

Ein Normalmensch wird obige Sätze für bizarr und out of aerea halten. Ich weiß, dass was ich da schreibe, gegen den Wind gesprochen ist. Sinnlos. Der Weg der Menschheit geht in eine andere Richtung: Zentralisierung, Mechanisierung, Versklavung der Arbeit, nicht ihre Befreiung, Unterwerfung unter das Kapital. Selbst die (Konsum-)Linken haben nur Mehr, Mehr, Mehr im Kopf.

Die Abneigung Adornos gegen Sport und Körperlichkeit:

Biografisch hatte er ein sehr gebrochenes Verhältnis zum Körper, einen Körper als bewegungsstarren Panzer wie viele seiner Generation, klassenübergreifend. Es heißt, nur seine Augen wären lebendig, beweglich gewesen. Er pflegte eine tiefe Abneigung gegen Sport und körperliche Bewegung. Sport, körperliche Arbeit war für ihn nur entfremdet, Unterdrückung, Unterwerfung. Der Körper ist nur missbrauchtes Instrument.


Geht Körper aber nicht dem Geiste voraus? Kann sich nicht nur das im Geist abbilden und dann verselbständigen, was nicht vorher körperliche Aktivität war? Ist diese Unterscheidung von Körper und Geist nicht ein historisches Resultat auch der Spaltung der Gesellschaft in Klassen oder dem, was dem vorausgeht?


Es gibt bei Adorno formal eine Dialektik von Körper und Geist (Negative Dialektik um Seite 200*), inhaltlich neigt er aber zum Idealismus. Körper ist Entfremdung, Leiden aber ist dazu nicht einmal das Negative. Die Überwindung des Fetischcharakters der Warenwelt, der Entfremdung soll durch eine Art Entzauberung der verzauberten Welt, durch das aufklärende Wort erfolgen, das Wort, das den Bann bricht. In diesem Sinne sah er sein Schreiben als einen Versuch, das Hintergründige ans Licht des Bewusstseins zu bringen – in einem eher magischen Akt, der den Bann bricht.
*
„Alles Geistige ist modifiziert leibhafter Impuls“ - „Drang ist, nach Schellings Einsicht, die ‚Vorform von Geist“ (Negative Dialektik S. 200)


Körper ist mehr als Aktivität. Es ist zuerst sinnvolles Handeln, ohne dass es der Kopf für das allgemeine Bewusstsein schon sprachlich reproduzieren könnte. Erst danach reflektiert es sich im Bewusstsein, um von da aus wieder bewusstes soziales Handeln zu werden. Aber dies entwickelt sich aus den biologischen Aktivitäten des Körpers, die als Ausdrucksformen des Lebens in der sozialen Interaktion, ihrer Interpretation und Anerkennung durch die umgebende menschliche Gesellschaft Sinn enthalten und entwickeln.


Aber Adornos Körperfeindlichkeit hat neben Idealismus und Körperentfremdung noch einen drittes Moment: Körper ist Barbarei. Zwar ging er durch die Schule Freuds und anerkennt die Bedeutung körperlicher Bedürftigkeit, aber er will den Kulturprozess nicht mehr rückgängig machen, es wäre denn Barbarei. Wie er etwa in seinen musikalischen Schriften das „Schlag“zeug denunziert und das Klavier als Medium musikalischer Erkenntnis idealisiert - diesen geschlagenen, hässlich klingenden Klimperkasten, das Schlagzeug der Eliten. Darin ist viel Idealisierung der eigenen Herkunft und Klasse, Abgrenzung gegenüber der „barbarischen“ Unterschicht.


Rhythmus ist eine Urform der Begriffsbildung, der Strukturierung von Zeit und Bewegung. Zentrale biologische Prozesse des Lebens sind rhythmisch. Adorno idealisiert die subjektiv expressiv-dynamische Zeit, verabscheut den gleichmäßigen Rhythmus als mythisch. Dabei vergleicht er Rhythmus wohl dem abstrahierenden, das Konkrete vergewaltigende Begriff.


