Sonntag, 20. Juni 2010

„Innerer Reichsparteitag“

hat eine Moderatorin gesagt und gleich haben die moralisierenden Heuchler der sauberen Republik aufgeheult. Die Gefühle, mit denen die Nazis diese Reichsparteitage manipuliert haben, sind menschliche – lassen sich für Bösartigkeiten benutzen –Wollt ihr den totalen Krieg“ – und für Erlebnisse von Gemeinsamkeit. Für den bürgerlichen Individualismus ist jedes Erlebnis von Gemeinsamkeit verdächtig, Vertrauen gibt es nur in Dinge: Privatbesitz, Geld. Das Vertrauen in andere Menschen ist messbar im Wert entgegengebrachter Arbeit oder Dienstleistungen. Freundlichkeit ist ein Akt, der nötig ist, das Geld beim Kunden locker zu machen.

Die Reaktion der Empörten will ja nicht nur die Begriffe bekämpfen, sondern auch die gemeinten Gefühle. Ich gebe zu, ich selber kann Massenveranstaltungen nur schwer ertragen, seien es Rockkonzerte, seien es linke Teach-Ins mit Tonsteinescherben. Das Hören des Sportpalastrede 1965 hat bei mir eine Gänsehaut verursacht – eine Empfindung des Grauens - und ich finde es merkwürdig, wenn die jungen Dummen ein solches Gefühl erstrebenswert halten. Aber es hat keinen Sinn, diese Gefühle zu verbieten. Zuerst müssen sie entdramatisiert werden, aus dem faschistischen Kontext herausgenommen, dann die damit verbundenen Bedürfnisse nach Gemeinsamkeit, Identität, Größe, Stärke in das Bewusstsein rational aufgenommen werden.

Ich gebe zu, ich gehe diesen „faschistischen“ Gefühlen aus dem Wege, wie ich auch Massen aus dem Wege gehen. Freud hat sie in seiner Massenpsychologie denunziert, freilich auch aus bürgerlicher Sicht. Die Massen verkörpern bei ihm -durch ein idiotisches Ich-Ideal vereint – die dumme Triebhaftigkeit, Mordlust und Barbarei. Die große Gemeinsamkeit ist ein gefährlicher Traum, und trotzdem schön.

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