Freitag, 18. Juni 2010

SARAMAGO

Mit seiner Stadt der Blinden“ hat er mich mit faszinierende Bildern beeindruckt. Warum faszinierend? Vielleicht weil er ein Lebensgefühl spiegelt, inmitten von Idioten, Blöden, Lügnern, Banditen und Verbrechern zu leben, Menschen, denen man nur mit Ignorieren, Schweigen, Rückzug entkommen kann. Schweine, die überall ihren Dreck abladen und die öffentlichen Räume besetzen.

Gleichzeitig kommt darin eine Hoffnung auf, dass die Blindheit, die den wahren Charakter der Menschen offenlegt, zu einer vorübergehenden wird, eine Katharsis denkbar ist und neue, solidarische Beziehungen zwischen den Menschen ermöglicht.

Auch in der „Stadt der Sehenden“ ist es wieder das zum Schweigen verurteilte Volk, das sich durch seine passive Resistenz der Kriminalität der Herrschenden widersetzt.

Saramago gibt in seinen Büchern immer wieder Zeugnisse gegen die Macht und ihre Sprache der Lüge ab. Ich bin ihm dankbar, dass er sich auch zu Palästina eindeutig geäußert hat, ebenso zu einem nur noch mit Ironie begreifbaren Evangelien- und Bibelkult.

2 Kommentare:

  1. Was ich bei Saramago vermisse, ist der konstruktive Blick von unten. Es geht vor allem um die Auseinandersetzung mit der Macht, die Denunziation der Herrschenden. Es fehlt mir die Beschreibung der Sicht der da unten und wie sie die Möglichkeiten sehen, sich zu wehren und Ideen bilden, wie eine neue Gesellschaftsform aussehen könnte und wie sie zu verwirlichen wäre.
    Mir weicht Saramago zu sehr auf außergewöhnliche Individuen aus, zu oft sind seine Sujets historische Persoenen, er ist mir zu wenig aktuell. Und wenn er wie in seinem Blog politisch wird, ist es zu sehr Pateipolitik.
    Das Alentejo-Buch habe ich übrigens aufgehört zu lesen, als dort über den Tod eines Menschen sehr oberflächlich geredet wurde und ich das nach dem Tod eines Angehörigen unerträglich fand, ich war damals auch nicht mehr in der Lage, mir Krimis anzuschauen und wie dumm dort mit dem Tod umgegangen wird.
    Also die Subjektivität des Menschen wird von Saramago nicht genügend an das Tageslicht gebracht. Der ironische Umgang mit den Herrschenden zwar leicht verdaulich, aber unproduktiv.
    D.A.

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  2. Im Guardian (http://www.guardian.co.uk/books/booksblog/2010/jun/21/jose-saramago)
    lese ich in einem Artikel über Saramago mit dem schönen Titel: "José Saramago, master of what-ifs" zu den unterschiedlichen Auffassungen des Regisseurs Meirelles und Saramago zur Interpretation der "stadt der Blinden":
    "For Meirelles, the story about a whole society that goes blind was about the fragility of the veneer of civilisation, and how rapidly it could break down into violent mayhem. For Saramago, the device of mass blindness simply exposed society for what it already is, anatomising the stark workings of power and who controls it. His experience had already laid that bare to him."
    Das ist wohl die Grundstruktur des Saramago´schen Weltverständnis, wie auch immer beschränkt durch die Absehung von der Subjektivität der Macht in den Beherrschten.

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