Wohl ist Rhythmus eine Vorform des Begriffs. Ohne die Verdinglichung der Welt durch Begriffe, die zunächst willkürliche Einteilung der Welt in begriffliche Klassen können wir nicht denken, nicht sprechen, nicht leben. Und nur auf der Basis von Begriffen können wir sie wieder negieren und neu organisieren. Dabei müssen wir uns immer ihrer Dialektik bewusst sein. Bewusst sein, auf welchem bodenlosen Grund wir unser Denken aufbauen.

Aber ist auch der Körper und sein Rhythmus, sein Begehren, kein wirklicher Grund? Es ist zwar immer ein sozial interpretierter Körper, uns eigentlich fremd, nur (gewaltsam) angeeignet, nicht eigen – obwohl wir in ihm sind und sich wohl kaum etwas anderes mehr als Eigentum verstehen lässt. (Nebenbei gefragt: das Bewusstsein, das sich dieses Verhältnisses bewusst ist, was ist das? Wie eigen oder individuell?)
Wir versuchen uns, da der Verstand nicht mehr weiterhilft, auf ein Inneres, die Launen, die Stimmungen und Gefühle, die Träume, die Wegweisungen des Körpers durch Krankheiten als einer Basis zu vergewissern. Wir orientieren uns etwa daran, ein gutes Gefühl zu haben, warten in Meditation, Wanderungen usw. auf spontane Äußerungen dieses Gefühls, befragen das Gewissen, was richtig und falsch ist, suchen nach dem Gefühl von Stimmigkeit und Adäquatheit.

Körperlichkeit ist also Vorform des Denkens, ist darüber hinaus Grundlage der Beurteilung darüber, was stimmig und unstimmig ist, aber ist immer auch eine soziale Beziehung zu anderen Menschen. Denn der Körper verweist immer auf ein Allgemeines: der Körper ist ein allgemein menschlicher. Mehr oder weniger – auch wenn wir gerade deswegen die Unterschiede so sehr betonen – haben alle Menschen einen identischen Körper. Dieser Körper ist für das Individuum genauso fremd oder nah wie jeder andere Mensch. Er gehört ihm und genauso nicht. Insofern ist er Gegenspieler, sogar Feind des Individuums. Zumindest stellt er die Selbstverherrlichung, die Hybris des Individuums in Frage. Dieses Verhältnis, in dem das Subjekt zum Körper steht, ist nicht fixierbar. Es wechselt von Identität zu Entfremdung, von Blockade zu Resonanz.

Das denkende Subjekt hat schließlich die Tendenz, sich zu verabsolutieren, in eine Fantasiewelt zu geraten, sich von der Wirklichkeit zu befreien. Dieser Prozess reflektiert die Unterdrückung der körperlichen Arbeit. Umgekehrt gilt aber, dass je mehr sich der Mensch der Wirklichkeit in körperlicher Arbeit aussetzt, desto geringer wird diese Abwehr der Arbeit und desto geringer wird der Trieb nach Herrschaft und das Verlangen, Arbeit auf andere abzuladen. Zur Demokratie gehört also auch die Bildung eines arbeitsfähigen Körpers. Heißt das, dass es eine physiologische Tendenz zur Herrschaft gibt, die sich aus der Trägheit ergibt? - ? - Aber es lässt sich auch vom anderen Ende her als ein Resultat der Entwöhnung von Arbeit beschreiben, als ein Verfall von Fähigkeiten, als eine Barriere zur Praxis.

Probleme, die zu analysieren sind:
- die Entwöhnung von körperlicher Arbeit
- die Rolle des Sports zwischen entfremdeter Arbeit und befreiter Arbeit
- die körperlichen Voraussetzungen für eine sozialistische Gesellschaft
- Ende der Erdölökonomie


Die falsche Interpretation des Körpers bei Adorno


MIMESIS UND TANZ



Adornos Idealisierung der Mimesis als Medizin gegen die irrational gewordene Rationalität ist missverständlich. Der Mimesis am naheliegendsten ist der Tanz. Es ist dies eine Bewegung, die sich nicht im Kopf, sondern in Zeit und Raum abspielt. Die Grundstruktur des Tanzes ist der Rhythmus. Dieser entfaltet sich in der Zeit, während der Begriff zeitlos sein will und deswegen verknöchert und falsch wird in dem Maße wie sich das Umfeld verändert. Denken und Leben gehören zusammen. Aber die Grundform ist der Tanz im Rhythmus. Der Rhythmus verweist wie der Begriff auf eine immer gleiche Grundstruktur, aber entfaltet sein Leben aus der Veränderung in der gleichen Struktur. Einheit des Mannigfaltigen.


Tanzen ist nicht nur ein körperlicher Akt, sondern erhält seine Impulse auch vom Körper. Und – er ist eine Weise, wie Menschen sich miteinander verbinden. Er begründet also ein Verhältnis zum Körper wie zu anderen Menschen. Die Beziehung des Tanzes zum Körper ist sichtbar auch in der Verbindung zu Sexualität, wie zur Äußerung körperlicher Gewalt. – Das Wiegenlied wiederum zeigt die entspannende und beruhigende Funktion des Rhythmus. Keinesfalls lässt sich Rhythmus auf ein Motiv, auf eine Bedeutung reduzieren.


In der Kritik Strawinskys beschreibt Adorno dessen Vorgehen als „regressiv“, parallel zum Kulturfaschismus. Rhythmus tendiert, so scheint es für Adorno, naturwüchsig zum Triebhaften, zur Entindividualisierung, zur Vermassung. Es sind die Massen von Le Bon, analysiert 1921 von Freud in „Massenpsychologie und Ich-Analyse“. Das individuelle Über-Ich wird vom kollektiven Ich-Ideal abgelöst. Entsprechend verändert sich die Bewusstseinsstruktur der primärprozesshaften, also triebhaft, Handelnden. Sie verlieren ihr Gewissen und es erfolgt der Einbruch der „Barbarei“. Das war das Thema der Zeit nach 1900, einerseits in der Kunst als belebendes Element, andererseits in Politik und Gesellschaft als Gefahr der Barbarei beschworen. Das reicht von dem Psychotechniker Münsterberger bis zur Sozialistin Luxemburg, im Blick die Kontrolle der sozialen Beziehungen. Auch die Psychoanalyse fordert einen anderen Umgang mit Trieb und Kulturdruck fordert (Freuds „Das Unbehagen in der Kultur“). „Wo Es war, soll Ich werden“.


Adorno sieht wohl die Beziehung zwischen Rhythmus und Leben, aber verengt sie auf musikalische Thematik und Motivdurchführung. Er verengt Musik auf Melodie, eigentlich auf das Sprechen. Rhythmus ist ihm ungeheuer, ist präsubjektiv, weil er - wie Musik von ihm generell verdächtigt wird – affirmativ ist. Die Erfahrung von Rhythmus ist schon Partizipation, Teilnahme. Es ist eine wie immer gewaltsame Identifikation, eine Aufforderung zur Teilnahme. Tanzen ist eigentliche Mimesis, indem alle Tänzer an einem kollektiven Dritten teilnehmen. Die Reflexion, die zuschauende Distanz, der urteilende und sprechende Verstand werden unterminiert. Es spielt sich auf einer Ebene ab, die zwar intersubjektiv, aber präverbal ist. Es muss für Adorno der Einbruch der Barbarei sein, und mag so auch beim „Sacre“ von Strawinskys durchgespielt worden sein; als Opferfeier vor dem großen barbarischen Opferfest des Ersten Weltkriegs.


Adorno reagiert darauf „idiosynkratisch“, statt aufklärend und analytisch. Es ist eine Reaktion im Sinne des Über-Ichs, des zwanghaften Charakters, der mit Körperpanzer alles Mitschwingen, jede „Regression“ verhindern muss, der die Kontrolle des Verstandes, die Distanz und Abgegrenztheit der Individuen aufrechterhalten will; die Dominanz des Geistes über Leib und Seele.


Er ist sich dabei nicht zu schade in gefährlicher Weise den Faschisten nahezukommen. Russische Kunst ist „präsubjektiv“ – wo liegt der Unterschied zum Begriff des Untermenschen? Er zieht alle psychiatrisierenden Schubladen, um Strawinsky zu denunzieren: Zwangsneurose, Katatonie, Hebephrenie, Schizophrenie, Wahnsinn usw. usf. Welchen Sinn soll solche Psychiatrisierung haben? Verstehendes Teilnehmen oder Grafeneck? Es ist ein definitorisches Aussperren dessen, was nicht dem bürgerlichen Ich entspricht. Adorno stellt nicht die Frage, was es dem „infantilen“, „schizoiden“ usw. Subjekt unmöglich macht, den spätromantischen Prozess weiterzuführen, warum die Neue Musik etwa neue Positionen einnimmt. Stattdessen wird es von Adorno psychiatrisierend denunziert.


Adornos angewiderte Rezeption von Pop und Jazz – er war sogar bereit dafür mit den Faschisten zu kooperieren – sieht darin nur Regression in die Barbarei. Sein Weg war der des empfindenden und formulierenden Bewusstseins. Obwohl Musik bekanntlich aus dem Zusammenwirken von Rhythmus, Melodie und Harmonik beruht, ist sie für ihn im Ideal wesentlich ein melodischer Verlauf, von der Stimme, letztlich vom Text und Sprechen dominiert. Merkwürdigerweise kapriziert sich für ihn musikalische Kultur auf Klavierspielen. Warum? Weil sich der Fortschritt der europäischen Musik in der Entwicklung der Harmonie abspielt – endend am Fluchtpunkt der Zwölftonmusik Schönbergs. Hat die Melodie noch Rhythmus gehabt, verklingt sie mit dem idealisierten Rubato in Harmonie/Disharmonie.


Adornos Gegenüberstellung des „expressiv-dynamischen“ gegen das „rhythmisch-räumliche“ Hören und seine Versöhnung in der klassischen Moderne ist künstlich. Das „rhythmisch-räumliche“ – der Begriff des Raums ohnehin ein Fehlgriff – assoziiert Adorno mit Mechanik, Äußerlichkeit, Objektivität, Gewaltsamkeit, technischer Demagogie, Gleichschaltung und weiteren Invektiven. Als Ideal immer ein „Subjektives“ im Auge, das die Klassenverhältnisse, die es feiert, nicht mehr reflektieren und in Frage stellen will. Natürlich ist der Rhythmus eine präverbale Aggression gegen die verlogene und vergewaltigende Ausdruckskunst des 19. Jahrhunderts - wenn auch Ehrlichkeit, Destruktion und Identifikation mit dem Aggressor zugleich. Asozial, aber gegen den Kitsch der sogenannten Gefühle und Subjektivität. Das Ideal der Klassik war mehr und mehr die Gefühlswelt des vereinsamten und ausgestoßenen Individuums – typisch Schuberts „Winterreise“. Eine gesellschaftliche Intervention lässt sich nur noch als gewaltsames Zerbrechen durch den Rhythmus durchspielen. Parallel zum Auftrumpfen der Maschinen, des Autos, der aggressiven Konkurrenz der Menschen untereinander – Adornos Auftreten gibt ein Beispiel dafür. Die Alternative wäre Trauer, Gedenken an das Verlorene.


Adornos Musikideal ist nur noch für Künstler und Zuhörer, totale Arbeitsteilung, Auseinanderfallen von Praxis und Theorie. Theorie als Ideal, reine Anschauung. Bleibt das rezeptive, nur noch im Geist und Bewusstsein tätige bürgerliche Individuum, rechnend, nicht mehr arbeitend, empfindend, nicht mehr handelnd. Schon Kant reduziert Urteil auf Zusammenfügen von Subjekt und Prädikat. Obwohl die Sprechen ein Benutzen vor allem von Tätigkeitswörtern ist – und die Welt ein Resultat des tätigen Menschen.


Im Genie des Künstlers feiert der Bürger sich selber. Unten im Podium darf er von Großem träumen. Fühlt er mit der dargebotenen Musik, wird er mit dem Ideal identisch. Biografisches würzt die Kost. (Ich kenn das von meinem Mahler).


Aber Reflexion lebt von dem Reflektierten und das ist der bewegte Mensch. Ihn kann die Reflexion nicht aus sich selbst erzeugen, auch wenn sie das immer wieder versucht. Die Überkontrolle führt zu einem lügenhaften Selbstbild, zu der fürs bürgerliche Existieren notwendigen Selbstüberschätzung.


Der im Publikum sitzende Zuhörer scheint keinen eigenen Körper mehr zu haben. Aber ohne eigenen Körper könnte er nichts empfinden. – (Ich ignoriere hier einfach, dass die Mehrheit ohnehin nichts empfindet. Sitzt nur stumpf da, wartet auf das Ende, ist mit Blähungen, Hustenreiz und den Nachbarn beschäftigt.) Es ist der Körper, der mitschwingt. Um die Wirkung von Musik zu entfalten, um sie zu hören und wahrzunehmen, muss der Körper ihren Resonanzkörper bilden. Die in der Musik dargestellte Bewegung muss er als innere Bewegung nachvollziehen können.


Mahler schreibt seine Sinfonien in seinen Sommercamps, in denen er neben dem Komponieren schwimmt, Rad fährt, bergsteigt. Und der Zuhörer kann es nur in Erinnerung daran miterleben.


Adorno lehnt den Rekurs der Musik auf den Körper, seinen Rhythmus wie etwa des Herzens, als mechanistisch ab. Er verpasst damit eine Chance, seinen – philosophisch gesehen – „Idealismus“ zu kritisieren. Er will in einer körperlosen Gesellschaft leben. Nur tief unten sind da die stupiden, geisteskranken Körperwesen, Monaden bedingter Reflexe, „Bastler und Mechaniker“, die „heutzutage“ „aus der Erde“ wachsen (S.182 Ph der N Musik 175), sie gehorchen dem Schlag der Trommel. - Seinen gesammelten Klassenhass wendet er gegen sie.


„Es wendet sich einzig noch an den rhythmisch-räumlichen, spielerisch-geschickten, der heutzutage mit den Bastlern und Mechanikern aus der Erde wächst, als stammte er aus Natur und nicht aus der Gesellschaft.“ Schreibt Adorno. Als ob „aus der Erde wachsen“ allein schon der Makel wäre. Ist das nicht genau die Nekrophilie, die er anderen zuschreibt?


Es gilt Abschied zu nehmen von der Verherrlichung und Verabsolutierung der Besonderheit des Individuums. Nicht weil die Verhältnisse ihm Ohnmacht und Bescheidenheit beigebracht hätten oder beizubringen haben. Sondern aus Selbsterkenntnis, Erkenntnis seiner Bedingungen und Grenzen. Dazu gehört auch die Bedeutung von Arbeit und Körper, deren Anerkennung und Würdigung. Körper ist nicht nur Widerstand, Materie, äußere Bedingung, sondern in seinen Lebensäußerungen und als Leben selbst nicht nur conditio sine qua non, sondern das, was allem Geist vorausgeht und ihn strukturiert und bildet. Ihm gilt es zuzuhören, auf ihn zu horchen, ihn sprechen zu lassen, ihn in den Geist wirken zu lassen und ihn sich entfalten zu lassen, seine Bedeutung zu akzeptieren und ihn pfleglich zu behandeln und zu entwickeln.


Körper ist immer ein sozial verfasster. Er artikuliert sich für unser Bewusstsein in den Klischees und Worten, die die jeweils aktuelle Sprache für ihn findet, erfindet und benutzt. Der Umgang mit ihm ist besetzt mit den Methoden, die uns die Umwelt aufgeprägt hat. Wir können sie reflektieren, in Frage stellen, möglicherweise korrigieren, sind aber in den Vorgaben gefangen. Der Körper zeigt sich jedoch autonom gegen seine gesellschaftliche Zurechtmachung. Er rebelliert dagegen durch Krankheit, durch Versagen und Verweigerung, Müdigkeit und Tod. Er bringt sich zum Ausdruck durch seine Äußerungen von Schmerz und Wohlgefühl, Träume und sein Verlangen.

Was auch noch fehlt: Körperfeindlichkeit und Klassenhass.

Sonntag, 9. Januar 2011

KEINE DISKUSSION MIT AUTOFAHRERN

Meine Kinder, meine Schwester, und viele mehr sind Autofahrer. Ich diskutiere mit ihnen darüber nicht. Obwohl ich doch sonst eher zu denen gehöre, die die Diskussion, manchmal auch die zurechtweisende Kritik mögen. Ist es nur das verwandtschaftliche Verhältnis, das "Blutsband", das mich davon abhält, meine Kritik zu äußern? Es ist klar, dass ich ihren Standpunkt nicht teile, es bleibt unausgesprochen. Aber es bleibt eine Spannung, oft sogar gefährliche Hochspannung. Für mich ist Autofahren oder nicht die Wasserscheide, das Beurteilungskriterium der politischen Glaubwürdigkeit anderer Menschen.

Es gibt Ausnahmen: weite Entfernung zu öffentlichen Verkehrsmittel, schwierige Verkehrsverhältnisse im Winter, Altersschwäche. Aber das sind kleine Ausnahmen. Wege bis 6 km sind gehbar - mit Rad ohnehin kein Problem.

Für Menschen in einer globalen Welt gibt es in der Regel kein Recht, mehr von den Ressourcen der Erde zu verbrauchen als andere. Öl ist zu wertvoll, als dass es für sinnlosen Transport von schweren Fahrzeugen verwendet wird. Sinnvoll ist sein Einsatz für: Wärmedämmung, Materialien in Maschinen und ähnliches.

Die Motive der Autofahrer sind aber nicht der ökonomische Transport, sondern die Identifikation mit den herrschenden Normen, die Ausübung von Macht, das Erlebnis von Getragenwerden und Potenz. Jemand, der mit dem Auto fährt, zeigt, dass er nicht zu denen Unten gehören will, die nur ihren eigenen Körper haben, die körperlich arbeiten müssen, die niemand haben, den sie anleiten, anweisen und kontrollieren können, die nur ihr eigenes Objekt sind. – Von solchen Menschen ist keine Solidarität, kein Sozialismus zu erwarten. Sie werden immer ihren eigenen Vorteil suchen, eine herausgehobene Position. Sie werden immer mit der Herde rennen, sie haben keine Zivilcourage.

Autofahren zeigt auch die Unfähigkeit zu rationalem Denken. Rationalität würde ihr Ego, ihre Bedürfnisse nur einschränken und wird deshalb nur scheinhaft in der Ausweitung des eigenen Egos, der Bereicherung und der Kontrolle über andere Menschen praktiziert. Als soziale Rationalität, als Reflexion der Gerechtigkeit, verkümmert sie zum sozialen Schwachsinn.

Wie soll es also mit meinen Lieben weitergehen??
Soll es??